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Sträuße, Körbe und Bouquets: Wie man Urheberrecht verpacken kann

The future is already here —
it’s just not very evenly distributed.

– William Gibson

Auf Einladung des Bundesjustizministeriums kamen gestern runde 150 Interessierte, Experten und Vertreter von Verbänden in Berlin zusammen, um über die Zukunft des Internets zu reden. Das „Zukunftsforum Urheberrecht“ stach aus unserer Sicht aus mehreren Gründen aus der Serie von Veranstaltungen zum Urheberrecht heraus:

  1. Anspruch der Veranstaltung war explizit der Blick in die Zukunft sowohl des Urheberrechts selbst als auch die Betrachtung zukünftiger Wertschöpfung mit Produkten und Dienstleistungen aus dem Kreativbereich. Diesen Anspruch kennen wir auch von anderen Veranstaltungen, dann jedoch häufig entweder in weniger prominenter Aufführung – oder es geht explizit um die Zukunft bestimmter Industrien und die Frage, ob hier Urheberrecht dieser Änderung im Weg steht.
  2. Über die Nichtteilnahme von Vertretern fünf üblicherweise sehr prominent anwesender Verbände hinaus machten diese einen Tag vor der Veranstaltung in einer Pressemitteilung auf ihren Boykott des Zukunftsforums aufmerksam: Börsenverein, GVU, Musik- und Filmindustrie erklärten das Zukunfsforum zur Alibiveranstaltung, für die sie nicht zur Verfügung stünden.

Beide Punkte verdienen Beachtung. An vielen Stellen der Urheberrechtsdiskussion in den letzten Jahren wurde „Zukunft“ mehr im Sinne von „Gegenwart“ verwendet, als konkrete Belege der Zukunft dienten je nach Lust und Branche Kindle (2007), iPad (2010) oder Spotify (2008). Dabei beschränkte man sich zumeist auf alarmistische Hinweise auf aktuelle Schieflagen ohne jede konkrete Handlungsempfehlung.

Das Fernbleiben von fünf allseits bekannten Interessenverbänden ist auf vielen Ebenen spannend. Auch nach mehrfacher Rückfrage mit den Verbänden gibt es keine plausible Begründung für einen so offenen Affront gegen Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Alle im Raum stehenden Gründe (Ihre Weigerung, über Warnhinweismodelle zu reden, seit drei Jahren fehlende Referentenentwürfe zur Reform des Urheberrechts aus dem Ministerium selbst, Verschnupftsein über die Erweiterung von Stakeholder-Kreisen) sind an sich alt und haben auch in der Vergangenheit nicht zur Gesprächsverweigerung geführt. Für gestern lässt sich festhalten: Die Interessen von Urhebern waren auch ohne diese fünf Verbände gut und ausreichend vertreten, ihr Fehlen fiel nicht weiter ins Gewicht. Der Austausch auf den Podien blieb angenehm sachlich und weitgehend frei von schrillen Tönen.

Nicht außergewöhnlich, sondern leider völlig üblich war der dramatische Männerüberhang auf allen Panels, neben der Bundesministerin war mit Cornelia Tausch (Verbraucherzentrale Bundesverband e.V. ) nur noch eine einzige weitere weibliche Teilnehmerin auf dem Podium vertreten. Die gerne genommene Entschuldigung, dies sei in der Eile nicht anders möglich gewesen, erweist sich angesichts existenter Vorschlagslisten als fadenscheinig.

Um auch anderen interssierten Beobachtern außerhalb Berlins einen zeitnahen Einblick in den Ablauf der Veranstaltung zu geben, testete Wikimedia Deutschland erstmals den Einsatz eines Google Docs zur Echtzeitprotokollierung. Via Twitter wurde der Link für den Lese- und kommentierzugriff herumgereicht und die Kollegen von netzpolitik.org haben in schöner Regelmäßigkeit den Text jeweils auf eines der meistgelesenen deutschsprachigen Weblogs zum Thema Urheberrecht&Co. gespiegelt. Die Rückmeldungen dazu waren insgesamt sehr positiv, wurden von den Leserinnen und Lesern als Mehrwert empfunden (insbesondere da der video-stream der Veranstaltung mitunter Aussetzer hatte) und wir werden in Zukunft bei ähnlichen Veranstaltungen an eine Wiederholung denken. Von Moderationsseite aus war auf das Twitter-Hashtag #zufo hingewiesen worfen, die Konferenorganisatoren selbst haben jedoch twitter zu keinem Zeitpunkt als Rückkanal für die Veranstaltung und ihre Teilnehmer und Zuschauer genutzt.

Zum Ende der Konferenz gab es eine faire Zusammenfassung durch die Bundesjustizministerin Leutheusser-Schnarrenberger mit genau dem Maß an Verbindlichkeit in der Aussage, die auch bei der jetzt anstehenden Umsetzung angesprochener Reformprojekte zu erwarten ist. Ich habe diesen Teil nach Kräften mitgeschrieben, es handelt sich jedoch nicht um ein Wortprotokoll der Güte eines stenografischen Dienstes. Wenn durch das Ministerium eine offizielle Abschrift geliefert wird, werde ich diesen Teil dann gerne ersetzen:

Ich hatte viele Stunden Gelegenheit, diesem Forum und den Beratungen zuzuhören. Es hat sich gelohnt, diesen Rahmen zu schaffen. Es bleiben immer kontroverse Punkte. Den ganzen Tag beschäftigen uns die Interessen von Nutzern, Urhebern und Verwertern. Unser Urheberrecht wurde immer wieder ergänzt, weil man immer wieder unterschiedliche Interessen berücksichtigen will. Wir brauchen die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle. Die Akzeptanz zum Urheberrecht wird nicht gewonnen, wenn Rechte auf abschreckende Weise durchgesetzt werden. Es wurden viele Punkte genannt. Ja, da sehe ich auch bei dem prozesshaften Vorgehen einen Änderungsbedarf. Mit den Grenzen, was überhaupt geht. Und da ist das EU-Recht eine striktere Vorgabe, als das auf den Panels durchklang. Beispiel: Auskunftsrecht. Auch was die Schutzfristen angeht. 70 Jahre – auch für audiovisuelle Werke – sind vorgegeben. Wir können uns nur innerhalb dieses Rahmens bewegen. Dies erklärt, warum man sich vom deutschen Gesetzgeber erhofft, was er nicht leisten kann.

