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Berlin als Vorreiter für Freie Bildungsressourcen?

WMDE allgemein

16. Dezember 2013

Sollen Freie Bildungsmaterialien (Open Educational Resources, kurz OER) Teil der Berliner Bildungslandschaft werden? Und wie könnten konkrete Lösungen aussehen? Darüber diskutierte am 9. Dezember der Ausschuss für Digitale Verwaltung, Datenschutz und Informationsfreiheit des Abgeordnetenhauses Berlin. Zu den anwesenden Sachverständigen zählte neben Vertretenden der Schulbuchverlage, iRights, der HTW Berlin und des Philologenverbandes auch Sebastian Horndasch als Vertreter von Wikimedia Deutschland. Ein Sachstandsbericht. [Update 06.01.13: Protokoll steht online]

Thema OER: Alle politischen Farben sind an Bord. Zumindest in Berlin. Foto: Guillermo Viciano CC-BY-SA via flickr.com

Langsam gewinnt das Thema Freie Bildugsressourcen an Fahrt. Im September führten wir mit der OER-Konferenz die erste Großveranstaltung zum Thema in Deutschland durch. Im Herbst startete die EU-Kommission mit Opening Up Education eine Initiative, die die breite Einführung von OER im Bildungsbereich zum Ziel hat. Und in Berlin gibt es jetzt eine Länderinitiative zu OER in Deutschland, die eine reale Chance auf eine praktische Umsetzung hat. Man reibt sich überrascht die Augen: Hier sind nicht nur die Piraten und die Grünen für die Initiative; auch die Fraktionen von CDU und SPD stehen hinter einem Pro-OER-Antrag.

Aber erzählen wir die Geschichte von Beginn an. Den Anfang machten die Piraten. Im März 2013 beantragten sie, dass der Senat die Implementierung von OERs prüfen solle (Drucksache 17/0888). Eine wunderbare Sache, aber für sich noch keine große Nachricht: Piratenanträge werden häufig von der Mehrheit abgeschmettert. Nicht so in Berlin. SPD und CDU reagierten im August mit einem eigenen Antrag zum Thema (Drucksache 17/1130). Dieser enthielt ebenfalls einen Prüfungsauftrag – allerdings verbunden mit einer über den Piratenantrag hinaus gehenden klaren Botschaft:

Der Senat von Berlin wird aufgefordert, das Prinzip von offenen digitalen Bildungsressourcen (sog. „Open Educational Resources“) in der schulischen Bildung umzusetzen.

Ein Satz, der sitzt. Ein vielversprechender Anfang. Leider enthält der Antrag im Weiteren auch aus unserer Sicht kritische Passagen: So nennt er Schulbuchverlage als mit einzubeziehende Partner, nicht aber Zivilgesellschaft und Bildungseinrichtungen. Auch ist zwar die Rede von Creative Commons Lizenzen, nicht jedoch davon, welche genau gewählt werden sollen. Aber beides scheinen lösbare Details zu sein.

Viel Rückenwind für OER: Die Anhörung

Am 9. Dezember nun diskutierte der Ausschuss für Digitale Verwaltung, Datenschutz und Informationsfreiheit des Abgeordnetenhauses über beide Anträge – hier das Protokoll. In unserer Stellungnahme (hier als PDF) forderten wir zweierlei:

1. Durch das Land Berlin kuratierte OER sollten der Open Definition genügen, also sowohl veränderbar sein, als auch eine kommerzielle Nachnutzung zulassen. Wir schlagen dabei CC-BY-SA vor.

2. Zivilgesellschaft und Bildungseinrichtungen sollten in den Beratungsprozess zu OER miteinbezogen werden.

Neben uns sprachen sich auch Debora Weber-Wulff von der HTW Berlin sowie Philipp Otto und Paul Klimpel von iRights uneingeschränkt für die Einführung von OER in Berlin aus. Ebenfalls positiv äußerte sich Ferdinand Horbat vom Philologenverband, der vor allem eine technisch und didaktisch saubere Umsetzung anmahnte.

