Nelsons drei Streifen

Zwei Tage im Textilmuseum auf GLAM on Tour[1]

Historischer Schaufensterkopf mit Hut in der Ausstellung „Die Macht der Mode“ . Foto von Ziko van Dijk  CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

 gemeinschaftlich verfasst mit Geolina163

An einem Junitag unter dem Dach der alten Spinnerei ist es noch heute stickig. Doch vor 230 Jahren war die Luft für die hier arbeitenden Kinder richtig ungesund. Damals wurde die Textilfabrik als erste Baumwollmaschinenspinnerei auf dem europäischen Kontinent von dem Kaufmann und Industriespion Brügelmann gegründet. Da haben wir es heute besser. Zwanzig digital volunteers, Studentinnen für Modejournalismus, gestandene Wikipedianer nicht nur aus dem Rheinland und dem Ruhrgebiet so wie eine kleine Delegation Weitangereister tauchen ein in die Ausstellung Die Macht der Mode”. Wir sind zur Gast im Industriemuseum Textilfabrik Cromford im Landschaftsverband Rheinland. Ein umständlicher Titel für ein Kleinod an experimenteller Archäologie und Forschungssammlung von 300 Jahren Textilmode unweit von Düsseldorf. Umso pragmatischer ist Claudia Gottfried, die Leiterin des Museums. Sie hatte schon letztes Jahr Freiwilligen der Wikimedia-Bewegung das Museum im Rahmen der Auftaktveranstaltung der Wikipedianischen KulTouren für eine Fototour zur Ausstellung Chapeau! geöffnet.

Jetzt wollen wir an zwei Tagen möglichst viele der ausgestellten Kleider und Modeaccessoires von 1890 bis 1930 in Text und Bild erfassen. „Sans-Ventre“-Kleider der Kaiserzeit, Pluderhosen für städtische Radlerinnen und schwarzgelbe Schnürkragentrikots für Fußballer der 20er Jahre. Der Triumph der Warenhäuser und Arbeitsplätze für Frauen. Mode zwischen gesellschaftlichen Bedarfen und nur allzu menschlichen Bedürfnissen. Die ungewöhnliche Ausstellung läuft noch bis Ende Oktober 2016. Unterm Dach stoßen wir auf eine interessante Hypothese. Ist es denkbar, dass die im deutschen Kaiserreich so populären Matrosenanzüge der Kinder mit ihren drei weißen Streifen auf den dunkelblauen Kragen letztlich eine britische Marinetradition fortführten, die mit den drei Streifen Admiral Nelsons drei Siege ehrten? Die Antwort der britischen Admiralität steht noch aus.

Einführungskurs, Editathon und Fotosafari

Die Museumsleiterin persönlich führt durch die liebevolle wie lehrreiche Ausstellung. Nach der mehrstündigen Führung über drei Etagen teilt sich die Gruppe. Die meisten gehen in den Schulungsraum und widmen die folgenden Stunden unter Anleitung von Achim Raschka einer praktischen Einführung in das Schreiben in der Wikipedia. Im Nebenraum startet der Editathon. Die alten Hasen unter den Freiwilligen klappen ihre Laptops auf und beginnen mit dem Marathon der Editierarbeit an Wikipedia-Artikeln. Mellebga widmet sich u.a. dem Wikipedia-Eintrag zum Museum. Er wird erweitert, korrigiert und ausgebaut. Lutheraner entdeckt für sich die frühe Sportmode als lohnendes Thema und pflügt durch die vom Museum bereitgestellte Sekundärliteratur. Stepro, Ziko, DoraK , Atamari und Wuselig hingegen konzentrieren sich auf die fotographische Erschließung der Exponate und sind die beiden Tage überall im Museum mit der Kamera und professionellem Zubehör auf Fotosafari. Das Museum hat aus diesem Anlass extra eine Fotoerlaubnis für die Wikipedianer erlassen. So können die Freiwilligen an diesem Wochenende nicht nur privat Bilder machen, sondern diese öffentlich sichtbar und nachnutzbar im Medienarchiv Wikimedia Commons hochladen. Von dort aus können sie sowohl in die Enzyklopädie Wikipedia eingebunden werden, aber auch zur Illustration von Schulbüchern und selbst kommerziellen Modejournalen verwendet werden. So schenken die Wikimedia-Freiwilligen der Allgemeinheit Fotos zu Alltagsgegenständen unser Großeltern- und Urgroßelterngeneration, die sonst leicht dem Vergessen anheimfielen. Denn nicht alle Modefans kommen vielleicht nach Ratingen und später – wenn die Ausstellung nur noch im Katalog besteht – lebt das Wissen in der Wikipedia fort. Andere Teilnehmer wie Alraunenstern, Itti und 1971Markus engagieren sich vielfältig. Die Initiatorin der GLAM on Tour Station im Textilmuseum, Geolina163, ist als Enzyklopädistin dem Reiz der Mode besonders verfallen.

