Neue Einsichten, neue Aussichten: die Wikimedia Foundation plant ihr nächstes Geschäftsjahr
(by Õväküvä, PD, via Wikimedia Commons)

Die Wikimedia Foundation hat ihren Jahresplan (PDF, 517 kb) für das kommende Geschäftsjahr 2014/15 veröffentlicht. Wie bereits im letzten Jahr möchten wir euch eine Zusammenfassung des Plans geben, denn er ist auch weiterhin eines der wichtigsten Dokumente, um die Arbeit und die Sicht der Stiftung zu verstehen. Da die Wikimedia Foundation die Betreiberin der Wikipedia und ihrer Schwesterprojekte ist, haben viele ihrer Ziele und Aktivitäten großen Einfluss auf die lokalen Wikimedia-Projekten. Ein Blick in die Vorhaben lohnt sich also durchaus, um die wichtigsten Veränderungen schon jetzt auf dem Radar zu haben und informiert an Diskussionen teilhaben zu können.

An der Ausarbeitung des neuen Jahresplans waren alle Teams und Abteilungen der Wikimedia Foundation beteiligt. Der Plan wurde von der scheidenden Geschäftsführerin Sue Gardner vorbereitet und von ihrer Nachfolgerin Lila Tretikov bestätigt.

Auffällig an dem neuen Plan sind bereits die Eingangsworte: Ist bisher von immer „free knowledge“ (Freies Wissen) die Rede gewesen, heißt es nun „free, uncensored knowledge“ (Freies, unzensiertes Wissen). Die Wikimedia Foundation ist sich offenbar der Gefahren für das freie Internet sehr bewusst. Sie positioniert sich gleichzeitig deutlich mit „our product is a set of websites“ (unser Produkt ist eine Reihe von Webseiten).

Starker Schwerpunkt auf Technik und Entwicklung

Diese Worte stehen auch sehr deutlich für den starken technologischen Schwerpunkt, der in den letzten Jahren immer weiter manifestiert wurde. Die Stiftung betreibt die fünftmeistbesuchte Webseite der Welt und möchte diese auch weiterhin schützen und modernisieren.

Dieser stetigen Modernisierung wird im Plan viel Raum eingeräumt. Gut 24,9 Millionen US-Dollar werden im neuen Geschäftsjahr im Bereich des „Product & Engineering“ ausgegeben; 3,9 Millionen US-Dollar mehr als im Vorjahr. Und die Foundation hat sich große Aufgaben vorgenommen, die diese Ausgaben rechtfertigen sollen.

Das bisherige Serverzentrum in Tampa (Florida) wird aufgegeben und ein neues wird neben dem bisherigen in Ashburn (Virginia) in Dallas (Texas) eröffnet. Wenn dies geschafft ist, stehen vor allem Verbesserung der Verschlüsselung, wie der vollständige Datenübertragung über HTTPS, und der Aufbau neuer Cache-Server an. Zusätzlich ist die Einführung der PHP-Softwareengine HHVM angedacht – Facebook nutzt diese beispielsweise schon.

Das „Product Team“ der Foundation, verantwortlich für zahlreiche Projekte, z.B. VisualEditor und Media Viewer
(by Fabrice Florin, CC-by-sa 3.0, via Wikimedia Commons)

Neben diesen infrastrukturellen Maßnahmen, möchte die Foundation vor allem dem Trend der mobilen Nutzung nicht hinterherhinken. Neben der deutlichen Verbesserung der mobilen Webseiten sowie den mobilen Apps (für Android bereits veröffentlicht, für iOS demnächst), werden alle Technikteams angehalten, mobile Geräte bei der Entwicklung stets direkt mitzudenken („Responsive Webdesign“). Um gleichzeitig mehr Leserinnen und Leser zum Editieren zu bewegen, sollen die drei Projekte der Foundation fortgeführt werden: der Abschluss des VisualEditors, die Vollendung des UploadWizards für Wikimedia Commons und die Einführung des neuen Diskussionssystems Flow. Gerade beim VisualEditor wünschen sich die Entwicklerinnen und Entwickler, dass sie die vier großen Communities (englisch-, deutsch-, niederländisch- und spanischsprachige Wikipedias) noch überzeugen können, den neuen Editor wieder standardmäßig einzuschalten.

Dass diese Projekte nicht überall auf ungeteilte Gegenliebe stoßen, ist den Verantwortlichen in San Francisco bewusst. So merken sie zum Beispiel an, dass die Wikimedia-Projekte immer komplizierter und verschlossener werden, während der Rest des Internets offener und partizipativer wird. Eine angedachte Lösung: die Communities besser und früher einbeziehen! Dabei soll unter anderem das neue „Community Engagement Team“ unter Leitung von Rachel diCerbo helfen.

