Tutoría III: Neues aus Buenos Aires

Vielleicht erinnert sich mancher noch daran: im März war ich als Freiwilliger für zwei Wochen nach Buenos Aires gefahren, um …

  • Cornelius Kibelka
  • 28. August 2013

Vielleicht erinnert sich mancher noch daran: im März war ich als Freiwilliger für zwei Wochen nach Buenos Aires gefahren, um einen Erfahrungsaustausch zwischen Wikimedia Deutschland und Wikimedia Argentinien zu initiieren. Gemeinsam hatten Osmar Valdebenito, Geschäftsführer von WMAR, und ich 18 Handlungsempfehlungen erarbeitet, die dem Chapter zur Professionalisierung den Weg weisen können.

Osmar Valdebenito, Geschäftsführer von Wikimedia Argentinien (von Niccolò Caranti, CC-by-sa 3.0, via Wikimedia Commons)

Inzwischen sind gut fünf Monate seit meiner Abreise aus Buenos Aires vergangen. Zeit also zurückzublicken und zu schauen, was Wikimedia Argentinien in der Zwischenzeit gemacht hat. In einem langen Skype-Gespräch Mitte Juli und beim Treffen auf der Wikimania in Hongkong konnten Osmar und ich schauen, was seit März geschehen ist.

Osmar führte mir vor Augen, dass die alltägliche Aufgabenlast des Chapters derart hoch ist, dass kaum Zeit für darüber hinausgehende Aufgaben über bleibt. Zusätzlich seien die Anforderungen durch das Funds Dissemination Committee (FDC) nicht zu unterschätzen: die zahlreichen Berichte (Monats-, Quartals- und Jahresberichte) zu erstellen und die Maßgabe, zum 1. Oktober bereits den neuen Jahresplan für 2014 fertiggestellt zu haben, stellten das Chapter auf eine harte Probe. Auch fehle es an Zeit, all die spannenden, tollen und aufregenden Projekte, mit denen auch die Freiwilligen zu gewinnen seien, umzusetzen. Eine doch sehr nüchterne Einschätzung.

Doch zu meinen Handlungsempfehlungen: wir hatten gemeinsam 18 Empfehlungen aus drei Bereichen (Allgemeine Verwaltung & Strategie, Kommunikation und Freiwilligenarbeit) erarbeitet, jeweils in kurz- und mittel-/langfristige Maßnahme unterschieden.

Am weitesten vorangeschritten: Kommunikation

Wie ich bereits in meinem zweiten Blogbeitrag schrieb, stellte Wikimedia Argentinien kurz vor meiner Abreise eine zweite Mitarbeiterin ein: María Cruz übernahm in Teilzeit die Aufgaben einer Pressesprecherin und Kommunikationsbeauftragten (encargada de comunicaciones). Mithilfe von María konnte WMAR den eigenen Anspruch erfüllen, nun auch aktiv zu kommunizieren, beispielsweise zu laufenden und abgeschlossenen Projekten beständig Blogbeiträge zu veröffentlichen und damit über die eigene Arbeit zu informieren. Auch eine komplette Überarbeitung der Webseite war dringlich – diese konnte vor Anfang August veröffentlicht werden und genügt nun auch den Anforderungen an eine moderne Homepage. Inzwischen beschäftigt sich María mit der Entwicklung eines eigenen Corporate Designs und gleichzeitig mit der Frage, welche Informationsmaterialien für die Projektarbeit des Chapters benötigt werden. Auch eine Kontaktdatenbank von Journalisten ist derzeit im Entstehen. Osmar und ich konnten hier das Resumée ziehen: schon durchaus viel geschafft, aber es gibt noch immer genug zu tun!

Ernüchternde Umsetzungen

Im Bereich der Freiwilligenarbeit erklärte mir Osmar selbst, dass noch sehr viel zu tun sei. Von den Handlungsempfehlungen sind praktisch noch keine umgesetzt. Wieso? Wahrscheinlich deswegen, weil diese am meisten Kommunikation mit Freiwilligen erfordern. Im Bereich der Kommunikation selbt sind es dagegen Aufgaben, die vorrangig innerhalb der eigenen Geschäftsstelle erfüllt werden können.

Im Bereich der Verwaltung und Strategieentwicklung gibt es noch viel Entwicklungspotenzial. Einen gemeinsamen Google-Kalender für Vorstand und Mitarbeiter gibt es inzwischen. Es war angedacht, intern Projektfortschritte über ein Projektmanagementsystem (“Redmine”) festzuhalten, das bisher allerdings auf seine Einrichtung wartet. Auch eine Richtlinie für Interessenskonflikte – eine Anforderung seitens der Wikimedia Foundation – ist bisher nur im Anfangsstadium. Die Entwicklung eines Strategieplans bis 2016, der vielleicht wichtigste Teil, wurde – zu meinem Erstaunen – komplett gestrichen und das vor allem aus einem Grund: Zeitmangel. Wie auch bei Wikimedia Deutschland (und der Foundation und anderen vergleichbaren Organisationen) nimmt die Erstellung des Strategieplans extrem viel Zeit in Anspruch. Diese stand bisher einfach nicht zur Verfügung, so Osmar.

