How open is it? Der 10. Wikimedia-Salon „J=Journals“ drehte sich um die Zukunft des wissenschaftlichen Publizierens

Am 03. September fand die 10. Ausgabe der Salon-Reihe Das ABC des Freien Wissens statt, diesmal zum Thema Open Access. Lambert Heller, Leiter des Open Science Lab der Technischen Informationsbibliothek Hannover, Christina Riesenweber, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt OJS-de.net, Freie Universität Berlin und Frédéric Dubois, Chefredakteur Internet Policy Review, Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft, diskutierten, welche Publikationsmodelle für Forschende und Verlage interessant sind und welches Modell den Titel „open“ wirklich verdient. Christian Rickerts betonte bei seiner Begrüßung die Bedeutung von Open Access im Hinblick auf die Sensibilisierung von Wissenschaftsinstitutionen für die digitale Öffnung im Sinne des Freien Wissens. Eine Aufgabe, der sich Wikimedia Deutschland verschrieben hat.

Zwei Herzen wohnen in der Brust der Publizierenden

Zu Beginn des Abends führte Marc Wenskat eine besondere Form des Publizierens vor: Der Gewinner des Science Slam 2015 brachte dem Publikum seine Sicht auf die Welt durch die Brille eines Teilchenphysikers nah. Ob in seiner Brust dabei auch zwei Herzen schlugen, wie Lambert Heller es bei seinem Impulsreferat bezogen auf die Forschenden von heute meinte?

„Wie viele hier im Raum haben ein Profil bei ResearchGate?“ Viele Hände gehen hoch; das Publikum ist im Thema. Warum nutzen Forschende diese Plattform und laden mitunter ihre Publikationen hoch, auch wenn sie Autorenverträgen oder Publikationsrechte an Verlage übertragen haben? Ist die Benutzerfreundlichkeit und die schiere Übersteigung einer kritischen User-Masse tatsächlich so attraktiv, dass urheberrechtliche Bedenken über Bord geworfen werden? Wenn dem so ist, müssten dann Angebote sozialer Netzwerke adaptiert und bei der Entwicklung offener Repositorien mitgedacht werden?

Was wollt ihr: Sicherheit oder Sichtbarkeit?

Die Forschenden, soviel wird klar, sitzen mit ihrer Expertise und deren Verbreitungswegen in der vernetzten Gesellschaft zwischen den Stühlen. Einerseits folgen sie dem inzwischen obligatorischen Anspruch, online zu sein, andererseits möchten sie ihre Forschung „in Sicherheit“ bringen. Einerseits gilt es, durch Veröffentlichungen in Medien mit hohem Impact Factor Prestige zu sammeln, andererseits, auffindbar zu sein und seine Ergebnisse der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen. Daraus erklärten sich, so Heller, die gemischten Gefühle gegenüber Open Access, deren Verbreitung und Umsetzung zudem durch eine hochsegmentierten Landschaft der Diziplinen erschwert wird. „Wissen die Forschenden überhaupt immer selbst, was sie wirklich wollen?“, fragte die Moderatorin des Abends, Verlagsleiterin Isabella Meinecke, Hamburg University Press, folgerichtig.

Eins ist sicher: Open Access geht nicht mehr weg

Forschende, Verlagsleute, Beobachter. Das Salon-Publikum. By Jan Apel (WMDE) [CC BY-SA 4.0]

Woran fehlt es, um großflächig freien Zugang zu wissenschaftlicher Literatur zu schaffen? Dauerbrenner-Themen im Bereich Open Access wurden argumentativ abgeklopft: Die Macht von Verlagen bei der Entwicklung oft profitorientierter Geschäftsmodelle. Der Journal Impact Factor (JIF), dessen inhaltlicher Aussagegehalt umstritten ist. Vermehrt unterzeichnen Institutionen die San Francisco Declaration on Research Assessment (DORA), die sich gegen die klassische JIF-Bewertung wendet. Die spezifischen Eigenschaften der Disziplinen, die sich schwerer oder leichter mit der Umsetzung von Open Access tun. Siehe dazu auch die Studie How Digital Are the Digital Humanities? An Analysis of Two Scholarly Blogging Platforms. Aus der Diskussion wurde deutlich, dass die Gewichtung und Priorisierung dieser Fragen sich angesichts der vielen Akteure und ihrer Interessen im Bereich der Wissenschaftspublikation schwierig gestaltet.

