Das größte Risiko bei OER? OER nicht umzusetzen

Die Kultusministerkonferenz (KMK) arbeitet derzeit an Empfehlungen zum Umgang mit Freien Bildungsmaterialien (Open Educational Resources oder OER). Wikimedia Deutschland wurde in diesem Rahmen gebeten, eine umfassende schriftliche Stellungnahme zum Thema abzugeben. Diese ist im Folgenden dokumentiert.

1. Ausgangslage

„Freedom is not free“ – Freie Materialien gibt es nicht umsonst. Bild: Vinoth Chandar CC-BY 2.0 via Wikimedia Commons

a. Welche Definition von OER legen Sie zugrunde?

Wikimedia Deutschland e.V. (WMDE) folgt der 2012 von der UNESCO verabschiedeten Definition von OER:

„Lehr-, Lern- und Forschungsressourcen in Form jeden Mediums, digital oder anderweitig, die gemeinfrei sind oder unter einer offenen Lizenz veröffentlicht wurden, welche den kostenlosen Zugang, sowie die kostenlose Nutzung, Bearbeitung und Weiterverbreitung durch Andere ohne oder mit geringfügigen Einschränkungen erlaubt. Das Prinzip der offenen Lizenzierung bewegt sich innerhalb des bestehenden Rahmens des Urheberrechts, wie er durch einschlägige internationale Abkommen festgelegt ist, und respektiert die Urheberschaft an einem Werk.“

Zu beachten ist dabei, dass offene Lizenz z.B. durch die Open Definition definiert wird und dabei zu den konstituierenden Merkmalen einer offenen bzw. freien Lizenz das Recht zur legalen Nachnutzung auch zu kommerziellen Zwecken zählt.

1b. Inwieweit sammelt, erstellt oder distribuiert Ihre Institution OER?

WMDE sammelt, erstellt und distribuiert OER nicht systematisch. Im Rahmen von Einzelprojekten werden allerdings durchaus OER erstellt, wie zum Beispiel im Rahmen der Broschüre „Wikipedia – Gemeinsam Wissen gestalten“, die in Kooperation mit Klicksafe.de entstand oder auch im Rahmen der Workshops „OER-Sprint“.

1c. Welche Maßnahmen zur Qualitätssicherung führen Sie dabei durch?

Da WMDE OER nicht systematisch sammelt, erstellt oder distribuiert, ist diese Frage durch uns nicht zu beantworten.

2. Recht

2a. Welche rechtlichen Kriterien bzw. Vorgaben sind bei der Erstellung und der Lizensierung von OER Ihrer Meinung nach von Bedeutung?

Voraussetzung für OER ist eine sinnvolle und handhabbare Lizenzierung. Sinnvoll wären möglichst offene Lizenzen. Gleichzeitig sollte eine Lizenzierungsform gewählt werden, die national wie international genutzt wird, damit Materialien miteinander „kompatibel“, also kombinierbar, bleiben.

2b. Hindern bestehende rechtliche Vorgaben die Erstellung und Lizensierung von OER in Deutschland?

Für die Erstellung und Verbreitung von OER gelten alle Probleme bei Verständnis und Komplexität des Urheberrechts fort wie sie auch für andere Textarten bestehen. OER-Inhalte sind genauso wie andere Inhalte im Konflikt mit den engen Schrankenregelungen des bestehenden Urheberrechts.

2c. Wo sind ggf. rechtliche Modifikationen erforderlich?

Ein klareres und liberaleres Urheberrecht würde Urhebern Sicherheit und damit die Freiheit geben, selbst eigene Werke zu schaffen und vorhandene Werke legal nachzunutzen.

2d. Wäre eine Lizenzierung nach dem Creative-Commons-Standard für OER in Deutschland sinnvoll? Wenn ja, in welcher Modulkombination?

Unter a. haben wir möglichst offene und weit verbreitete Lizenzen gefordert. Diese Kriterien werden von folgenden Versionen von Creative-Commons-Lizenzen erfüllt: CC-BY (Namensnennung) und CC-BY-SA (Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen).