Ich will zu einem konkreten Vorschlag gehen: Warnhinweise. Wir haben die illegale Nutzung von geschützten Werken. Was könnte man mit Warnhinweismodellen verbessern im Interesse der Urheber und Rechteinhaber? Ein Kritikpunkt an dem BMJ ist, dass wir uns dem Modell nicht öffnen. Dazu gehört, dass die Provider nicht nur Warnhinweise verschicken, sondern dass sie auch durch die Analyse der Daten in die Verkehrsdaten schauen, um zum Ergebnis zu kommen, dass beim mehrmaligen Verstoß eine Sperrung vorliege. Was in anderen Staaten passiert. Diesem Modell wollen wir uns nicht annähern. Das Abmahnen ist hier als Abmahnindustrie genannt worden. Wir haben Abmahnmöglichkeiten, breit, nicht nur im UrhG, weil das natürlich eine Möglichkeit zur Rechtsdurchsetzung ist, die nicht das teurere Instrument Klage verlangt. Wir haben Auswüchse, die genauen Zahlen will ich nicht festlegen. Minimum 220.000, manche sagen deutlich mehr. Das ist sehr einprägsam dargelegt worden, dass es dort zu Überziehungen kommt, auch zu Entwicklungen für Anwälte wie ein Geschäftsmodell mit Textbausteinen mit horrenden Summen für junge Mitglieder im Haushalt oder Gäste zu Besuch. Viele verstehen nicht, warum man da mit Kostendrohungen abgemahnt wird. Das gefährdet die Akzeptanz.

Der Gesetzentwurf, den wir erarbeiten, das ist mühsam genug, zur Eindämmung des Abmahnwesens. Ich will nicht jede Abmahnung per se diskreditieren. Andere in der Bundesregierung sagen, da muss man nichts tun. Wir sind bald soweit, dass wir zu den Verbänden gehen. Da fühle ich mich durch die Beratungen in den Panels bestätigt.

Schrankenregeln: Was kann man da tun, wo kann man öffnen. Nicht im Sinne von Einschränkungen im Interesse des Urhebers, sondern im Sinne der Öffnung. Es ist – mit Blick auf USA – eine völlig andere Ausgestaltung mit mehreren Schrankenregelungen. Wir könnten nicht in Deutschland unsere Schrankenregelungen abschaffen und dann eine reine Fair use regelung einführen. Das würde gegen Europarecht verstoßen. Ich abin aber der Meinung, dass man sehrwohl im Rahmen unseres UrhG überlegen muss, wo kann man möglicherweise fair use als Ergänzung im ein oder anderen Punkt machen. Das muss man sich sorgfältig anschauen. Ich denke, wir sollen, wir müssen die Offenheit mitbringen, wie können wir im Rahmen unseres UrhG fair use als Ergänzung einfügen. Wir sind noch nicht soweit, das man morgen in eine gesetzgebung eintreten kann.

Verwertungsgesellschaften. Ich glaube, wir bruachen Verwertungsgesellschaften. Es wäre für einige absolut nicht machbar, das Urheberrecht alleine schon in Deutschland, in der Verwendung von Büchern, von Überrechtswerken selbst durchzusetzen. Es ist gut, dass wir sie habne. Was kann man flexibilisieren, was kann man transparenter machen. Das wurde schon durch einen Bundetagsausschuss angestossen. Dat hat man sich intensiv mit beschäftigt. Jetzt ist aber die EU dran. Es muss über die Territorialgrenzen durchgesetzt werden. Stattfindender Wettbewerb. Legitim, Erlöse zu erziehlen. Der Gesetzgeber hat Rahmenbestimmungen vorgesehen. Beispiel Mietshausbau. Artikel 14 Grundgesetz. Es geht jetzt darum, wie finden wir eine Balance zwischen Gemeinwohlinteressen und zwischen Urhebern auf der anderen Seiten.

Technologieneutrale Weiterleitung: Das ist für mich ganz klar, wann wir das machen. dass wir das klarstellen. Das hätten wir schon gemacht, wenn es nicht durch die EU bei Verwaisten Werken zu Verzögerungen gekommen wäre. Jetzt, wo die EU-Richtlinie einem Ergebnis nähert, wollen wir die Spielräume ausschöpfen. Wir hatten das vor der Sommerpause fertig, das hat uns in unseren Möglichkeiten gestoppt.

Beim Urheberrechtswahrnehmungsgesetz wollen wir da versuchen, Möglichkeiten der Beschleuniggung zu nutzen, beispielsweise bei den Gutachten einen Beschleunigungseffekt zu erzielen. Sie sehen, da kommt ein Strauss zusammen.

P2P macht noch 20%  des Internettraffics aus. Bei allen Einwänden (Art 10GG), man kommt damit, weil es ja andere Wege gibt, man kommt maximal an 20% heran. Man sollte das – Beckedahl sagte es – vom Rechteinhaber aus eine kostenfreie Warnung schicken. Wir werden ja nicht die Abmahnung unmöglich machen. In angemessener Form. Das wäre wenn. Da müsste man nach geltendem Recht nichts ändern

Vielleicht das als kleiner Blick darauf, wie aus dem Ministerium, das, was hier diskutiert wurde, gesehen wird.

Herr Beckedahl, zur Störerhaftung, da sprechen sie die Rechtssprechung an. Die rechtsprechung hat, mit Dauer, für Klarstellung gedauert. Die Justizministerkonferenz hat den Auftrag erteilt bis November zu prüfen, wie die Störerhaftung und WLAN-Haftung tatsächlich auswirkt und ob es da Handlungsbedarf gibt. Es gibt hier ein Ungleichgewicht unterschiedlicher Haftung beseitigt.

Weitere Weblinks:

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Open Knowledge in Action: Es gibt noch viel zu tun …

GLAMbora report aus Helsinki: Man trifft sich in einem gepflegten Konferenzraum. Das Ambiente ist deutlich angenehmer gestylt als an vergleichbaren Orten in Berlin oder Dornbirn. Helsinki feiert seinen 200. Geburtstag und sich als Welthauptstadt des Designs. Davon profitierten die Besucher des Welt ersten Open Knowledge Festivals. Etwa dreißig Teilnehmer trafen sich zum Teilevent „Building Cultural Commons“ zu Gast bei der finnischen Stiftung Sitra . Neben finnischen Open-Access-Aktivisten und Vertretern von Kultureinrichtungen (nachfolgend GLAMs nach dem englischen Akronym für Galeries, Libraries, Archives and Museums) waren US-amerikanische und europäische Open-Data-Akteure da. Präsentationen wurden gezeigt, ein Etherpad zusammengeschrieben und eifrig diskutiert. Aber was bleibt?

