Freie Bildungsmaterialien: Berlin geht voran

Jetzt bloß nicht wackeln! Berlin macht die Bildungslandschaft bunter. Foto: CC-BY 2.0 Nicki Varkevisser via flickr.com

Berlin könnte als erstes Bundesland Freie Bildungsmaterialien (Open Educational Resources, kurz OER) zum Teil seiner Bildungspolitik machen. Ein entsprechender Antrag passierte im Februar das Abgeordnetenhaus Berlin. Ein schöner Erfolg – auch für Wikimedia Deutschland. [Update 24. Februar: Bei Erscheinen des Artikels stand die Abstimmung des Abgeordnetenhauses noch aus. Der Artikel wurde nun entsprechend angepasst]

Wird Berlin das erste Bundesland, das OER zum Teil des Unterrichts macht? Es sieht so aus. Denn am 30. Januar beschloss der Ausschuss für Digitale Verwaltung des Berliner Abgeordnetenhauses mit den Stimmen von aller Fraktionen den Berliner Senat aufzufordern, “das Prinzip von offenen digitalen Bildungsressourcen (sog. „Open Educational Resources“) in der schulischen Bildung umzusetzen” – hier der Antrag als PDF). Am 20. Februar bestätigte das Abgeordnetenhaus den Beschluss.

Ein Erfolg für die OER-Bewegung – und für Wikimedia Deutschland

Die Initiative zur Einführung von OER geht auf einen Antrag der Piratenfraktion zurück, den die Regierungsparteien SPD und CDU inhaltlich aufgriffen (wir berichteten hier im Blog im Dezember 2013). Als Vertreter von Wikimedia sprach ich Ende 2013 als Sachverständiger im Ausschuss (hier das Wortprotokoll). In meiner Stellungnahme lobte ich den Regierungsantrag – und mahnte zwei Dinge an:

  • Die Verwendung wirklich freier Lizenzen – also solcher, die freie Nachnutzung und Veränderung der Materialien ermöglichen, wozu auch eine kommerzielle Nachnutzung zählt. Im ursprünglichen Antrag war nur vage von “Creative Commons Lizenzen” die Rede gewesen.
  • Die Inklusion von Bildungsträgern und -institutionen sowie zivilgesellschaftlicher Organisationen (wie Wikimedia Deutschland) in den Beratungsprozess. Im Antrag von SPD und CDU wurden lediglich Verlage und lokale Unternehmen explizit genannt.

Das in unseren Augen größte Problem war dabei die Lizensierung: Als erstes Bundesland, das ernsthaft die Einführung von OER in den Unterricht vorantreibt, hat Berlin Vorbildcharakter. Würden hier “unfreie” Lizenzen genutzt, wäre dies ein schlechter Start für die Rahmenbedingungen für frei lizensierte Bildungsmaterialien in Deutschland insgesamt gewesen.

Auf unsere beide Punkte wurde in der Tat eingegangen, obgleich nicht in dem Ausmaß, das wir uns erhofft hätten: Im finalen Antrag ist von “CC by sa [sic]”-Lizenzen die Rede, die „anzustreben“ seien. Eine schwache Formulierung, aber besser als keine. Und: Der beschlossene Antrag benennt nun neben den Verlagen auch “bestehende öffentlich geförderte Institutionen” sowie “Bildungsträger und -einrichtungen” als miteinzubeziehende Partner. Die Zivilgesellschaft fehlt aber nach wie vor.

Insgesamt sind wir dennoch zufrieden: Unsere Vorschläge wurden aufgenommen. Und Berlin hat eine erste Hürde Richtung OER genommen. So zeigt sich auch Martin Delius von den Piraten höchst erfreut über den Erfolg.

Ein OER-Portal für Berlin?

Noch ist nichts in trockenen Tüchern. Und doch zeichnet sich im Antrag und den Äußerungen der Verantwortlichen eine klare Richtung ab. Wie die Berliner Zeitung skizziert, strebt das Land Berlin eine Portallösung an. In einer Datenbank, die innerhalb von zwei Jahren eingerichtet werden soll, können dann Lehrende Materialien austauschen und weiter entwickeln. Diese könnte vom Medienforum Berlin entwickelt werden. Die Qualitätssicherung würde dabei dem Land Berlin obliegen.

Wie dieses Portal genau aussehen kann, ist unklar. Aus unserer Sicht ebenfalls schwierig ist der ausschließliche Qualitätssicherungsanspruch der Verwaltung. Die Befürchtung liegt nahe, dass dies zu einer Bürokratisierung des Portals führen könnte und Nutzbarkeit dabei auf der Strecke bliebe. Gerade hier werden wir uns mit unserem durch die Wikimedia-Projekte riesigen Erfahrungsschatz weiter einbringen.

Bei allen Befürchtungen: Für uns steht Vordergrund, dass der OER-Stein ins Rollen gekommen ist. Ein Bundesland verfügt über deutlich weiter gehende Ressourcen als zivilgesellschaftliche Organisationen. Deshalb sind die aktuellen Beschlüsse zu dem Thema für uns ein Grund zur Freude.