Weder sinnvoll noch handhabbar sind dagegen Creative Commons-Lizenzen mit einer NC-Beschränkung (nicht-kommerziell). Diese sind nicht kompatibel zum Großteil der bereits vorhandenen OER und unterlaufen das Kriterium der Offenheit, da so viele legitime Nutzungsszenarien ausgeschlossen würden. So urteilte das Landgericht Köln am 5. März 2014, dass der öffentlich-rechtliche Radiosender Deutschlandradio kommerziell im Sinne der NC-Beschränkung sei und somit ein unter einer CC-BY-NC-2.0-Lizenz stehendes Foto nicht hätte nutzen dürfen. Gleichzeitig ist das Risiko, dass Dritte sich mit offen bereit gestellten Materialien illegitim bereichern, äußerst gering, wie die Erfahrungen mit den Wikipedia-Inhalten zeigen. WMDE warnt daher ausdrücklich vor einer Inselllösung, die bei der Nutzung der NC-Beschränkung entstehen würde.

3. Technik

3a. Welche technischen Anforderungen sind Ihrer Meinung nach Grundvoraussetzung für die Bereitstellung, Verwaltung, Weiterverarbeitung/-verwendung und Nutzung eines wachsenden OER-Bestandes?

Die technischen Anforderungen sind relativ trivial. Das größte Problem bei der Auffindbarkeit sind fehlende und inkongruente Metadaten. Für die Nutzbarkeit eines wachsenden OER-Bestands wären gut gepflegte und möglichst einheitliche Metadaten zwingende Voraussetzung.

Eine potentiell sinnvolle Lösung wäre das Metadatenmodell der Learning Resource Metadata Initiative (LRMI). Der OER-Experte Jan Neumann beschreibt die Vorzüge von LRMI in seinem Blog folgendermaßen: „LRMI ist ein von Creative Commons und der Association of Educational Publishers entwickelter schlanker Metadatenstandard für Bildungsmaterialien, der in schema.org integriert ist. Er dient dazu, HTML-Beschreibungen von OER mit strukturierten Metadaten anzureichern, so dass entsprechend ausgezeichnete Materialen zukünftig direkt von den wichtigsten Suchmaschinen als solche erkannt und indexiert werden können.“ WMDE teilt diese Einschätzung.

Wir verweisen daneben auf die von Frauke Ziedorn, Elena Derr und Janna Neumann erstellte Studie „Metadaten für Open Educational Resources“

3b. Welche dieser Voraussetzungen sehen Sie als bereits erfüllt an und in welchen Bereichen sehen Sie noch Verbesserungsbedarf?

Die technischen Voraussetzungen für OER sind prinzipiell gegeben. Sinnvoll wäre eine einheitliche und einfache Suche. Diese ist wie oben dargelegt nur mit entsprechenden Metadaten möglich.

4. Ökonomie

4a. Wer könnte den mit OER jeweils verbundenen Aufwand – aufgeschlüsselt nach Erstellung, Sammlung, Aufbereitung und Vertrieb – Ihrer Meinung nach finanzieren?

Für eine breite Einführung von OER wären zunächst nennenswerte Investitionen notwendig. Diese Finanzierung könnte vor allem durch die Öffentliche Hand erfolgen. Mittelfristig würde ein funktionierendes OER-Ökosystem aller Voraussicht nach die Gesamtkosten von Bildungsmaterialien aufgrund des einfacheren Vertriebs senken.

Erstellung: Eine Erstellung von Schulbüchern könnte auf Ausschreibungen hin geschehen. Die Kosten hierfür würde die Öffentliche Hand tragen.

Sammlung und Aufbereitung: Die Sammlung könnte auf einem zentralen Portal geschehen. Hierbei wäre die Bereitstellung einer technischen Lösung durch die Öffentliche Hand sinnvoll. Da bereits mit den Bildungsservern entsprechend anpassbare Infrastrukturen bestehen, sollten diesbezüglich keine signifikanten Zusatzkosten entstehen.