Paul Keller von Kennisland machte in seinem Vortrag deutlich, wie schwierig die Zusammenarbeit mit GLAMs bis heute ist. Das zentrale Problem ist die oft schwierige Rechtslage. Wir alle sprechen mit den Kultureinrichtungen über die digitale Öffnung, aber sie sind nur selten tatsächlich die Lizenzeigentümer der Kulturschätze, die sie horten. Und selbst, wenn sie die Sachwalter von gemeinfreien Erbstücken sind, dann fällt es ihnen sehr schwer, auf ihre bisherige Souveränität als Doyen zu verzichten. Viele möchten die Kontrolle über die Interpretation und Verfügung ungern mit dem „Unbekannten“ im Netz teilen. Trotz der Fortschritte, die erzielt wurden, bleibe noch viel zu tun, klagt Keller. Sein Credo von mehr Austausch über Fallbeispiele und mehr konzertierte Lobbyarbeit die Lizenzrechtsfragen betreffend zog sich wie ein roter Faden durch die kommenden Sessions.

Auch Harry Verwayen von Europeana schilderte anhand des bald schon sprichwörtlichen Beispiels des inzwischen gelben Milchmädchens von Vermeer zwar die guten Fortschritte beim freien Zugang zu den Metadaten der GLAMs. Wissenschaftler und Laien können so schneller die Orte finden, an denen die Quellen gelagert werden, nach denen sie suchen. Nur müssten jetzt die nächsten Schritte unternommen werden, um diese Veröffentlichung für alle stärker nutzbar zu machen. Wie Keller sah auch er Wikipedia und ihre Schwesterprojekte als ein Vorbild, dessen Potenziale aber noch auszuweiten seien.

Auch die nachfolgenden Beiträge zeigten: Wir, die Open-Data-Akteure, müssen stärker und kontinuierlicher zusammenarbeiten, wenn wir tatsächlich das kulturelle Erbe in das digitale Zeitalter mitnehmen wollen. Dafür brauchen wir noch mehr Vermittler, die verständnisvoll zwischen beiden Welten– der der GLAMs und der der Netzaktivisten – vermitteln. Wir brauchen mehr Ideen und Geschäftsmodelle, die das digitalisierte Kulturerbe lebendig werden lassen. Ein Beispiel ist die Verlinkung von Metadaten der Deutschen Nationalbibliothek über die Personennamensdatei zu Wikipedia-Artikeln. Ein anderes die App eines Reiseführer-Verlages, die dem User denkmalgeschützte Bauwerke in seinem Umfeld anzeigt, diese mit ggf. vorhandenem Wikipedia-Artikel verlinkt und gleichzeitig den User einlädt, sein Foto des Denkmals auf Wikimedia Commons hochzuladen. Zur Entwicklung solcher und ähnlicher kreativer Geschäftsmodelle müssen Entwickler und Kultureinrichtungen aber enger vernetzt werden. Wir könnten als gemeinnützige Organisationen mit Brücken in die Freiwilligenarbeit diesen Dialog befördern. Und Michael Edson von der US-Smithsonian Institution forderte die Kultureinrichtungen auf, die dafür nötigen Ressourcen durch Umschichtung freizumachen. Die Organisatoren des Festivals für den GLAM-Bereich, Sam Leon und Joris Pekel von der Open Knowledge Foundation, haben es dankenswerter Weise übernommen, alle engagierten Mitstreiter u.a. zu nachfolgenden Arbeitskreisen einzuladen:

* Lobbyarbeit für Urheberrechtsliberalisierung und Verwaiste Werke

* Dokumentation der Fallbeispiele

* Verbesserte Erforschung der Bedarfe der GLAM (Screening)

* Ideen für Veranstaltungsformate für mehr Vernetzung

Wer weiß, vielleicht machen wir zusammen in Brüssel eine WG auf und nennen sie Commune ouverte 3.0. Dort feiern wir mit den Kulturleuten GLAMouröse Liberationparties. So machen es doch die Wirtschaftslobbyisten! Wäre nicht das schlechteste Ergebnis einer ganztägigen Session im regnerischen Helsinki.

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Wikimania und die Medien

Fotograf: Helpameout
http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.en

Nach einigen Tagen Urlaub steht noch ein Überblick der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im Rahmen der Wikimania aus. Die ersten Ergebnisse sind bereits in unserem Pressespiegel zusammengestellt. Hier handelt es sich um eine Auswahl und keine vollständige Aufstellung. Einige Berichte sind (noch) nicht erschienen oder es wurden Themen auf der Wikimania angestoßen, die in der Nachbereitung zu Berichten führen werden. Dazu zählen vor allem unsere Themenschwerpunkte Wikidata, Diversität und Autorengewinnung sowie Bildungsprogramme. Auch zu den GLAM-Aktivitäten und den ersten Wikipedians in Residence (letzter Blogbeitrag dazu) stehen noch Beiträge in Tagesspiegel und Die Zeit an.

Im Vorfeld zur Wikimania habe ich Korrespondenten deutschsprachiger Medien (Print, Online, TV und Hörfunk) und internationale Nachrichtenagenturen kontaktiert und über das jährliche Treffen der Wikimedia-Bewegung und die Teilnahme von Wikimedia Deutschland informiert. Hieraus resultierten zahlreiche Berichte in internationalen Medien (von Gulf Times bis The Hindu) und einige deutschsprachige Meldungen. Zum Start der Wikimania fand eine Pressekonferenz statt und danach bis einschließlich Samstag war ich hauptsächlich damit beschäftigt, mit Journalisten Hintergrundgespräche zu führen und Interviews mit Wikipedianern, Board-Mitgliedern oder unserem Vorstand Pavel Richter zu koordinieren. Leider ist wenig ‚Bewegtbild‘ dabei herausgekommen. Lediglich ein TV-Beitrag lief bei der Deutschen Welle – aber der liegt uns noch nicht vor.

Recht spontan und gut fand ich daher die Initiative einiger Stipendiaten (darunter Olaf Kosinsky, Manuel Schneider, Holger Motzkau und Ralf Roletschek) , die sich sagten: Wenn das Fernsehen nicht zu uns kommt, dann gehen wir eben dahin! Der Überraschungsbesuch bei ZDF und ORF kam richtig gut an und die Wikipedianer hatten viel Spaß mit den Fernsehprofis. Impressionen dazu von Ralf Roletschek. Nach fast 4 Jahren, die ich bereits für WMDE arbeite, bin ich immer noch und immer wieder beeindruckt von so viel ehrenamtlichem Engagement, Ideen und guten Initiativen. Danke dafür. Und danke für die vielen überraschenden Momente, die ich mit Euch erlebe (oh, wie pathetisch – na ja, komme gerade aus Amerika).

