Franziska Kelch
6. August 2026
Unter dem Motto „Liberté, Équité, Fiabilité“ (Freiheit, Gleichheit, Verlässlichkeit) kamen 1.250 Menschen aus der Wikimedia Bewegung in der französischen Hauptstadt zusammen. Weitere 2.000 Teilnehmende waren online dabei. Fünf Tage lang ging es um die Frage: Wie können wir gemeinsam den freien Zugang zu Wissen stärken – und dabei soviel Spaß wie möglich haben?
Ist KI unsere Konkurrenz?
Wenn es nach Audrey Tang, der ehemaligen taiwanesischen Digitalministerin und Entwicklerin für freie Software geht, lautet die Antwort ganz klar: Nein! „Don’t let it be a race. Wikipedia never tried to win.“ Es geht nicht ums Gewinnen, sondern um Teilhabe an verlässlichem Wissen für alle.
Unterdessen plädierte Jan-David Franke von Wikimedia Deutschland in seinem Lightning-Talk dafür, Wikipedia als „öffentlichen digitalen Luxus“ zu sehen. Seine Argumentation inspiriert dazu, die Wikimedia-Projekte als Gegenentwurf zu den digitalen Produkten und KI-Anwendungen der großen Tech-Konzerne zu begreifen. Ein Gegenentwurf, der den Weg zu einem menschenfreundlichen und offenen Internet für alle aufzeigt.
Zur Aufzeichnung des Lightning-Talks:
Lane Becker von Wikimedia Enterprise wies darauf hin, dass die Wikipedia in Zeiten von vermehrter KI-Nutzung viele Alleinstellungsmerkmale hat: Sie steht für Genauigkeit, Nachvollziehbarkeit und Differenziertheit sowie für all das Menschliche, was eine Maschine, die in erster Linie aus Textmengen Mittelwerte errechnet, nicht kann.
KI als Hürde für den Wissenszugang
Generative KI ist nicht nur unfähig, Wissen zu erzeugen. Sie hat auch das Potenzial, das globale Gefälle beim Zugang zu Wissen zu verstärken. Das zeigten auf der Wikimania die Sozialwissenschaftlerin Anwesha Chakraborty und die Neurowissenschaftlerin und Wikipedianerin Netha Hussain. Beide haben Wikipedia-Aktive zu ihren Erfahrungen mit generativer KI befragt. Die Sprachen der Befragten: Bangla, Englisch, Malayalam, Italienisch, Schwedisch und Telugu.
Alle Befragten berichteten von den bekannten Problemen: Chatbots präsentierten ihnen Unwahrheiten als Fakten sowie erfundene Quellen. Vor allem diejenigen, die sogenannte kleinere Sprachen sprechen, waren zudem mit weiteren Auffälligkeiten konfrontiert. Dazu gehörten Antworten mit einem Satzbau, der „lächerlich“ falsch war. Regelmäßig scheiterten die KI-Anwendungen an den kulturellen Charakteristika der Sprache. Einige berichteten sogar, dass die Künstliche Intelligenz Wörter erfand, die es in ihrer Sprachen gar nicht gibt.
Der Grund: Die Trainingsdatenbasis ist vergleichsweise klein und KI-Unternehmen investieren vor allem in generative Modelle in Sprachen wie Englisch oder Deutsch. Das absurde daran: Telugu wird von über 80 Millionen und Malayalam von rund 35 Millionen Menschen gesprochen.
Wollen wir KI nutzen?
Wenngleich generative KI kein Wissen erzeugen kann, stand bei der Wikimania immer wieder die Frage im Raum: Können wir uns KI-gestützte Werkzeuge zunutze machen? Die Antwort darauf muss natürlich jede Wikipedia-Community für sich selbst finden. Die Antwort darauf muss natürlich jede Wikipedia-Community für sich selbst finden. Wenn es um das Schreiben von enzyklopädischen Artikeln geht, sind generative KI-Anwendungen nicht geeignet. Werkzeuge, in denen unterschiedliche Formen von KI zum Einsatz kommen, könnten Ehrenamtliche jedoch künftig bei anderen Aufgaben unterstützen – etwa beim Aufspüren von Vandalismus, Formfehlern oder veralteten Inhalten sowie bei Übersetzungen und beim Erkennen von Texten, die mit generativer KI erstellt wurden.