Vom Reiz der Dinge hinter den Exponaten

Jeder der Teilnehmer hatte so seine eigenen Vorstellungen von der Mode dieser Epoche. Stichworte, wie Wespentaille, Korsett, Matrosenanzug, Charlestonkleid, Zylinder und Reformkleid sind ja noch recht geläufig. Ansonsten ist man verwundert, wie rasant sich die Mode – insbesondere der Damen – in nur einem Viertel Jahrhundert verändert hat. Eine zentrale Fragestellung zieht sich durch die gesamte Ausstellung. Wie wirken sich technischer Fortschritt und politische Verhältnisse auf die Entwicklung der Bekleidung aus? Überraschend war zu erfahren, dass zum Beispiel die Zeit der großen Hüte zu Ende ging, als man in öffentlichen Verkehrsmitteln aufgrund von akuter Verletzungsgefahr ein „Hutnadelverbot“ erlassen hat, sehr zum Ärger der bürgerlichen Damen. Die neuen Verkehrsmittel revolutionierten aber auch die Kinderwagen. Ein zusammenklappbarer Düsseldorfer Buggy von 1915, fast ebenso schnittig wie heutige Modelle, gehörte sicherlich zu den überraschenden Exponaten. Ebenso wie die schier unerschöpfliche Vielfalt von Matrosenanzügen für Kleinkinder und „Backfische“ – auch ein Wort, dass heute aus dem Sprachschatz verschwunden ist. Ebenso wie man abknöpfbare Kragen und Vorhemden aus Gummi und Pappe, Wäscheschablonen, Hutklammern und Schuhbandknotenhalter im Sortiment der Bekleidungsgeschäfte vergeblich sucht. Skurril muten hingegen die Barttassen an.  Sie schützten Anfang des 20. Jahrhunderts den allgegenwärtigen Oberlippenbart der Herren vor Milchschaum und Sahne.

Verstörend und bedrückend waren die Exponate aus Kriegszeiten: Opernfächer mit Bildnissen preußischer Generäle oder Plakate, die zum Sammeln von Brennnesseln aufforderten, um aus den Pflanzen Fasern für Kleidung herzustellen gehörten ebenso wie Kindergeschirr mit Geschützen und Kanonen zu den nachdenklich machenden Ausstellungsstücken.

Wir haben erfahren, dass das von vielen so geschätzte Charleston-Kleid, eine der größten Fehlkonstruktionen der Modegeschichte war: Auf dünnen Chiffonstoffen wurden bis zu 5 kg Perlen und Pailletten vernäht, so dass der Stoff schon nach kurzer Zeit das Gewicht nicht tragen konnte und bevorzugt an den Schulter ausriss. Apropos Pailletten: Diese bestanden vor dem Einsatz von Kunststoffen aus Gelatine. Und die neigt in Verbindung mit Feuchtigkeit bekanntlich zum Aufquellen. Daher wurden die Herren angehalten, weiße Handschuhe beim Tanzen zu tragen. Viele dieser Aspekte fehlen derzeit noch in den einschlägigen Wikipedia-Artikeln. Aber das wird sich in den nächsten Wochen sicherlich ändern.

Der meist gehörte Satz in den zwei Tagen war sicherlich: „Das hatte meine Oma früher auch!“ – was auch darauf zurückzuführen ist, dass diese Sonderausstellung eher die Bekleidung der breiten Masse der Bevölkerung und weniger die Haute Couture dieser Zeit zeigt. Unser Anliegen ist es, dieses Museumswissen in die Wikipedia zu bringen.

Museumswissen zugänglich machen

Engagement, Museumswissen zugänglich zu machen. Das ist tatsächlich die Motivation aller Beteiligten einer so genannten GLAM on Tour Veranstaltung. Die Freiwilligen, das Museum und Wikimedia Deutschland arbeiten an einem Wochenende zusammen, um ein Fundament für eine auf Dauer angelegte Kooperation zu legen, damit das Wissen aus den Museen mittels Wikipedia mehr Menschen zugänglich gemacht wird. Nach dem Einführungskurs in die Wikipedia wissen die Museumsmitarbeiter und die angehenden Modejournalisten, wie sie künftig mit ihrem Wissen zur Wikipedia beitragen können und die erfahreneren Wikipedia-Autoren entdecken neue Wissensfelder, in denen noch viele rote Lemmata zu erobern sind. Denn jeder Begriff, der noch keinen Wikipedia-Eintrag hat, erscheint als roter Link in der Wikipedia. Blau gefärbte Begriffe hingegen markieren bekanntlich Links zu weiterführenden Artikeln. Auf der Projektseite stehen noch viele rote Begriffe. Durch Veranstaltungen wie jene in Ratingen werden viele in den kommenden Wochen Dank des Engagements der Freiwilligen in blaue aktive Links umgewandelt. Ratingen war die elfte GLAM on Tour Station. 2016 sind weitere Stationen in Heidelberg und Davos geplant.

Weitere Informationen

zur Ausstellung

zum Museum

zum Kooperationsprojekt

Bilder der Ausstellung

 

[1] Das englische Akronym (Galleries Libraries Archives Museums) für Kunstsammlungen, Bibliotheken, Archive und Museen bezeichnet Aktionen und Projekte an der Schnittstelle von analogen Gedächtnisinstitutionen zu digitalen Räumen wie Wikipedia.

 

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Dieser Eintrag wurde geschrieben von am Donnerstag, Juni 16th, 2016 um 22:10 Uhr und ist zu finden unter Kultur. Sie können diesen Beitrag mit RSS 2.0 Feed abonnieren. Sowohl Kommentare als auch Pings sind derzeit geschlossen.
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