Rechte, Ressourcen, Repräsentation: die drei Säulen der ausdrücklich feministischen Außenpolitik Schwedens stellen für Ministerin Margot Wallström einen konkreten Auftrag dar. Rechte und Ressourcen einzufordern, ist ein Teil davon, Frauen zu ermutigen, ihre Anliegen hörbar, ihr Wissen und ihr Können sichtbar zu machen, der Andere. „Nur wer gesehen wird, existiert – also sorgt für den Wandel“, mit diesen deutlichen Worten rief Wallström in einer Videobotschaft zu Beginn des Edit-a-thons zum Handeln auf. Wandel ist dringend nötig; im Internet wie auch in der analogen Welt sind Frauen noch immer unterrepräsentiert.

Lisa Dittmer (WMDE), WikiGap Berlin (1), CC BY-SA 4.0

Auch die Wikipedia ist vom Mangel an Gleichberechtigung der Geschlechter betroffen: Die Liste der „Frauen in Rot“, deren Leben eines enzyklopädischen Eintrages würdig wäre, und dennoch keinen Artikel in der Wikipedia besitzen (daher der Rotlink), ist lang. Projekten wie Frauen in Rot und Women Edit, die diesen Missstand anprangern, wird gerne vorgeworfen, die Geschichte umschreiben zu wollen. Die strengen Qualitätsmaßstäbe an Belege für Wikipedia-Informationen lassen das Problem der mangelnden historischen Dokumentation der Leistungen von Frauen tatsächlich wohl eher ungewollt fortbestehen. Doch das Problem zieht sich weit über historische strukturelle Ungleichheiten hinaus.

Es hat auch, aber sicherlich nicht nur, mit der deutlich geringeren Anzahl an weiblichen Wikipedia-Autoren zu tun. Nur schätzungsweise 10-16% der Bearbeitenden der deutschsprachigen Wikipedia sind Frauen. Die reale Zahl mag etwas höher liegen, da nicht alle Freiwilligen der Wikipedia Angaben zu ihrem Geschlecht machen. Dieses eklatante Ungleichgewicht ist jedoch für einige Wikipedianerinnen und Wikipedianer Grund genug, sich mit Projekten wie Women in Red international für einen Wandel einzusetzen.

Mit offenen Zusammentreffen wie dem WikiGap Edit-a-thon in Berlin ermutigen sie erfahrene Wikipedianerinnen und Wikipedianer, Frauen und ihr Werk in der Wikipedia sichtbarer zu machen. Doch es geht auch darum, Interessierten die Scheu vor den ersten Schritten in der Wikipedia zu nehmen. Selbst solchen Wikipedia-Lesenden, die sich der Hintergründe der Entstehung von Artikeln bewusst sind, fällt der erste Schritt häufig schwer. „Was, wenn ich aus Versehen einen ganzen Artikel lösche?“ und „Wie stelle ich sicher, keine Urheberrechtsverletzung zu begehen?“, waren einige der Fragen, die vielen Neulingen durch den Kopf gingen. Die langjährigen Administratorinnen und Administratoren, die alltäglich Artikel sichten, auf Fehler überprüfen und Hilfestellungen geben, konnten diesen Samstag einem guten Dutzend Interessierten mit Geduld und Humor zur Seite stehen. So einfach gesperrt wird niemand wegen anfänglichen Fehlern und versehentlich gelöschte Artikel sind in ein paar Klicks auch wieder hergestellt, erklärte eine langjährige Wikipedianerin. Die meisten kämen über ihnen Bekanntes zur Wikipedia, über berufliche Expertise oder Hobbys, spannend werde es aber gerade, wenn man sich dann in unvertraute Themen hineinarbeite, berichteten die alten Hasen.

WMDE-Teamleiterin Ideenförderung Verena Lindner stimmte mit einem Aufruf zum Mitmachen ein Lisa Dittmer (WMDE), WikiGap Berlin Verena Lindner, CC BY-SA 4.0

Das deutsch-schwedische Zusammentreffen nahm den anwesenden Neulingen offensichtlich sehr erfolgreich die Scheu: 17 neue Artikel entstanden zu schwedischen Politikerinnen, Geschäftsfrauen und Forscherinnen, 27 weitere wurden ergänzt. Wichtiger noch als das verschriftlichte Tagesergebnis war den Veranstalterinnen und Organisatoren der Schwedischen Botschaft sowie der WikiGap-Freiwilligen letztlich die Begeisterung der frisch gebackenen Wikipedia-Freiwilligen für das Projekt. Sichtbarkeit beginnt und wächst mit vielen, kleinen Schritten, auch weit fernab der politischen Diskussionen, das schien dieser Edit-a-thon jeder und jedem Einzelnen ganz unaufgeregt mit auf den Weg zu geben.

 

Möglichkeiten zum Mitmachen:

Wikipedia-Projekt Frauen in Rot, Wikipedia:Wikimedia Deutschland/Mach mit

Mehr zur Motivation hinter der Schwedischen Initiative: Elisabeth Mayr, Medienreferentin der Schwedischen Botschaft im Gespräch mit dem rbb Kulturradio: https://www.kulturradio.de/programm/schema/sendungen/zeitpunkte/archiv/20180415_1704/2.html

Das Video zur Initiative (nur auf englisch verfügbar):