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Wer heute Musik veröffentlicht, landet fast automatisch auf Plattformen wie Spotify oder SoundCloud. Das ist bequem – schließlich befindet sich dort das Publikum. Doch es hat auch seine Schattenseiten: Die tatsächliche Sichtbarkeit von Inhalten ist unberechenbar, Einnahmen sind schwer nachzuvollziehen, und die Spielregeln der Plattformen können sich über Nacht ändern. Die Frage ist also: Welche freien Musikplattformen gibt es jenseits des Mainstreams – und wie praktikabel sind sie für unabhängige Musiker*innen?

Um das herauszufinden, haben wir mit Danny Benjafield gesprochen, Software Community Communications Manager bei Wikimedia Deutschland.

Takeaways

  • Freie Musikplattformen geben Musiker*innen mehr Kontrolle über ihre Arbeit, insbesondere in Bezug auf Distribution, Lizenzen und Datenhoheit.
  • Statt algorithmisch gesteuerter Reichweite basiert die Entdeckung oft auf Communitys – langsamer, aber potenziell stabiler und bedeutungsvoller.
  • Monetarisierung verschwindet nicht, verschiebt sich jedoch nach außen: Musiker*innen setzen stärker auf direkte Unterstützungsmodelle wie Spenden, Abonnements oder Merchandise-Verkäufe.
  • Viele freie Plattformen legen besonderen Wert auf Transparenz und Offenheit und bieten Alternativen zu geschlossenen, proprietären Streaming-Ökosystemen.

Hi Danny, was genau machst du bei Wikimedia Deutschland?

Hi, ich arbeite als Community Communications Manager im Softwarebereich. Meine Rolle bewegt sich an der Schnittstelle von Softwareentwicklung, Community-Events und dem Austausch darüber, wie wir offenes Wissen auf Wikidata und in den Wikimedia-Projekten insgesamt unterstützen können. Wir stehen im engen Austausch mit unserer ehrenamtlichen Community, hören zu und entwickeln Lösungen, die sie dabei unterstützen, Wissen und Informationen besser in die Wikimedia-Projekte zu bringen.

Wenn wir über „Musikplattformen“ sprechen – was ist damit gemeint und warum sind sie wichtig?

Generell sind Musikplattformen Online-Räume, in denen Musiker*innen und Hörer*innen Musik teilen und entdecken können – egal ob es sich um komplett eigene Tracks oder um Neuinterpretationen bereits bestehender Ideen handelt. Diese Plattformen sind darauf ausgelegt, dass Menschen neue Sounds erkunden, Feedback geben und Songs, die gefallen, durch „Upvotes“, also sichtbare Zustimmung, unterstützen. Viele der Musiker*innen dort verfolgen dabei nicht in erster Linie kommerziellen Erfolg, sondern sind von Leidenschaft, Experimentierfreude und dem Wunsch getrieben, sich durch Rückmeldungen aus der Community weiterzuentwickeln.

Darüber hinaus dienen diese Plattformen oft auch als soziale Räume: Musiker*innen vernetzen sich, arbeiten zusammen und nehmen an gemeinsamen Challenges oder community-getriebenen Aktionen teil. Solche Formate kennt man auch aus anderen kreativen Bereichen – etwa Zeichen-Challenges wie Inktober oder „Draw This In Your Style“ (#DTIYS), bei dem Werke neu interpretiert werden. Ähnliche Ansätze gibt es auch in der Musik, zum Beispiel in Form von Remix-Wettbewerben oder kollaborativen Projekten.

Portrait
Caption: Danny Benjafield: Musikliebhaber und Freier Software Fan.

Wie bist du persönlich mit freien Musikplattformen in Kontakt gekommen?

Ich erinnere mich, dass ich mal einen Ohrwurm aus dem Intro oder Outro eines YouTube-Videos hatte – damals, als Tools wie Shazam oder SoundHound noch nicht so verbreitet waren. Mir fiel auf, dass immer wieder derselbe Künstlername auftauchte: Kevin MacLeod. Schließlich bin ich einem Link zum Free Music Archive gefolgt – das war meine erste echte Begegnung mit einer wirklich freien Musikplattform.

Damals habe ich noch nicht ganz verstanden, was das eigentlich bedeutet. Solche Plattformen basieren auf dem Prinzip der offenen Distribution: Musiker*innen stellen ihre Musik so zur Verfügung, dass andere sie nutzen, teilen und teilweise sogar remixen können – oft unter Lizenzen, die lediglich eine Namensnennung erfordern, also die Angabe der ursprünglichen Urheber*innen.