Danach war ich doch, ob der erreichten Fortschritte, sehr ernüchtert. Und fragte mich selbst: Hat meine Arbeit überhaupt etwas gebracht?

Oha: Teil der neuen Global South-Strategie

Asaf Bartov, Mitarbeiter der Wikimedia Foundation und Beauftragter für die Entwicklung der Wikimedia-Projekte im sog. Globalen Süden (von HPNadig, CC-by-sa 3.0, via Wikimedia Commons)

Die Wikimania in Hong Kong war dann doch mein Retter und Beweis für die Sinnhaftigkeit meines Projektchens. Seit Jahren ist die Foundation versucht, die Wikimedia-Projekte, allen voran Wikipedia, in den Ländern des Globalen Südens voranzubringen. Die Projekte in Brasilien und Indien waren bisher von geringem Erfolg gekrönt. Aus diesem Grunde präsentierte Asaf Bartov, Head of Global South Relationships der Foundation, eine „New Global South Strategy“ (pdf). Wichtigstes Element der neuen Strategie: die Foundation engagiert sich nur noch in Ländern mit bereits vorhandenen Strukturen oder zumindest starken Projekt-Communitys.

Zu einem dieser ausgewählten Länder gehört auch Argentinien, in der Präsentation erschienen sogar bereits erste Maßnahmen. Osmar erklärte, wie das Gespräch zwischen Asaf und Wikimedia Argentinien lief: die Frage war „Wie können wir euch unterstützen, abgesehen von finanziellen Zuwendungen?“. Daraufhin antwortete Wikimedia Argentinien mit eben diesen Handlungsempfehlungen, die wir gemeinsam erarbeitet hatten. So wird die Foundation beispielsweise unterstützenden Berater („facilitator”) für die Erarbeitung des Strategieprozesses bereitstellen, so dass auch diese Empfehlung verwirklicht werden kann.

Dieser kleine Erfolg zeigt mir, dass meine Mühe zumindest nicht ganz umsonst gewesen ist.

Fazit: Es wurde nicht so viel erreicht, wie ich mir gewünscht hätte. Aber: das argentinische Chapter hat einen aus meiner Sicht guten Weg eingeschlagen, um auch weitere Schritte der gemeinsam entwickelten Handlungsempfehlungen erfolgreich umzusetzen. :)

  1. Spannender Beitrag – auch für kleine Chapter, die nicht zum „Global South“ gehören. Es ist in der Tat schwierig, Zeit für diese wichtigen Dinge freizuschaufeln – man kann und will als kleines Chapter nicht nur um sich selbst kreisen, wenn man die Community auf dem Weg nicht verlieren will. Und deren unmittelbare Bedürfnisse und Problemlagen werden zumindest kurzfristig nicht durch Strategiepläne und Quartalsberichte gestillt und behoben. Es ist ein schwieriger Balanceakt und fünf Monate sind schnell vorbei. Ein offener und ehrlicher Zwischenbericht wie dieser ist wichtig, denn keiner von uns schafft alle diese Dinge von heute auf morgen – wir sollten uns davon aber nicht entmutigen lassen.

    Kommentar von Claudia Garad am 28. August 2013 um 09:40

  2. Wikimedia Deutschland ist in Zeiten seines Wachstums auch fast nur um sich selbst gekreist. Macht es derzeit in einem neuen Wachstums- und Umstrukturierungsschub nach meinem Eindruck erneut. Wahrscheinlich geht es gar nicht anders und wenn man es „zwanghaft“ zu verhindern sucht, geht es nicht Vorwärts.

    Schön auf jeden Fall, wenn die Foundation endlich kapiert, daß man eine Struktur nicht über eine fehlende Grundstruktur stülpen kann. Doch auch die neue Strategie halte ich für falsch. Es sollten schlicht die Bestrebungen aus den Ländern/Communities unterstützt werden, wenn dies gewünscht ist, statt zwanghaft zu versuchen diesen aus den USA zu „helfen“.

    Kommentar von Marcus Cyron am 29. August 2013 um 12:52

  3. Mmmh – das war vor meiner Zeit, aber nach allem was ich höre und sehe, scheinen die Bedingungen unter denen WMDE groß geworden ist kaum noch vergleichbar mit der Situation in der wir uns aktuell befinden. Die Ansprüche von allen Seiten sind ungleich höher, ebenso die administrativen Hürden. Andererseits haben wir den Vorteil, dass wir aus der Geschichte der älteren und größeren Chapter lernen können – dabei geht es ja nicht darum irgendwelche Entwicklungen „zwanghaft“ zu verhindern, sondern einen eigenen Weg bzw. wenn möglich eine Balance zu finden. Ich habe zumindest die Hoffung noch nicht aufgegeben, dass das möglich ist :-)

    Kommentar von Claudia Garad am 29. August 2013 um 22:39

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