Gesichter der Wikipedia
Wikipedia und Sportfotografie: Wie Stepro Sportler*innen sichtbar macht
Patrick Wildermann
20. Juli 2026
Takeaways
- Wikipedia als Einstieg in eine Profikarriere: Stepro begann mit einem einzigen korrigierten Filmeintrag – und wurde über die Wikipedia-Community zum professionellen Fotografen. Autodidaktisch, Schritt für Schritt.
- Fotos gehören in die Wikipedia: Wer Bilder macht und sie nur für sich behält, verschenkt ihre Wirkung. Auf Wikimedia Commons sind sie dauerhaft für alle zugänglich – und bereichern Artikel, die sonst kein einziges Bild hätten.
- Lücken füllen, die sonst niemand füllt: Im Frauen-Sport, bei regionalen Veranstaltungen, in Nischenbereichen – da fehlen Fotos. Wer dort fotografiert und hochlädt, macht Menschen und Themen sichtbar, die sonst nur wenig Aufmerksamkeit genießen.Freies Wissen braucht Gesichter: Artikel über Sportlerinnen, Politiker, Kulturschaffende sind ohne Porträtfotos unvollständig. Dein Bild kann das erste sein, das einen Artikel zum Leben erweckt. .
- Technikförderung macht den Unterschied: Stepros gesamte Kameraausrüstung stellt Wikimedia Deutschland, ein Teleobjektiv leiht er sich von Wikimedia Österreich. Ohne diese Unterstützung wären viele seiner Bilder nicht möglich.
- Offen ansprechen statt heimlich knipsen: Sein ultimativer Tipp für gute Bilder: Menschen erklären, wofür die Fotos gedacht sind. Die Reaktion ist fast immer positiv. Und das Bild wird besser.
Stepro, wann und wie bist du Wikipedianer geworden?
Das war vor ziemlich genau 20 Jahren. Wikipedia war damals noch gar nicht so bekannt. Ich habe den Film „Die Verurteilten“ geschaut, zu dem ich etwas wissen wollte, googelte und stieß auf den Wikipedia-Eintrag. Darin fand ich ein Detail, das nicht stimmte und habe es einfach geändert. Das war mein erster Edit. Ich dachte: Was passiert jetzt? Bricht die Hölle los? Es ist aber gar nichts passiert (lacht)! Die Änderung blieb, und ich dachte: Das ist ja cool!
Wie ging es weiter?
Ich habe nicht sofort große Artikel geschrieben, aber immer mal wieder Kleinigkeiten korrigiert oder erweitert – und irgendwann stellte ich fest: Die Wikipedia-Community veranstaltet auch Fotoworkshops. Gehe ich da doch einfach mal hin! Darüber kam ich zur Fotografie. Ich hatte damals nur Hosentaschen-Knipser, aber mein Interesse war geweckt. Ich fing an, Bilder auf Wikimedia Commons hochzuladen und in Wikipedia-Artikel einzubinden. Daraus wurde dann eine richtige Leidenschaft.
Wieviele Uploads auf Wikimedia Commons hast du inzwischen?
Um die 50.000 müssten es sein. Rund 1300 davon wurden von der Community als sogenannte „Qualitätsbilder“ ausgezeichnet. Das sind Bilder, die bestimmte Qualitätsstandards erfüllen und für die Wikimedia-Projekte nützlich sind. Dazu kommen ca. 20 „Exzellente Bilder“, die von Commons-Usern als die hochwertigsten auf der Seite gewählt werden – was mich natürlich sehr freut!
Was waren deine ersten Motive?
Tatsächlich Denkmäler. Damals, 2011, fand die erste deutschsprachige Ausgabe des Wettbewerbs Wiki Loves Monuments statt. Zusammen mit anderen Ehrenamtlichen bin ich fünf Tage lang durch Mittelhessen gezogen und habe Schlösser und Burgen fotografiert. Hinterher konnte ich dann einigermaßen fotografieren. Und ich fühlte mich noch mehr als Teil der Community. Ich war bereits ein Jahr vorher bei der ersten Skillshare in Lüneburg dabei, dem Vorläufer der WikiCon, die dann unter diesem Namen zum ersten Mal 2011 stattfand. Die habe ich auch besucht – und seitdem keine WikiCon verpasst.
Warum wolltest du deine Bilder allen frei zur Verfügung stellen?
Heute posten viele ihre Bilder auf Instagram oder anderen Kanälen, aber zu der Zeit, als ich anfing, hat man sich Fotos meist nur selbst angeschaut, sich darüber gefreut – und dann war’s das. Das fand ich schade. Deswegen fing ich an, sie bei Wikimedia Commons hochzuladen. Ich fand es auch einfach schön, wenn Wikipedia-Artikel Bilder bekamen und dadurch anschaulicher und lebendiger wurden. Egal, ob es um Schauspieler, Politiker, Sportler oder andere Persönlichkeiten geht – wenn man einen Artikel aufruft, möchte man doch einfach wissen, wie dieser Mensch aussieht. Es ist teilweise heute noch so, dass ich in Artikel das erste Bild einsetze, gerade im Sportbereich.
Wie bist du Fotoprofi geworden?
Das kam mit der Zeit. Wenn man so viele Jahre lang fotografiert, wird man automatisch besser, das ist ja hauptsächlich eine Frage von Erfahrung. Ich hatte beruflich lange Zeit befristete Arbeitsverträge, dachte dann an irgendeinem Punkt: jetzt versuchst du es mal mit der Selbstständigkeit – und bin dann tatsächlich professioneller Fotograf geworden. Komplett als Autodidakt. Klar habe ich Bücher gelesen und bei Workshops einiges gelernt. Aber im Prinzip geht es beim Fotografieren vor allem ums Machen. Man muss sich langsam ranarbeiten.
