Was sind deine Erinnerungen an Schulexperimente?

Mein Highlight war ein Besuch an der Uni, wo wir zum ersten Mal „echte“ Experimente erleben durften. Es war einfach toll, mit den Forschenden zu interagieren. Als Doktorandin habe ich dann selbst öfter Schulklassen besucht. Das ist immer spannend, kostet aber auch viel Zeit – Zeit, die man als Wissenschaftlerin genau wie als Lehrer erst einmal frei räumen muss! Als nach und nach auch Anfragen von weiter entfernten Schulen kamen, musste ich irgendwann einlenken:

Kerstin Göpfrich, RingaScientist-1, CC BY-SA 4.0

Ich kann nicht persönlich vorbeikommen, aber wie wäre es mit einem virtuellen Besuch per Skype? Denn eine Videokonferenz lässt sich optimal in meinen Arbeitsalltag integrieren – wir Forschende kommunizieren ohnehin oft per Webcam. Zeitaufwand: Eine Stunde statt ein Arbeitstag. Auf einmal konnte ich auch echte Labor-Experimente zeigen, die ich nie ins Klassenzimmer hätte mitnehmen können. Oder Schulen im ländlichen Raum erreichen, weit über das lokale Umfeld hinaus. Die virtuelle Interaktion klappt super – auch wenn sie Laborbesuche nicht ersetzen, sondern nur ergänzen soll.

Zeitmangel ist der häufigste Grund, wieso Wissenschaftler Outreach scheuen. „Achso, das geht auch per Skype? Ja, dann gerne“, hörte ich immer wieder von meinen Kolleginnen und Kollegen. Jemand müsste eine Plattform aufsetzen, über die sich Lehrende und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vernetzen und Termine für Videotelefonate vereinbaren können, dachte ich mir. Durch die Unterstützung des Fellowprogramms Freies Wissen entstand genau so eine Plattform: Ring-a-Scientist.

Wie müssen wir uns das in der Praxis vorstellen? Welche Experimente können Schülerinnen und Schüler dank deines Projektes miterleben? Hast du bereits bestimmte Highlights?

Das Ganze funktioniert so: Auf www.ring-a-scientist.org stellen sich die Wissenschaftler aus unserer Datenbank vor – vom Erstsemestler bis zur Professorin aus den unterschiedlichsten Fachdisziplinen. Über eine Login-Funktion können sie ihr Profil jederzeit anpassen. Direkt über die Plattform kann der Lehrer dann auch eine Terminanfrage an die oder den Forschenden versenden. Mögliche Gesprächsinhalte reichen, je nach Fachrichtung, von Studienberatung und Diskussionsrunden mit Expertinnen und Experten hin zu virtuellen Laborführungen, Experimenten und Einblicken in die aktuelle Forschung.

Kerstin Göpfrich, RingaScientist-3, CC BY-SA 4.0

Ich habe schon ganz verschiedene Experimente live per Skype gezeigt – zum Beispiel den ersten tragbaren DNA Sequenzierer im Biologieunterricht oder ein Rasterkraftmikroskop im Fach Physik. Auch an meiner aktuellen Forschung – DNA Origami – zeigen die Schüler oft großes Interesse. Meine Highlights? Jedes neue Profil auf der Website und jede Anfrage von Lehrern!

Warum engagierst du dich für Freies Wissen und Offene Wissenschaft? Wie und warum wird die Welt von Ring-a-Scientist profitieren?

Mein Engagement für Freies Wissen ist nicht nur reiner Idealismus, sondern ich tue es durchaus auch für mich selbst. Im Forschungsalltag helfen die Prinzipien und Werkzeuge der Offenen Wissenschaft, Laborabläufe, Daten und die Ausbildung von Studenten effizienter zu gestalten. Durch kollaboratives und offenes Arbeiten profitieren am Ende alle. Dafür hat mir durchaus auch das Fellow-Programm die Augen geöffnet.

Ich wünsche mir, dass Projekte, wie Ring-a-Scientist (und viele andere!), dazu beitragen, dass aktuelle Forschung ihren Weg an die Schulen findet. Dann wird Wissenschaft als Prozess erlebbar. Ein Verständnis für aktuelle Themen macht Schüler und Schülerinnen zu mündigen Bürgern, die die Chancen und Risiken zukunftsweisender Technologien im gesellschaftlichen Dialog verantwortungsvoll abwägen können. Genau einen solchen Diskurs wünsche ich mir für meine eigene Disziplin!