Insgesamt ist die Wikimania ein guter Aufhänger für die Öffentlichkeitsarbeit auch wenn sie nicht im eigenen Land stattfindet. Die Konferenz bietet die Möglichkeit viele Projekte und Programme bekannt zu machen. Besonders hat mich gefreut, dass wir das Thema Autorengewinnung und Diversität gezielt kommuniziert und platziert haben. Die beigefügte Grafik stellt die (vorläufige) Themenverteilung in den deutschsprachigen Medien dar.

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Rückblick auf das AdaCamp D.C.

Nach Melbourne im letzten Jahr, fand dieses Jahr das zweite AdaCamp im Vorfeld der Wikimania in Washington D.C. statt. Ziel des Camps war es die Partizipation von Frauen in „Open Technology and Open Culture“ zu unterstützen und bot damit eine erste Möglichkeit sich im Vorfeld der Wikimania zu der Situation von Frauen in Open Culture auszutauschen.

Benannt nach der britischen Mathematikerin Ada Lovelace, der ersten Programmiererin der Welt, geht das AdaCamp DC auf die Ada Initiative zurück. Zu den Mitbegründerinnen gehören Mary Gardiner (selbst auch fleißige Wikipedianerin), die die Keynote „Fostering diversity: not a boring chore, a critical opportunity” auf der diesjährigen Wikimania gehalten hat, sowie der Programmiererin Valerie Aurora. Explizites Ziel des AdaCamps ist es Diversität nicht nur in Projekten der Open Culture herzustellen, sondern auch unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern zu schaffen, die sich zuvor für das Camp bewerben sollten. Dies ist sicherlich gelungen.  Die Veranstalterinnen achteten auf ein vielfältiges Publikum: Menschen aller Altersklassen, People of Color und die Teilnehmenden kamen aus über zehn Ländern. Auch waren unterschiedlichste Professionen auf dem Camp vertreten, die sich beruflich oder als Freiwillige mit Open Culture auseinandersetzen.

So weit wie das Thema des Camps gefasst wurde, so weit war auch das inhaltliche Spektrum der einzelnen Sessions, die im Open Space Format durchgeführt wurden, einer Methode, die vor Ort dazu aufruft, Sessions zu entwickeln und durchzuführen. Dies hatte zugleich Vor- und Nachteile: Positiv ist anzumerken, dass viele verschiedene Sessions Eingang in das Camp fanden. Ein Teil der Teilnehmer und Teilnehmerinnen griff den Gender Gap in der Wikipedia auf. Des Weiteren gab es u.a. Diskussionsrunden, die sich mit Frauen als Konsumenten von Open Source auseinandersetzen, danach fragten wie sich der Lebensalltag von „Geek Moms“ gestaltet oder der Frage nachgingen, wie nicht-technikaffine Menschen einbezogen und erreicht werden können. Das Camp ermöglichte so Erfahrungen auszutauschen, Tipps weiterzugeben und Kontakte in Vorbereitung für die Wikimania zu knüpfen.

Von Nachteil dagegen war das sehr offen gehaltene Oberthema, das einen roten Faden vermissen ließ, durch die die einzelnen Sessions meist nicht über einen allgemein gehaltenen Austausch hinausgingen und dadurch oft nur wenig konkret wurden.

 

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Zur Wikimania auf dem Gender-Ticket III

Es berichtet die Wikipedia-Autorin Poupou l’quourouce. Sie ist eine von 20 Ehrenamtlichen, die Wikimedia Deutschland mit einem Reisestipendium für die Wikimania unterstützt.Sie berichtete bereits von Tag 1 und von Tag 2.

 

Diese Wikimania ist meine erste Wikimania, ja sogar mein erstes internationales Wikipedianer-Treffen, überhaupt. Deshalb habe ich mich auch gefreut, Jimbo Wales und Sue Gardner zum ersten Mal live zu erleben. Ich kann die Kritik, die ich von anderen Teilnehmern an Jimbos komikerhaftem Auftritt und an Sue Gardners professionell superglatter Präsentation der Arbeit der Foundation gehört habe, durchaus nachvollziehen. Trotzdem fand ich es spannend, beide überhaupt einmal gesehen zu haben.

Im Anschluss an Sues Präsentation der nahezu hundertprozentigen Plansollerfüllung betrat das Board of Trustees die Bühne. Gegenüber Sues ostentativer Professionalität wirkte das Board angenehm menschlich und ein wenig verpeilt. Im Gegensatz zu Sue durften dem Board überhaupt Fragen gestellt werden, die allerdings zuvor schriftlich einzureichen waren und von einem Moderator ausgewählt und dann an die einzelnen Boardmitglieder gerichtet wurden. So etwas wie spontane Kritik oder Nachfragen aus dem Publikum, das ja gerade zuvor die Zahlen und Pläne der Foundation gehört hatte, wurden damit leider von vornherein unterbunden. Schade, dass das Board sich auf dieses Verfahren eingelassen hat. Ich musste die Session vorzeitig verlassen, um bei meinem eigenen Vortrag pünktlich zu sein, bin aber mit dem unguten Gefühl gegangen, dass dieses Board Sue nicht allzuviel entgegenzusetzen haben wird. Dazu ist es meiner Einschätzung nach zu groß, zu unterschiedlich und die Leute zu idealistisch und zu wenig auf knallhartes Nachrechnen und Nachhaken gepolt. Ich setze in dieser Hinsicht aber meine ganzen Hoffnungen auf das neue deutsche Boardmitglied Lyzzy (Alice Wiegand).

Ich hatte das Glück, dass ich meine Session mit Tom Morrison teilen durfte, der in einem mit entzückenden Beispielen garnierten Vortrag über die unzugängliche buzz-word gespickte Sprache der Foundation sprach und Vorschläge für klare treffende Formulierungen machte. Mein persönliches Highlight aus einer Meldung der Foundation „9 out of 10 wikipedians continue to be men“ – offensichtlich sind die Wikipedianer einfach nicht zur Geschlechtsumwandlung bereit.