Abseits der Technik

Abseits der technischen Abteilungen – vor allem im Evaluationsteam sowie in der Förder- und Rechtsabteilung – soll sich zunächst wenig ändern. Denn gerade beim Fördern und Auswerten sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus San Francisco weiterhin auf der Suche nach dem Heiligen Gral des Wikiversums: Was bedeutet Wirkung (“Impact”) für das Wikimedia-Movement, wie erzielen wir diese Wirkung und wie kann sie durch Förderung optimal unterstützt werden?

Die absolute Summe des Förderbereichs (“Grants”) bleibt wie im Vorjahr bei 8,2 Millionen US-Dollar. Darüber hinaus möchte man Personen und Organisationen verstärkt dabei unterstützen, effizienter zu arbeiten, professioneller zu evaluieren und mit dem gleichen Mitteleinsatz bessere Ergebnisse zu erzielen. Das Team um Anasuya Sengupta will dabei verstärkt Einzelpersonen und Online-Projekte fördern, denn bisher gehen 89 Prozent aller Fördergelder an Organisationen des Wikimedia-Movements. Zu den Förderprogrammen gehören beispielsweise die „annual plan grants“ (Jahresplanförderungen), die vom „Funds Dissemination Committee“ (Spendenverteilungsausschuss) vergeben werden (für 2014/15 sind 6 Millionen US-Dollar dafür veranschlagt). Neben den Förderprogrammen rücken auch verstärkt die Erstellung von Handbüchern und Trainingseinheiten in den Fokus. Im Gegensatz dazu sind die Bemühungen, Wikimedia durch mehr Engagement im Globalen Süden und mehr weibliche Nutzerinnen vielfältiger zu machen zwar noch genannt, scheinen aber nicht mehr die höchste Priorität zu haben.

Die Rechtsabteilung (“Legal and Community Advocacy”) setzt ihren Fokus nach den abgeschlossenen Community-Diskussionen des letzten Jahres zum Markenrecht und zum Datenschutz verstärkt auf das Beobachten und Bewerten von Gesetzesänderungen (und vor allem -verschärfungen; zum Beispiel im Urheberrecht, zur Netzneutralität, und zur Freiheit des Internets insgesamt) weltweit.

Finanzen und Belegschaft

Kurz zu den wichtigsten Zahlen des Plans: Im Geschäftsjahr 2013/14 war mit Einnahmen von 50,1 Millionen US-Dollar kalkuliert worden. Aktuell werden 52,5 Millionen US-Dollar prognostiziert. Für 2014/15 wird mit einer Steigerung um sechs Millionen (elf Prozent) auf 58,5 Millionen US-Dollar gerechnet. Bei den Ausgaben waren es 2013/14 41,1 Mio US-Dollar, 2014/15 werden es 58,5. In beiden Geschäftsjahren schlägt der technische Bereich mit gut der Hälfte davon zu Buche, in der Planung sind für das kommende Jahr 24,85 Millionen US-Dollar veranschlagt.

Bis Ende des aktuellen Geschäftsjahres werden bei der Foundation 191 Personen arbeiten, für das nächste Jahr sollen es 240 werden; 157 davon im Product and Engineering, 20 im Grantmaking, und 63 in weiteren Positionen. Die Anmietung einer weiteren Etage im Bürogebäude in San Francisco wird damit unvermeidlich.

Bewusstsein für neue Probleme

Besonders interessant am Jahresplan ist vor allem der erste Anhang, der die Risiken beschreibt, die der erfolgreichen Ausführung des Plans entgegenstehen könnten. Hier wird deutlich, was die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Wikimedia Foundation besorgt und beschäftigt.

Der starke technologische Wandel wird auch an den Wikimedia-Projekten nicht vorbeigehen. Immer mehr Menschen nutzen mobile Geräte – und das hat erheblichen Einfluss auf alle Tätigkeiten. Bisher sind die Menschen, die Wikimedia-Seiten über ihr mobiles Gerät aufrufen, weniger editierfreudig. Und drastischer: sie spenden seltener und weniger. Dem will die Foundation vor allem mit technischen Verbesserungen entgegen halten.

Der akute Mangel an technisch erfahrenem (und bezahlbarem) Personal in der San Francisco Bay Area ist nicht neu und dennoch weiterhin aktuell. Seit des Booms ab 2010 kämpfen alle Unternehmen, große wie kleine, in der Gegend um das Silicon Valley um die besten Entwicklerinnen und Entwickler. Die von der WMF favorisierte Lösung ist bisher vor allem die Anstellung von Personal außerhalb des Büros, bereits jetzt arbeiten 27 Prozent der Product & Engineering-Abteilung auf der Welt verteilt.

