Die beiden letzten Monate als Resident

Seit meinem letzten Beitrag sind nun doch zwei statt des geplanten nur einen Monat vergangen. Schuld war ganz simpel die Zeit. Aber ich denke, der folgende Bericht zeigt das letztlich auch recht gut:

Zuletzt berichtete ich vom Limes-Workshop. Von diesem kehrte ich nicht gleich aus dem Odenwald ins heimische Berlin zurück, sondern hatte ein paar Tage später eine Einladung zur EXAR-Tagung, dem Jahrestreffen der Experimantal-Archäologen. Die beiden dazwischen liegenden Tage überbrückte ich in Würzburg, wo ich mir einmal mit etwas mehr Ruhe als beim ersten Mal. Bei der EXAR-Tagung schließlich, die in Windisch bei Brugg im Kanton Aargau in der Schweiz durchgeführt wurde, sollte ich etwas über die Möglichkeiten der Experimentalarchäologie in der Wikipedia sagen. Um hier kurz zusammen zu fassen, was ich dort konstatieren musste: die Möglichkeiten sind immens, da es in dem Bereich bislang kaum Vorzeigbares in angemessenem Umfang gibt.

Fidiou 1 - Sitz der Abteilung Athen des DAI - Marcus Cyron cc-by-sa-3.0
Fidiou 1 - Sitz der Abteilung Athen des DAI - Marcus Cyron cc-by-sa-3.0

Der Oktober fand seinen Höhepunkt in einer Dienstreise an die Außenstelle Athen des DAI. Ich wurde ungemein freundlich aufgenommen und war auch mehrere Tage im Haus in der Fidiou 1 untergebracht. Ein Haus, das kein geringerer als Heinrich Schliemann nach Plänen Ernst Zillers und Wilhelm Dörpfelds erbauen ließ. Und noch vieles in diesem Haus atmete die Ideen, die diese drei Männer verfolgten. Dank Nils Hellner, dem Referenten für Bauforschung der Abteilung, erhielt ich auch einige Einblicke in dieses Thema. Zudem bekam ich eine kompetente Führung über den Kerameikos und besuchte das Archäologische Nationalmuseum, das Neue Akropolis-Museum, das Kerameikos-Museum und das Kykladenmuseum. Dabei entstand eine vierstellige Zahl an Bildern für Wikimedia. Meine Präsentation der Wikipedia war wie auch alle weiteren recht gut besucht und es entspann sich eine Diskussion im Anschluss.

In Deutschland zurück nahm ich aufgrund einer Einladung am Berliner Herbsttreffen zur Museumsdokumentation teil, wo ich das Residence-Projekt vorstellte. In der Woche darauf stellte ich es erneut vor, nun auf der Tagung Zugang gestaltenim Jüdischen Museum Berlin. Dieser Beitrag in einem vorgegebenen Format, bei dem man für 20 Bilder jeweils 20 Sekunden Zeit zum Erklären hatte, war der Fokus auf der Zusammenarbeit mit dem DAI.

Hapy, Gott des Nils, Vatikanische Museen, römisch - Marcus Cyron cc-by-sa-3.0
Hapy, Gott des Nils, Vatikanische Museen, römisch - Marcus Cyron cc-by-sa-3.0

Der letzte Monat brachte Reisen nach Rom und Madrid. Leider war hier in bedien Fällen eine Unterbringung im Gästebereich der DAI-Aussenstellen nicht möglich. Die wohl lebhafteste Diskussion überhaupt löste meine Vorstellung der Wikipedia in Rom aus. Besonders erfreulich war es, dass hier weniger mit mir diskutiert wurde, als sogar unter den Wissenschaftlern über das Für und Wieder eines Engagements in der Wikipedia. Wobei es von keiner Seite grundsätzliche Ablehnung gab, wie mir erschien, nur die Art und die Zielsetzung wurden diskutiert. Um einen Diskussionspunkt einmal zu nennen: soll man Studenten einen sehr guten, einfach zugänglichen Artikel präsentieren, und diesen damit die weitere Recherche abnehmen? Daneben war ich in den Vatikanischen Museen und auf dem Protestantischen Friedhof von Rom. Ein geplantes Treffen mit der italienischen Community scheiterte leider an der unterschiedlichen Auslegung des Kalenders. Auch in Rom entstanden wieder weit über 1000 Bilder.

