Am Freitag letzter Woche haben wir in der Frankfurter Goethe-Universität die Zedler-Medaille für herausragende neue Lexikonbeiträge verliehen. Zur Preisverleihung in der historischen Aula waren etwa 120 interessierte Gäste erschienen, um gespannt der Podiumsdiskussion und der Bekanntgabe der Preisträger zu lauschen.

Auch in diesem Jahr wurde die Medaille in Kooperation mit der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz sowie dem Verlag Spektrum der Wissenschaft verliehen. Freundliche Unterstützung erhielten wir außerdem von BASF, welche das Preisgeld im Artikelwettbewerb stellten, sowie von der Carl Zeiss AG und dem Verein Reporter ohne Grenzen, welche die Sachpreise hinzu gaben.

Die Energien des Wissens

Foto © Raimond Spekking / Wikimedia Commons / CC-BY-SA-3.0


Pavel Richter, der Geschäftsführer von Wikimedia Deutschland, begrüßte die Gäste mit einer Einführung ins Thema und geleitete durch den weiteren Abend. In der anschließenden Diskussion sprachen Johannes Fried, Stefan Hradil, Johannes Janicka und Carsten Könneker mit Volker Panzer über die guten und schlechten Energien des Wissens und gingen der Frage nach, wohin sie uns führen können. Die spannende Diskussion setzte sich auch nach Öffnung des Saalmikrofons für das Publikum fort. Mit den anschließenden Wortbeiträgen hätten wir wohl noch weitere Stunden füllen können – wären da nicht noch einige Medaillen zu verleihen gewesen. :)

Ein enzyklopädischer Abendspaziergang

Zum Einstieg in die Verleihung nahm Philipp Birken sein Publikum mit auf einen „Abendspaziergang durch die freie Enzyklopädie“ und brachte damit auch den Gästen, denen die Wikipedia bisher wenig bekannt war, ein paar Fakten und vor allem den Qualitätsanspruch des Projektes näher. Anja Feldmann stellte dann die Motivation von BASF vor, sich dieses Jahr erstmalig an dem Wettbewerb zu beteiligten. Die Spannung war förmlich zu spüren, als Gernot Wilhelm, der Vizepräsident der Mainzer Akademie zum Rednerpult schritt und weitere feierliche Worte zur Zedler-Medaille vortrug.

Jürgen Erbs: Die Besselschen Elemente

Nach seiner Ansprache war es Zeit für die erste Laudatio: Als Gewinner im Bereich Naturwissenschaften stellte Herr Wilhelm den Artikel „Besselsche Elemente“ von Jürgen Erbs vor. Die Besselschen Elemente stellen in tabellarischer Form Zahlenwerte für die Voraussage von (Sonnen-)Finsternissen zur Verfügung. Die Laudatio aus der Feder vom Jurymitglied Franz Gustav Kollmann schließt mit folgenden Worten:

Der Artikel überzeugt durch die klare Schilderung des Problems, seiner Historie und das Bereitstellen der wichtigsten Formeln für Leser, die tiefer in diese Materie eindringen wollen. Der prämierte Artikel zeichnet sich gegenüber anderen rein beschreibenden dadurch aus, dass die grundlegenden Zusammenhänge einer anspruchsvollen naturwissenschaftlichen Methode nicht nur verbal sondern mit sehr guten Abbildungen und den bereits erwähnten Gleichungen sehr klar und nachvollziehbar dargestellt werden.

Jürgen Erbs über seine Motivation, diesen Artikel einzureichen:

Ich habe mich neben der Informatik schon immer für nahezu alle Bereiche der Naturwissenschaften interessiert und in mich dabei durch die entsprechenden Literatur und den Besuch mancher Veranstaltungen auf dem Laufenden gehalten. Als Schwerpunkte dabei haben sich Biologie, Physik und die Astronomie herausgebildet. Die Sonnenfinsternis vom 11. August 1999 war der Anlass, mich intensiver mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Mein Wohnort lag in der Totalitätszone und auch dass die Sonnenfinsternis bei uns sozusagen ins Wasser fiel, hat mein Interesse für dieses Phänomen keinen Abbruch getan. 2006 in der Türkei konnte ich dann endlich eine totale Sonnenfinsternis mit eigenen Augen bewundern. Neben den wissenschaftlichen Interessen gehe ich in meiner Freizeit noch verschiedenen Hobbys nach, dies ist vor allem das Bergsteigen und Sport in verschiedenen Disziplinen. Das zeitintensivste Hobby ist seit 2007 aber sicher die Wikipedia.

