Der Reiz von Löchern und Streifen

Vom mechanischen Klavier zu Strickmustern – Die Wandlungen der Datensets bei Coding da Vinci.

Wikimedia Deutschland veranstaltet gemeinsam mit der DDB, der OKF und digiS den Programmierwettbewerb Coding da Vinci mit freien Kulturdaten für freie Apps. Hier greifen wir besondere Aspekte des Hackathons auf und präsentieren sie unseren Lesern.

Die Notenrollen des Deutschen Museums waren das beliebteste Datenset unter den Codern von Coding da Vinci. So wie die Tierstimmen letztes Jahr die Phantasie einiger Teams beflügelten, inspirierten die Notenrollen in diesem Jahr gleich mehrere Teams zu Projektideen. Als ich im Vorfeld des Hackathons davon hörte, dass das Deutsche Museum einen Datensatz “Notenrollen” unter Freier Lizenz für Coding da Vinci zugänglich machen wollte, standen auf meinem Gesicht bestimmt Fragezeichen.

So schauen die Notenrollen des Deutschen Museums aus.  Abbildung Deutsches Museum CC BY SA 4.0 .

Was sind Notenrollen?

Notenrollen sind Programmträger zur Steuerung von Musikinstrumenten. Sie sind aus speziellem Papier gefertigt und auf einer Spule aufgerollt. Ihre Breite variiert zwischen 10 und 50 cm, die Länge kann bis zu 50 m betragen. Die Ausführung besteht primär aus Perforierungen. Diese steuern Tonhöhen und -dauer, teilweise auch weitere Parameter wie Akzentuierung, Dynamik und Pedalverwendung. Die Rollen laufen in den Abspielinstrumenten über einen Skalenblock und werden pneumatisch, zumeist mittels Luftunterdruck, abgetastet. Wird eine Perforierung erkannt, schließt sich ein kleiner Balg und löst den Spielmechanismus aus. Gemeinhin wird in Kunstspiel- und Reproduktionsrollen getrennt. Beim Abspielen der Kunstspielrollen bestimmt die Spielerin oder der Spieler einige Parameter des Vortrags wie Dynamik und Tempo über Hebel und Pedale. Bei Reproduktionsklavieren ist dagegen kein manueller Eingriff nötig, die Perforierungen dieser Rollen steuern die ganze Interpretation und ermöglichen eine starke Annäherung an das originäre Spiel einer Pianistin oder eines Pianisten (*). Ende des 19. Jahrhunderts kamen die ersten selbstspielenden Klaviere auf den Markt, die von Notenrollen gesteuert wurden. Bald darauf gab es eine Vielzahl verschiedener Systeme und Anbieter. Als Zentren bildeten sich die USA und Deutschland heraus. In der Sammlung des Deutschen Museums befinden sich heute über 3.000 Notenrollen unterschiedlicher Systeme aus dem Zeitraum von 1905 bis 1935, darunter Originalaufnahmen von Claude Debussy, Edvard Grieg, Max Reger und Richard Strauss.

Das Deutsche Museum stellte für den Hackathon unter anderem zwei Komplettdigitalisate zur Verfügung: Fotos der papierende Reproduktionsrollen und ihrer Verpackung, Hintergrundinformationen wie Metadaten zu den Notenrollen, den Herstellern, den Musikern und den auf den Notenrollen festgehaltenen Stücken. Zum Beispiel das Opus 43, auch  “Schmetterling” genannt, von Edvard Grieg – von ihm selbst gespielt. Wie oben dargestellt fast schon eine Live-Aufnahme des Künstlers selbst.

Papierstreifen als Anstifter für Programmierer

Nach dem Kick-off des Hackathons in April, wir berichteten, war klar, was Notenrollen sind, nämlich gelochte und gestanzte Papierstreifen. Und was machten die freiwilligen Programmierinnen und Designer von Coding da Vinci aus dem Material? In alphabetischer Reihenfolge präsentierten sich am 5. Juli im Jüdischen Museum insgesamt 20 Projekte. Unter ihnen waren vier, deren Ausgangspunkt die Notenrollen des Deutschen Museum waren. Kein anderer Datensatz erfuhr so viel Aufmerksamkeit. Hier werden sie kurz vorgestellt. Eine Einladung mit dem Code der Projekte weiterzuarbeiten steht zwischen den Zeilen.

Klangvisualisierung

Drei Studenten der Hochschule Trier entsannen ein Methode, mit der sie die Perforationen der Notenrollen in Steuerungsbefehle für Strickmaschinen umwandeln. Griegs Schmetterling-Komposition als Schal wärmend um den Hals gelegt, könnte künftig als originelles Produkt im Museumsshop des Deutschen Museum zu erwerben sein. Bis zur Finalisierung sind jedoch noch einige Probleme zu lösen. Aber eine charmante Idee. Ob das Museum die Idee aufgreift und ihre Weiterentwicklung unterstützt? Möglich wäre es, denn die bisherigen Arbeitsergebnisse sind ebenfalls frei lizenziert und auf github verfügbar.

Little Piano

So sieht die Oberfläche von „Little piano“ aus. Bild von Thomas Tursics (Own work) [CC0], via Wikimedia Commons

Auch hier waren die Notenrollen der Quell der Inspiration. Thomas Tursics transferierte in seiner Anwendung die Erfahrung des Handkurbelbetriebes alter Leierkästen in die Lebenswelt heutiger Smartphonehalter. Twist it. Mit seiner App wird das Handy zum Brummkreisel. Gelingt es einem, das Handy ordentlich zu kreiseln, ertönt die Musik so wie man sie kennt. Nach einer Weile beginnt sie dann zu trudeln und verzehrt sich schließlich in der Reibung mit der Unterlage. Tursics bringt so das digitalisierte Kulturerbe über ein EDV-Gerät, neudeutsch “Gadget”, zurück in die Welt des analogen Erlebnisses. Genau darum geht es ja insgesamt bei Coding da Vinci. Wir wollen das kreative Potential der Digitalisate zeigen. Darstellen wie Anwendungen helfen können, neue Zugänge zum Verständnis des kulturellen Erbes zu öffnen. Wir wollen damit Museen und Archive motivieren, noch mehr digitalisierte Artefakte, wie Bilder, Texte und Töne unter einer Freien Lizenz zugänglich zu machen. Der Ansatz trägt, wie man sieht, erste Früchte. Die Idee greift auch das nachstehende Projekt auf.

Midiola

So beschreibt das Team selbst seine App: “Hinter MIDIOLA steht ein vierköpfiges Team aus Programmierern, Designern und Kunsthistorikern. In den digitalisierten Notenrollen aus dem Deutschen Museum sahen wir eine gute Möglichkeit, unser Interesse für historische Kultur und Technik mit zeitgenössischer digitaler Technologie zusammenzubringen. Die Algorithmen zur Bilderkennung tasten die Notenrollen in Echtzeit ab, die digitale Tonsynthese erfolgt live. MIDIOLA ist somit eine flexible und dynamische Software zur Erkennung und Wiedergabe der Notenrollen-Notation und lässt sich problemlos erweitern oder anpassen. Unsere App ist in HTML5 und JavaScript programmiert und benutzt das Ionic Framework und AngularJS.” Ein anspruchsvolles Vorhaben, dessen Prototyp im Saal des Jüdischen Museums schon funktionierte. Das überzeugte auch die Jury. Sie zeichnete Midiola mit dem Preis für “Best Design” aus. Unten ein Soundbeispiel.

 

Klangbeispiel von Midiola. Info zur Datei: Produziert vom Projektteam Midiola: Tom Brewe, Joscha Lausch, Mohammad Moradi and Luca Beisel (hochgeladen von Wikimedia Deutschland Coding da Vinci 2015) CC BY 4.0 via Wikimedia Commons

Pyanola

Auch das letzte Projekt in dieser Runde setzte sich zum Ziel, die Perforierungen des Papierstreifen hörbar zu machen. Hoffen wir, dass das Team in den kommenden Wochen weiter an der Idee einer Website mit allen in Musik umgewandelten Notenrollen des Deutschen Museums arbeiten und so die fast schon vergessene Welt der mechanischen Klaviere wieder zum Klingen bringen.

Dies ist der dritte Beitrag zu den Ergebnissen des Programmierwettbewerbes und Kultur-Hackathons Coding da Vinci.

  • Erster Blogpost zu den Urkunden der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der App Imperii-Viz.
  • Zweiter Blogpost zu den Steinen des Berliner Stadtmuseums und der App “Rolling Stone”

Fußnote: Der Absatz bis zu * ist ein Zitat. Mehr zu Notenrollen in dieser Broschüre des Deutschen Museums.

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Dieser Eintrag wurde geschrieben von am Dienstag, August 11th, 2015 um 18:29 Uhr und ist zu finden unter Freiwillige, Kultur. Sie können diesen Beitrag mit RSS 2.0 Feed abonnieren. Sowohl Kommentare als auch Pings sind derzeit geschlossen.
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ein Kommentar to “Der Reiz von Löchern und Streifen”

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