Auf der Suche nach Nischenmusik oder Tracks von aufstrebenden und Hobby-Musiker*innen habe ich außerdem Plattformen wie Bandcamp, SoundCloud, Grooveshark und Deezer genutzt.

Die Entdeckung frei lizenzierter Musik war für mich jedoch ein Wendepunkt – sie hat mir gezeigt, dass es jenseits klassischer Streaming-Modelle auch andere Wege gibt, Musik zu teilen und zugänglich zu machen.

Viele kennen Plattformen wie Spotify, SoundCloud oder Bandcamp. Was sind aus deiner Sicht die Einschränkungen dieser bekannten Dienste?

Sie basieren auf proprietärer Software – das heißt, was „unter der Haube“ passiert, insbesondere bei algorithmischer Suche und Musikentdeckung, bleibt oft ein Mysterium. Warum wird ein bestimmter Track sichtbarer oder häufiger empfohlen als ein anderer? Führt ein frühes Wachstum zu einem Feedback-Loop aus noch mehr Sichtbarkeit und weiterem Wachstum? Was eigentlich ein organischer Prozess sein sollte, kann potenziell manipuliert, gekauft oder anderweitig beeinflusst werden.

  • Spotify ist zum Beispiel ein in sich geschlossenes System: Die Musikbibliothek ist zwar riesig, und die Funktionen sind stark darauf ausgelegt, das Musikhören möglichst einfach zu machen. Gleichzeitig bringt das aber auch viele versteckte Nachteile mit sich: Trotz steigender monatlicher Kosten besitzt man die Musik nicht wirklich. Es gibt ein vollständiges Plattform-Lock-in: Musik lässt sich nur innerhalb der App hören – offline auch nur mit einem Premium-Abo. Eigene Hosting-Optionen oder die Möglichkeit, als User*in die Plattform eigenständig weiterzuentwickeln, sind nicht vorhanden. Zudem verschwinden regelmäßig Tracks aufgrund von Lizenzänderungen oder regionalen Einschränkungen. Und es gibt zahlreiche Erfahrungsberichte über mögliche Verzerrungen in Empfehlungs- und Radiofunktionen – deren tatsächliches Ausmaß sich mangels Transparenz nie vollständig nachvollziehen lässt.
  • Bei SoundCloud ist es zwar vergleichsweise einfach, Musik hochzuladen und zu teilen, aber sich wirklich abzuheben, ist schwierig. Die schiere Menge an Inhalten, kombiniert mit algorithmischer Auffindbarkeit, macht es vor allem für kleinere oder neue Musiker*innen schwer, ohne bereits vorhandene Reichweite sichtbar zu werden.
  • Bei Bandcamp ist es fast umgekehrt: Die Plattform steht weniger für starke Such- und Entdeckungsfunktionen. In meiner Erfahrung entdecke ich Musiker*innen meist außerhalb der Plattform und gehe dann gezielt zu Bandcamp, um mehr von ihnen zu hören, sie finanziell zu unterstützen oder Merchandise zu kaufen. Viele Musiker*innen scheinen sich hier eher auf direkte Einnahmen aus einer bestehenden, loyalen Fanbasis zu verlassen als auf ein Streaming-Modell pro Abruf.

Generell sind bei allen proprietären Plattformen Lizenzen und Weiterverwendungsmöglichkeiten stark eingeschränkt. Musikbibliotheken lassen sich nicht ohne Weiteres übertragen, und die Interaktion sowie Kommunikation mit dem eigenen Publikum hängt stark von den Funktionen der jeweiligen Plattform ab – die zudem teilweise hinter Bezahlschranken liegen.

Warum sind proprietäre Plattformen deiner Meinung nach so erfolgreich und beliebt?

Sie sind auf maximale Bequemlichkeit und nahezu reibungslose Nutzung optimiert. Der Weg zum Lieblingssong – oder zur Entdeckung neuer Musik basierend auf dem eigenen Geschmack – wurde auf wenige Klicks reduziert. Dazu kommen verschiedene „Verstärkerfaktoren“: die enorme Größe der Musikbibliotheken, leistungsstarke Entdeckungsfunktionen, kollaborative Playlists, Autoplay, nahtlose Übergänge und sogar gemeinsame Hörerlebnisse wie Jam-Sessions.

