Digitale Selbstbestimmung
Mehr Datenschutz bei Video-Calls: Diese Tools sind die Alternative
Zarah Ziadi
4. März 2026
Online-Meetings sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken: Arbeit, Ehrenamt, Schule, Politik – Video- und Audio-Calls sind der Kitt, der uns Menschen zusammenbringt..
Meist greifen wir dabei automatisch zu Zoom, Teams oder Google Meet. Oft, weil sie vorgegeben sind. Oder einfach auch weil „alle anderen“ sie nutzen.
Aber: Diese Tools gehören großen Konzernen, laufen meist über deren Server und sammeln eine Menge Metadaten. Heute stellen wir deshalb die Frage: Gibt es gute freie Alternativen für Video- und Audio-Kommunikation – und was können sie leisten?
Darüber sprechen wir mit Julian Hahn, Mitarbeiter der Internen IT bei Wikimedia Deutschland.
Takeaways
- Es gibt echte Alternativen: Tools wie Jitsi Meet oder BigBlueButton eignen sich für unterschiedliche Anforderungen – sowohl privat als auch in der Organisation. OpenTalk ist ebenfalls einen Blick wert.
- Mehr Kontrolle: Freie Software bietet Ihnen Transparenz, besseren Datenschutz und oft die Möglichkeit, die Plattform selbst zu hosten.
- Einfacher Einstieg: Viele Tools laufen direkt im Browser; ein Account ist nicht zwingend nötig, eine Installation entfällt häufig.
- Gewohnheit ist die größte Hürde: Technik ist selten das Problem – es geht eher darum, sich an neue Abläufe und Oberflächen zu gewöhnen.
Hi Julian, magst du dich kurz vorstellen?
Hi, ich bin Systemadministrator bei Wikimedia Deutschland und beschäftige mich viel damit, dass alle internen Programme und Geräte reibungslos laufen. Wenn ich alles richtig mache, dann können meine Kolleg*innen alle gut arbeiten.
Was versteht man eigentlich unter Video- und Audio-Call-Tools – und was leisten sie technisch im Hintergrund?
Video- und Audio-Call-Tools sind Programme, mit denen Menschen miteinander sprechen können – entweder zu zweit oder in Gruppen, mit oder ohne Kamera. Gerade für Meetings mit mehreren Teilnehmenden, auch über Organisationsgrenzen hinweg, sind sie heute kaum noch wegzudenken. Bekannte Beispiele sind etwa Zoom oder Microsoft Teams.
Technisch passiert dabei mehr, als man auf den ersten Blick sieht. Jede Person nutzt auf ihrem Gerät ein Programm – den sogenannten Client. Das ist die App auf dem Laptop oder Smartphone, die das eigene Mikrofon und Kamerabild aufnimmt, diese Daten ins Internet sendet und gleichzeitig die Audio- und Videodaten der anderen Teilnehmenden empfängt und darstellt.
Damit all diese Daten bei allen Beteiligten ankommen, gibt es im Hintergrund Server. Diese kann man sich wie eine zentrale Vermittlungsstelle vorstellen: Sie sammeln die Audio- und Videoströme aller Teilnehmenden und verteilen sie wieder an die jeweiligen Geräte. In einem Gruppen-Call laufen dort also viele Daten gleichzeitig zusammen, die verarbeitet und weitergeleitet werden müssen.
Gerade bei größeren Meetings entsteht dadurch eine hohe Belastung für die Server, weil viele Video- und Audiosignale gleichzeitig verarbeitet werden. Deshalb benötigen diese Systeme in der Regel leistungsfähige Hardware und eine stabile Internetanbindung.
Die Server können unterschiedlich betrieben werden: Organisationen können sie selbst auf eigener Hardware betreiben bzw. hosten – entweder direkt vor Ort oder in einem angemieteten Rechenzentrum. Alternativ lassen sich Server in der Cloud mieten und selbst verwalten. Häufig greifen Nutzer*innen aber auch direkt auf die Infrastruktur von Anbietern zurück, bei denen die Server komplett vom Dienstleister betrieben werden.
Wie bist du selbst mit solchen Tools das erste Mal in Berührung gekommen?