Tom hatte netterweise seinen Fanclub mitgebracht, der dann großenteils auch noch bei meinem eigenen Vortrag im Raum blieb. Trotz des Frauenthemas war der Fauenanteil im Publikum unter 50%, wenn auch nur knapp und im Anschluss ergab sich die erhoffte Diskussion, an der sich tatsächlich auch gleich mehrere Frauen rege beteiligten. Die Folien sind hier zu finden, ein Mitschnitt wird ebenfalls noch irgendwann veröffentlicht:

Der anschließende Women’s Lunch – im Grunde eher ein gemeinsames Auspacken von belegten Broten in Pappschachteln hatte eine Rekordteilnehmerzahl von 120 Frauen – in Taipei sollen es vor einigen Jahren noch lediglich 11 gewesen sein. Jede Frau stellte sich kurz mit Namen, dem Projekt in dem sie aktiv ist und drei Wörtern vor, die ausdrücken sollten, was jeder besonders wichtig ist, oder was sie besonders kennzeichnet. Diese Vorstellungsrunde war langatmig, aber aufschlussreich: die weitaus meisten Teilnehmerinnen waren Amerikanerinnen, wobei von diesen ein großer Teil Bibliothekarinnen sind, unter den deutschen Wikipedianerinnen kenne ich keine einzige Bibliothekarin – wie das wohl kommt? Das nächstgrößere Teilnehmerland war Deutschland – allerdings war ich unter diesen zu meiner Überraschung die einzige aktive Wikipedianerin! Tatsächlich war ich die einzige weibliche Stipendiatin aus Deutschland (von 20 Stipendiaten insgesamt) überhaupt – Autorinnen, bitte bewerbt euch in großer Zahl für Stipendien für die Wikimania in 2013 in Hongkong!!! Außer mir nahm Anja Ebersbach aus dem WMDE-Präsidium am Lunch teil, deren Artikelpremiere allerdings noch aussteht, Delphine Menard (auch WMDE-Präsidium) und Alice Wiegand (Board of Trustees der Wikimedia Foundation) waren zwar ebenfalls in Washington konnten leider nicht am Women’s Lunch teilnehmen. Und dann war da noch ein großer Teil der weiblichen Mitarbeiterriege von Wikimedia Deutschland, immerhin das deutsche Chapter hat den Gender Gap schon lange überwunden – für diese Einstellungspolitik mal an dieser Stelle ein großes Lob an Pavel Richter.

Auch diese Veranstaltung musste ich dann aber leider nach der Vorstellungsrunde schon wieder verlassen, um mir die Vorträge zur usbekischen Wikipedia und zum Bildfilter anzuhören. Die usbekische Wikipedia verdient jede denkbare Unterstützung – hier sind einige wirklich mutige Menschen am Werk, die trotz nicht unerheblicher Gefahren an Artikeln in ihrer Sprache arbeiten. Der Bildfiltervortrag in der letzten Session der Wikimania wurde vor allem von Deutschen besucht, vielleicht ein Bedürfnis, sich hier nach dem erfolgreichen Protest auch noch einmal ein wenig selbst auf die Schulter zu klopfen, denn just an diesem Tag vom Board der Foundation für obsolet erklärt, jedenfalls in der geplanten Form.

Mein Wikimania-Fazit: anstrengend aber lohnend. Es geht tatsächlich viel um Probleme und Dinge, die man aus dem Wikipedianer-Alltag kennt und man muss keinen Hochschulabschluss in internationaler Wikipolitik vorweisen können, um mitreden zu können. Trotzdem bekommen man auch Einblicke in internationale Trends und Pläne, die man sonst vor Ort nicht oder nicht in einem frühen Stadium mitbekommen würde. Einiges davon werde ich nun besser von Berlin aus weiterverfolgen können. Gerne wäre ich manchmal an zwei Orten gleichzeitig gewesen.

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On the GLAMside of Wikimania

Das war also meine erste Wikimania! Drei, eigentlich vier Tage Konferenz, die beständig zwischen Klassentreffen und konzentriertem „business case“ changierte. Eigentlich begann es schon auf dem Flughafen in der Schlange vor der Einwanderungskontrolle. In der Warteschlange mischten sich Reisende aus der ganzen Welt. Jeder Flug trug neue Wikipedianer nach Washington, die sich über die Sperrbänder hinweg herzlich grüßten. Später im Hotel lernte man schnell, einander an den Laneyards und T-Shirts zu erkennen. Schon hilfreich, wenn man sich vielleicht noch etwas verloren zwischen Jetlag, Hitze und Straßennamen wie K-Street NW fühlt. Mich verschlug es gleich am ersten Abend mit Tim auf ein Openstreetmap Treffen in einer Bar. Beim Türsteher musste ich schmeichelhafterweise nachweisen, dass ich über 21 bin und stieg die schmale Treppe in den ersten Stock eines nach Hardrock riechenden Pubs hoch. Oben die bizarre Szenerie einer konzentriert lauschenden dicht an dicht stehende Menge, selbst der Barman flüsterte nur. An den Wänden vier Monitore mit drei unterschiedlichen lautlos laufenden Programmen, der vierte diente der jeweiligen Präsentation. Die Vortragenden sprachen zu uns 50 bis 70 Menschen in dem kleinen Raum ohne Mikro. Doch das machte nichts, denn alle verstanden, worum es ging und beklatschten die Ergebnisse. Dann war der letzte Vortrag vorbei und sofort schwoll der Barlärm an zu einer ohrenbetäubenden Lautstärke aus Gelächter, Musik, Bierbestellungen und Gesprächen in allen Sprachen der Welt. Zu müde vom Flug flüchtete ich bald.

Aber dieses Meeting war typisch für die ganze Wikimania. Der Wechsel zwischen aufmerksamen Vorträgen und hektisch herzlichen Pausen wurde für mich zum Puls der Veranstaltung. Dank der „Feuertaufe“ mit Speeddating am ersten Tag, kam ich rasch in meine Rolle als GLAM Kuratorin für Wikimedia Deutschland. Aus den vielen Gesprächen und Sessions, die in dichter Folge die Tage zu einem Filz aus Eindrücken und Ideen verwoben, ragen drei hervor, die ich gern gemeinsam mit Wikipedianern aus Deutschland umsetzen möchte:

– Im Austausch mit dem schwedischen Chapter (Link zu der Broschüre) und den Schweizern die Entwicklung eines qualitativen Fragebogens zu den Erwartungen, Wünschen und Befürchtungen der Kultureinrichtungen in der digitalisierten Öffnung ihrer Inhalte.

– Die Ergebnisse der Auswertung des Fragebogens fließen ein in eine gemeinsam mit dem schweizerischen, österreichischen und holländischen Chapter geplante Infobroschüre für Kultureinrichtungen. Geplant ist ein vorbereitendes Arbeitstreffen auf der WikiCon Ende August in Dornbirn.

– Zwei simultan stattfindende Edit-a-Thons gemeinsam mit dem englischen Chapter in Coventry und Dresden. Beide Städte waren im zweiten Weltkrieg schwer zerstört worden, sind heute aber Partnerstädte. Eine beherzte Initiative von Rock drum.

Wendet Euch mit Ideen, Fragen und Anregungen gern an mich.