Mit dem Wandel von fest zugeordneten Musikgeräten wie Walkmans, MP3-Playern und iPods hin zur nahezu universellen Nutzung von Smartphones haben Apps wie Spotify genau diese Lücke gefüllt: Sie bieten sofortigen Zugriff auf riesige Musikkataloge bei minimalem Aufwand. Die Installation ist einfach, und das Nutzungserlebnis setzt unmittelbar ein.

Gleichzeitig hat sich auch ein grundlegender Wandel vollzogen – weg vom Besitz hin zum Zugang. Wer nicht mit dem Übergang von physischer zu digitaler Musik aufgewachsen ist, musste sich in der Regel nie damit beschäftigen, eine eigene Musikbibliothek zu organisieren, zu taggen oder zu synchronisieren. „Installieren und direkt loslegen“ ist im Vergleich dazu sehr viel einfacher.

Welche freien Musikplattformen würdest du aktuell empfehlen?

Funkwhale ist eine starke Option, wenn man nach einer Plattform sucht, um Musik, Podcasts und Playlists zu entdecken und mit anderen zu teilen. Sie funktioniert als dezentrale Alternative zu Spotify und ist in sogenannte „Pods“ organisiert – unabhängige öffentliche oder private Instanzen, denen man beitreten kann. FunkWhale ist sowohl auf dem Desktop als auch mobil verfügbar und kann auch über F-Droid heruntergeladen werden, was es besonders für Nutzer*nnen interessant macht, die offene App-Ökosysteme bevorzugen. Die Plattform legt großen Wert auf Community, und Musiker*innen können auf externe Angebote wie Patreon oder Bandcamp verlinken, sodass Hörer*innen sie direkt unterstützen können. Insgesamt ist es ein Nischen-Ökosystem, das bewusst auf Offenheit und Zusammenarbeit ausgerichtet ist. Funkwhale ist Teil des Fediverse zu dem auch Mastodon und weitere dezentrale Plattformen gehören.

Navidrome verfolgt einen anderen Ansatz. Hier stehen Community und Entdeckung weniger im Vordergrund – stattdessen geht es darum, ein vertrautes Streaming-Erlebnis nachzubilden. Besonders sinnvoll ist das, wenn man bereits eine eigene Musiksammlung aufgebaut hat und diese einfach und zuverlässig über verschiedene Geräte hinweg abspielen möchte. Die Oberfläche erinnert stark an Spotify, sodass man sich schnell zurechtfindet – und weil man seine eigene Sammlung hostet, besteht nicht die Gefahr, dass einzelne Tracks oder Alben plötzlich verschwinden.

Als „ehrenwerte Erwähnung“ möchte ich Libre.fm noch mit aufführen. Die Plattform ist kein Musikplayer, sondern eher eine freie und Open-Source-Alternative zu Last.fm, eine Musikplattform, die Social Media mit Musikstatistiken kombiniert. Wie Last.fm erfasst sie das eigene Hörverhalten über sogenanntes „Scrobbling“ und analysiert diese Daten, um passende Musikempfehlungen zu geben. In diesem Sinne ergänzt sie andere Plattformen eher, als sie zu ersetzen, und fügt dem eigenen Setup eine zusätzliche Ebene aus neuen Einblicken und Entdeckung hinzu.

Was sind die größten Vorteile dieser Plattformen für Musiker*innen?

Ein großer Vorteil ist die Offenheit – sowohl technologisch als auch in Bezug auf die Community.

Plattformen wie Funkwhale oder Navidrome sind Open Source, was bedeutet, dass deutlich mehr Transparenz darüber besteht, wie sie funktionieren. Und es gibt weniger bis keine Abhängigkeit von den Entscheidungen eines einzelnen Unternehmens oder CEOs. Beides gibt Musiker*innen bereits ein stärkeres Gefühl von Stabilität und Kontrolle.

Ein weiterer Vorteil ist das Thema Lizenzierung. Wer sich für Remixes oder Mash-ups interessiert, profitiert stark von Plattformen, die Creative-Commons-Lizenzen unterstützen. Sie schaffen rechtliche Klarheit und gleichzeitig kreative Freiheit, auf der Arbeit anderer aufzubauen, ohne in rechtliche Grauzonen zu geraten. Außerdem sind Musiker*innen weniger „eingesperrt“ in ein System: Musik kann auf vielen dieser Plattformen leichter geteilt, verschoben oder mit anderen Angeboten verknüpft werden. Statt an ein einzelnes Ökosystem gebunden zu sein, können Musiker*innen auf externe Stores oder Spendenplattformen verlinken und ihrem Publikum so direktere Unterstützungsmöglichkeiten bieten.