Eigentlich ganz klassisch: im Studium und im Freundeskreis. In beiden Kontexten ging es oft darum, sich abzustimmen oder gemeinsam Zeit zu verbringen, ohne sich physisch treffen zu müssen. An der TU Berlin, an der ich bis vor kurzem studiert habe, wurden dafür häufig bestimmte Tools vorgegeben, die für Lehrveranstaltungen oder Gruppenarbeiten genutzt werden sollten. Gleichzeitig haben wir im privaten Umfeld auch selbst nach Alternativen gesucht – zum Beispiel, wenn die vorgegebenen Lösungen nicht gut funktioniert haben oder nicht zu unseren Bedürfnissen gepasst haben. So bin ich relativ früh mit verschiedenen Video- und Audio-Call-Tools in Kontakt gekommen.
Warum beschäftigst du dich speziell mit freien Alternativen zu Zoom & Co.?
Ein wichtiger Auslöser war die Corona-Pandemie. In dieser Zeit ist der Bedarf an Video- und Audio-Call-Tools plötzlich stark gestiegen, und viele Menschen und Organisationen waren gezwungen, sich intensiver mit passenden Lösungen auseinanderzusetzen. An der TU Berlin gab es beispielsweise eine vorgegebene Nutzung von Zoom, mit der wir jedoch nicht vollständig zufrieden waren. Man wurde immer dazu gedrängt, eine App zu nutzen und niemand war sich wirklich sicher, ob der Vertrag der TU mit Zoom tatsächlich dafür sorgte, dass die Daten innerhalb der EU blieben. Gerade auch die Benutzbarkeit mit verschiedenen Betriebssystemen (Windows, Linux, Android, etc.) war nicht durchgängig gut. Das hat dazu geführt, dass wir aktiv nach Alternativen gesucht haben, die unterschiedlichen Kontexten gerecht werden können. Im privaten Umfeld etwa hatte ich einen festen Freundeskreis, der sich regelmäßig zu einem digitalen „Stammtisch“ getroffen hat. Hier standen vor allem einfache Nutzung und Verlässlichkeit im Vordergrund.
Parallel dazu war ich in ein Uni-Projekt mit über 50 Studierenden eingebunden, die sich wöchentlich zu größeren Update-Meetings getroffen haben. In diesem Rahmen waren die Anforderungen deutlich komplexer – etwa in Bezug auf Stabilität, Skalierbarkeit und Moderation.
Wo liegen die typischen Probleme bei proprietären Tools wie Zoom, Teams oder Google Meet?
Proprietäre Tools wie Zoom, Microsoft Teams oder Google Meet funktionieren in der Regel sehr gut, haben aber einen entscheidenden Nachteil: Sie liegen vollständig in der Hand der Anbieter. Das bedeutet, dass Daten, Infrastruktur und Einstellungen dort verwaltet werden.
Nutzer*innen sind darauf angewiesen, wie die Anbieter mit Datensicherheit umgehen und welche Preise oder Lizenzmodelle sie festlegen. Die Nutzungsbedingungen müssen meist so akzeptiert werden, wie sie sind.
Gerade deshalb fühlen sich viele Menschen damit nicht wohl – insbesondere bei großen Anbietern und deren Verbindungen zu anderen Organisationen oder staatlichen Stellen. Google mit Meet und Microsoft mit Teams etwa unterliegen der Gesetzgebung in den USA, was unter anderem dafür sorgt, dass Daten auf Anfrage von Behörden von den Unternehmen rausgegeben werden müssen. Gleiches gilt für Zoom oder Webex, während Discord Verbindungen nach China hat, da sie von Tencent mitfinanziert werden.
Warum dominieren diese Tools den Markt so stark?
Ein wichtiger Grund ist, dass viele große Organisationen Rahmen- oder Lizenzverträge mit Anbietern solcher Tools abschließen. Dadurch können – und sollen – alle Mitarbeitenden innerhalb der Organisation dieselbe Plattform nutzen.
