Ganz wikimäßig stiegen wir am gestrigen Dienstag in den Workshop „Der Beitrag der Nutzer zur Barrierefreiheit“ ein. Die Aktion Mensch veranstaltete die Tagung „Konzepte und Zukunftsbilder für ein barrierefreies Internet“ und hatte Experten und Webworker eingeladen, über Barrierefreiheit im so genannten Web 2.0 zu diskutieren. Als Vertreterin von Wikimedia e.V. durfte ich den o.g. Workshop mit drei Experten moderieren. Das waren Michael Jendryschik als Webentwickler, Nicole Weißkopf vom deafhood blog bei chip.de und Maria aka Benutzer:lecartia als Vertreterin des BIENE-Projekts in Wikipedia.

Bereits am Abend zuvor konnten einige von uns in geselliger Kennenlern-Runde Berührungsängste und Lampenfieber etwas abbauen. Endlich konnte ich aus erster Hand (sic!) ein paar Gebärdensprach-Vokabeln lernen (Na, wie geht „Wikipedia“?) und erfahren, dass sich mit Spracheingabe-Software auch Perlcode programmieren lässt.

Aber zurück zum Workshop: Nachdem wir gemeinsam mit „meinen“ Experten für eine angenehmere Tischanordnung gesorgt hatten, damit wir uns auch anschauen konnten, änderten wir zum Einstieg kurzerhand auch noch den Workshoptitel, da wir uns einig waren, dass das Wort „kollaborativ“ schon die erste Barriere des Tages war. Vier Gebärdendolmetscherinnen (zwei fürs Publikum, zwei für Nicole) wechselten sich beim Übersetzen ab. Meine Sorge, dass meine Steno-Sprechweise ihnen zuviel wurde, stellte sich bald als unbegründet heraus.

Die Einstiegsfrage „Und, wer von Ihnen hat denn schon einmal Wikipedia genutzt und ist dabei auf Barrieren gestoßen“ löste unter den rund dreißig Teilnehmern im Publikum eine lebhafte Diskussion aus, so dass die folgenden zwei Stunden wie im Flug vergingen. Interessanterweise (wenn auch nicht wirklich überraschend) ging der Tenor der Verbesserungsvorschläge vor allem in Richtung Verständlichkeit: Die Texte der Wikipedia seien oftmals zu kompliziert oder unverständlich. Inhaltliche Zugänglichkeit wurde erheblich höher gewertet als technische; die Meinungen über den tatsächlichen Beitrag der Technik an Barrierefreiheit gingen zwar auseinander (von „30%“ bis „viel mehr“), aber man war sich einig, dass in Projekten wie Wikipedia vor allem Autoren sensibilisiert und motiviert werden müssen, die Zugänglichkeit für ihre Leser zu verbessern (und dieser Satz war mal wieder viel zu lang).

Auch zum „Wie“ konnten wir einige Anregungen mitnehmen. Als kleines Fazit haben wir u.a. festhalten:

  • Die Feedback-Wege, z.B. zum Melden einer Barriere, müssen kürzer werden.
  • Motivation: Es muss einfach Spaß machen, Wikipedia zugänglicher zu machen. Barrierefreiheit muss sexy sein!
  • Bei Neuentwicklungen muss Barrierefreiheit von Beginn an eingeplant werden – hinterher ist es immer schwieriger.
  • Verständlichere Sprache: Autoren können z.B. auch geschult werden, mir fällt dazu ein: Schreibworkshops veranstalten, Wettbewerbe durchführen, Bapperl verteilen…

Der Rest des Tages war angefüllt mit einer Fülle an Gesprächen und neuen Kontakten, so dass die meisten von uns sich am Abend völlig überdreht und müde auf den Weg nach Hause machten.

Ich bedanke mich auf diesem Weg ganz herzlich bei der Aktion Mensch für die Chance, an dieser Tagung aktiv teilnehmen zu dürfen und kolla-bor-a-dingens vielleicht die eine oder andere Idee für die Verbesserung der Wikipedia mitentwickeln zu dürfen.

P.S.: Nein, eine durchgängig etablierte Gebärde für „Wikipedia“ gibt es wohl noch nicht. In Österreich gebärdet man einen Wikinger (zwei Hörner am Kopf), unsere Dolmetscherinnen im Workshop benutzen die Gebärde für „Puzzle“ wegen des Logos, was mir rein optisch und auch von der Idee her gut gefiel. Mein Begriffsbildungs-Versuch, etwas mit der Gebärde für „Enzyklopädie“ zu machen, hat sich zumindest an diesem Tag nicht durchgesetzt ,-)

P.P.S.: Michael Jendryschiks Eindrücke finden sich in diesem Artikel, und aus der Teilnehmerperspektive schreibt Robert Lender in seinem Blogbeitrag.