Vertrieb: Durch die digitale Bereitstellung und die freie Lizenzierung von OER sollte der Vertrieb deutlich erleichtert werden. Er sollte weiter dem freien Markt überlassen werden.

4b. Wie hoch schätzen Sie das Finanzierungsvolumen?

Eine seriöse Schätzung ist für WMDE im Rahmen dieser Anhörung nicht möglich.

4c. Welche neuen Geschäftsmodelle sind in Bezug auf OER aus Ihrer Sicht denkbar?

Ein mögliches Geschäftsmodell wäre die Beteiligung von privatwirtschaftlichen Akteuren (zum Beispiel Verlagen) an staatlichen Ausschreibungen für OER-Schulbücher und andere Materialien. Daneben könnten Services rund um OER durch kostenpflichtige und privat betriebene Portale bereit gestellt werden.

4d. Sind diese neuen Geschäftsmodelle zivilgesellschaftlich wünschenswert? Alternativ: Wie sollte mit Bezug zu OER das Verhältnis „Öffentliche Hand -Privatwirtschaft – Zivilgesellschaft“ austariert werden?

Ob etwas wünschenswert ist, bemisst sich daran, ob es eine Verbesserung gegenüber einer Nichtveränderung der Umstände ist. Aktuell werden Bildungsmaterialien einerseits direkt von der öffentlichen Hand und andererseits von Eltern finanziert. Da letztere bei entsprechendem Einkommen real keine andere Wahl haben als die Schulbücher ihrer Kinder zu kaufen, haben diese Ausgaben ein Stück weit den Charakter einer Gebühr. Die Inhalte, die mit dieser Finanzierungsform geschaffen werden, gehören allerdings nicht der Allgemeinheit, sondern den Schulbuchverlagen. Im Falle von OER würde der Wettbewerb durch offene Plattformen und Ausschreibungen sicher gestellt. Gleichzeitig würden die Möglichkeiten der Partizipation deutlich ausgeweitet, wodurch auch die Zivilgesellschaft gestärkt würde. Insofern wären diese neuen Geschäftsmodelle zivilgesellschaftlich wünschenswert.

5. Potential

5a. Wie schätzen Sie die Nachfrage für OER in Deutschland ein?

Die Nachfrage nach qualitativ guten Bildungsmaterialien ist hoch, unabhängig von der Lizenzierung. Bei qualitativ guten OER ist eine entsprechend große Nachfrage zu erwarten.

5b. Worin sehen Sie die Chancen von OER, vor allem für die Bereiche Schule, Universität und „Lebenslanges Lernen“?

Die Chancen sind vielfältig. Die im Folgenden genannten positiven Auswirkungen sind nicht erschöpfend. Sie gelten für alle Bereiche.

Zugang: Der Zugang zu Materialien wird extrem erleichtert.

Aktualität: Heute sind Lehrmaterialien oftmals inhaltlich veraltet. OER können einfach aktuell gehalten werden.

Partizipation: Heute werden Bildungsmaterialien von wenigen erstellt. Mit OER werden Teilhabe an der Erstellung von Materialien durch alle sowie einfache Feedbackmechanismen möglich.

Kombinierbarkeit: Verschiedene Materialien würden ohne rechtliche Probleme miteinander kombinierbar werden.

Rechtssicherheit: Lehrende können, anders als bisher, arbeiten ohne permanent Urheberrecht zu brechen.

Wettbewerb: Heute oligopolistische Märkte würden aufgebrochen und so mehr Wettbewerb entstehen.

Geringere Kosten: Mittelfristig ist mit etwas geringeren Gesamtkosten zu rechnen.

Lebenslanges Lernen: Durch den leichten Zugang zu Materialien wird lebenslanges Lernen erleichtert.

5c. Wo sehen Sie Risiken von OER, aufgegliedert nach den Bereichen Schule, Universität und „Lebenslanges Lernen“?