Hinzu kommt, dass diese Tools oft Teil eines größeren Software-Ökosystems sind. Wer zum Beispiel bereits Programme von Microsoft wie Microsoft Office nutzt, greift häufig auch zu Microsoft Teams. Ähnlich ist es bei Google, wo Google Workspace eng mit Google Meet verzahnt ist. Diese Integration macht die Nutzung bequem und effizient – führt aber auch dazu, dass sich bestimmte Lösungen stark verbreiten und andere es schwer haben, sich durchzusetzen.
Welche freien Video- und Audio-Call-Alternativen würdest du empfehlen?
Zwei Tools, die ich häufig empfehle, sind Jitsi Meet aus Frankreich und BigBlueButton aus Canada. Beide sind Open-Source-Anwendungen, und ich nutze bzw. empfehle sie für unterschiedliche Anwendungsfälle.
Jitsi Meet eignet sich besonders gut für kurze, unkomplizierte Treffen, die man schnell starten möchte – ganz ohne großen Setup-Aufwand für jedes Betriebssystem. Man kann einfach einen Raum erstellen und direkt loslegen. Allerdings läuft das Ganze dann über die Infrastruktur von Jitsi, wodurch man weniger Kontrolle über die Daten und die technische Umgebung hat. Man kann Jitsi Meet auch selber hosten, aber damit habe ich mich bisher noch nicht auseinandergesetzt.
BigBlueButton ist dagegen stärker auf größere und dynamischere Veranstaltungen ausgelegt, zum Beispiel Vorlesungen oder Meetings mit vielen Teilnehmenden. Es bietet mehr Funktionen für Moderation und Zusammenarbeit, ist aber in der Einrichtung und im Betrieb etwas aufwendiger. Auch hier gibt es die Möglichkeit, die Anwendung selbst zu hosten. Wie bei allen Tools gibt es auch hier jeweils Vor- und Nachteile – die passende Lösung hängt letztlich davon ab, wofür man sie einsetzen möchte.
Es gibt auch noch OpenTalk aus Deutschland, damit habe ich persönlich noch keine Erfahrungen gemacht, aber ich denke es wäre auch mal einen Blick als weitere Alternative wert.
Was sind die größten Vorteile dieser freien Tools?
Der größte Vorteil freier Tools wie Jitsi und BigBlueBotton liegt darin, dass sich beide auch selbst hosten lassen: Wer die Plattform selbst hostet, entscheidet selbst, wer an Meetings teilnimmt, wo die Daten gespeichert werden und welche technischen Ressourcen zur Verfügung stehen – man hat dann einfach die volle Kontrolle. Zusätzlich laufen beide Services beim Teilnehmenden dann im Browser, also muss er/sie sich nicht noch umständlich eine weitere Software herunterladen, die aktuell gehalten werden muss.
Außerdem lassen sich auf diese Weise die laufenden Kosten deutlich reduzieren, weil teure Lizenzgebühren wegfallen. Gleichzeitig erfordert das Selbsthosten aber auch eigenen Aufwand – man muss Zeit für Installation, Wartung und Betreuung der Plattform einplanen. Wer sich dafür interessiert, findet hier übersichtliche Leitfäden für BigBlueButton und für Jitsi.
Gibt es weitere Vorteile bei den Tools, falls man nicht selbsthosten kann, oder ist das der Hauptvorteil?
Nutzende, die nicht selbst hosten können oder möchten, verlieren die Kontrolle darüber, wo die eigenen Daten gespeichert werden. Auch wenn es sich bei Video-Tools nur um eine vorübergehende Zwischenspeicherung handelt, lässt das theoretisch schon Einblicke in individuelle Verhaltensweisen zu. . Trotzdem sind Open-Source Tools, wie Jitsi und BigBlueButton dahingehend beruhigend, dass durch den offen einsehbaren Code nichts verborgen bleibt. Wenn sich also kundige Menschen kritisch mit dem Programm auseinandersetzen wollen, können sie das jederzeit tun. Zusätzlich sorgt die Möglichkeit des Selbst-Hostens oft dafür, dass mehrere kleinere Anbieter entstehen, die diese Aufgabe für Nutzende übernehmen und Bandbreite vermieten. Dank dieser Anbieter kann man dann immerhin die Infrastruktur einsehen, ohne sich direkt um das Programm und dessen Installation kümmern zu müssen.
