Dies ist ein Gastbeitrag von John Andersson, Projektmanager bei Wikimedia Sverige (Schweden), der an der Wikimedia Diversity Conference 2013 in Berlin teilgenommen und dort über thematische Edit-a-thons referierte. Dieser Beitrag ist aus dem Englischen übersetzt und wurde auch im Blog der Wikimedia Foundation veröffentlicht (dort auf englisch, schwedisch und deutsch).

 

Vor kurzem hatte ich die Möglichkeit, im Rahmen einer Kooperation von  Wikimedia Sverige und Europeana, mit der wir neue Kooperationen eingehen und unsere Erfahrungen mit GLAMs und zwischen den Chaptern austauschen, an der Wikimedia Diversity Conference in Berlin teilzunehmen.

Menschen aus aller Welt kamen in Berlin zusammen, um gemeinsam zu überlegen, wie man die Vielfalt in unseren Projekten steigern kann, Bild von Christopher Schwarzkopf, CC-BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Bei dieser hervorragend organisierten Veranstaltung (Chapeau WMDE,  WMF,  WMUK und WMNL für die harte Arbeit!) hielt ich eine kurze Präsentation mit anschließendem Workshop zum Thema thematische Edit-a-thons und wie wir, die Wikimedia-Bewegung, diese nutzen können, um die Partizipation bislang unterrepräsentierter Gruppen in der Wikipedia zu fördern. Wir haben in Schweden bereits drei solcher Events durchgeführt, bei denen wir uns darauf konzentriert haben, gezielt Frauen dazu zu motivieren, mitzumachen. Dabei wurden Artikel über Themen wie Frauengeschichte, Wissenschaftlerinnen oder Mode verfasst. Solche thematischen Edit-a-thons unterscheiden sich von „normalen“ Edit-a-thons, die keinen spezifischen thematischen Schwerpunkt haben, dahingehend, dass man innerhalb kurzer Zeit viel qualitativ hochwertigen Inhalt in eher „schwachen“ Themenfeldern in der Wikipedia generieren kann. Gleichzeitig hat man die Möglichkeit, den Teamgeist unter den Teilnehmenden zu stärken, da diese ein gemeinsames Interesse an der Thematik haben und Expertise auf dem gleichen Gebiet aufweisen. Dies fördert idealerweise die Kooperation.

Basierend auf Umfragen und persönlichen Gesprächen mit den Teilnehmenden konnten wir einige wesentliche Erkenntnisse aus diesen Veranstaltungen gewinnen. Man sollte allerdings an dieser Stelle zu bedenken geben, dass diese auf einer sehr kleinen Stichprobe beruhen und kulturspezifisch sein können, sodass die Ergebnisse anderer Chapter durchaus anders ausfallen können):

  • Es bietet sich an, vorwiegend mit Organisationen zu kooperieren, die bereits eine hohe Anzahl an Frauen in ihrem Umfeld haben. Diese können dabei helfen, eigene Mitglieder einzuladen und Material und Expertise zu teilen (dabei sollten die Universitäten nicht vergessen werden!)
  • Es scheint generell ein großes Interesse daran zu bestehen, sich in irgendeiner Form einzubringen. Alles was wir tun müssen, ist demnach, einen guten Weg zu finden, weiblichen Interessierten entgegenzukommen. Hier scheint es wichtig zu sein, dass solche Events in regelmäßigen Abständen stattfinden, aber auch, diese um unterhaltsame Elemente wie Vorträge, Get-Togethers mit Snacks, Führungen, usw. zu erweitern. Dieses „Begleitprogramm“ sollte allerdings auch nicht zu viel Zeit einnehmen, um die Teilnehmenden nicht vom eigentlichen Schwerpunkt der Veranstaltung, dem Editieren, abzuhalten.
  • Innerhalb der Gruppen mit spezifischen Interessen und Expertise in einem bestimmten Bereich lassen sich zum Teil Untergruppen ausmachen, deren Interesse an den Veranstaltungen anderer Gruppen teilzunehmen eher gering ist.

Im oben angesprochenen Workshop auf der Wikimedia Diversity Conference hatten wir Zeit, uns gemeinsam ein paar Gedanken darüber zu machen, wie die Situation für vier unterrepräsentierte Gruppen in der Wikipedia verbessern könnte:

  • Frauen
  • Ältere Menschen
  • Menschen mit Beeinträchtigungen
  • LGBT Gruppen

Wir konzentrierten uns dabei im Wesentlichen auf drei Fragen: (1) Welche Themen könnten für die jeweilige Gruppe passend sein, (2) wie könnten wir die Veranstaltungen durch zusätzliche Elemente unterhaltsamer gestalten, und (3) wie können wir die Teilnehmer dazu bringen, langfristig dabei zu bleiben.