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Dieser Eintrag wurde geschrieben von am Freitag, Februar 14th, 2014 um 18:20 Uhr und ist zu finden unter Bildung. Sie können diesen Beitrag mit RSS 2.0 Feed abonnieren. Sowohl Kommentare als auch Pings sind derzeit geschlossen.
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12 Responses to “Freie Bildungsmaterialien: Berlin geht voran”

  1. Marcus Cyron sagt:

    Dieses Projekt von WMDE bleibt dennoch eine Totgeburt, weil es keinen Bezug zu einer Community des Freien Wissens gibt. Ein Projekt das es nur um seiner Selbst Willen gibt. Darum wird es bei der nächsten WMDE-MV jetzt auch den angedrohten Antrag zum Einstellen dieses Bereiches geben.

  2. peter sagt:

    Jetzt weiß ich wofür die Spenden benötigt werden, um einen Wasserkopf bei Wikimedia Deutschland zu finanzieren. Wieviele „Mitarbeiter“ hat Wikimedia Deutschland momentan? Was haben diese bisher zur Wikipedia inhaltlich beigetragen? Ich vermute auf letztere Frage nichts bzw. nahe NULL im Vergleich zu den vielen freiwilligen Schreibern! Gerne sehe ich den Beweis des Gegenteils, ich vermute jedoch auch hier, es gibt den Beweis nicht.

  3. Daniel sagt:

    @peter, natürlich tragen die bezahlten WMDE-Mitarbeiter inhaltlich nicht direkt zur Wikipedia bei. Weil das nicht ihre Aufgabe ist. So, und jetzt kannst Du woanders weitertrollen.

  4. Goldzahn sagt:

    Damit fängt ein neues Kapitel an. Das wird aufregend.

  5. Sebastian Horndasch sagt:

    @Marcus: „Wikimedia Deutschland e.V. ist ein gemeinnütziger Verein, der sich für die Förderung Freien Wissens einsetzt.“ OER meint Freies Wissen im Bildungssektor. Und wenn wir Freies Wissen fördern möchten, müssen wir auch gesellschaftspolitisch arbeiten. Das tun wir mit OER. Die Rahmenbedingungen für Freies Wissen sind in Deutschland alles andere als gut. Es ist notwendig, hier Druck zu machen. Und wer wäre besser geeignet, hier die Stimme zu erheben, als Wikimedia?

    Wir können das auch gerne mal persönlich diskutieren – ich stelle mich auch kritischen Diskussionen mit Freude.

    Beste Grüße

    Sebastian

  6. grünzel sagt:

    Sebastian, dass du als Mitarbeiter da eine andere Sichtweise hast, ist nur allzu verständlich. Aber sehen wir den Tatsachen ins Auge: Das Anliegen von Marcus ist goldrichtig.

  7. Cornelius sagt:

    @Grünzel finde ich halt nicht. WMDE ist kein reiner Wikipedia-Fanclub. Deswegen hat ein derartiges Anliegen auch seine Berechtigung, gerade wenn (und weil) sich der Verein „Freies Wissen“ im Allgemeinen auf die Fahnen geschrieben hat (…ihm durch die Gründungsmitglieder geschrieben wurde, ehem).

  8. Sebastian Horndasch sagt:

    (Ich antworte als Privatier und Vereinsmitglied:) Danke, Cornelius. Hinter der Kritik von Günzel und Marcus steckt in meinen Augen die grundsätzliche Frage, was WMDE ist. Die Entscheidung, über die konkreten Projekte hinaus gesellschaftspolitisch wirken zu wollen, ist vor langer Zeit gefallen. Natürlich ist diese Ausrichtung nicht unanfechtbar. Es anders zu sehen ist legitim. Ich fände es aber sinnvoll, dann mit der Kritik auch bei dieser Grundsatzfrage anzusetzen und nicht beim Unterthema OER, das ja nur eine von vielen konkreten Vergegenständlichungen des Vereinsauftrages ist.

  9. Heinrich Martens sagt:

    „Die Entscheidung, über die konkreten Projekte hinaus gesellschaftspolitisch wirken zu wollen, ist vor langer Zeit gefallen.“

    Herr Horndasch, dann können Sie sicherlich auch erläutern, wer diese Entscheidung gefällt hat? Und gleich aufzeigen, wie diesem unsäglichen Aktionismus an Vereinsmitgliedern und Wikipedia-Community vorbei ein Ende bereitet werden kann?

  10. Sebastian Horndasch sagt:

    Mein Tipp: Mehrheitsentscheidungen.

  11. Heinrich Martens sagt:

    Wären Sie dann so freundlich, mich auf einen entsprechenden Entschluss eines Vereinsgremiums zu verweisen?

  12. Wikimedia Blog » Blog Archive » Fre... sagt:

    […]   […]

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