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Nichts zu editieren.

Nicole Ebber

26. September 2011

Fast 100 Gäste durften wir bei unserer Wikipedia-Buchpräsentation am Samstag in der Literaturwerkstatt begrüßen; unter ihnen Autoren, Wikipedianer, WMDE-Mitglieder, Presseverterter und Wikipedia-Interessierte. Nach der Begrüßung durch unseren Geschäftsführer Pavel führte Catrin durch den weiteren Verlauf des Abends. Auf der Bühne diskutierten Marcus Cyron, Till Jaeger, Tobias Lutzi und Boris Marinov über die Entstehung des Buches, die Abstimmung mit den vielen Autoren sowie die Auswirkungen unseres Anspruchs, das Buch unter Creative-Commons-Lizenz heraus zu bringen. Zwei Autoren gaben dann sogar noch ihre eigenen Geschichten aus dem Buch zum Besten: Gereon Kalkuhl berichtete von seinen ganz eigenen „Wikipedia-Momente(n)“, Michael Schlesinger referierte in seinem Beitrag launisch über „Die dunkle Seite der Wikipedia“. Ein Bericht findet sich z.B. bei ZEIT Online „Buchvorstellung – Wikipedia-Autoren leuchten das Innenleben der Enzyklopädie aus.

Eine ganz besondere Überraschung hatte sich unser Praktikant Khesrau Behroz einfallen lassen: Mit seinem Text „Nichts zu editieren“ – vorgetragen in bester Poetry-Slam-Manier – hat er das gesamte Publikum in seinen Bann gezogen. Man lauschte zunächst verwundert, schockiert, fasziniert, belustigt und am Ende dann erleichtert ob des guten Ausgangs seines Kunststücks. Damit auch die Daheimgebliebenen in den Genuss kommen, haben wir die Situation heute nochmal in der Geschäftsstelle nachgestellt. Aber seht selbst:

Nichts zu editieren from Wikimedia Deutschland on Vimeo.

Und hier nochmal zum Nachlesen und Nachsprechen:

Nichts zu editieren (Khesrau Behroz)

Sie dürfen diese Arbeit missbilligen.

Sie dürfen sie verachten, sie dürfen sich angeekelt fühlen.

Scheuen Sie sich nicht und kritisieren Sie.

Toben und tosen Sie, hauen Sie mit der Faust auf den Tisch,

schmeißen Sie ihn meinetwegen um.

Weisen Sie auf Ihre schwere Vergangenheit hin, denken Sie darüber nach,

welche Verbrechen in Ihrem Land ausgeübt worden sind, aber seien Sie großzügig.

Unter einer Million Toten brauchen Sie gar nicht erst anzufangen.

Spucken Sie beim Sprechen, das verleiht Ihrer Missbilligung einen ganz besonderen Akzent,

sagen Sie Ihrem Gegenüber ruhig, in welchen suboptimalen familiären und sozialen Verhältnissen er oder sie doch aufgewachsen ist,

denn – in der Tat – es muss ja so, es kann ja nicht!

Seien Sie wie Kerner, distanzieren Sie sich sogleich von Ihrer Maßlosigkeit,

schließlich sagen Sie ja nur, Sie meinen ja nicht.

Fluchen Sie, ja, fluchen Sie, wozu haben Sie denn diese Stimme?

Stellen Sie sich trotzig in den Raum und zeigen Sie auf den Urheber – mit dem nackten Finger! –

Schändung!, schreien Sie ruhig “Schändung”, es ist ein außerordentlich kluges Wort –

vergessen Sie nicht, vergessen Sie nicht, dabei ein- und wieder auszuatmen,

Sie wollen es tunlichst vermeiden, dass Ihnen ausgerechnet dann der Atem stockt,

wenn Sie parieren müssen.

Seien Sie kein Klischee, überraschen Sie mit Ihrer Einfältigkeit,

Menschen sind sehr fasziniert von unerklärlicher Dummheit,

sie suchen nach ihr wie ein Detektiv nach einem Mörder.

Machen Sie sich Listen, Pros und Contras – und schmeißen Sie dann die Pros weg,

aber immerhin wissen Sie dann, gegen welche Gegenargumente Sie sich vehement wehren können,

ganz gleich, wie valide die Punkte sind.

Seien Sie selbstherrlich, in Ihrer Welt sind Sie der König, sind SIE die Königin,

werden Sie pampig, das kommt immer sehr gut an.

Lassen Sie Gegenkritik einfach an sich abprallen,

schreien Sie laut in den Raum hinein: ICH BIN EINE EINZIGARTIGE LOTUS-BLÜTE!

Doch vergessen Sie nicht: Wo Sie Recht haben, haben wirklich NUR Sie Recht.

Die Kunst besteht darin, sich von einem ominösen, allwissenden Nebel umschmeicheln zu lassen.

Werden Sie aggressiv, wenn es sein muss.

Das Gegenüber ist nicht immer gewillt, Gepöbel zu ertragen,

aber durch Lautstärke lässt sich dieses Problem sehr leicht lösen,

schreiben Sie in Großbuchstaben, wenn das Medium die Erhebung der Stimme nicht zulässt.