Die Teilnehmenden des Workshops wurden in vier Gruppen eingeteilt, wobei wir diese der Einfachheit halber nicht auf Basis des jeweiligen Interesses, sondern abhängig vom Sitzplatz im Raum gebildet haben. Der positive Aspekt an dieser Vorgehensweise bestand darin, dass die Teilnehmenden ihre Komfortzone verlassen und über den Tellerrand blicken mussten. Nachteilig war allerdings die Tatsache, dass manche der Teilnehmenden ihre Expertise so nicht richtig einbringen konnten.

Das Zeitfenster für das Brainstorming war mit 20 Minuten relativ eng bemessen, jedoch hat der erhöhte Zeitdruck aus meiner Sicht dazu beigetragen, dass wir insgesamt effektiver gearbeitet haben. Im folgenden stelle ich die Ergebnisse des Workshops dar.

Die Ergebnisse des Tages wurden in einer ungewöhnlichen, aber schönen Art und Weise zusammengefasst, Bild von Christopher Schwarzkopf, CC-BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Die größte Gruppe im Raum war zufälligerweise diejenige, die sich auf das Thema Partizipation von Frauen konzentrierte. Ausgangspunkt ihrer Diskussion war die Frage, ob es überhaupt den Bedarf nach diesem speziellen Fokus auf die Beteiligung von mehr weiblichen Autoren gibt. Es wurde argumentiert, dass es sich bei diesem Ansatz letztendlich um Feminismus handelte. Die Teilnehmenden setzen sich intensiv damit auseinander, welche Themen überhaupt geeignet sein könnten, um Frauen gezielt anzusprechen und zu motivieren, sich in der Wikipedia zu beteiligen. Schließlich geht es um eine sehr heterogene Gruppe. So stellte sich beispielsweise die Frage, ob das Thema Mode, zu dem WMSE einen Edit-a-thon veranstaltet hatte, ein geeignetes Thema wäre oder ob damit lediglich typische Rollenklischees bedient würden.

Eine Erkenntnis aus der Diskussion war es, dass sowohl Mode als auch Haare Themen sind, die in der Wikipedia bislang deutlich unterrepräsentiert sind. Die Gruppe regte an, dass zumindest in westlichen Ländern Themen wie Kunst und Literatur geeignet sein könnten, um gezielt Frauen anzusprechen. Biographien von Frauen, beispielsweise von Autorinnen, hätten den Vorteil, dass ein großer Anteil an Mitarbeitenden in Bibliotheken weiblich seien und gleichzeitig direkten Zugang zu wichtigen relevanten Quellen für das Verfassen von Artikeln hätten.

Um das Interesse an Edit-a-thons zu steigern, so der Konsens in der Gruppe, reiche es aus, ein passendes Thema zu finden, für das sich diese begeistern können. Solche Events an sich können schon interessant genug sein und es wäre eher unnötig, diese durch andere Elemente unterhaltsamer zu gestalten. Ein Vorschlag bestand darin, ein Modell zu übernehmen, das auf feministischen Hackertreffen üblich ist: Die Teilnehmer geben 90 Sekunden lang Auskunft über ihre jeweiligen Interessen. Dies könnte ein Weg sein, Frauen dazu zu ermutigen, ihre Interessen mit den anderen Teilnehmerinnen zu teilen. Die Gruppe diskutierte ebenfalls die Wichtigkeit, bei derartigen Events für Verpflegung zu sorgen und sicherzugehen, dass T-Shirts in Frauengrößen vorhanden sind. Organisierende sollten außerdem dafür sorgen, dass sich die Teilnehmerinnen willkommen und wohl fühlen und Lernen, Sozialisation und Kollaboration trennen.

Ältere Generationen 

Die zweite Gruppe sprach darüber, wie man ältere Menschen erreichen könnte. Dabei wurde die Wichtigkeit, gleich von Anfang an die Menschen zu adressieren, die ausreichend Motivation mitbringen sich an unseren Projekten freiwillig zu beteiligen, thematisiert. Wikimedia Deutschlands (WMDE) Erfahrungen bei der Einbindung der Generation 50+ haben gezeigt, dass eine längerfristige Unterstützung unbedingt notwendig ist. Das Modell kurzfristig angelegter Workshops hat sich für diese Zielgruppe nicht bewährt. Stattdessen ist es sinnvoll, Mentorenprogramme oder Peergroups zu schaffen, die eine Kombination aus Online- und Offline-Betreuung ermöglichen, wie es beispielsweise beim „Teahouse“ (online) und bei Gruppentreffen Gleichgesinnter (offline) der Fall ist. Aus der Erfahrung Wikimedia Deutschlands ist die kontinuierliche Unterstützung bei dieser Gruppe wichtig, damit sie weiterhin editieren und ihre Arbeit nicht revertiert wird.