Kritisch war dagegen Wolf-Rüdiger Feldmann, der den Verband der Bildungsmedien e.V. vertrat. Er betonte die Funktion von Verlagen als Qualitätsanker, die in der Form nicht zu ersetzen sei. Außerdem hob er hervor, dass es bereits viele digitale und veränderbare Angebote der Verlage gebe und er nur ein sehr geringes Interesse in der Lehrerschaft für Freie Bildungsressourcen sehe. In Teilen skeptisch äußerten sich ebenfalls Burkard Dregger von der CDU sowie Staatssekretär Mark Rackles. Beide stellten die Qualität von OER in Frage. Burkard Dregger betonte, dass er als Jurist zwar auch gerne Wikipedia nutze, in seiner Arbeit aber auf Fachbücher zurück greife, die von höherer Qualität und Zuverlässigkeit seien.

Die Verteter von SPD, Grünen, Linken und den Piraten fragten durchweg positiv und konstruktiv. Zentrale Punkte dabei: Wie kann Qualität und Freiheit von Lobbyinteressen bei OER sichergestellt werden? Was könnten die ersten Schritte des Landes Berlin sein? Und warum sollten OER unter eine Lizenz gestellt werden, die auch eine kommerzielle Nachnutzung erlaubt?

Unsere Antworten

Qualität: Zunächst betonten wir, dass die aktuelle Qualität von Schulbüchern bei weitem nicht ideal sei, wie schon der Schulbuchtest von Stiftung Warentest 2007 zeigte. Überschrift des Tests: “Schlechtes Zeugnis”. Im Gegenteil sind wir überzeugt, dass die breite Nutzerschaft von Freien Bildungsressourcen – und die damit einhergehenden Feedbackmöglichkeiten – ähnlich wie bei Wikipedia die Qualität von Bildungsressourcen deutlich erhöhen würde.

Erste Schritte: Als erste Schritte rieten wir dem Land Berlin dreierlei: 1. Alle staatlichen Werke unter freie Lizenzen stellen – so würden indirekt eine große Menge an OER geschaffen. 2. Ein OER-Pilotprojekt finanzieren. Das Land Berlin könnte die Schaffung von einen oder mehreren Lehrbüchern kuratieren, die dann unter freie Lizenzen gestellt würden. 3. Einen Qualitätssicherungsmechanismus einführen. Die genaue Funktionsweise wäre dabei zu erarbeiten.

Kommerzielle Nachnutzung: Wir betonten, wie schnell eine legitime Nachnutzung kommerziell wird. Würden die Materialien unter eine nichtkommerzielle Lizenz gestellt, könnten unter anderem freie Schulen sie nicht nutzen. Schon eine Verwendung in einem Blog, das auch Werbung enthielte, wäre ausgeschlossen. Daneben bestünde das Risiko einer Insellösung, die lizenzrechtlich nicht kompatibel zu anderen OER wäre. Und dies könnte ein Scheitern des Projektes bedeuten.

Wie es weiter geht

Wir haben den Parteien Ideen geschickt, wie der Antrag der Regierungsfraktionen dahingehend verbessert werden kann, dass tatsächlich offene Lizenzen genutzt werden und dass auch Zivilgesellschaft und Bildungsinstitutionen in die Beratungen mit einbezogen werden. Wir hoffen, dass unsere Vorschläge im weiteren Beratungsprozess mit aufgenommen werden.

Im neuen Jahr entscheidet der Ausschuss über die Anträge. Nach der Anhörung bin ich optimistisch, dass das Abgeordnetenhaus den Senat mit einer Prüfung des Potentials von OER für das Land Berlin beauftragen wird. Das Ergebnis der Prüfung ist natürlich offen. Es liegt noch ein langer Weg vor uns. Wir werden uns 2014 weiter in den Prozess einbringen – und hier im Blog darüber berichten.

Update 06.01.2013: Das Protokoll steht online

Das Protokoll der Anhörung kann hier öffentlich eingesehen werden.