Stecken Sie Ihre Wut in Brand und rennen Sie wutentbrannt durch eine vor sich hinlebende Menschenmasse.

Tun Sie das alles in dem Bewusstsein, dass nichts Ihnen gehört.

Sie müssen absolut nichts verändern, nichts verbessern, nichts verschlechtern,

Sie dürfen das ja nicht einmal,

in einer Welt voller restriktiver Urheberrechte ist jeder Eingriff durch eine dritte Person ein Verbrechen, eine Grenzüberschreitung.

Kulturelles Gut, in der Tat, gehört uns nicht allen, obgleich wir uns damit rühmen.

Es gehört dem oder der Einzelnen und einzig er oder sie entscheidet, was damit geschieht.

Alle wollen sich mitteilen – nur wenige machen mit, teilen.

Optimale Verhältnisse für einen parasitären Kritikjunkie,

fressen Sie ruhig die Untaten der anderen,

rufen Sie die Hotline an und pöbeln Sie,

wenn Sie mal wieder einen Rechtschreibfehler entdecken.

Gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu editieren.

Sie dürfen diese Arbeit missbilligen.

Werfen Sie sie an die Wand, wenn Sie mögen, stoppen Sie Türen damit,

halten Sie Fenster offen, machen Sie sich ein Lagerfeuer.

Aber Sie haben hierbei, welch ein Geschenk, die Freiheit, viel mehr zu tun.

Nehmen Sie sich den grässlichsten Text heraus, schreiben Sie ihn um,

verbreiten Sie die neue Version und wenn Sie mögen – verkaufen Sie sie einfach.

Machen Sie Kunst –

reißen Sie das Buch in Stücke und stellen Sie es aus.

Versuchen Sie sich an einem neuen Geschäftsmodell:

Dem Verkauf eingescannter Bücher zu einem Bruchteil des Originalpreises.

Statt 16,99 Euro könnten Sie auch nur 99 Cent verlangen.

Das ist ein guter Preis für eine über 350 Seiten dicke PDF.

Sie könnten auch alle Seiten scannen, die Texte digital extrahieren und sie dann auf eine eigene Internetseite mit vielen Werbeeinblendungen anbieten.

Sie sehen, die Möglichkeiten, Kapital daraus zu machen, aus der Freiheit, mit kulturellem Gut

tun und lassen zu können, was Sie mögen, sind äußerst vielfältig.

Doch: Bleiben Sie fair.

Nennen Sie die Namen der Urheber, wenn Sie schon Schandtaten mit ihren Werken

vollbringen.

Erlauben Sie den Menschen, Ihre eingescannten Dokumente weiterzuverwenden.

Seien Sie Teil einer gigantischen Menschenkette,

seien Sie Zündfunke in einer Gesellschaft, in der Menschen ihre kulturellen Erzeugnisse nicht mehr hermetisch abschließen, sondern für alle öffnen.

Damit eines Tages George Lucas nicht die einzige Person auf diesem Planeten ist, die digital neu bearbeitete Versionen von Star Wars auf den Markt schmeißen kann.

Sie und ich, wir wissen, was für eine schöne neue Welt das wäre.

Sie dürfen diese Arbeit missbilligen.

Sie dürfen aber – und das ist äußerst erstrebenswert – den Anspruch haben und den Anspruch stellen, dass der nackte Finger, der auf den Urheber zeigt, nichts weiter ist als der Anfang eines neuen Schöpfungsprozesses.

Kommentare

  1. Marcus Cyron
    27. September 2011 um 15:13 Uhr

    Und am 24. war das sogar noch besser, da der Ort den Vortrag noch besser mit trug. Eine grandiose Leistung. Und am Ende alles sehr sinnig. Obwohl ich ja Lucas’ digital remasterte SW-Filme gut finde… ;)

  2. Achim
    27. September 2011 um 12:01 Uhr

    Wow, sehr prima!

  3. Nichts zu editieren » Von markus » netzpolitik.org
    27. September 2011 um 07:58 Uhr

    […] Behroz trägt seinen Text “Nichts zu editieren” vor. Dieser wurde ursprünglich am 24. September 2011 im Rahmen der Buchpräsentation des […]

  4. Hier gibt es nichts zu editieren. » antischokke
    26. September 2011 um 23:24 Uhr

    […] der Wikipedia-Buchpräsentation hat Khesrau Behroz diesen wunderbaren Text zum Besten gegeben. Wikimedia Deutschland hat ihn nun noch mal vor die Kamera gezerrt und um Wiederholung […]

  5. […] Mehr Infos zu diesem großartigen Vortrag und den vollständigen Text gibt es im entsprechenden Blogbeitrag bei Wikimedia Deutschland. […]

  6. Attila Albert
    26. September 2011 um 22:56 Uhr

    Ganz großartig!

  7. Finanzer
    26. September 2011 um 22:49 Uhr

    Wow, einfach nur wow. Vielen Dank für dieses geniale Stück.

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