Das Hauptrisiko liegt in der konkreten Umsetzung: Eine schlecht umgesetzte OER-Strategie kann dazu führen, dass das Potential von OER ungenutzt bleibt.

5d. Welche Institutionen bzw. Personengruppen sollten Ihrer Meinung nach bei der Erstellung von OER in Zukunft unterstützt werden? Wie sehen Sie hierbei vor allem die Rolle von Verlagen und von lehrer- sowie schülergenerierten Inhalten?

Die Antwort ist abhängig von der Art der Materialien. Bei größeren OER-Projekten – beispielsweise Schulbüchern und Schulbuchserien – würde es voraussichtlich eine Ausschreibung durch die Öffentliche Hand geben. Im Rahmen eines fairen Wettbewerbs sollten sich alle qualifizierten Akteure an solchen Ausschreibungen beteiligen dürfen. Mit ihrer großen Erfahrung wären Verlage hier naheliegende Adressaten.

Um Materialien im geringeren Umfang zu erstellen – beispielsweise Module, Arbeitsblätter oder Videos – wäre es sinnvoll, Lehrkräfte entsprechend zu schulen. Eine Einbeziehung von OER in die Lehrerausbildung wäre daneben empfehlenswert.

5e. Welche Veränderungen werden bzw. sollten OER in der Zukunft bewirken?

Siehe b.

6. Umsetzung

6a. Über welche Wege sollen OER an die Nutzer gebracht werden?

Hier bieten sich unter anderem die existierenden Bildungsserver an.

6b. Welche Anforderungen müssten an einen (de)zentralen Zugang zu OER für ganz unterschiedliche Adressaten gestellt werden?

Wichtig sind hier umfassende und miteinander kompatible Metadaten, um eine Auffindbarkeit durch verschiedene Suchmaschinen zu ermöglichen.

6c. Über welche Verfahren und Werkzeuge könnte die Qualität der Materialien sichergestellt werden?

Im Falle von klassischen Lehrbüchern gibt es etablierte Verfahren wie die Zulassung von Schulbüchern durch die Kultusministerien. Diese könnten auch auf OER angewandt werden.

Bei kleinteiligen Lernunterlagen ist es fraglich, ob ein redaktionelles Qualitätssicherungssystem sinnvoll wäre, da dies den Austausch erschweren könnte. Die Praktikabilität einer Qualitätssicherungslösung für dezentral entwickelte Unterlagen kann WMDE allerdings nicht abschließend beurteilen. Sinnvoll wären möglicherweise entsprechende Pilotprojekte.

6d. Nach welchem Verfahren sollte eine Redaktion erfolgen?

Siehe c.

6e. Wie beurteilen Sie Maßnahmen zu Qualitätssicherung durch die sog. Schwarmintelligenz?

Eine kritische Prüfung von Lehrmaterialien durch den individuellen Lehrenden ist auch bei OER unverzichtbar. Ein Kollektiv an engagierten Individuen kann allerdings bei Fehlerkorrekturen und Aktualisierungen eine wichtige Rolle spielen.

6f. Wäre die Einführung eines Qualitätssiegels für deutschsprachige OER ein praktikabler Ansatz? Wenn ja, wer sollte Ihrer Meinung nach dieses Qualitätssiegel vergeben und wer für die Finanzierung aufkommen?

Je nach Ausgestaltung wäre dies ein geeigneter Ansatz. Beispielsweise könnten nach dem Vorbild von Open Source Software bestimmte Versionen von Büchern und Materialien mit einem Prüfsiegel versehen werden. Hierfür könnten qualifizierte Lehrkräfte abgeordnet werden.

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Dieser Eintrag wurde geschrieben von am Sonntag, Mai 25th, 2014 um 09:00 Uhr und ist zu finden unter Bildung. Sie können diesen Beitrag mit RSS 2.0 Feed abonnieren. Sowohl Kommentare als auch Pings sind derzeit geschlossen.
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4 Responses to “Das größte Risiko bei OER? OER nicht umzusetzen”

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  2. Das größte Risiko bei OER? OER nicht... sagt:

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