Kommentare

  1. Wikimedia Blog » Blog Archive » Ber...
    7. Januar 2014 um 13:36 Uhr

    […]   […]

  2. Sebastian Horndasch
    7. Januar 2014 um 09:59 Uhr

    Hallo Herr Riemer,

    ein spannendes Projekt, ich komme gerne!

    Herzlichst

    Sebastian Horndasch

  3. Martin Riemer
    7. Januar 2014 um 09:34 Uhr

    Sehr geehrter Herr Horndasch,

    passend zum Thema möchte ich Sie gerne zum OER-Marktplatz in der Evangelischen Schule Berlin Zentrum (ESBZ) einladen:

    Am 16. Januar findet in der ESBZ ein Marktplatz statt, auf dem Schülerinnen und Schüler der Klassenstufen 7-9 ihre selbsterstellten OER-Prototypen vorstellen werden.
    Diese Prototypen entstanden im Rahmen des Projektes “Schülerinnen und Schüler machen OER”, durchgeführt von Metaversa e.V. und der Evangelischen Schule Berlin Zentrum, gefördert durch die Medienanstalt Berlin-Brandenburg.

    Wann und Wo:
    16.01.2014
    18:00 h
    Evangelische Schule Berlin Zentrum
    Wallstraße 32
    10179 Berlin-Mitte
    Mehr Infos zum Projekt: http://metaversa.de/oer/?page_id=2

    Ich würde mich freuen, Sie dort kennenzulernen,
    mit freundlichen Grüßen,

    Martin Riemer, Metaversa e.V.

  4. Rainer Ostendorf
    5. Januar 2014 um 16:35 Uhr

    “Gebildet ist, wer weiß, wo er findet, was er nicht weiß.” Georg Simmel (1858-1918)

    Der Artikel und die Webseite gefallen mir.
    Schöne Grüsse aus der Freidenker Galerie

    Rainer Ostendorf
    http://www.freidenker-galerie.de

  5. Sebastian Horndasch
    17. Dezember 2013 um 14:31 Uhr

    Lieber Jörn,

    danke für den Hinweis! Die Antwort auf die Anfrage aus Bremen wollen wir demnächst auch hier im Blog diskutieren.

    Viele Grüße! Sebastian

  6. Sebastian Horndasch
    17. Dezember 2013 um 14:30 Uhr

    Hallo Marcus,

    naja, in der Überschrift und immer wieder im Text haben wir in erster Linie den deutschen Begriff verwendet. OER als Abkürzung ist aber fachlich geläufig, ich würde Menschen ungern mit “FBR” (für Freie Bildungsressourcen) verwirren. Du hast natürlich Recht damit, dass man in Fachdiskursen mitunter zu sehr zum Englischen neigt. Das stört mich genauso wie dich. Aber dieser Post scheint mir da kein gutes Beispiel zu sein.

    Herzliche Grüße!

  7. Marcus Cyron
    17. Dezember 2013 um 13:17 Uhr

    Wenn man aufhört das “OER” zu nennen, würde man vielleicht noch mehr Erfolg haben. Man darf auch die deutsche Sprache nutzen. Die wird allen Ernstes in diesem Lende noch von einer kleinen Minderheit gesprochen…

  8. Jörn
    17. Dezember 2013 um 11:25 Uhr

    Auch in Bremen hat man angefangen, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Es gibt eine kleine Anfrage der SPD-Fraktion (mit Antwort): http://www.rhhb.de/tag/oer/

  9. Sebastian Horndasch
    17. Dezember 2013 um 10:23 Uhr

    Hi Cornelius,

    danke, ja. Es ist erst einmal ein sehr positiver Start. Hoffen wir, dass es auch so weiter geht. Noch ist nichts gewonnen.

    Viele Grüße!

    Sebastian

  10. Cornelius
    16. Dezember 2013 um 22:27 Uhr

    Wow, das klingt ja unglaublich positiv!

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