In Madrid wurde ich von meinem Freund Michael Kunst erstklassig betreut. Im Ergebnis war Madrid vielleicht die ergiebigste meiner Reisen. Auch wenn Thomas Schattner, der zweite Direktor der Abteilung, etwas irritiert war, dass einfach so ein Artikel zu seiner Person in der Wikipedia verfasst werden konnte (und mit mir noch dazu auf den Urheber des Artikels traf), waren die Mitarbeiter doch sehr aufgeschlossen auch in der Wikipedia als Abteilung aktiv zu werden. Das betrifft nicht nur den Artikel zur Abteilung selbst, der bislang noch fehlt, sondern auch zu verschiedenen Ausgrabungen der Abteilung. Hierzu wird überlegt, die ohnehin zu schreibenden Artikel für die Jahresberichte in abgewandelter Form ein zweites Mal zu verwenden. In meinen Augen eine sehr gute Idee! Leider war das Fotografieren bei meinem doch recht kurzen Aufenthalt in der recht kalten spanischen Hauptstadt beim Besuch des Prado nicht erlaubt. Abschließender Höhepunkt war das Treffen mit einem Vertreter der spanischen Comunity. Eigentlich war es noch geplant, die Direktoren des DAI auf ihrer jährlichen Direktorenkonferenz analog zu Projekten wie dem Landtagsprojekt zu fotografieren, was allerdings kurzfristig an der Zeitknappheit der Archäologen scheiterte.

Blick aus meinem Fenster in Istanbul - Marcus Cyron, cc-by-sa-3.0
Blick aus meinem Fenster in Istanbul - Marcus Cyron, cc-by-sa-3.0

Obwohl eigentlich Ende November meine Tätigkeit offiziell beendet war, kam Anfang Dezember noch eine Fahrt nach Istanbul, die sich zuvor nicht realisieren ließ. Am Bosporus hatte ich wieder das Glück beim DAI, in diesem Falle dem Wolfgang Müller-Wiener-Kolleg untergebracht zu werden. Beim Gebäude handelte es sich um die ehemalige deutsche Botschaft, heute teilen sich das DAI und das Generalkonsulat das Gebäude mit einem fantastischen Blick auf den Bosporus. Dementsprechend kam man auch nur mit einem Besucherausweis problemlos am Pförtner vorbei. Die Aufnahme war einmal mehr äußerst freundlich, mit Jürgen Seeher und seiner Frau Ayşe Baykal-Seeher hatte ich einmal mehr äußerst nette und kompetente Ansprechpartner. Nach meinem „Blick hinter die Kulissen der Wikipedia“ kam es wegen der schon recht fortgeschrittenen Zeit zu einer relativ kurzen Diskussion. Der Direktor der Abteilung, Felix Pierson, drückte neben seinem Lob für Wikipedia auch die Sorge aus, dass es durch diese mittlerweile übermächtig erscheinende Plattform Meinungspluralität immer schwerer hätte. Zudem war er besorgt, dass in der Zukunft Fachenzyklopädien einen schweren Stand haben könnten. Zumindest beim letzten Punkt wagte ich Widerspruch. Insgesamt muss ich gestehen, sind mir kritische Stimmen durchaus sehr lieb, da das bedeutet, dass sich Jemand mit der Thematik auseinander gesetzt hat. Kritik kam natürlich während meines halben Jahres als Resident immer wieder auf – ebenso wie auch Zuspruch. Für mich ein Zeichen, dass es auch in Zukunft mehr als nur eine Meinung geben wird. Und auch wer weiß, wie sehr manchmal hinter den Kulissen der Wikipedia um diese Dinge gerungen wird, wird mir hoffentlich zustimmen. Höhepunkt meines Nebenprogrammes war der Besuch des Archäologischen Museums – und hier entstanden wieder hunderte von Bildern – und einer Ausstellung zur Geschichte der Ausgrabungen in Hattuša. Aber auch sonst war diese wuselige Stadt sehr angenehm zu erleben, nur die Kälte und der Regen waren der Stimmung leicht abträglich. Ein weiterer Höhepunkt wurde am 6. Dezember das Winckelmannsfest. Dabei handelte es sich um den Höhepunkt im Institutsjahr, bei dem dem Mitbegründer der Archäologie als Wissenschaft, Johann Joachim Winckelmann, gedacht wird. Neben einem Festvortrag von Joseph Maran zu den Ausgrabungen in Tiryns, der sehr informativ und interessant, aber auch recht lang war, wurden drei türkische Archäologen zu korrespondierenden Mitgliedern des DAI ernannt. Sehr schön war auch die Bekanntschaft mit zwei Byzantinisten, die ich in Istanbul gemacht habe.