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Neues Selbstvertrauen

Es berichtet der Wikipedia-Autor Superbass. Er ist einer von 20 Ehrenamtlichen, die Wikimedia Deutschland mit einem Reisestipendium für die Wikimania unterstützt.

 

 

„If it’s good enough for the US archivist it’s probably good enough for us“ – in der zum Abschluss der Wikimania gehaltenen Schlussrede von David Ferriero, Archivar der Vereinigten Staaten, lag für mich eine wesentliche Erkenntnis aus der Wikimanania 2012 in Washington.

Ferriero, dessen Archiv durch eine Kooperation mit der Wikipedia eine Vertausendfachung der Reichweite einzelner Veröffentlichungen erzielte drückte nach meinem Empfinden so etwas wie ein Ende der Bescheidenheit aus, der auch ich in Bezug auf die Wikipedia in Teilen noch anhänge. Eher vorsichtig als selbstbewusst gehen wir zuweilen auf Institutionen und potenzielle Partner zu, wir sind ja keine professionellen Autoren, Fotografen und Publizisten sondern lediglich Freiwillige und Amateure.

Zumindest in den USA, die in diesem Jahr die Wikimania thematisch stark dominierten, ist die Außenwahrnehmung inzwischen eine andere, worauf nicht zuletzt die Kooperation der Tagung mit gewichtigen Partnern wie dem US Außenministerium oder der Kongressbibliothek hinweist.

Daheim in Deutschland gibt es entsprechende Pflänzlein und vereinzelt sogar ausgewachsene Pflanzen, vor allem aus dem in Washington vielberedeten GLAM-Bereich, wenn Institutionen die Wikipedia ernstnehmen und sich auf Kooperationen einlassen. Den Durchbruch, wo  Bildarchive, Bibliotheken und Museen in nennenswerter Zahl ihre herkömmlichen Zugangs- und Verwertungsmodelle für eine freiere Verbreitung öffnen, haben wir bei uns eher noch vor uns. Der Ausspruch des Archivars der Vereinigten Staaten sollte uns dabei Selbsbewusstsein geben.

Was sind weitere Erkenntnisse aus der Wikimania 2012?

– Meine europäisch geprägten Abstufungen des Begriffs „Schwüle“ mussten angesichts der Temperaturen und der Luftfeuchtigkeit neu justiert werden

– Ich fand die Organisation hervorragend. Es war kaum möglich, irgendwo herumzustehen ohne Hilfe angeboten zu bekommen. Alles war exzellent beschildert und beschrieben. Wikiedia DC richtete in der Jugendherberge eigens WLan auf allen Etagen ein, damit die Nerdgemeinschaft noch aus dem Etagenbett heraus twittern konnte.

– Es gibt Kritik, und zwar so witzig wie von Tom Morris vorgetragen, am verklausulierten Bullshit-Sprech in der schriftlichen Foundationkommunikation. An die Wikimediafoundation richtet er die Forderung nach einfacher, klarer und verbindlicher Sprache. In diesem Sinne: „Iterate your cross-pollinatated strategic synergy, just not on my wikipedia“.

– Es gibt eine „Friendly Space Policy“. Die wurde einem breiteren Publikum beim samstaglichen Eröffnungsplenum eindringlich vorgestellt. Offenbar hatte am Vortag ein Referent bei seinem Vortrag zu Jimbos sich wandelnder Rolle zwei künstlerische, aber erotische Bilder gezeigt. Die hatte der frühere „benovelent dictator“ dereinst beim Hausputz gelöscht. Zwischenzeitlich sind sie zwar längst wieder im Gebrauch. Ihre Darstellung beim Vortrag war jedoch zuviel der Nacktheit für einige Anwesende, die sich  beim Organisationskomitee beschwerten. Das entschied, laut Organisationskomitee im Einvernehmen mit dem Referenten, die Aufzeichnung des  Vortrags nicht zu veröffentlichen. Der deutliche Hinweis auf die Policy, verbunden mit dem Angebot an alle Referenten, ihre kommenden Beiträge vom Veranstalter auf etwaige Verletzungen durchsehen zu lassen, verhalf dem einen oder anderen immerhin zu einem interkulturellen Lernerfolg im Verständnis des Begriffs „friendly space“.

– Es gibt auch in den USA Menschen, die Wikipedia gar nicht kennen! Vor dem Veranstaltungsort sprach mich ein junger Mann an, was wir denn da drinnen machten. Ich sollte ihm unbedingt diese Website mal aufschreiben, eine Online-Enzyklopädie, das klinge ja sehr interessant!

Säße ich nicht im doch etwas wackelnden Bus nach New York, was das Tippen auf dem Tablett-PC beschwerlich macht, ließe sich noch viel schreiben. Etwa über die usbekische Wikiedia, de leider weitgehend unbemerkt von der dortigen Regierung blockiert wird. Von wirklich nützlichen Tipps, vorgetragen in mutigem Englisch, zur Akkreditierung als Wikipediafotograf bei Veranstaltungen oder zum auf der Wikimania viel zu wenig beachteten Thema Bildfilter. Das muss dann auf ein anderes Mal warten.

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Wikimania auf dem Gender-Ticket II

Es berichtet die Wikipedia-Autorin Poupou l’quourouce. Sie ist eine von 20 Ehrenamtlichen, die Wikimedia Deutschland mit einem Reisestipendium für die Wikimania unterstützt.Sie berichtete bereits von Tag 1.


Tag 2 der Wikimania beginne ich mit einem kurzen Abstecher in die National Gallery of Art auf der National Mall. Eine Stunde in diesem riesigen Museum bringt mir einen oberflächlichen Eindruck von vielleicht 10% der ausgestellten Kunstwerke. Ich bin sehr beeindruckt.

Zurück im Marvin-Center der George Washington University lasse ich mich beim Mittagessen von Richard Jensen (user:Rjensen) in ein Gespräch über Rechtsgeschichte und über den großen Raum, den Militärgeschichte jeder Art in der en:WP und der de:WP einnehmen, verwickeln. Darüber engeht mir, dass die Mittagspause heute nicht um 13 Uhr sondern schon um 12 Uhr begonnen hat und ich verpasse leider die Session zu Artikeln zu aktuellen Themen und zu New-User-Coaching.

Dafür habe ich dann jede Menge Zeit, die nächste Speeddating-Session am Stand von Wikimedia Deutschland zu beobachten. Mit etwas kürzeren Slots und besserer Beschilderung sind diese Kurztreffen, bei denen man Mitarbeiter und Präsidiumsmitglieder von WMDE für ein paar Minuten 1:1 sprechen kann, heute sehr beliebt und kommen offensichtlich gut an. Das ist ein Format, das vielleicht auch bei anderen Veranstaltungen gut funktionieren würde und das ich mir merken werde.

