Die Krise als Chance: Aktivität in der Wikipedia durch COVID-19 deutlich gestiegen

Während des letzten Jahres führte die COVID-19-Pandemie zu großen Belastungen in unserem täglichen Leben. Diesen Beschwerlichkeiten zum Trotz erstellten Editor*innen vieler Wikipedia-Spracheditionen während der COVID-19-Krise erheblich mehr Beiträge als zuvor, wie eine neue Studie zeigt.

  • Thorsten Ruprechter
  • 26. März 2021

Wikipedia als Informationsquelle in der Pandemie

Als die COVID-19-Pandemie ausbrach und Regierungen auf der gesamten Welt Ausgangsbeschränkungen verordneten, führte dies zu weitreichenden negativen Folgen in unserem sozialen, wirtschaftlichen und zwischenmenschlichen Alltag. Neben der Pandemie begann eine weitere, exponentiell ausbreitende Bedrohung um sich zu greifen: Eine aufkommende Infodemie brachte eine regelrechte Flut von Informationen mit sich, welche es der breiten Öffentlichkeit zusätzlich erschwerte, verlässliche Nachrichten von falschen oder unverifizierten Meldungen zu unterscheiden. Um dem entgegenzuwirken, tat sich die WHO während der Pandemie mit der Wikimedia Foundation zusammen, um verlässliche Daten bereitzustellen. Wikipedia galt für viele Menschen bereits vor der COVID-19-Krise als wichtige Informationsquelle – eine Rolle, die sich während der Pandemie noch verstärkt hat. Interessanterweise stiegen während der Krise aber nicht nur die Zugriffe auf jene Artikel, welche sich direkt mit COVID-19 oder medizinischen Themen befassen. Internetbenutzer*innen besuchten Wikipedia während der Pandemie nun generell öfter, um sich über eine Vielzahl an Themenbereichen zu informieren. Diesen und andere Effekte im Bezug auf Wikipedia-Artikelaufrufe in den Zeiten von COVID-19 zeigte eine Studie schon Ende letzten Jahres auf (Horta Ribeiro et al.).

Neue Studie zeigt Anstieg der Wikipedia-Edits während Lockdown

Der Konsum von Informationen stellt auf Wikipedia jedoch nur eine Seite der Medaille dar. Damit Leser*innen auf Inhalte von Artikeln zugreifen können, müssen diese erst von freiwilligen Editor*innen in unzähligen Stunden akribischer und unbezahlter Arbeit erstellt, formatiert, gewartet und mit Quellen hinterlegt werden. Hätten diese Freiwilligen aufgrund der zusätzlichen Belastungen der COVID-19-Pandemie und Lockdowns ihre Produktivität verringert, oder wäre die Anzahl von Bearbeiter*innen („Editor*innen“) zurückgegangen, hätte dies nicht nur die Erfassung, sondern auch die Integrität und Qualität der bereitgestellten Informationen gefährdet – ein Hiobs-Szenario für Wikipedia.

Eine neue Studie (Ruprechter et al.) bringt nun anhand einer Analyse von Bearbeitungs-Logs von zwölf Wikipedia Spracheditionen Licht ins Dunkel und zeigt, dass diese düstere Prognose erfreulicherweise nicht eintraf. Ganz im Gegenteil: Die Wikipedia-Community reagierte bemerkenswert auf COVID-19 und steuerte während des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 sogar erheblich mehr Artikel-Bearbeitungen („Edits“) bei als vor der Pandemie. Außerdem stieg die Anzahl von neuen Editoren vor allem in den größeren Wikipedias (Englisch, Französisch, Deutsch, Italienisch) stark an. Offensichtlich haben die freiwilligen Bearbeiter*innen somit das Beste aus dieser äußerst schlechten Situation gemacht, indem sie die Zeit, welche sie aufgrund der Lockdowns zu Hause verbringen mussten, vermehrt zum Erstellen und Editieren von Artikeln genutzt haben.

Figure 1: Manuelle Artikel-Bearbeitungen („Edits“) in der englischsprachigen Wikipedia in 2020, verglichen mit den
Jahren zuvor.

Die internationalen Wikipedia-Communitys während Corona-Lockdown im Vergleich

In der englischsprachigen Wikipedia (siehe oberhalb) scheint das Eintreten der ersten europäischen Lockdowns nach einem kurzen anfänglichen Rückgang einen regelrechten Schwall von User-Beiträgen (manuelle Edits, Bots, sind hierbei ausgenommen) ausgelöst zu haben. Der daraus entstehende Überschuss entspricht einem relativen Anstieg um 20 %, verglichen mit dem Zeitraum vor der Pandemie und vergangenen Jahren. Der positive Trend hinsichtlich der Artikel-Bearbeitungen hielt den gesamten Frühling lang an, bevor er im Sommer abflaute. Dieser Effekt ist zwar in praktisch allen 12 untersuchten Spracheditionen vorhanden, ist aber in den großen englisch-, französisch-, italienisch-, und deutschsprachigen Wikipedias besonders ausgeprägt.