Qualität vs. Schnelligkeit?

Auf politischer Ebene wird das Thema inzwischen positiv diskutiert und gefördert. Dies lässt sich beispielsweise daran ablesen, dass für sämtliche wissenschaftliche Publikationen, die aus Projekten im Rahmen des EU-Förderprogramms Horizon 2020 entstehen, eine Open-Access-Veröffentlichung verpflichtend ist. Christina Riesenweber, wissenschaftliche Mitarbeiterin bei OJS-de.net, der bekanntesten Open-Source-Software zur Verwaltung und Veröffentlichung von wissenschaftlichen Zeitschriften, riet jungen Journals dazu, Strategien für einen Zugewinn an Renomee zu entwickeln, etwa prominente Boardmitglieder und namhafte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler als Fürsprecher zu akquierieren.

Lambert Heller und Christina Riesenweber. By Jan Apel (WMDE) [CC BY-SA 4.0]

Frédéric Dubois ist Chefredakteur des hybriden Online-Journals Internet Policy Review, das eine Mischung aus wissenschaftlichen und journalistischen Inhalten zu Netzpolitik anbietet. Er sieht die Zukunft des wissenschaftlichen Publizierens einerseits in der Kooperation mit Institutionen. Andererseits sei die Schnelligkeit der Veröffentlichungs- und Reviewprozesse entscheidend für den Erfolg eines Journals. Im Publikum spiegelte sich die zwiegespaltene und vielschichtige Diskussionslage auch im Hinblick auf Qualitätsstandards, die abzusinken drohten.

Zuletzt bekräftige ein Erlebnisbericht bei Netzpolitik.org über die Zusammenarbeit mit einem rennomierten Player die Befürchtung, dass wissenschaftliche Zeitschriftenverlage ihren Service runterfahren und die Arbeit rund um eine Veröffentlichung zunehmend den Forschenden überhelfen. Diese Tendenz sollte wieder eingegrenzt werden, meinte Christina Riesenweber, damit sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf ihre  Kernaufgabe, die wissenschaftliche Arbeit, konzentrieren könnten.

Druck von oben, Eigeninitiative aus der Mitte

In der Publikumsdiskussion kamen die vielfältigen Frage auf, die in der Zukunft nach Antworten verlangen: Sollten Bibliotheken stärker die Rolle als Informations- und Ressourcengeberinnen kultivieren? Sollten Verlage zunehmend als Herausgeberinnen wissenschaftlicher Zeitschriften fungieren? Sollten Institutionen auf existierenden Open-Access-Portalen wie arXiv aufbauen oder eigene Formate entwickeln? Wichtig ist, auch das wurde deutlich, dass Eigenverpflichtungen und Open-Access-Programme der Universitäten und Forschungseinrichtungen nicht nur verkündet, sondern auch in die Einrichtung hinein kommuniziert und gelebt werden müsssen. Fazit: Ohne politischen Druck lässt sich Open Access nicht durchsetzen. Ohne das Engagement für Open Access durch junge Forschende auch nicht. Die Öffnung des Wissenschaftsprozesses sollte daher weiterhin als Bottom-up Prozess gestaltet werden; Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler müssen diesen Prozess aktiv vorantreiben und insbesondere selbst praktizieren, damit Open Science erfolgreich ist.

Die Veranstaltung in voller Länge kann hier angeschaut werden:

Fotos der Veranstaltung auf Wikimedia Commons

Interviews der Salon-Gäste auf dem WMDE-Youtube-Channel

Diese Veranstaltung fand in Kooperation mit dem Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft statt.

 

Das nächste ABC des Freien Wissens findet am Donnerstag, den 08. Oktober in Kooperation mit der Berliner Gazette statt. Thema diesmal: „K=Kollaboration. Ohne Zusammenarbeit keine Commons?“ Gäste: Dr. Mark Terkessidis, Migrationsforscher und Autor, Prof. Dr. Friederike Habermann, Autorin und freie Wissenschaftlerin, Christoph Kappes, Netztheoretiker und Berater.

 

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Dieser Eintrag wurde geschrieben von am Montag, September 14th, 2015 um 13:56 Uhr und ist zu finden unter Kultur. Sie können diesen Beitrag mit RSS 2.0 Feed abonnieren. Sowohl Kommentare als auch Pings sind derzeit geschlossen.
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