Dualität im Denken – Auf welche Barrieren der digitale Zugang zu kulturellem Erbe trifft

“Gäbe es keine öffentlichen Museen, keine Archive und Bibliotheken, die Verantwortung übernehmen für unser kulturelles Erbe, die mit viel Einsatz die Zeugnisse unseres kulturellen Schaffens bewahrt hätten und bewahren, wäre unsere Welt heute sehr viel ärmer.” Paul Klimpel, ehemaliger Geschäfstführer des Netzwerkes Mediatheken und heute Leiter des iRights.Lab Kultur, muss sich zu einer solchen Emphase nicht umständlich durchringen. Aus eigener Erfahrung weiß er, wie die Aufgabenvielfalt und der Anpassungsdruck den Gedächtnisinstitutionen gegenwärtig zusetzt. Da scheint es durchaus geboten, auch einmal Respekt und Dank zu zollen.

Mehr Verantwortung für das kulturelle Erbe zu übernehmen – das war zum dritten Mal das Motto der jährlich stattfindenden Konferenzreihe “Zugang gestalten” im Jüdischen Museum Berlin. Dass das kulturelle Erbe in einer höchst digitalen Zeit nicht bewahrt, sondern auch für möglichst viele Menschen einfach zugänglich gemacht werden muss, darüber waren sich sicher alle der mehr als 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer einig. Wie dieser Zugang aussehen könnte, was er im Idealfall leisten soll und wofür er genutzt werden kann, darüber sollte auf der zweitägigen Veranstaltung diskutiert werden. Dazu waren 24 Referentinnen und Referenten aus den verschiedensten Bereichen geladen: aus der Museumswelt, der Rechtsberatung, Vertreter von kommerziellen Diensten und aus der Zivilgesellschaft.

Der erste Konferenztag widmete sich zunächst der etwas diffusen Erwartungshaltung der breiten Öffentlichkeit an die Kosten- und Nutzenbilanz der “Kollision von digitaler Sphäre und Kultur”, wie Sascha Lobo den gegenwärtigen Debattenstand beschrieb. Ausgehend von der Frage “Was wollen wir?” fragte Lobo etwas sybillinisch, wer dieses “wir” überhaupt sei und stellte fest, dass die “digitale Avantgarde” und der kulturelle Sektor derzeit sehr verschiedene Erwartungen an die Digitalisierung von Daten und Kulturgütern hätten. Wenn es darum gehe, einem möglichst großen Publikum Zugang zu so vielen Inhalten wie möglich anzubieten, dann könne es nicht darum gehen, lediglich den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden. Dazu stellte Lobo acht Forderungen auf, darunter u.a. den Aufbau einer öffentlichen Infrastruktur für die digitale Allmende und die Eindämmung der urheberrechtlichen Schutzfristen.

Totem und Tattoo

Grundsätzlich trieb viele Diskutanten die Frage um, ob es überhaupt notwendig sei, alles aufzubewahren bzw. wer überhaupt entscheiden kann, was aufbewahrt werden soll. Vor allem die bloße Möglichkeit, riesige Datenmengen zu sammeln, machen es zu einer Herausforderung der Gegenwart, hier eine Auswahl zu treffen. Aber auch die ständige Verfügbarkeit und die Annahme, dass jegliche Information sofort abrufbar sein müsse, stellen Gedächtnisinstitutionen vor das Problem, immer nur auf Entwicklungen reagieren, sie aber nur selten proaktiv prägen zu können. Gerade weil Museumsbesucherinnen und -besucher nicht mehr zwischen online und offline unterschieden (und z.B. während des Ausstellungsbesuchs auf Tagging-Dienste wie QRpedia zurückgreifen), sei es unabdingbar, dass auch die Institutionen selbst diese Dualität im Denken überwänden.