Durch den aktiven Austausch mit Forschenden sollen Schülerinnen und Schüler bestärkt werden, Wissen nicht nur passiv aufzunehmen, sondern in einem offenen und kollaborativen Prozess zu nutzen und zu mehren. Langfristig sollen aber nicht nur Schulen von Ring-a-Scientist profitieren, denn Web-Videokonferenzen mit Wissenschaftlern lassen sich auch anderweitig einsetzen: Im Museum zum Beispiel werde ich beim Forschen bald als „Live-Exponat“ zu sehen sein. So soll Ring-a-Scientist einen Beitrag zur Chancengleichheit beim Zugang zu Wissen und Bildung leisten.

Wie sieht die Zukunft von Ring-a-Scientist aus? Hättest du einen Wunsch frei, was würdest du dir wünschen?

Ring-a-Scientist steht immer noch am Anfang. Aber immerhin ist die Web-Plattform jetzt – dank der tatkräftigen Unterstützung – voll funktional. Jetzt heißt es Werbetrommel rühren! Ich freue mich über jeden neuen Forschenden, den wir für unsere Plattform gewinnen können. Und selbstverständlich über jede Anfrage von Lehrerinnen und Lehrern. Ich wünsche mir ein weltweites Netzwerk. Ich wünsche mir, dass es ganz selbstverständlich wird, Experten oder Laborexperimente ab und zu in eine interaktive Unterrichtsstunde mit einzubeziehen.

Leider gibt es hierzulande aber noch Hürden. Laut einer Studien der Bertelsmann Stiftung aus dem Jahr 2017 haben 20% der Schulen immer noch kein WLAN und nur gut 30% sind mit der WLAN-Qualität zufrieden. Das muss sich ändern! Deshalb ein letzter Wunsch: Technologie des 21. Jahrhunderts für Bildung im 21. Jahrhundert!

Kerstin Göpfrich, RingaScientist-4, CC BY-SA 4.0

Kerstin Göpfrich ist promovierte Physikerin und beschäftigt sich als Post-doc am Max-Planck-Institut für medizinische Forschung mit synthetischer Biologie. Per Webcam macht sie ihre Forschung für Schüler zugänglich um zu einem informierten gesellschaftlichen Dialog über zukunftsweisende Technologien beizutragen. Im Rahmen dieses Projekts will sie genau das auch anderen Wissenschaftlern erleichtern. Auf www.ring-a-scienist.org entsteht eine Internetplattform, über die Lehrerinnen und Lehrer und Forschende unbürokratisch Termine für ein Videotelefonat im Unterricht vereinbaren können.

 

Weiterführende Informationen zu Forschungsvorhaben im Fellow-Programm Freies Wissen:

  1. Open-Science-Radio Interview: OSR096 Fellow Programm Projekte: Ring-a-Scientist, Organizing Openness
  2. Projektseite im Fellow-Programm Freies Wissen: Ring-a-Scientist

Zum Fellow-Programm Freies Wissen:

Das Fellow-Programm Freies Wissen ist ein gemeinsames Projekt von Wikimedia Deutschland, dem Stifterverband und der VolkswagenStiftung und richtet sich an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aller Fachdisziplinen, die ihre Forschungsprozesse offen gestalten möchten.

Das Programm ist darauf ausgerichtet, dass Bestandteile des wissenschaftlichen Prozesses wie beispielsweise Methoden, Forschungsdaten und Publikationen offen zugänglich und nachnutzbar gemacht werden. Auf diese Weise können der Öffentlichkeit — aber auch anderen Forschenden — diese Daten und Informationen als Wissensallmende zur Verfügung gestellt werden. Die Idee einer offenen Wissenschaft und Forschung im Sinne von Offener Wissenschaft zu stärken, ist zentrales Anliegen des Programms: Transparenz, Reproduzierbarkeit und Vergleichbarkeit wissenschaftlichen Arbeitens sind dafür elementare Voraussetzungen.