Kandidaturaufruf
Mitgestalten statt zuschauen: Erfahrungen aus dem Wikimedia-Präsidium
Zarah Ziadi
16. April 2026
Das Präsidium spielt eine zentrale Rolle im Verein: Es besetzt den geschäftsführenden Vorstand, begleitet dessen Arbeit und entwickelt die strategische Ausrichtung von Wikimedia Deutschland und damit von Wikipedia und Freiem Wissen weiter. Doch was bedeutet es eigentlich, diese Verantwortung ehrenamtlich zu übernehmen? Was motiviert Menschen dazu, zu kandidieren und was lässt sich wirklich bewegen?
Zum Abschluss ihrer Amtszeit blicken Valerie und Nora zurück: auf prägende Momente, Herausforderungen und das, was ihr Engagement für Freies Wissen ausgemacht hat. Gleichzeitig richtet sich der Blick nach vorn – auf all jene, die sich vorstellen können, selbst für das Präsidium zu kandidieren.
Was hat euch damals dazu bewegt, euch für das Präsidium von Wikimedia Deutschland aufstellen zu lassen?
Valerie: Ich kam als Kind mit meiner Familie als Flüchtlinge nach Deutschland und meine Eltern haben uns immer eingebläut: “Wissen ist das Wichtigste auf der Welt! Du kannst es überall mit hinnehmen und keiner kann es dir stehlen”. Deshalb war Wikipedia für mich immer ein tolles Projekt und ich wollte es unbedingt stärker unterstützen.
Nora: Ich war bereits mehrere Jahre Mitglied bei Wikimedia Deutschland und hatte in einem Workshop zur Erarbeitung der Vereinswerte mitgewirkt. Der intensive Austausch mit Freiwilligen, Mitgliedern des damaligen Präsidiums und Wikimedia Deutschland-Mitarbeitenden hat mir gezeigt, wie viel Leidenschaft und Engagement in dieser Community steckt. Diese Erfahrung und meine Begeisterung für die Wikipedia haben mich dazu motiviert, ein paar Jahre später zu kandidieren.
Valerie Mocker
1. Stellvertretende Vorsitzende
Valerie Mocker ist Digital-Unternehmerin und Tech-for-Good-Investorin mit Fokus auf gemeinwohlorientierte Digitalisierung. Sie verfolgt in ihrer dritten Amtszeit im Präsidium das Ziel, Wikimedia und das Movement innovativer und offener für Frauen und junge Menschen zu machen.
Für alle, die das Präsidium noch nicht so gut kennen: Was macht die Arbeit im Präsidium konkret aus?
Valerie: Das Präsidium ist ein toller Ort für dich, wenn du dich gerne strategisch einbringen und mitgestalten willst, z. B. bei Fragen wie “Wohin soll sich die Organisation in den kommenden fünf Jahren entwickeln?”, “Wird KI uns helfen oder schaden?” oder “Wie stellen wir sicher, dass unsere Projekte auch in Zukunft finanziert und von genügend Freiwilligen getragen werden?”.
Nora: Die Aufgaben im Präsidium sind sehr vielfältig. Sie reichen von großen, strategischen Fragen zur Ausrichtung des Vereins, seiner Rolle im internationalen Wikimedia Movement über Fundraising und konkrete Budgetfragen bis hin zur Entwicklung von Impulsen für mehr Sichtbarkeit der Wikipedia. In den beiden Präsidien, in denen ich mitwirken durfte, haben sich die Mitglieder stets gut ergänzt. Jede*r konnte die eigene Expertise einbringen, ohne alle Bereiche des Vereins abdecken zu müssen. Also keine Angst, wenn ihr kandidieren wollt, aber keine Fundraising-Expert*innen seid oder die Software Wikibase noch nicht kennt.
Nora Circosta
2. Stellvertretende Vorsitzende
Nora Circosta ist Vorständin des Vereins innn.it, der die gleichnamige Kampagnenplattform für einen positiven sozialen Wandel betreibt. Davor war sie in verschiedenen Organisationen aus dem Tech-Bereich und der internationalen Entwicklungszusammenarbeit tätig. Als Präsidiumsmitglied möchte sie einen Schwerpunkt auf Diversität legen und sich auf die Nachhaltigkeit des Vereins konzentrieren.
Was hat euch persönlich am meisten überrascht, als ihr eure Arbeit im Präsidium begonnen habt?
