Wikimedia: Jederzeit spielend leicht

»Es ist so dunkel, ich hör dich nicht.« Mein erstes Aufeinandertreffen mit Gehörlosen brachte mich zum Schmunzeln, aber auch zum …

  • Maria Schiewe
  • 6. Oktober 2009

»Es ist so dunkel, ich hör dich nicht.« Mein erstes Aufeinandertreffen mit Gehörlosen brachte mich zum Schmunzeln, aber auch zum Nachdenken. Gegen welche Barrieren Blinde ankämpfen, damit hatte ich mich schon länger beschäftigt. Aber welche Schwierigkeiten Menschen mit Lernbehinderung oder mit motorischen Einschränkungen haben, wusste ich nicht. Das Gehörlose eine eigene Kultur haben, war mir unbekannt. Eines fasziniert mich dabei immer wieder: Wie das Internet von allen Menschen genutzt werden kann, um selbstbestimmt am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Um einzukaufen, zu plaudern, zu lernen. Selbstbestimmt tätig werden zu können, ist für Menschen mit Behinderungen wichtig.

Der unkomplizierte Zugang zu Informationen ist für uns alle essentiell und sorgt für eine schnelle Entwicklung unserer Gesellschaft. Wie schön, den exzellenten Artikel zum Kinderlied Drei Chinesen mit dem Kontrabass in Sekundenschnelle abrufen zu können, ohne erst eine Enzyklopädie in der Bibliothek ausleihen zu müssen. Noch erfreuter ist darüber meine blinde Freundin, die sich das Einscannen des Textes aus dem Buch sparen kann und keine sehende Hilfe benötigt. Enttäuscht ist dagegen mein gehörloser Bekannter, weil er kein Gebärdensprachvideo zu dem Artikel anschauen kann.

Wir müssen das Potential der technischen Möglichkeiten nutzen und unsere Wikimedia-Projekte für alle leicht zugänglich und intuitiv nutzbar machen. Die Wikipedia Usability Initiative ist auf dem Weg zu einer besseren Benutzerschnittstelle für MediaWiki. Hervorragend, endlich steht der Nutzer im Vordergrund! Ich möchte mich als Nutzer schließlich nicht dem Diktat der Technik unterwerfen, die Technik soll mich unterstützen. Mit dieser Motivation habe ich dieses Jahr als Beisitzer für Wikimedia Deutschland kandidiert. Tim und ich verfolgen daher in unserem Ressort Usability/Technik das Ziel eines »Vorzeige«-Wissensportals aus Sicht der Barrierefreiheit und Gebrauchstauglichkeit.

Wir haben für die nächsten fünf Jahre sieben ambitionierte Ziele definiert.

  1. Wikimedia gilt als Referenz für ein barrierefreies und gebrauchstaugliches Web.
  2. Der Anteil der Leser und Autoren mit Behinderungen spiegelt ihre Verteilung in der Bevölkerung wider.
  3. Ausgewählte Artikel liegen als gesprochene Wikipedia und in Gebärdensprache vor.
  4. Wikimedia ist allgegenwärtig und integriert.
  5. Wikimedia-Projekte sind jederzeit nutzbar.
  6. Commons ist das größte freie Medienarchiv. Für jedes Ereignis der neuesten Geschichte gibt es ein freies Mediendokument.
  7. Es gibt ein etabliertes Standardformat (Metadaten) für Wissen.

Im Kompass 2020 findet ihr diese Ziele ausführlicher erklärt und habt die Gelegenheit, diese direkt zu kommentieren. Jetzt sind wir auf eure Hilfe angewiesen. Kommentiert unsere Vorschläge. Meldet euch für das Planungsteam Usability/Technik. Bringt euch ein, wie ihr es am besten könnt. Aber bleibt nicht aktionslos. Tim und ich sind gespannt auf eure Rückmeldung.

  1. Ein sehr schöner Beitrag – auch sehr schön zu lesen; danke dafür.

    Eine Frage sei mir erlaubt, da sie hier gerade für Diskussion sorgte: Wieso bedarf es eines Gebärdensprachenvideos für einen sehenden und tauben Menschen?

    In Sachen gesprochene Wikipedia sind wir seit vorgestern einen Schritt weiter: Das neu erschaffene Portal ist jetzt an prominenter Stelle auf der Hauptseite verlinkt, langes Suchen nach dem Projekt sollte damit hoffentlich der Vergangenheit angehören. Vielleicht kannst du aber deine blinde Freundin dazu bringen, die Nutzbarkeit des Portals und Projekts mal zu checken – mein altersbedingt sehbehinderter Freund und WP-Autor hilft mir dort bereits nach Kräften.

    Gruß,
    Achim

    Kommentar von Achim am 6. Oktober 2009 um 19:04

  2. @Achim: Ich freue mich, dass dir der Beitrag gefällt.

    Ich habe versucht, auf der Meta-Seite deutlich zu machen, warum Gehörlose Gebärdensprachvideos brauchen: für sie ist die Schriftsprache eine Fremdsprache. Wir merken selbst, dass das geschriebene und das gesprochene Wort voneinander abweichen – mal weniger, mal mehr. Das geschriebene und das gebärdete Wort sind meilenweit entfernt. Die deutsche Gebärdensprache hat eine andere Grammatik. (Seit 2002 ist sie daher als Sprache in Deutschland anerkannt und Gehörlose haben das Recht auf einen Dolmetscher.) Wenn Gehörlose also unsere Artikel lesen, ist es vielleicht so, als ob wir einen Artikel auf Englisch lesen – oder einer anderen Fremdsprache, die wir gelernt haben.

    Ich habe mich sehr über das Portal zur gesprochenen Wikipedia gefreut! Ich hoffe, es werden viele neue Artikel hinzukommen. (Welchen Spaß das Einsprechen machen kann, weiß man erst, wenn man’s einmal versucht hat.) Meine blinde Freundin werde ich bitten, die Portalseite anzuschauen. Derweil kannst du aber gern bei der Biene-Meldestelle nachfragen, ob sich weitere blinder Nutzer finden, welche die Portalseite prüfen.

    Kommentar von Maria am 6. Oktober 2009 um 19:51

  3. Hallo Maria,
    Die Portalseite ist sehr gut les- und nutzbar. Ich würde gern mal einen Artikel für Wiki verfassen, bin mir aber noch nicht darüber im Klaren, was ich da alles beachten muss.

    Liebe Grüße!

    Anne

    Kommentar von Anne Kochanek am 12. Oktober 2009 um 13:40

  4. @Anne: Da wird sich Achim freuen, dass die Portalseite gut funktioniert. Vielen Dank fürs Testen.

    Um als Neuling einen leichteren Einstieg zu haben, gibt es seit 2007 ein sogenanntes Mentorenprogramm. Mentoren, erfahrene Benutzer, stehen dabei freiwillig neuen Nutzern mit Rat und Tat zur Seite. Nach der Anmeldung in der Wikipedia, kannst du über die verlinkte Seite um einen Mentor bitten. Die Anmeldung selbst ist aber mit einer Barriere versehen: einem grafischen Zugangscode. Es gibt eine ausführliche Hilfseite für blinder Nutzer, die der Nutzer Lalü erstellt hat und dir einen guten Überblick geben sollte.

    Kommentar von Maria Schiewe am 14. Oktober 2009 um 12:38

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