Wichtig dabei: KI-Anwendungen können Assistenten sein, aber Autor*in bleibt der Mensch. Denn nur Menschen können Hinweise von KI überprüfen, kritisch hinterfragen und im Zweifel über Inhalte diskutieren und Entscheidungen gemäß der Wikipedia-Prinzipien treffen.
Neue Ideen für neue Werkzeuge
Die Wikimania Team Challenge brachte über 200 Wikimania-Teilnehmende aus verschiedenen Wikimedia-Projekten zusammen. Das Ziel: In 17 Teams entwickeln sie Ideen für Werkzeuge, mit denen verschiedene Herausforderungen in Wikipedia, Wikimedia Commons oder Wikidata angegangen werden könnten. Dabei ging es unter anderem um das Aufspüren von veralteten Inhalten oder das Aktualisieren und Reparieren von Quellenangaben. Auch zur Frage, wie Wikipedia multimedialer oder das Bearbeiten spielerischer werden kann, wurde experimentiert.
Wie bleiben Quellen verlässlich?
Diese Frage stand auf der Wikimania im Rahmen der Team-Challenge und in weiteren Workshops im Mittelpunkt. Denn das ist es, was Wikipedia so vertrauenswürdig macht: Die Inhalte sind mit Quellen belegt und werden von Menschen geprüft. Angesichts der Vielzahl von Artikeln eine Herkulesaufgabe. Deswegen entwickeln Wikipedianer*innen immer wieder Werkzeuge, die diese Arbeit erleichtern.
Eine mögliche Antwort aus der Team Challenge lautet: CiteFix. Diese Erweiterung für die Wikipedia-Software MediaWiki kann einige fehlerhafte oder kaputte Quellenangaben in Artikeln aufspüren. Wenn Nutzende CiteFix installiert haben, leitet das Toll sie direkt zum Editor weiter und macht einen Vorschlag für die Korrektur – die Wikipedianer*innen dann annehmen oder ablehnen können. Das Tool wird aktuell weiterentwickelt.
Mit Herz und Humor
Neugier und Wissensdurst, Genauigkeit und Verantwortungsbewusstsein, Idealismus und Großzügigkeit – das sind Eigenschaften, die viele Menschen mitbringen, die Wissen mit der Welt teilen. Bei der Wikimania zeigt sich: Herz und Humor gehören ebenso zur Grundausstattung von Wikipedianer*innen.
Bei jeder Wikimania werden die Wikimedians of the Year ausgezeichnet. Und die Laudatios haben es oft in sich. Denn wer 10, 15, 20 oder mehr Jahre in einem Wikimedia-Projekt aktiv ist, hat in dieser Zeit oft viele Freunde gefunden, die begeisterte und emotionale Lobreden auf die Ausgezeichneten hielten.
Ohne Musik wäre keine Wikipedia-Feier denkbar. Dafür sorgen seit Jahren schon das WikiOrchestra und der WikiChoir. In diesem Jahr, ganz im Sinne der französischen Gastgebenden, mit klassischer französischer Musik. Und dann gab es noch eine Weltpremiere! Zur Melodie von „Oh, Champs-Élysées“ führten Orchester und Chor erstmals das Lied „Oh, Wikipedia“ auf.
Meet Baby Globe und Moppy the Mop
Wissen ist zwar menschlich, aber die Aktiven der Wikimedia-Bewegung besitzen eine unerschöpfliche Kreativität, wenn es darum geht, nicht-menschliche Maskottchen zu erfinden. Zwei davon waren auf der Wikimania zu Gast. Baby Globe, das Maskottchen zum 25. Geburtstag der Wikipedia, war eines der beliebtesten Fotomotive bei der Konferenz.
Aber Baby Globe war nicht allein. Auch Moppy the Mop trieb sich in den Hallen der Cité des sciences et de l’industrie herum. Das Maskottchen der sogenannten „User with extended rights“ wurde bei der Wikimania 2025 in Nairobi zum Leben erweckt. Benutzer mit erweiterten Rechten sind Administrator*innen und andere Ehrenamtliche, die besondere Aufgaben in den Wikimedia-Projekten wahrnehmen. Die Werkzeuge, die solchen Benutzer*innen zum virtuellen Aufräumen und Saubermachen zur Verfügung stehen, werden oft mit dem Mop eines Hausmeisters verglichen.
Die Wikimania 2026 in Paris endete mit einem Ausblick in die Zukunft. 2027 wird sie Wikimania in Santiago, Chile stattfinden. Der Staffelstab wurde bereits in Paris übergeben.