Die Stiftung ist Teil des großen Wikimedia-Netzwerkes, das direkt und indirekt immer Einfluss auf ihre Arbeit hat. Wie auch im letzten Jahr befürchtet die Stiftung, dass Probleme oder Skandale in einem großen Wikimedia-Chapter auch ihre Arbeit stark negativ beeinflussen könnten. Während im letzten Plan die Foundation als Lösung die Stärkung ihrer eigenen Rolle sah und die Institutionalisierung der Chapter kritisierte, wird dieses Jahr ein anderer Ton angeschlagen: Es fehle an einer Strategie, um Rollen- und Aufgabenbeschreibungen in der Wikimedia-Bewegung zu klären und die Entwicklung der Bewegung zu steuern. Auch soll das aktualisierte Boardhandbuch zur Verfügung gestellt werden.

Doch die Foundation sieht auch noch ganz andere Probleme: Zum 1. Juni trat Lila Tretikov als Nachfolgerin Sue Gardner die Position der Geschäftsführerin an. Bestenfalls ginge die Arbeit einfach kontinuierlich weiter. Doch jeder Wechsel in der Geschäftsführung bringe von Natur aus Störungen und Komplikationen mit sich. Die Stiftung gibt offen zu, dass dadurch die Ausführung des Plans gefährdet sein kann.

Geleitet wurde die Ausarbeitung des neuen Plans noch von Sue Gardner (rechts). Ihre Nachfolgerin Lila Tretikov bestätigte den Plan schlussendlich.
(by Fabrice Florin, CC-by-sa-3.0, via Wikimedia Commons)

Und Risiken gefährden die Arbeit nicht nur intern und im Movement, auch die gesamte Grundlage der Wikimedia-Projekte – das freie Internet – ist Bedrohungen ausgesetzt. Bisher war dies der Stiftung keine Erwähnung wert, doch hierbei hat offensichtlich ein Umdenken eingesetzt: übliche Zensur (wie in Russland, China, Iran) und unübliche Zensur über Gerichtsverfahren (wie in Frankreich und Griechenland) schüchtern die Communities ein und behindern diese in ihrer Arbeit. Änderungen im Urheberrecht – ob über Freihandelsabkommen (wie TPP) oder im Rahmen neuer Richtlinien (wie in der EU) – könnten erhebliche Auswirkungen auf die Projekte haben. Und das Prinzip der Netzneutralität könnte, je nach Ausgestaltung, das Ende des Vorzeigeprojekts Wikipedia Zero bedeuten. Die Stiftung betont ihre Position für die Stärkung des freien Internets, doch abseits von der juristischen Verteidigung von Community-Mitgliedern könne sie nur bedingt aktiv werden und unterstützte daher Projekte wie das von Wikimedia Deutschland initiierte Netzwerk Free Knowledge Advocacy Group.

Was heißt das alles?

Mit mehr als 20.000 Wörtern auf 49 Seiten erklärt die Wikimedia Foundation, wie sie das nächste Geschäftsjahr angehen wird. Was ist die Quintessenz dessen?

Die Stiftung sieht sich auf dem richtigen Weg. Mittels starkem technologischen Ausbau und kontinuierlicher finanzieller Förderung glaubt sie, ihre Communites schützen, stärken und ausbauen zu können. Dass sie – obwohl Eigentümerin und Betreiberin der Projekte – das nicht alleine schaffen kann, ist vielleicht die größte Einsicht des Plans. Die Communities werden stärker in Entwicklungsprozesse eingebunden, und die anderen Wikimedia-Organisationen werden nicht mehr allein als Gefahr wahrgenommen sondern als wertvolle Teile des Wikiversums. Wie jedoch dieses Netzwerk aus Einzelpersonen, informellen Gruppen und Organisationen am besten auf die gemeinsame Mission hinarbeiten kann, das ist das große Fragezeichen dieses Plans, auf die es die Antwort zu finden gilt.

 Den Jahresplan 2014/15 gibt es als pdf-Datei auf Wikimedia Commons zum Download, die häufigsten Fragen und Antworten sind im Wiki der Wikimedia Foundation veröffentlicht. Bisher gibt es keine deutsche Übersetzung des Jahresplans. Und um Verwirrung vorzubeugen noch ein kleiner Hinweis: Anders als z. B. bei Wikimedia Deutschland (Jan-Dez) beginnt das Geschäftsjahr bei der WMF im Juli und endet im Juni des nächsten Jahres.