Nora: Besonders überrascht hat mich die Kultur des offenen Dialogs – sowohl innerhalb des Präsidiums als auch in Zusammenarbeit mit der Geschäftsstelle: Alle Fragen sind willkommen, über Herausforderungen wird klar gesprochen. Das gilt für alle Beteiligten, ob Präsidiumsmitglieder, Vorstand oder Mitarbeitende von Wikimedia Deutschland. Das führt zu einer Atmosphäre, in der auch komplexe oder schwierige Themen gemeinsam und inklusiv diskutiert werden können.
Valerie: Mich hat überrascht, wie viele Menschen jeden Tag ihr Herzblut in die Wikipedia und andere Wiki-Projekte stecken. Und wie toll wir von der Wikimedia Deutschland Geschäftsstelle unterstützt wurden – sie machen es uns so leicht wie möglich, neben unseren normalen Vollzeit-Jobs auch Präsidiumsmitglied zu sein. Zum Beispiel finden unsere Sitzungen immer am Wochenenden statt und bei all unseren Tätigkeiten können wir auch auf die Unterstützung eines hauptamtlichen Ansprechpartners zurückgreifen.
Was war für euch die größte Herausforderung in eurer Amtszeit?
Valerie: Ich hatte zwei sehr schwierige Schwangerschaften und mein erstes Kind wäre nach der Geburt fast gestorben. Ich teile das hier mit euch, damit alle, die sich Sorgen machen – “kann ich das Präsidium schaffen?” –, wissen: Egal, was das Leben dir in den kommenden Jahren zuwirft – dies ist eine tolle Organisation, die dich in jeder Lebenslage unterstützen und ermutigen wird, weiterzumachen.
Nora: Die Herausforderung, die schon vor meiner ersten Präsidiumssitzung heiß diskutiert wurde und wohl noch eine Weile aktuell bleiben wird, dreht sich um die Zukunft der Wikipedia und aller Wikimedia Projekte. Insbesondere jetzt angesichts der rasanten Entwicklung von KI und der sich wandelnden globalen Rahmenbedingungen, haben wir uns als Präsidium intensiv mit neuen und bewährten Ansätzen, etwa um neue Ehrenamtliche zu gewinnen oder mehr Lesende zu erreichen, auseinandergesetzt. Ein zentrales Ergebnis war die Organisation des Zukunftskongresses 2024. Bei der Veranstaltung wurden Ehrenamtliche aus der deutschsprachigen Wikipedia zusammengebracht, um zu diskutieren, wie Freies Wissen nachhaltig weiterentwickelt werden kann. Hier gab es Impulsvorträge, Brainstormings und erste konkrete Ideen. Anfang 2026, gab es eine erfolgreiche Fortsetzung der Veranstaltung auf internationaler Ebene mit dem „Wikimedia Futures Lab”, das von Wikimedia Deutschland und der Wikimedia Foundation organisiert wurde.
Auf welchen Moment oder welche Entscheidung blickt ihr besonders gern zurück?
Valerie: Wir haben es geschafft, die Wechsel unserer Vorstände glatt und gut durchzuführen. Mit Franziska Heine als Vorständin und Alice Wiegand als Präsidiumsvorsitzende haben wir zudem die ersten Frauen an die Spitze von Wikimedia Deutschland gebracht. Darauf bin ich sehr stolz!
Nora: Ein Meilenstein war auch die Einführung einer Vorstandsevaluation. Diese haben Valerie gemeinsam mit der Vorsitzenden Alice und mir als Mitglieder des Vorstandsausschusses in der vergangenen Amtszeit angestoßen und umgesetzt. Für uns ist eine solche Evaluation ein wichtiger Bestandteil einer modernen und verantwortungsvollen NGO-Führung. Und sie trägt maßgeblich zu einer konstruktiven Zusammenarbeit mit dem Vorstand bei.
Was habt ihr aus der Zusammenarbeit im Präsidium und mit dem Verein mitgenommen?
Valerie: Viel neues Wissen und viele tolle Begegnungen!
Nora: Die Zusammenarbeit im Präsidium war unglaublich bereichernd. Gremienarbeit kann so vielfältig und konstruktiv sein, wenn engagierte Menschen mit echtem Interesse an dem Verein, kollegial und kompromissbereit zusammenarbeiten. Wir haben gezeigt, dass ein Präsidium die Geschäftsstelle auch in schwierigen Phasen enorm unterstützen kann. Etwa bei herausfordernden Verhandlungen mit der Wikimedia Foundation oder komplexer Kommunikation in der Community. Vor allem dann, wenn Vertrauen und eine konstruktive Zusammenarbeit gegeben sind.