Einem Vortrag zu französischen Minderheitensprachen kann ich dann leider nur wenig abgewinnen, irgendwie kommt nicht so recht rüber, was eigentlich das Problem ist und was die Referentin dem Publikum mitgeben möchte. Dafür ist der anschließende Vortrag von Richard Jensen (mein Mittagspausengesprächpartner) zum „War of 1812“ richtig gut. An diesem Krieg, der in Europa im allgemeinen Bewusstsein keine Rolle spielt, kann man schön zeigen, wie die unterschiedliche Erinnerungskultur und Interpretation verschiedener Nationen (hier Kanadier, US-Amerikaner und Ureinwohner Amerikas) in der englischen Wikipedia (by the way:hier spricht KEIN Mensch von der englisch-sprachigen Wikipedia) kollidieren können. In dieser Session ist der Frauenanteil bei knapp 50% – und zu meiner Überraschung ist dies tatsächlich die erste Session, an der ich teilnehme, bei der eine Frau eine Frage stellt, noch dazu richtet sich diese Frage tatsächlich nach der Women’s History im Kontext von 1812. Interessanterweise ist das Problem hier aus Sicht der Artikelautoren, dass sich die Geschichtsschreibung, die sich mit der Rolle von Frauen in Kriegen befasst, vor allem auf den Zweiten Weltkrieg konzentriert. Hier bildet Wikipedia also den Gender Gap der historischen Wissenschaften selbst unmittelbar ab und es gibt, wenn man sich nicht Original Research zuwenden möchte, wenig Möglichkeiten, daran etwas zu änderen.

Von 1812 gehe ich direkt weiter zum Topic Table von WMDE zum Gender Gap. Dieser ist angekündigt als „Discussing ground-breaking projects and topics in a cosy atmosphere with a cup of coffee“. Hm. Es wäre gelogen den Tisch auf der Terasse mit ein paar Gartenstühlen als cosy zu bezeichnen. Die gound-breaking projects mögen diskutiert worden sein, als ich noch nach dem auf die Terasse verlegten Veranstaltungsort suchte. Trotzdem ein nettes, wenn auch insgesamt leider doch etwas belangloses Treffen, an dessen nachhaltiger Wirkung ich zweifle. Positiv aber, dass von den 10 Teilnehmern dieses Tischgesprächs immerhin 4 männlich waren, und viele, wenn auch vielleicht etwas freischwebende, Vorschläge gemacht wurden. Ideen die hier aufkamen, waren z.B. ein Banner im Stile des Fundraiserbanners, auf dem Jimbo darauf aufmerksam macht, dass von den Autoren der 4mio Artikeln der enWP nur 10% Frauen sind, vebunden mit dem Appell an Frauen, sich anzumelden und mitzumachen. Dies würde bestimmt eine Menge Aufmerksamkeit auf dieses Thema lenken.

Eine andere Idee kreiste darum, welche positiven Aspekte jede und jeder daraus ziehen kann, Wikipedia zu bearbeiten und wie man diese positiven Aspekte stärker vermitteln kann, z.B. welche Fähigkeiten man erwerben und verbessern kann oder dass Schreiben ein kreativer und befriedigender Prozess ist. Davon abgeleitet überlegten wir, ob es Kurse oder Workshops geben sollte, in denen man ein Zertifikat o.ä. erwirbt, dass im Lebenslauf verwendet werden kann – auch das könnte ein Anreiz sein, sich erstmals zu beteiligen (für Frauen, aber natürlich genauso auch für alle neuen Autoren).

Eine Idee, die ich persönlich besonders reizvoll finde, und von der ich hoffe, dass sie sich vielleicht irgendwie realisieren lässt, war eine Art Artikelmarathon, bei denen als „Belohnung“ für jeden neuen Artikel eine Spende an eine gemeinnützige Organisation gezahlt wird, die Ziele verfolgt, die besonders Frauen betreffen oder interessieren. (In ähnlicher Form finden z.B. gesponserte Stadtläufe statt, bei denen ein Sponsor für jeden gelaufenen Kilometer eine Spende an eine gemeinnützige Organisation zur Bekämpfung von Brustkrebs bezahlt).

Noch ein Aspekt, der mir neu war: eine Teilnehmerin vertrat die These, dass Frauen von Wikipedia einen schlechten Eindruck haben, weil ihnen ständig von den Lehrern ihrer Kinder gesagt wird, dass Wikipedia schlecht und „böse“ ist und man das nicht verwenden soll.

Dann kreisten wir eine Weile um das teahouse – allerdings fehlten uns dazu ein wenig die eigene Anschauung und echte Fakten. Eine Empfehlung von Julia Kloppenburg hierzu ist dieses Video:

Wikipeda Academy – The Visual Experience: Gender and Ways of Seeing Wikimedia. Keynote by Sarah Stierch from Wikimedia Deutschland on Vimeo.

mit der Keynote von Sarah Stierch auf der Wikimedia Academy, in der es u.a. um das teahouse ging.

Fazit: eine Menge neue Ideen werden hier geboren und ich hoffe, es findet sich jemand der sie adoptiert!

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Warum Wikimania? – Vier Gründe für ein Mammutprojekt

Es berichtet der Wikipedia-Autor mit dem Benutzernamen toblu. Er ist einer von 20 Ehrenamtlichen, die Wikimedia Deutschland mit einem Reisestipendium für die Wikimania unterstützt.

 

Angesichts hunderter Wikipedianer, die jedes Jahr hunderttausende Kilometer zurücklegen um auf der Wikimania vier Tage lang hunderte Mahlzeiten zu verspeisen, hunderte Liter Kaffee zu trinken und hunderte Powerpoint-Folien zu diskutieren, darf man durchaus einmal fragen, was diesen enormen Aufwand eigentlich rechtfertigt. Dass stets nur ein kleiner Teil der Wikipedia/Wikimedia-Community an der Konferenz teilnehmen kann, diese aber für Wochen und Monate die Arbeitskraft ganzer Chapter bindet, erhöht den Begründungsbedarf weiter.

 

Die folgenden vier Punkte gehen gleichwohl über der Versuch der Rechtfertigung hinaus. Sie sollen zeigen, warum es sich bei der Wikimania um einen elementaren Beitrag zur Mission „Freies Wissen für alle“ handelt.

 

1) Wikimania ist Austausch über Inhalte

"Thank You". Bildautor: toblu unter CC-BY-SA 3.0.