Figure 2: Manuelle Artikel-Bearbeitungen („Edits“) in der deutschsprachigen Wikipedia in 2020, verglichen mit den
Jahren zuvor.

In der deutschsprachigen Wikipedia leitete der erste COVID-19-Lockdown eine regelrechte „Trendwende” ein (siehe Bild 2 oberhalb). Wie auch andere große Wikipedias zeigte die deutschsprachige Community eine erstaunliche Widerstandsfähigkeit gegenüber der Krise und erreichte kurz nach Inkrafttreten der Ausgangsbeschränkungen einen relativen täglichen Editier-Überschuss von 25 %. Interessant ist hierbei auch die zu beobachtende erhöhte Aktivität im Juni, welche möglicherweise durch Nachrichten zum COVID-19-Cluster im Tönnies-Stammwerk, Änderungen hinsichtlich internationaler Reisebeschränkungen, oder auch der „Black Lives Matter” Bewegung hervorgerufen wurde.

Bemerkenswert an den beobachteten Zuwächsen ist, dass nur ein äußerst geringer Anteil von Bearbeitungen auf Artikel zurückgeführt werden kann, welche sich näher mit COVID-19 befassen. Für die meisten Wikipedia Spracheditionen erreicht der Anteil von Bearbeitungen, welche in COVID-19-Artikeln durchgeführt wurden, von Januar bis Oktober 2020 kaum 1 % aller Edits. Interessanterweise ist die deutschsprachige Wikipedia hier ein eindeutiger Sonderfall: 2,5 % aller User-Edits im beobachten Zeitraum wurden in Artikeln mit klarem COVID-19-Bezug durchgeführt. An gewissen Tagen richteten Editor*innen sogar bis zu 15 % der täglichen deutschen Edits an solche Artikel, was möglicherweise durch eine detailliertere Berichterstattung über lokale Cluster oder ortsspezifische Ereignisse erklärt werden kann. Welche Themenbereiche Editoren hinsichtlich des Mangels an Sport, Kultur, und anderen Events schlussendlich tatsächlich bearbeiteten, muss in Zukunft erst genauer untersucht werden.

Zuwächse von 30-80 % in den Wikipedia-Communitys in der ersten Phase der Pandemie

Zusätzlich zu diesen positiven Entwicklungen bezüglich der Bearbeitung von Artikeln wiesen vor allem größere Wikipedias einen Zuwachs an neuen Editor*innen (Benutzer*innen, welche ihren ersten Edit machen) während der ersten Phase der Pandemie auf. Besonders hervorzuheben ist hierbei die italienischsprachige Wikipedia, welche das größte Plus an Neuankömmlingen vorweisen kann (+80 % im Verhältnis zu vor der durchschnittlichen Zahl neuer Editor*innen der Pandemie). Dies ist insofern interessant, da Italien als erstes westliches Land hart von der Krise getroffen wurde und infolgedessen äußerst strenge Ausgangsbeschränkungen verhängte. Die deutschsprachige Wikipedia zeigte rund ein Monat nach Beginn des ersten deutschlandweiten Lockdowns einen Anstieg an neuen Editor*innen von rund 40 %, während die englischsprachige einen länger anhaltenden täglichen Zuwachs von 30 % verzeichnen konnte.

Fazit

Es bleibt zu hoffen, dass der Aktivitätszuwachs während der COVID-19-Pandemie nicht nur ein kurzzeitiger Ausreißer nach oben war, sondern dass etablierte Editor*innen den neu gewonnenen Schwung beibehalten und frisch rekrutierte Neuankömmlinge zu regelmäßigen Artikelschreiber*innen werden, damit der allgegenwärtige Bedarf nach qualitativ hochwertigen Informationen auf Wikipedia auch weiterhin befriedigt werden kann.

Weiterfolgende Ausführungen, Visualisierungen, Hintergründe zu statistischer Analyse, Methodologie, Referenzen und Programmier-Code sind in unserem Preprint „Volunteer contributions to Wikipedia increased during COVID-19 mobility restrictions“ ersichtlich.

Gastautor:
Thorsten Ruprechter, Technische Universität Graz