Wie einfach ist der Einstieg – wenn wir dich richtig verstanden haben, ist ein eigenes Hosting zwar die sicherste Version, aber nicht zwingend notwendig.
Es geht in der Tat auch ohne Selbst-Hosting. Bei Jitsi Meet zum Beispiel klickt man einfach auf „kostenloses Meeting starten“ – alles läuft direkt im Browser, man muss nichts installieren und in der Regel auch keinen Account anlegen. Den Link teilt man dann mit den Leuten, die teilnehmen sollen, und schon kann das Meeting losgehen. Wer mag, kann sich später einen Account anlegen, um eigene Räume besser zu verwalten, muss es aber nicht.
Wer die Vorteile einer eigenen Plattform haben möchte, aber keine Lust auf die ganze Technik drumherum hat, kann wie oben erwähnt einen vorkonfigurierten Server mieten. Der läuft dann schon fertig eingerichtet, man zahlt ein bisschen dafür, hat aber trotzdem die Kontrolle über Links, Teilnehmende und Daten – ohne selbst Server warten oder Updates machen zu müssen.
Am Ende gibt es also für fast jede Situation eine passende Lösung: direkt im Browser loslegen, selbst hosten für maximale Kontrolle oder gemietete Server für den Mittelweg.
Gibt es Dinge, die für Nutzer*innen erstmal ungewohnt sind, wenn sie umsteigen?
Der Umstieg auf freie Tools ist letztendlich mit jedem Umstieg auf ein anderes Tool vergleichbar: Schaltflächen befinden sich an anderen Stellen, manche Funktionen gibt es zusätzlich, andere fehlen. Man muss ein wenig ausprobieren, welche Einstellungen und Features für den eigenen Anwendungsfall am besten passen. Das ist bei den proprietären Tools gar nicht so anders – es ist vergleichbar mit dem Kauf eines neuen Handys: Es gibt viele objektiv gute Modelle, aber nicht jedes passt zu den individuellen Bedürfnissen.
Hast du praktische Tipps für Einsteiger*innen, damit Meetings mit freier Software gut funktionieren?
Mein Tipp ist Testen :) Das Tool erstmal in Ruhe im kleinen Kreis mit Freunden, Familie oder wenigen Kolleg*innen ausprobieren. Man muss dabei nicht direkt selbst das Tool hosten, um zu sehen, ob es zu den individuellen Anforderungen passt. Und bevor wichtige Meetings mit Menschen außerhalb der Organisation stattfinden, würde ich ebenfalls dazu raten, alles vorher noch einmal zu testen – so kann sichergestellt werden, dass Audio, Video und alle Funktionen reibungslos laufen, sobald es drauf ankommt.
Was denkst du – wohin werden sich freie Video- und Audio-Call-Tools in den nächsten Jahren entwickeln?
Ich glaube, dass freie Tools in Zukunft noch flexibler werden. Zum Beispiel werden sie wahrscheinlich auf immer mehr Hardware- und Software-Systemen laufen, sodass man dasselbe Tool auf ganz unterschiedlichen Servern hosten kann.
Außerdem werden die zusätzlichen Funktionen wie Whiteboards, Umfragen oder andere interaktive Features weiter angepasst und ausgebaut. Dadurch werden viele Tools in ihren Möglichkeiten immer ähnlicher, aber gleichzeitig einfacher zu nutzen und noch besser auf die Bedürfnisse der Nutzer*innen zugeschnitten.
Next Steps
- Einfaches ausprobieren
Starten Sie ein Meeting mit einem freien Tool wie Jitsi Meet oder BigBlueButton – viele Instanzen sind kostenlos zugänglich. - Klein testen
Probieren Sie das Tool zunächst in kleiner Runde mit Kollegi*nnen, Freund*innen oder Familie aus, bevor Sie wichtige Meetings abhalten. - Optionen vergleichen
Überlegen Sie, ob Sie selbst hosten möchten, einen vorkonfigurierten Server nutzen wollen oder lieber die kostenlose Browser-Variante einsetzen. - Bedürfnisse klären
Prüfen Sie, welche Funktionen Sie wirklich benötigen (Whiteboard, Umfragen, Moderation), damit das Tool langfristig zu Ihren Anforderungen passt.