Schließlich funktioniert auch die Entdeckung von Musik oft anders. Statt rein algorithmisch gesteuert zu werden, verbreitet sich Musik stärker über Community-Aktivität – also durch Shares, Empfehlungen und Kollaborationen. Das kann zu einem organischeren und engagierteren Umfeld führen, auch wenn es möglicherweise auf Kosten reiner Reichweite geht.

Was ist für viele Musiker*innen ungewohnt, wenn sie von kommerziellen Musikplattformen zu freien wechseln? Wie fühlt sich das für Nutzer*innen an?

Ich würde sagen, dass das Maß an Selbstorganisation und Eigenverantwortung für Musiker*innen deutlich steigt. Sie haben kein voll ausgestattetes Support- oder Engineering-Team im Hintergrund, auf das sie sich verlassen können. Dadurch kann es zur Notwendigkeit von mehr technischem Verständnis kommen – sei es beim Hosten eines eigenen Pods oder einer Instanz oder ganz einfach beim korrekten Taggen der eigenen Musik mit Metadaten.

Auch das Thema Monetarisierung verändert sich. Musiker*innen müssen sich stärker damit auseinandersetzen, wie sie Einnahmen generieren wollen – direkt oder indirekt. Das kann bedeuten, dass sie auf externe Plattformen wie Patreon, Ko-fi oder Liberapay verlinken oder Werkzeuge wie Linktree nutzen, um mehrere Links an einem Ort zu bündeln.

Was können Musiker*innen beim Thema Reichweite und Monetarisierung auf freien Musikplattformen realistisch erwarten?

In Bezug auf Reichweite wird diese sicherlich deutlich geringer ausfallen als auf großen, proprietären Plattformen. Open-Source-Musikplattformen sind auf persönliche Souveränität ausgelegt und nicht auf maximale Reichweite oder Massenpublikum – entsprechend sind die mögliche Größe der Hörerschaft als auch das Gesamtangebot für Nutzer*innen meist kleiner. Gleichzeitig kann das aber auch weniger Konkurrenz, engagiertere Communitys und eine stärkere Verbindung zwischen Musiker*innen und Publikum bedeuten.

Beim Thema Monetarisierung ist die Lage etwas komplexer. Da ich selbst kein Künstler bin, habe ich die verschiedenen Einnahmemöglichkeiten nicht im Detail untersucht. Auf Plattformen wie Funkwhale oder Auxio gibt es offenbar kaum integrierte Monetarisierungsfunktionen. Das „Free“ in Free and Open Source ist hier oft sehr wörtlich zu verstehen – die Plattform selbst zahlt nicht und stellt dafür auch keine direkten Funktionen bereit – sie verhindert aber auch nicht, dass Musiker*innen Geld verdienen.

Eine Möglichkeit zur Finanzierung gibt es etwa, wenn die freien Plattformen externe Links erlauben. Viele Musiker*innen leiten ihr Publikum dann zu Plattformen wie Patreon, Buy Me a Coffee oder Ko-fi weiter, oder zu Shops, in denen sie physische Produkte wie Hoodies, T-Shirts oder Vinyl verkaufen. Dadurch behalten sie mehr Kontrolle darüber, wie ihre Musik verbreitet und monetarisiert wird, was langfristig ein stabileres und nachhaltigeres Setup schaffen kann.

Wohin werden sich freie Musikplattformen deiner Meinung nach in den nächsten Jahren entwickeln?

Ich glaube zwar nicht, dass es eine Massenabwanderung weg von großen Plattformen wie Spotify oder YouTube geben wird, aber ich denke, dass es einen schrittweisen kulturellen Wandel geben wird. Ein wachsendes Interesse an Datenschutz, zunehmendes Misstrauen gegenüber Unternehmensinteressen, wirtschaftlicher Druck und die schrittweise Verlagerung ehemals kostenloser Funktionen in „Premium“-Modelle werden wahrscheinlich dazu führen, dass mehr Menschen nach Alternativen suchen.

Wir bedanken uns für das Gespräch!

Next Steps

  • Testen Sie eine freie Musikplattform zusätzlich zu Ihrem aktuellen Streaming-Setup – betrachten Sie sie als Ergänzung, nicht als Ersatz.
  • Unterstützen Sie mindestens eine unabhängige Musiker*in direkt über externe Links (z. B. durch Spenden, Merch oder Abonnements).
  • Wenn Sie selbst Musik machen, probieren Sie aus, einen Track unter einer offenen Lizenz zu veröffentlichen, um zu verstehen, wie das Teilen jenseits klassischer Plattformen funktioniert.

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