Vom Oktober bis in den November hinein gab es den Schreibcontest zum Antiken Olympia, bei dem die Teilnehmer motiviert werden sollten, zu einem der wichtigsten Projekte das DAI zu schreiben. Nach etwas schleppendem Beginn haben sich dann doch eine Hand voll Autoren beteiligt und sich zwei einen harten Kampf um die Spitze geliefert. Vor allem dank diesen Beiden kann man den Wettbewerb als für ein solchen Nischenthema durchaus achtbaren Erfolg bezeichnen.

Was bleibt nach sechs Monaten? Viel hat gut funktioniert, anderes weniger gut. Nicht alle Ziele konnten erreicht werden, dafür haben sich zum Teil andere Dinge ergeben, die zunächst gar nicht eingeplant waren. In der Öffentlichkeit wurde das Projekt mit Interesse aufgenommen. Vor allem in Berlin konnten leider nicht so viele DAI-Mitarbeiter erreicht werden, wie eigentlich erhofft, was verschiedene Gründe hatte. Aber hier kann man ja auch in Zukunft eng zusammen arbeiten. Überhaupt ist die Zusammenarbeit ja auch für eine längere Zukunft angelegt. Und ganz vorbei ist es sowieso noch nicht, denn im Februar wird es noch einen hoffentlich krönenden Abschluss mit „Wikipedia trifft Archäologie“ geben. Viel Zeit habe ich zuletzt natürlich auch in die Vorbereitung dieser Veranstaltung gesteckt. Die „Befreiung von Inhalten“ (diese Formulierung stößt nicht immer auf Gegenliebe bei Wissenschaftlern!) war problematisch, da etwa viele Fotos des DAI unter nicht bekannten Lizenzen stehen. Im Einzelfall war das DAI bislang immer sehr kooperativ und wird das sicher auch in Zukunft sein, doch wird man mittelfristig wohl so etwas wie eine größere Bilderspenden nicht erwarten können. Auch ein signifikant vermehrtes Auftreten von DAI-Mitarbeitern unter den „Wikipedia-Archäologen“ ist eher nicht zu erwarten, denn wie ich bei jeder Diskussion zu meinen Vorträgen hören musste, ist Zeit eine äußerst knappe Ressource. Dennoch denke ich, dass allein das Wissen um die Sorgen und Nöte, um die Vorgänge in und hinter der Wikipedia, um Struktur und Autorenschaft wird etwas bringen. Unterstützung kann ja auf viele Arten erfolgen.

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Dieser Eintrag wurde geschrieben von am Montag, Dezember 10th, 2012 um 00:24 Uhr und ist zu finden unter Kultur. Sie können diesen Beitrag mit RSS 2.0 Feed abonnieren. Sowohl Kommentare als auch Pings sind derzeit geschlossen.
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