Tobias Lutzi: Dagobert Duck

Als bester geisteswissenschaftlicher Artikel wurde der Beitrag über die Comic-Figur „Dagobert Duck“ von Tobias Lutzi prämiert. Auch hier gibt die Laudatio von Michael Stolleis Aufschluss über die Bewertungskriterien der Jury:

Die Jury hat sich entschlossen, den Artikel „Dagobert Duck“ für die Zedler-Medaille vorzuschlagen. Sie fand zunächst das Thema heiter und sympathisch, stellte aber vor allem fest, dass der Verfasser unter Verwendung aller einschlägigen Veröffentlichungen über den in Entenhausen residierenden Großkapitalisten einen höchst informativen Artikel geschrieben hat. Wir erfahren hier alles über Entstehung und Wandlung der Figur bei Carl Barks und seinem kongenialen Nachfolger Don Rosa, seine Verbreitung in allen Medien, vor allem aber die Details aus Dagoberts fiktiver Biographie. Natürlich war Dagobert geborener Schotte, ausgewandert in die USA, wo er sich in vielen Berufen versuchte, schließlich beim Goldrausch in Alaska reich wurde und von da aus zum Superreichen aufstieg. Wir erfahren aber auch die literarische, mediensoziologische und kapitalismuskritische Deutungsgeschichte die publizistischen Wege zum Weltruhm und werden in die inzwischen reiche Sekundärliteratur eingeführt. Das Ganze erschien der Jury als Kabinettstück unter den in diesem Jahr vorgeschlagenen Wikipedia-Artikeln.

Gewinner der Zedler-Medaille 2010, Foto: © Raimond Spekking / Wikimedia Commons / CC-BY-SA-3.0

Tobias Lutzi über seine Motivation, diesen Artikel einzureichen:

Seit fast zwei Jahren arbeite ich inzwischen regelmäßig in der deutschsprachigen Wikipedia mit, wobei ich üblicherweise versuche, das im Studium Erlernte in das Projekt einzubringen und daher vorwiegend an juristischen Artikeln mitwirke oder mich – insbesondere in den letzten Monaten – an den Diskussionen im Portal Recht beteilige. Daneben habe ich seit meiner frühen Kindheit eine große Passion für Disney-Comics, so dass ich mich auch in diesem Bereich gelegentlich an Artikeln beteilige; Dagobert Duck ist dabei der erste Artikel, der vollständig von mir stammt. Gleichzeitig ist es bisher mein mit Abstand größter Beitrag zu Wikipedia.

Die Übergabe der Medaillen und Urkunden übernahm die zweite Vorsitzende von Wikimedia Deutschland, Alice Wiegand. Als Zugabe zu dieser Auszeichnung und dem Preisgeld von 2.000 Euro erhielten die Gewinner außerdem ein Buch mit allen bisherigen Zedler-Gewinnerartikeln in Hardcover und Farbe von PediaPress.

Bilderwettbewerb

Wikimedia Deutschland greift in diesem Jahr das Bedürfnis nach qualitativ hochwertigen illustrierenden Bildern für die Wikimedia-Projekte auf und hat erstmalig einen Bilderwettbewerb in die Verleihung der Zedler-Medaille integriert. Unser Ziel ist, dadurch die Qualität und die Attraktivität der Wikipedia mit exzellenten Illustrationen zu steigern und die Nutzung freier Lizenzen zu bewerben.

Bei unserem ersten Bilderwettbewerb haben wir die Messlatte hoch angelegt. Nicht rein ästhetische Gesichtspunkte waren ausschlaggebend für die Bewertung. Wir suchten Bilder von außergewöhnlicher Qualität, die darüber hinaus einen bisher unzureichend illustrierten Artikel aus Geistes- oder Naturwissenschaft aufwerten soll. Heute wissen wir, dass leider nicht alle eingereichten Bilder diese Voraussetzungen erfüllen konnten und auch die Beteiligung selbst blieb unter unseren Erwartungen.

Die Jury hat sich daher nach langen Diskussionen dazu entschieden, den ersten und auch den zweiten Platz dieses Bilderwettbewerbs nicht zu vergeben.

Muhammad Mahdi Karim: Focus Stacking

Den dritten und damit vordersten Platz belegte das Bild „Focus Stacking“ von Muhammad Mahdi Karim. Das Bild illustriert hervorragend den gleichnamigen Artikel in der Wikipedia und das parallel in mehreren Sprachversionen. Es stellt eine Methode der digitalen Bildbearbeitung dar, die einen durch physikalische Grenzen gesetzten Nachteil der Makrofotografie ausgleicht – die Schärfentiefeerweiterung.


Foto: Muhammad Mahdi Karim / Wikimedia Commons / CC-BY-SA-3.0.