Ein anschauliches Beispiel, wie öffentlich zugängliche Daten weitergenutzt und mit neuen Inhalten verknüpft werden können, lieferte die während des Projekts “Jugend hackt” entwickelte und prämierte App “PlateCollect” von Niklas Riekenbrauck, Daniel Petri und Finn Gaida. Die App liefert die Standorte der ca. 5.000 Stolpersteine zum Gedenken an die Opfer des Holocausts und verlinkt sie mit biografischen Informationen in der Wikipedia oder anderen Datenbanken.

Ein in der Fachwelt bereits viel beachtetes Exempel für den geglückten Zugang zu Kulturgütern präsentierte die Datamanagerin des niederländischen Rijksmuseums, Lizzy Jongma. Dort stellte man konsequent alle neue geschaffenen Digitalisate von gemeinfreien Werken unter die Lizenz CC0. Dort gibt man sich eher gelassen gegenüber Nutzungsformen, die vielleicht nicht mit dem hehren Anspruch der Kultureliten übereinstimmen: “Wenn Sie sich eins unserer Kunstwerke tätowieren lassen möchten, dann tun Sie das. Aber schicken Sie uns bitte ein Foto davon.”

Sex, Drugs & Metadata

Der zweite Konferenztag blickte noch etwas grundsätzlicher auf die kultur- und rechtspolitischen Herausforderungen, die vor uns liegen. Pavel Richter, Vorstand von Wikimedia Deutschland, wies darauf hin, dass Kulturgut nicht nur gesammelt und bewahrt werden müsse, sondern es vor allem notwendig sei, sich mit seiner Vermittlung auseinanderzusetzen. Die Ausflüge der anwesenden Juristen in die rechtlichen Fragen des Open Access schufen indes ein klares Bewusstsein für die nach wie vor bestehenden Barrieren für Digitalisierungsprogramme, etwa die komplizierten Voraussetzungen für die Bestimmung von Gemeinfreiheit in der EU oder die Frage nach der Schöpfungshöhe von Metadaten. Ellen Euler von der Deutschen Digitalen Bibliothek nutzte ihren Auftritt auf der Konferenz, um Neuigkeiten aus den Leitungsgremien der DDB mitzuteilen; schon im kommenden Jahr wird es die Einberufung eines Think Tanks geben, bei dem sich übrigens auch Wikimedia Deutschland engagieren wird.

Es ist Kennzeichen dieser alljährlichen Vernetzungsveranstaltung, dass sehr unterschiedliche Ansätze zur Zugänglichmachung von Kultur präsentiert werden. Besonders hervorzuheben sind vor allem die geglückten Beispiele von nachnutzbaren Kulturgütern, die bereits von Institutionen zur Verfügung gestellt oder mit anderen Inhalten kombiniert wurden. Leider sind diese Beispiele gegenwärtig noch zu selten, um von einem Wandel sprechen zu können. In den kommenden Ausgaben werden deswegen vor allem Fragen nach der Auffindbarkeit von digitalisierten Kulturgütern sowie der Zusammenführung von bereits vorhandenen Plattformen mit einem Fokus auf Kulturinhalten zu behandeln sein. Wie sagte es Sascha Lobo? Nichts weniger als die vollständige “Vertaggung der Welt” sollte unser Ziel sein, denn Kultur sei “nichts ohne ihre Auffindbarkeit”.

Alle Videos der Konferenz können online nachgesehen werden.

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Dieser Eintrag wurde geschrieben von am Donnerstag, Dezember 5th, 2013 um 13:52 Uhr und ist zu finden unter Kultur. Sie können diesen Beitrag mit RSS 2.0 Feed abonnieren. Sowohl Kommentare als auch Pings sind derzeit geschlossen.
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2 Responses to “Dualität im Denken – Auf welche Barrieren der digitale Zugang zu kulturellem Erbe trifft”

  1. Martina Notte sagt:

    Kann es sein, dass bei den Fotos die Verlinkung des Autors verunfallt ist und eigentlich auf auf http://www.david-jacob.de führen sollte?

  2. Katja Ullrich sagt:

    Vielen Dank für den Hinweis. Du hast natürlich Recht. Ich habe es korrigiert.

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