Bei der Adressierung dieser Zielgruppe ist man oft vor technische Hürden gestellt. Die Gruppe diskutierte daher die Wichtigkeit von Instrumenten, die man für Ältere nutzen könnte. Oft fehlen ihnen elementare IT-Fähigkeiten, die es ihnen erschweren, sich grundlegende Informationen selbst anzueignen. Die Option von grundlegendem Computer-Training wurde diskutiert. Die Gruppe befürwortete, dass man auch direkt zu Seniorenzentren gehen sollte, um dort Veranstaltungen durchzuführen, sollte die Zielgruppe nicht in der Lage sein, an einen anderen Ort zu kommen. Um die Senior*innen zum Dabeibleiben zu ermutigen, sah es die Gruppe als wichtig an, regelmäßige Veranstaltungen über einen längeren Zeitraum durchzuführen und dabei aber auch einen Teil zu allgemeinen IT-Praktiken zu berücksichtigen.

Überraschend war die Idee der Gruppe, dass das Einbeziehen spielerischer Elemente beim Editieren nötig sei, um die Älteren anzulocken. Von Beginn an sollte man die Interessenten darauf hinweisen, dass nicht alles Wissen für eine Enzyklopädie geeignet ist; so können man auch falsche Erwartungen regulieren. Wenn sich Organisatoren auf Veranstaltungen mit Senior*innen vorbereiten, sollten sie sich auch auf Fragen vorbereiten, die die Wichtigkeit lokalen Wissens und lokaler Gemeinden für die Projekte hinterfragen und wie diese mit den Richtlinien für enzyklopädische Wichtigkeit und Prüfbarkeit zusammenpassen (zum Beispiel bei mündlichen Zitaten). Ein weiterer wichtiger Punkt, über den es nachzudenken gilt, ist, dass diese Freiwilligen neben einem großen Erfahrungsschatz auch andere wichtige Materialien wie Fotos und Videos aus ihrem langen Leben beitragen können.

Menschen mit Beeinträchtigungen 

Gruppe 3 diskutierte die Wichtigkeit, Menschen mit Beeinträchtigungen einzubinden. Zunächst wurden verschiedene Formen der Beeinträchtigungen thematisiert, für die jeweils andere Prioritäten gesetzt werden müssten. Eine Erkenntnis war, dass eine Vernetzung mit entsprechenden Gruppen nötig sei, um sie überhaupt anzusprechen. Passende Themen könnten Artikel über Krankheiten sein.
Für Edit-a-thons mit einem Fokus auf die Einbindung körperlich und chronisch beeinträchtigter Menschen wurde die Möglichkeit des Schaffens von Räumen zur Sozialisierung der Teilnehmenden diskutiert. Desweiteren wurde die Möglichkeit von Diktiersoftware als zusätzliches MediaWiki Interface besprochen. Wie und ob man die gesprochene Wikipedia in den Veranstaltungen nutzen könnte machte einen weiteren Teil der Überlegungen aus. Über spezielle Hilfsmittel für Menschen, die aufgrund einer Beeinträchtigung keine Tastaturen nutzen können, müsste im Rahmen der Vorbereitungen für eine solche Veranstaltungen nachgedacht werden. Für Menschen mit geistiger Beeinträchtigung könnten leichtere Aufgaben innerhalb der Gruppe gefunden werden, auch die Verwendung einfacher Sprache und die Verwendung von Flowcharts und Diagrammen wurde besprochen.

Es gab ein vollgepacktes Programm (mein Workshop ist der zweite von unten in der Mitte), Bild von Anna Lena Schiller, CC-BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Die LGBT Gruppe (aus dem englischen Sprachraum kommende Abkürzung für Lesbian, Gay, Bisexual und Trans) besprach mögliche Themen für Edit-a-thons und umriss acht Themen für die LGBT-Community.

  •  Geschichte der LGBT Rechte
  • LGBT Rechte in der Welt/Regionen
  • LGBT Kulturen
  • LGBT Psychologie
  • LGBT Soziologie
  • LGBT Gesundheit
  • LGBT Reise (Wikivoyage)
  • LGBT Äußerungen/Redewendungen (Wiktionary)

Die Gruppe stellte heraus, dass es wichtig sei, glaubwürdige Quellen zu den einzelnen Themen anzuführen und keine Meinungen.

Jetzt ist es an der Zeit, alle diesen Ideen (und deinen eigenen!) Taten folgen zu lassen und Wikipedias Editorengruppen vielfältiger zu machen!

 

– John Andersson, Wikimedia Sverige –