Tag der Gemeinfreiheit 2023: Maria Montessoris und Sven Hedins Werke erweitern den Schatz des Freien Wissens

Wie an jedem Neujahrstag feiert Wikimedia Deutschland gemeinsam mit Wissens-Aktiven weltweit auch heute den Tag der Gemeinfreiheit. Denn immer mit diesem Datum endet der urheberrechtliche Schutz derjenigen Werke, deren Urheber*innen siebzig Jahre zuvor gestorben sind – heute also von Personen aus Kunst, Literatur und Wissenschaft, die bis 1952 lebten. Sie können nun Teil neuer Werke und Sammlungen werden, die frei nachnutzbar sind, insbesondere der Wikipedia und ihrer Schwesterprojekte.

  • Lukas Mezger
  • 1. Januar 2023

Was gibt es am Tag der Gemeinfreiheit 2023 zu feiern? Die in Deutschland bekanntesten Namen sind in diesem Jahr eine Pädagogin und ein Entdecker, deren Werke im zwanzigsten Jahrhundert vielfach rezipiert wurden:

 Maria Montessori (1870–1952)
 Sven Hedin (1865–1952)

Die von der Italienerin Maria Montessori begründete Montessori-Pädagogik gilt als Meilenstein in der Geschichte der Pädagogik und wird bis heute in der Kindererziehung angewandt, insbesondere in Kindergärten und Grundschulen. Ihr Buch Il metodo della pedagogia scientifica aus dem Jahr 1909 (auf Deutsch unter dem Titel “Selbsttätige Erziehung im frühen Kindesalter” veröffentlicht) kann nun unter anderem in der freien Quellen-Datenbank Wikisource veröffentlicht und dort erforscht werden.

Ein amerikanisches Schulkind bei Schreibübungen nach der Montessori-Methode (Foto: Nabeel H, CC BY-SA 2.0)

Der schwedische Geograph Sven Hedin erlangte weltweiten Ruhm durch mehrere Expeditionen nach Zentralasien. Unter anderem reiste er als erster Europäer zur Quelle des Indus im Transhimalaya. Seine Entdeckungen veröffentlichte er in zahlreichen Büchern, darunter ein Atlas Zentralasiens, der ab heute in Wikipedia und ihren Schwesterprojekten nachgenutzt werden kann. Aufgrund seines Engagements für den Nationalsozialismus wird Hedin als Forscherpersönlichkeit jedoch mittlerweile kritisch gesehen.

Illustration aus Südliches Tibet von Sven Hedin (1917)

Im Bereich der Literatur ist das Jahr 1952 in trauriger Erinnerung geblieben: In der so genannten Nacht der ermordeten Dichter wurden zahlreiche sowjetische Juden in Moskau wegen ihrer Verbindung zum Jüdischen Antifaschistischen Komitee nach Scheinprozessen hingerichtet. Unter den Opfern waren bekannte Intellektuelle, darunter einige Autoren jiddischsprachiger Werke. Wikipedia-Aktive können das heutige Datum zum Anlass nehmen, an die Opfer dieses antisemitischen Verbrechens gegen die jüdische Bevölkerung der Sowjetunion unter Josef Stalin zu erinnern. 

Erma Bossi (1875-1952): Marianne von Werefkin (1910). Lenbachhaus, München
Erma Bossi (1875-1952): Marianne von Werefkin (1910). Lenbachhaus, München
Erma Bossi (1875-1952): Marianne von Werefkin (1910). Lenbachhaus, München

Wer den Tag der Gemeinfreiheit zum Anlass nehmen möchte, weiter in die Geschichte einzutauchen und Neues zu entdecken, sei auf das Werk des bengalischen Philosophen und Yoga-Meisters Yogananda hingewiesen. Außerdem sind der norwegische Literaturnobelpreisträger und NS-Kollaborateur Knut Hamsun sowie der französische surrealistische Dichter Paul Éluard zu nennen. Nicht unerwähnt bleiben dürfen schließlich der US-amerikanische Philosoph John Dewey und im Bereich der bildenden Kunst die expressionistische Malerin Erma Bossi.