Warum habt ihr euch entschieden, nicht erneut zu kandidieren?
Nora: In meinen zwei Amtszeiten konnte ich dazu beitragen, dass der Verein stabil aufgestellt ist. Ich freue mich, dass ich meine Erfahrungen in den Bereichen Fundraising, Führung und internationale Zusammenarbeit für Wikimedia Deutschland einbringen konnte. Jetzt sind mal andere an der Reihe: Unter den Vereinsmitgliedern gibt es viele großartige Menschen mit weiteren wertvollen Fähigkeiten, von denen unsere Mission in den nächsten Jahren profitieren kann. Daher möchte ich ausdrücklich zur Kandidatur ermutigen! Außerdem bin ich durch die Arbeit im Präsidium neugierig auf unseren Wissensgraphen Wikidata geworden – die neu gewonnene Zeit möchte ich nutzen, um dort selbst aktiv beizutragen.
Valerie: Mein Unternehmen Wingwomen.org und meine kleinen Söhne wachsen gerade gewaltig und erfordern mehr meiner Aufmerksamkeit.
Was werdet ihr am meisten vermissen?
Valerie: Die tollen Menschen!
Nora: +1 zu den Menschen! Ein diverses, kluges Präsidium, das Freude an den Sitzungen und Diskussionen hat, sowie die engagierten Mitarbeitenden bei Wikimedia Deutschland und die unkomplizierte Art der Zusammenarbeit. Danke!
Was glaubt ihr, werden die nächsten großen Herausforderungen für Wikimedia Deutschland und das Präsidium sein?
Nora: Die nächsten Jahre werden stark von KI und der angespannten politischen Weltlage geprägt sein, die derzeit maßgeblich durch die Entwicklungen in den USA beeinflusst wird. Damit ist eine der wichtigsten Fragen, wie wir Freies Wissen in dieser sich schnell wandelnden Welt sichern und fördern können. Dafür braucht es klare Haltung, Mut auch mal Gegenwind auszuhalten, und eine starke internationale Vernetzung.
Valerie: Dem kann ich mich nur anschließen!
Warum lohnt es sich aus eurer Sicht, sich im Präsidium zu engagieren?
Nora: Du hast die Chance, einen spannenden Verein wie Wikimedia Deutschland von innen kennenzulernen und seine Ausrichtung aktiv mitzugestalten. Der Austausch mit Präsidiumskolleg*innen, der Geschäftsführung und Mitarbeitenden, sowie den Expert*innen und Freiwilligen auch auf internationaler Ebene ist enorm bereichernd.
Valerie: Du lernst sehr viel über die Arbeit an der Spitze von Organisationen, bleibst am Puls der Zeit und wirst sehr viel Spaß haben!
Was würdet ihr Menschen mitgeben, die überlegen, selbst für das Präsidium zu kandidieren?
Valerie: Du bringst eine einzigartige Perspektive mit – die brauchen wir bei der Gestaltung des Vereins!
Nora: Fragt euch, was euch motiviert. Und dann, ob ihr Lust auf Gremienarbeit habt: aktive Teilnahme an Sitzungen, Diskussionen, konstruktive Zusammenarbeit und strategische Entscheidungen? Wenn ja, solltet ihr kandidieren!
Ich möchte besonders junge Menschen und Personen mit diversem Hintergrund ermutigen, sich zu bewerben. Gerade auch, wenn es das erste Mal ist – denn eure Perspektiven sind wichtig.
Voraussetzungen für die Kandidatur im Präsisium von Wikimedia Deutschland
Wer Interesse hat, sich im Präsidium zu engagieren, kann sich hier bewerben:
- Die Kandidaturphase startet am Donnerstag, 16. April, und endet am Montag, 11. Mai.
- Voraussetzung ist eine aktive Mitgliedschaft bei Wikimedia Deutschland.
Falls Sie noch kein Mitglied sind, können Sie einen Antrag stellen. Wenn Sie bereits Fördermitglied sind, können Sie ganz unkompliziert per E-Mail in eine aktive Mitgliedschaft wechseln.
Bitte beachten Sie: Mitarbeitende von Wikimedia Deutschland sowie Personen, deren Anstellungsverhältnis am Tag der Wahl weniger als ein Jahr zurückliegt, können nicht kandidieren.