Was waren wichtige Learnings unterwegs? Was würdest du anderen raten, die anfangen wollen zu fotografieren?
Klein anfangen. Im Sportbereich habe ich zum Beispiel mit Frauenfußball begonnen. Heutzutage ist auch da die Konkurrenz größer, aber man kann immer noch in einer der unteren Ligen einsteigen. Und wenn man das eine Weile gemacht hat, geht man eben eine Liga höher. Das war jedenfalls mein Weg. Im Wintersportbereich fing ich damit an, Rodelwettkämpfe zu fotografieren. Wenn man erstmal ein paar gute Fotos vorzeigen kann, öffnen sich in der Regel weitere Türen. Beim Motorsport war es genauso. Ich fing mit Motorradrennen am Schleizer Dreieck an, habe es dann zur DTM geschafft, später zur Formel E – und schließlich eine Akkreditierung für die Formel 1 bekommen.
Warum der Einstieg mit Frauenfußball?
Mich hat Fußball eigentlich nie interessiert. Aber dann fand 2011 die WM der Frauen in Deutschland statt, ich war live beim Eröffnungsspiel im Berliner Olympiastadion dabei. Das fand ich cool. Danach habe ich um die Ecke von meinem Wohnort Erfurt, in Jena, ein Spiel der Frauen-Bundesliga besucht. Erstmal nur als Zuschauer. Ich dachte: Mal sehen, ob ich mit der Kamera reinkomme. Das war überhaupt kein Problem, ich konnte von der Tribüne aus in Ruhe meine Fotos machen. Dann fragte ich, ob ich vom Spielfeldrand Fotos für Wikipedia machen darf. Und es hieß nur: Klar, mach doch.
Wie leicht ist es, als Wikipedianer eine Akkreditierung für Sportveranstaltungen zu bekommen?
Es kommt drauf an. Für die Fußball-Champions League der Männer dürfte es schwierig werden. Aber zum Beispiel im Bereich Volleyball oder Basketball der Frauen sollte das kein Problem sein. Ich habe selbst eine Zeitlang die Basketball-Bundesliga der Frauen fotografiert – da war ich teilweise der einzige Pressevertreter. Auch in der Wikipedia oder auf Commons gab es dazu nichts. Diese Ungleichheit zwischen den Geschlechtern in Bezug auf die Aufmerksamkeit ist gerade im Sport schon krass. Der Wikipedia wird ja oft ein Gender-Gap vorgeworfen. Aber die Wurzeln des Problems liegen im echten Leben.
Was ist für dich der Unterschied zwischen einem Pressefoto und einem Foto für die Wikipedia?
Bei einem Pressefoto geht es meist um Actionszenen, für einen Personen-Artikel in der Wikipedia ist ein Portrait besser. Mir kommt das entgegen, weil ich sowieso am liebsten Porträtfotos mache. Ich gehe oft nach Sportveranstaltungen noch zu den Pressekonferenzen und lichte da die Menschen aus der Nähe ab. Ohne Helm oder Visier (lacht). Manchmal schreibe ich Leute auch direkt an, ob ich mit ihnen Fotos machen kann – wie zuletzt beispielsweise die Rennfahrerin Sophia Flörsch.
Auf welche deiner Bilder bist du besonders stolz?
Fotos von Siegerehrungen oder Jubeltrauben direkt nach einem Sieg finde ich am schönsten. Wenn Sportlerinnen oder Sportler eine Medaille umgehängt bekommen oder einen Pokal in die Höhe stemmen – das sind schon tolle Momente. Oder wenn ein Rennfahrer wie Pascal Wehrlein auf dem Podium seine kleine Tochter auf dem Arm hat – das war ein süßer Moment.
Was rätst du Menschen, die in der Wikipedia oder bei Wikimedia Commons mitmachen wollen?
Einfach machen. Klingt simpel, ist es auch (lacht). Schauen, was andere machen, sie fragen, wie sie es machen, vielleicht zu einem Treffen von Wikipedianern gehen oder an einer GLAM-Veranstaltung teilnehmen. Da sind auch immer Ehrenamtliche dabei, die fotografieren und gerne Tipps geben.
Was ist dein ultimativer Tipp für ein gutes Bild?
Es ist immer gut, Menschen ganz offen anzusprechen. Sagen, warum man die Fotos machen will und dass sie für die Wikipedia gedacht sind. Die Allermeisten reagieren darauf sehr positiv. Dann entsteht auch ein besseres Bild, als würde man heimlich aus der fünften Reihe jemanden fotografieren. Man sollte generell keine Fotos hochladen, auf denen Leute unvorteilhaft aussehen.
Meine Lieblingsbilder sind die von glücklichen MenschenStepro
So unterstützt Wikimedia Deutschland ehrenamtliche Fotograf*innen
Von Sportevents bis zu Kulturveranstaltungen braucht es oft Presseakkreditierungen. Wir unterstützen alle, die ehrenamtlich Bilder für Wikipedia und Wikimedia Commons machen möchten, bei der Beantragung.
Wer eine Profikamera oder ein Teleobjektiv für seine ehrenamtliche Arbeit benötigt, kann diese bei uns beantragen. Wir stellen Leihgeräte zur Verfügung – von Kameras bis hin zu teuren Objektiven.
So ist ehrenamtliches Fotografieren für Freies Wissen möglich
Erweitern Sie die Bilderwelt von Wikimedia Commons – der freien Mediendatenbank – und schließen Sie mit Ihren Fotos Lücken im weltweiten Wissensschatz. Zeigen Sie anderen, wie freie Bilder nachgenutzt werden können: