Die fruchtbare Dialektik von Coding da Vinci

Warum man sich bei 34°C an einem Sonntag 20 Apps anschaut und das cool findet.

Die Ergebnisse

Am vergangenen Sonntag fand im Jüdischen Museum Berlin die Preisverleihung von Coding da Vinci – Der Kulturhackathon statt. Wesen eines Hackathons ist es, dass Hacker, also Softwareentwickler und Programmierer, in kurzer Zeit – 24, 48 oder 72 Stunden –  neuen Code schreiben. Manche tun es gemeinsam, manche lassen sich nur von der Anwesenheit der Kollegen stimulieren und manche übertreffen die Erwartungen. So ist auch beim Programmierwettbewerb Coding da Vinci, den Wikimedia Deutschland gemeinsam mit seinen Partnern, der Deutschen Digitalen Bibliothek, der Servicestelle für Digitalisierung und der Open Knowledge Foundation durchführt. Sicher, da gibt es noch ein paar Details: Der Hackathon geht über Wochen anstelle der üblichen Stunden. Der Rohstoff für die Aktivitäten der Coder sind ausschließlich digitalisierte Kulturgüter aus Deutschlands Museen, Archiven und Bibliotheken. Und schließlich stehen sowohl die Daten als auch die neu programmierten Anwendungen unter freier Lizenz. Wir haben darüber schon mehrfach berichtet.

Jeder würde jetzt erwarten, dass ich mich über messbare Erfolge – SMARTs eben – auslasse. Feiern, dass wir 600.000 Mediafiles zur Verfügung stellen konnten, und mit Wikidata, GND und den Beständen der DDB irgendetwas um die 65 Millionen Metadaten. Jubeln, dass zur Präsentation der 20 Projekte im Wettbewerb schätzungsweise 180 Personen kamen, obwohl man es niemanden verdenken konnte, der bei 34°C lieber irgendwo im Schatten chillte. Aber das kann man alles der Pressemitteilung entnehmen. Dort ist auch zu lesen, welche Projekte die fünf Jurypreise gewannen. Und dass die Botanikerapp Floradex “Everybody’s darling” – aka Publikumspreis – war. Stattdessen möchte ich lieber über ein Wettbewerbsprojekt schreiben, das aus meiner ganz persönlichen Sicht eine besondere Qualität von Coding da Vinci belegt.

Das Projekt imperii-Viz

Mit dieser Urkunde wies Götz von Berlichingen bei Bedarf sein Eigentumsrecht an der Burg Hornberg aus, Transskription. Archiv Burg Hornberg. Public domain via Wikimedia Commons

Bestimmt haben Sie auch schon mal so eine Urkunde wie die nebenstehende in einem Museum gesehen. Hübsch anzusehen, aber für die wenigsten lesbar. Und von denen, die sie entziffern können, dürften noch weniger sie verstehen. Trotz des zeitlichen Abstandes haben viele dieser Urkunden, meist zu Rechtsgeschäften, es in unsere Gegenwart geschafft. In Archiven werden sie umsichtig und wohl temperiert aufbewahrt. Selten schaut sie jemand an. Dazu sind sie allein schon wegen ihres Alters zu kostbar. Meist interessieren sich nur Mediävisten und andere wenige Spezialisten für sie. Etliche von ihnen einem größeren Kreis von Interessenten zu erschließen, ist das Verdienst der Akademie der Wissenschaften und Literatur Mainz (AWLM). Sie beheimatet das Langzeitforschungsprojekt “Regesta Imperii”(RI). Dort werden in so genannten regesten, in der Funktion vergleichbar einem Klappentext eines Buches, alle Urkunden der römisch-deutschen Könige und Kaiser in einer Datenbank erfasst. Eine trotz vieler Kriege, Brände, Schimmel und wütender Käfer doch nach wie vor unfassbar große Zahl. 130.000 Einträge umfasst die Datenbank zur Zeit. Es versteht sich von selbst, für den Aufbau und Betrieb der Datenbank und der dazugehörigen Forschung kamen eine Menge verschiedener Spezialisten zusammen. Ein Besuch auf der Website macht deutlich, dass man selbst schon wieder Spezialist sein muss, um sich nicht in den tausenden Einträgen zu verlieren. Goethe bemerkte, man sähe nur, was man wisse. Wenn ich nicht weiß, wonach ich suche, weil ich mir gar nicht vorstellen kann, wovon die Urkunden handeln könnten, kann ich nicht einmal eine Frage stellen. Die Urkunden bleiben letztlich nur dekorativ anzuschauen. Aus dieser Distanz sieht  eine Urkunde schnell aus wie tausend andere. “Ist das Kunst? Oder kann das weg?”, fragt sich mancher.

Die Dialektik greift

Da entschließt sich die Akademie zu einem Experiment. Was würde passieren, wenn ganz andere Spezialisten, nicht Mediävisten, sondern neugierige “Hacker” anfingen, mit den Daten aus der Datenbank zu spielen? Für Coding da Vinci stellten sie die Daten unter freie Lizenz und machten sie so überhaupt erstmals für eine Verwendung zugänglich.130.000 maschinenlesbare Datensätze sind ein attraktives Angebot für Programmierer. Den Ball fingen fünf junge Informatikstudenten aus Stuttgart und Leipzig auf. Das Ergebnis heißt imperii-viz.

Das Imperii-viz Team präsentiert auf #codingdavinci, Foto CC BY (https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/de/) Coding da Vinci von Thomas Nitz

Die Web-App reichert die RI-Datensätze mit Bildern aus Wikimedia Commons und Wikipedia Texten zu den Kaisern und Königen an. Wählt der Nutzer einen König, zeigt eine “heatmap” in welchen europäischen Regionen, dieser König besonders häufig Urkunden erlassen hat. Dr. Andreas Kuczera, wissenschaftlicher Mitarbeiter der RI, beurteilt den Ausgang des Experiments positiv: “Die Imperii-viz App ist sehr interessant. Sie unterstützt unseren Perspektivwechsel auf unsere Datensammlung. Sie betrachtet sie aus der Perspektive von Big Data, das ist neu für uns. Sie erschließt nicht nur Laien die Urkunden, sondern hilft uns Forschern neue Fragestellungen zu entwickeln. Wir wollen unbedingt mit dem Imperii-viz Team weiter zusammenarbeiten. Die erste Lektion, dass wir die Herrschernamen normieren müssen, damit die Datensätze konsistenter adressiert werden können, haben wir gelernt. Jetzt müssen wir sie umsetzen. Für uns war der Austausch mit den Hackern von Coding da Vinci sehr wertvoll.”

Das ist, glaube ich, genau die dialektische Qualität von Coding da Vinci. Der Dialog, der Austausch zwischen zwei Welten. Die Kultureinrichtungen mit zunehmend strukturiert vorliegenden Daten profitieren von dem technischen Know-How der Programmierer, um für uns alle eine Brücke zu unserem kulturellen Erbe zu schlagen. Unsere Welt wird dadurch vielfältiger, reicher und es hilft, unsere Gegenwart in der Geschichte zu verankern.

Danke an alle, die mit dem Erfolg von Coding da Vinci 2015 dazu beigetragen haben.

 

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Dieser Eintrag wurde geschrieben von am Dienstag, Juli 7th, 2015 um 15:59 Uhr und ist zu finden unter Kultur. Sie können diesen Beitrag mit RSS 2.0 Feed abonnieren. Sowohl Kommentare als auch Pings sind derzeit geschlossen.
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