Keine Frage, Wikipedia und ihre Schwester-Projekte leben vom Austausch der an ihnen Beteiligten. Deren Zahl – wie auch die Zahl dieser Projekte – macht es dabei aber schon seit langem unmöglich, diesen Austausch kontinuierlich auch über Projekt- und Landesgrenzen hinweg zu betreiben. Kaum jemand hat Zeit und Energie, alle Projekte verfolgen – häufig nicht einmal jene, die seine eigene Arbeit unmittelbar betreffen.

 

Die Wikimania erlaubt und fördert gerade diesen Austausch. Die Vorstellung und Diskussion neuer und unbekannter Projekte und Ideen ist seit jeher integraler Bestandteil der Konferenz. Zahllose Anregungen und Vorschläge, die häufig auf der Erfahrung mit ähnlichen Projekten beruhen, wären ohne sie nie gemacht worden.

 

2) Wikimania ist Austausch mit Gleichgesinnten

 

Fülle und Wachstum von Projekten erschweren nicht nur die inhaltliche Beschäftigung mit Ihnen, sie machen es auch schwer, persönlichen Austausch zu organisieren; für viele lokal nicht begrenzte Projekte ist er gar von vorneherein unmöglich. In Anbetracht der (weitgehend) heterogenen Community, der vielen vorhandenen Erfahrungen mit unterschiedlichsten (häufig gemeinsamen) Problemen und dem Wert von Vernetzung insbesondere in einer unübersichtlichen Bewegung und Gemeinschaft ist dieser Austausch jedoch von besonderer Bedeutung.

 

Die Wikimania ist einzigartig darin, Menschen aus (nahezu) allen Teil der Welt mit unterschiedlichsten Hintergründen (aber dem gemeinsamen Ziel, freies Wissen zu schaffen und zu fördern) zusammenzubringen und den persönlichen Austausch zwischen ihnen zu ermöglichen – während der zahllosen Sessions und Diskussionen auf der Konferenz, aber auch im Abend-, Vor- und Anschlussprogramm. Das hat, neben den genannten Vorteilen auch einen enormen motivatorischen Effekt – für diejenigen, deren Projekte von anderen spontan unterstützt und bejubelte werden, aber auch für diejenigen, die jubeln.

 

3) Wikimania ist Kontinuität

 

Es ist nicht schwer, Informationen über Wikimedia – die Foundation, die Chapter, die Bewegung – zu finden. Aus diesen Informationen zentrale Fragen und Entwicklungen zu isolieren, ist in Anbetracht der schieren Flut an Informationen jedoch häufig genug unmöglich.

 

Die Wikimania ist einerseits Anlass für die Verantwortlichen, Ziele und Entwicklungen zu (re-)definieren und einem (partiell) gut informierten Publikum in konsistenter Form zu präsentieren.  Sie ist andererseits Gelegenheit für dieses Publikum – und dank frei verfügbarer Videos auch für jeden anderen Interessierten – jene Entwicklungen zu verfolgen und sich regelmäßig in einer strukturieren Form mit ihnen auseinanderzusetzen.

 

4) Wikimania ist Sichtbarkeit

Auch elf Jahre nach dem Start der ersten Sprachversionen Wikipedias herrscht in der Öffentlichkeit immer noch ein erstaunlich großes Informationsdefizit – über Wikipedia und ihre Funktionsweise, erst recht aber über ihre vielen Schwesterprojekte und die Bewegung insgesamt.

Die Wikimania leistet hier zunächst einen großen Beitrag am Veranstaltungsort. Sie erzeugt für etwa eine Woche eine enorme Sichtbarkeit, die immer wieder zu Gesprächen mit Gastgebern, Besuchern und gänzlich Unbeteiligten führt. Hinzu kommt die Berichterstattung in lokalen und nationalen Medien, die in den letzten Jahren stark zugenommen hat sowie die Wahrnehmung im persönlichen Umfeld der Teilnehmer, deren häufig abstrakte und unverständliche (Neben-)Beschäftigung auf diesem Weg eine konkrete Gestalt bekommt.

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Zwei Wikimaniacs – Ein Rückblick

Es berichten der Wikipedia-Autor Tim Moritz Hector, einer von 20 Ehrenamtlichen, die Wikimedia Deutschland mit einem Reisestipendium für die Wikimania unterstützt und Elly Köpf, Mitarbeiterin von Wikimedia Deutschland im Bereich „Bildung und Wissen“.

By FelixH, CC-BY-SA-3.0

Die Wikimania 2012 ist fast vorbei und Tim Moritz und Elly stellen fest: Es gab eine Reihe an Begriffen, welche uns durch die gesamte Veranstaltung begleitet haben:

Neulinge – Unterstützung –  Hilfe – Usability – Umgangsformen – Feedback – …

Alle beschäftigen sich mit der Frage, wie die Einstiegshürden für Neulinge gesenkt werden können und was die Community dazu beitragen kann. Auch Sue Gardner (Executive Director Wikimedia Foundation) brachte in ihrer Abschlusssession die Aufgabe an die Community zum Ausdruck,  eine freundlichere Athmosphäre für Neulinge zu schaffen und bezog sich dabei auf die sinkende Anzahl an Neuautoren.

Es gibt viele Ansätze und Ideen, wie diesem Problem begegnet werden kann, daher möchten wir unsere Highlights dazu mit euch teilen:

  • Hilfeseitenprojekt in Wikipedia von Peter Coombe (Fellow Wikimedia Foundation): Den „Wildwuchs“ der Hilfeseiten neu zu strukturieren.
  • Teahouse  initiiert von Sara Stierch (Fellow Wikimedia Foundation): Ein Ort in der Wikipedia, an dem Neuautoren auf freundliche Art und Weise Unterstützung bekommen und sich im Bereich „Guests“ auch einander vorstellen können.
  • Feedback-Tools, Templates und Moodbars: wie Tim Moritz bereits in seinem Blogpost berichtete. Auch die Foundation berichtete in ihrem Blog über den Moodbar.
  • Bildungsprojekte: Wie Elly bereits in ihrem Blogpost berichtete. Zudem fand im Rahmen der Wikimania gestern abend ein Education Meetup statt, auf dem sich Wikimedia-Bildungsprojekte aus der ganzen Welt vernetzte.
  • und vieles mehr!

Es wird sich zeigen, welche dieser Ansätze von der deutschsprachigen Community Unterstützung finden. Sie bieten in jedem Fall ausreichend Spielraum für individuelle Anpassungen und laden zu dem ein, was den Unterstützern Freien Wissens im Blut liegt: Dem Remix!

 

 

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