Divide et Impera neu interpretieren

Die Podiumsdiskussion zum Thema Nachhaltigkeit in der Partizipation auf Berliner Konferenz “Zugang gestalten” interpretiert Machiavellis Spruch neu in „Teile und Herrsche“ gemeinsam.

Unter dem Aufschlag “Teile und Herrsche” lädt Wikimedia Deutschland seine Gäste und das Publikum ein, das Spannungsverhältnis zwischen Teilhabe und Kontrolle für Freiwillige in der digitalen Kulturarbeit und den Institutionen zu debattieren. zugang-gestalten-logo-600x400

Nach fünf Jahren kann man schon von einer Traditionskultur sprechen, mit der Paul Klimpel als spritus rector alljährlich Akteure aus Kultur- und Gedächtnisinstitutionen* im November nach Berlin ruft. Sie tauschen sich über Fragen zum Umgang mit den Herausforderungen der digitalen Welt aus. Zugang gestalten! – Mehr Verantwortung für das kulturelle Erbe, 17. und 18. November 2016, ist die GLAM-Konferenz in Deutschland und Forum für aktuelle Debatten.

Nachhaltigkeit ist das Motto für 2016

Zugang gestalten – aber Wie lange? Angesichts der rasanten technologischen Entwicklung der elektronischen Medien, der Projektorientierung von Kulturförderung und der Flüchtigkeit digitaler Kommunikation gewinnen Fragen nach der Nachhaltigkeit an Bedeutung. Welche Strategien zur Stärkung der Beständigkeit gibt es? Unter der Überschrift Divide et Impera stehen die Freiwilligen im Zentrum der Debatte. Viele Projekte gerade im Netz leben vom Engagement der Digital Volunteers. Während traditionelle Vereine und politische Parteien sich um die sinkende Bereitschaft ihrer Mitglieder, in den Gremien und vor Ort verbindlich mitzuarbeiten, sorgen, bauen digitale Communities auf ein sich beschleunigendes Wachstum. Auf der Konferenz „Zugang gestalten“ debattieren wir unter dem Hashtag #ke16 gemeinsam über den Umgang mit Community und das Verhältnis von Institution und Community im digitalen Raum.

Divide et Impera riet Machiavelli seinem Fürsten 1532. Skulptur von Lorenzo Bartolini heute in den Uffizien in Florenz , Bild von Frieda at it.wikipedia CC-BY-SA-3.0 , via Wikimedia Commons

Teile und Herrsche

Divide et impera – riet einst Machiavelli seinem Fürsten. Damals wie heute ging es um den verbesserten Zugang zu Ressourcen, um die angestrebten Ziele erreichen zu können. Sollte damals der Fürst durch das vermeintliche Teilen seiner Macht mit anderen sich nur um so besser deren Ressourcen für seine Zwecke vereinnahmen können mit dem alleinigen Ziel, seine eigene Macht zu stärken, geht es heute beim Teilen eben um das tatsächliche Teilen von Herrschaft. Das ist zumindest das Versprechen der „Sharing“-Bewegung auf die viele Netzprojekte setzen. Keiner kann allein eine Enzyklopädie verfassen, ohne die Mitwirkung von Freiwilligen ist die Vielfalt des jüdischen Lebens in Deutschland nicht greifbar und ohne die Teilhabe von „Aficionados“ müssen Archivalien fürchten vergessen zu werden. Die digitalen Medien und Technologien ermöglichen einfacher Teilhabe und Teilnahme. Über Grenzen, Öffnungszeiten und Diplome hinweg finden sich in unzähligen Projekten Menschen freiwillig zusammen und setzen ihre Zeit, ihr Wissen und ihre Fertigkeiten für ein gemeinsames Vorhaben ein. Ist es das Teilen von Herrschaft, das die Nachhaltigkeit des Teilens bedingt?

Drei Projekte und eine Freiwillige

Bei Zugang gestalten diskutieren und tauschen sich vier Frauen aus ganz unterschiedlichen Projekten über die Neudeutung von Machiavellis Fürstenrat aus. Denn es geht nicht nur darum zu teilen. Wir fragen auch nach dem Spannungsverhältnis zwischen Teilhabe und Kontrolle. Kontrolle zum Beispiel um sicher zu stellen, dass weiterhin das Ziel der tragenden Institution tatsächlich angestrebt wird. Dass das Projekt nicht zur Unkenntlichkeit im Mitwirken der Vielen deformiert wird. Oder gilt es, für Veränderung immer offen zu sein. Den Weg zum Ziel erklären, um dauerhaft erfolgreich zu sein?

Freiwillige erarbeiten neue Anwendungen auf der Grundlage von frei lizenzierten Kulturdaten beim Hackathon Coding da Vinci, Bild von Volker Agueras Gäng CC BY 2.0 , via Wikimedia Commons

Zuerst kommt Geolina163 zu Wort. Sie engagiert sich seit über 10 Jahren bei *Wikipedia*. Sie steht stellvertretend für tausende von digitalen Freiwilligen auf der Bühne. Wir fragen sie, was sie begeistert, was sie aushalten lässt und was sie auch mal stört. Mit ihr zusammen diskutieren wir mit drei Funktionären aus drei Projekten nach ihrem Blick auf ein nachhaltiges Community-Management, wie das Zusammenspiel zwischen Projektstrukturen und Freiwilligen gern professionalisiert wird. Drei sehr unterschiedliche Projekte stellen sich vor. Ihnen ist allen gemeinsam, sie leben von der digitalen Partizipation ihrer Community.

*Wikidata* ist ein von Freiwilligen getragenes Projekt der Wikimedia Familie. Hier entsteht eine enorm schnell wachsende Datenbank, die das Wissen von Wikipedia und Partnern wie der World Health Organization für Menschen und Maschinen gleichermaßen erschließt und nachnutzbar macht. Eine Stichwort-Enzyklopädie zum Nachschlagen und gleichzeitig ein Big Data Pool als Rohstoffquelle für viele neue Anwendungen. Wie bringt Wikidata Freiwillige dazu einzusteigen und dabei zu bleiben? Wie geht Wikidata als Projekt mit dem Wandel von Anforderungen an Freiwillige um? Welche neuen Rollen entstehen und wie gelingt die Balance der Interessen im Fall einer Diversifikation der Community? Zum Beispiel Freiwillige, die sich stärker in den technischen Belangen einbringen, und andere, die sich stärker um Inhalte kümmern. Mit uns diskutiert Lydia Pintscher, Produktmanagerin für Wikidata bei Wikimedia Deutschland eV.

In dem neuen Portal des Jüdischen Museums Berlin *Topographie des jüdischen Lebens in Deutschland*, erarbeiten im Wesentlichen Institutionen  die Inhalte, doch auch Besucher des Portals sollten sich unbedingt mit ihrem Wissen und ihren Kenntnissen aktiv einbringen. Wie geht das Jüdische Museum-Team mit Fragen nach sensiblen Inhalten um? Wie selbstverwaltet kann heute ein Portal zur Topographie des Jüdischen Lebens in Deutschland sein? Welche technischen Schnittstellen sind geplant, um Inhalte nicht nur beitragen, sondern nach Möglichkeit auch teilen zu können? Barbara Thiele, Leiterin der Abteilung »Digital & Publishing« am Jüdischen Museum Berlin, spricht mit uns.

Einen ganz anderen Aspekt des „Community-Managements“ nimmt das noch im Entstehen begriffene Digitalisierungsprojekt *Living Archive* des Arsenal Institut für Film und Videokunst ein. Hier ist die Community alles zugleich: Wissensträger, Fundraiser, Beitragender für die Datenbank und Sichter der analogen Bestände. Ohne eigene umfassende Geldmittel zur Digitalisierung und zeitgemäßen Erfassung ist das Institut von Anfang an auf eine sehr aktive Community angewiesen. Wie gestalten sich die Rollen innerhalb dieser Community und zwischen ihr und dem Institut? Wird es gelingen, Menschen dauerhaft an das Projekt zu binden und ist das überhaupt erforderlich? Welche Voraussetzungen müssen geschaffen werden, damit dieses Partizipationsprojekt fliegt? Es spricht Stefanie Schulte-Strathaus, Ko-Direktorin des Arsenal – Institut für Film- und Videokunst.

Diskutieren Sie am 17. November mit uns. Der Eintritt zur Konferenz ist frei, bitte melden Sie sich hier an, oder verfolgen Sie die Debatte online via Twitter unter den Hashtags #ke16 und #DEI.

*Das internationale Akronym GLAM für Galleries, Libraries, Archives, Museums steht für Interaktion dieser Einrichtungen im Netz.

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Dieser Eintrag wurde geschrieben von am Montag, November 7th, 2016 um 11:07 Uhr und ist zu finden unter Kultur. Sie können diesen Beitrag mit RSS 2.0 Feed abonnieren. Sowohl Kommentare als auch Pings sind derzeit geschlossen.
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