Public Domain Day in den USA: Metropolis, Steppenwolf und Sherlock Holmes werden gemeinfrei

Und weil das Urheberrecht bislang international nur teilweise vereinheitlicht ist, nimmt auch der Tag der Gemeinfreiheit weltweit unterschiedliche Formen an. Ein viel beachtetes Beispiel sind hier die USA: Dort berechnet sich die Dauer des Urheberrechts ganz anders, so dass dort bereits heute Werke gemeinfrei werden, die konkret im Jahr 1927 veröffentlicht wurden.

Collage mit Werken, die ab heute in den USA gemeinfrei sind

Dazu gehören unter anderem die beiden letzten Sherlock-Holmes-Geschichten aus der Feder des 1930 verstorbenen Arthur Conan Doyle (deren Urheberrecht aufgrund der anderen Berechnung bei uns schon seit 2001 erloschen ist). In den USA hatte die längere Schutzfrist zu dem Streit über die Frage geführt, ob die Figuren Sherlock Holmes und Doktor Watson für sich genommen urheberrechtlichen Schutz genießen. Was 2014 schon ein Berufungsgericht entscheiden musste, ist spätestens seit heute klar: Altbekannte Stoffe werden nach einer bestimmten Zeit zum Allgemeingut und heutige Kunstschaffende dürfen aus dieser “kreativen Allmende” (englisch Creative Commons) eigene, neue Geschichten spinnen.

Aus deutscher Sicht schließlich noch erwähnenswert unter den 1927 veröffentlichten und damit ab heute in den USA gemeinfreien Werken sind Fritz Langs Film Metropolis (in der EU noch bis 2047 urheberrechtlich geschützt) und der Roman Steppenwolf von Hermann Hesse, der bei uns erst 2033 gemeinfrei wird.

Wir bleiben daher dran – und wünschen allen Freundinnen und Freunden des Freien Wissens einen frohen Tag der Gemeinfreiheit!

  1. Ganz so einfach ist das mit “Metropolis” nicht. Derzeit ist vor allem die restaurierte Fassung von im Bewusstsein, die natürlich durch die Restaurierung und mit der zugehörigen Musik ein eigenes, neues Urheberrecht erwirkt. Das trifft auch auf die anderen restaurierten Fassungen von 1961, 1971, 1988, 2001 und 2005 zu. Der Originalfilm war seit der Zerstörung der Negative noch 1927 verloren, es gab nur noch die umgearbeitete US-Fassung von 1927. Eben jene wäre es, und letztlich nur die, die 2023 gemeinfrei wird.

    Ansonsten fehlt in der Liste unbedingt der Name Bedřich Hrozný, der Entzifferer der Hethitischen Keilschriftsprache, ebenso der Alt- und Wirtschaftshistoriker Michael Rostovtzeff. Auch Benedetto Croce wird nicht erwähnt. Das ist schade und ist leider auch ein wenig sinnbildlich dafür, dass Wissenschaftler und Denker im Vergleich zu anderen Autoren bis heute nicht viel zählen.

    Kommentar von Marcus Cyron am 4. Januar 2023 um 05:33

  2. Hallo Marcus, danke für deine Rückmeldung!

    Du hast natürlich völlig recht, dass es bei ‘Metropolis’ aufgrund der besonderen Geschichte des Werks kompliziert ist. Hier im Blog muss ich natürlich schauen, dass es nicht zu lang und ausufernd wird; die Details sind ja nicht so leicht verdaulich.

    Wikimedia Italia hat Croce im dortigen Blogbeitrag zum Public Domain Day tatsächlich viel Raum eingeräumt – schau doch dort mal vorbei. Mir geht es immer vor allem darum, auf die bekanntesten Namen hinzuweisen, um Begeisterung für das Thema zu wecken.

    Kommentar von Lukas Mezger am 4. Januar 2023 um 21:46

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