Muhammad konnte die lange Anreise zur Preisverleihung verständlicherweise nicht antreten und erhält seinen Preis, die Kompaktkamera samt Objektiv-Reinigungsset (Zeiss AG) und Bildband „Fotos für die Pressefreiheit“ (Reporter ohne Grenzen) per Post.

Auf den Plätzen 4 bis 10

Ein Glückwunsch geht ebenfalls an die Preisträger auf den Plätzen 4 bis 10, auch sie erhalten den Bildband und das Reinigungsset auf dem Postweg zugestellt:

Auf der Wikipedia-Projektseite werden in Kürze alle Beiträge aus beiden Wettbewerb gelistet und die bisher nicht veröffentlichten Artikel werden in die Wikipedia eingestellt.

Danke!

Ein herzliches Dankeschön geht an die Partner und Unterstützer der Zedler-Medaille, die diesen Wettbewerb mit uns zu dem gemacht haben, was er heute ist.

Ein großer Dank gebührt auch den vielen Freiwilligen, die zum Gelingen des Wettbewerbes und der Veranstaltung beigetragen haben: der Jury in Artikel- und Bilderwettbewerb für ihre offene und kompetente Bewertung, dem „Zedler-Gremium“ für die Vorauswahl der Beiträge, den Einreichern für ihre Kreativität und ganz besonders auch den freiwilligen Helfern aus der Community, die uns bei der Veranstaltung tatkräftig geholfen haben (z.B. durch Teilnehmerbetreuung, Garderobiere, Fotografieren, Mitschreiben, Kontakte knüpfen etc.). Ihr wart wunderbar!

Am Tag der Verleihung erhielten wir darüber hinaus Unterstützung durch Gerhard Sattler am Flügel und Anna Lena Schiller als visuelle Dokumentatorin. Die Grafiken werden gerade digitalisiert und dann selbstverständlich unter freier Lizenz auf Commons veröffentlicht. Für den Livestream war Matthias Eller verantwortlich, bald stellen wir auch die Mitschnitte des Abends zur Verfügung. Dirk Franke hat den Abend darüber hinaus ausführlich per Liveblogging begleitet. Euch allen: Vielen Dank!

Ebenfalls danken wir der Goethe-Universität und dem CampusService für die freundliche und unkomplizierte Zusammenarbeit (und die Tickets für das Basketballspiel am Samstag).

Bei der Bekanntmachung der Zedler-Medaille haben uns das „Wissenschaftsjahr 2010 – Die Zukunft der Energie“ sowie die Initiative „Berlin – Hauptstadt für die Wissenschaft“ freundlicherweise geholfen. Danke!

Fazit und Ausblick

Die Besucher der Veranstaltung äußerten sich durchweg positiv, es war ein sehr gelungener Abend. Das Programm war ansprechend und bei Imbiss und Getränken konnte man Wikipedianer, Wissenschaftler und interessierte Gäste bei regem Austausch und Diskussion beobachten. Schön war vor allem zu hören, wie einigen Gästen (erst) im Laufe des Abends bewusst wurde, um welch einzigartiges Projekt es sich bei der Freien Enzyklopädie handelt.

Dieser geglückte Abschluss kann allerdings nicht überspielen, dass Anzahl der Einreichungen insgesamt und die Qulität im Bilderwettbewerb nicht zu dem erwünschten Ergebnis geführt haben. Obwohl wir im Vorfeld viel getrommelt und verschiedenste Akteure in die Bekanntmachung des Wettbewerbs eingebunden haben – die Resonanz blieb hinter unseren Erwartungen zurück. In Bilder- und Artikelwettbewerb wurden insgesamt gut 60 Beiträge eingereicht, davon wurde ca. ein Drittel vor Weitergabe an die Jury aufgrund nicht erfüllter Formalkriterien aussortiert.

Für uns steht fest, dass wir das Projekt „Zedler-Medaille“ weiterführen werden. In welcher Form, unter welchen Bedingungen und für welche Zielgruppe – das möchten wir Anfang nächsten Jahres intensiv mit Partnern und Community diskutieren. Wir werden gemeinsam überlegen, welche Voraussetzungen wir schaffen müssen, um bei weiteren Wettbewerben mehr Autoren und Fotografen zur Teilnahme zu motivieren, mehr hochwertige Artikel und Bilder zu erhalten und die Chancen der Veröffentlichung unter einer freien Lizenz besser zu transportieren. Gerne nehmen wir schon jetzt Vorschläge oder Feedback zum Wettbewerb und zur Veranstaltung unter zedler@wikimedia.de entgegen.

Und nun: Nochmals einen herzlichen Glückwunsch an die Preisträger und ein großes Dankeschön an alle, die die Zedler-Medaille in diesem Jahr möglich gemacht haben.