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Seit 25 Jahren steht Wikipedia für ein Internet, wie es im besten Sinne gedacht ist: kollaborativ, menschenzentriert und getragen von einem gemeinsamen Engagement, das Leben aller Menschen zu verbessern. Von Ehrenamtlichen weltweit aufgebaut und von Wikimedia-Organisationen unterstützt, ist sie zu einer der vertrauenswürdigsten und meistgenutzten Informationsquellen überhaupt geworden.

Doch das digitale Umfeld verändert sich rasant. Künstliche Intelligenz prägt zunehmend, wie Wissen entsteht, verbreitet und konsumiert wird. Besonders jüngere Menschen informieren sich häufiger über soziale Medien wie TikTok statt über klassische Nachrichtenformate. Sie orientieren sich stärker an einzelnen Influencern – und wenn Fakten gefragt sind, genügt vielen die KI-Zusammenfassung in ihrer Suchmaschine. Chatbots verändern grundlegend, wie Informationen recherchiert und verarbeitet werden. Gleichzeitig wandeln sich die Erwartungen an Zusammenarbeit, Sichtbarkeit und Anerkennung auf digitalen Plattformen.

Für Wikipedia hat das spürbare Folgen: Besonders in großen Sprachversionen sind die Zugriffszahlen rückläufig. Die Wikimedia Foundation verzeichnete von Mai bis September 2025 in der englischsprachigen Version einen Rückgang der Seitenaufrufe um acht Prozent, in der deutschsprachigen Wikipedia waren es im selben Zeitraum sogar zehn Prozent. Weniger Sichtbarkeit bedeutet auch: Potenziell neue Ehrenamtliche finden seltener den Weg zur Mitarbeit. Sinkt die bewusste Wahrnehmung von Wikipedia, kann das langfristig auch Auswirkungen auf ihre Relevanz und Spendenbereitschaft haben.

Wikipedia Forever – aber dafür müssen wir etwas tun

Doch diese Zahlen sollen nicht darüber hinwegtäuschen, dass es gleichzeitig immer noch sehr viele Menschen gibt, die die Wikipedia nutzen: Laut Semrush verzeichnet Wikipedia 2025 rund 4,28 Milliarden Seitenaufrufe und gehört damit weiterhin zu den zehn am häufigsten aufgerufenen Webseiten weltweit. In Zeiten von generativer KI und wachsender Desinformation schätzen viele Menschen verlässliches, freies Wissen mehr denn je. Verloren ist also nichts – aber es ist Zeit zu handeln.

Genau hier setzt das Wikimedia Futures Lab an. Ende Januar kamen in Frankfurt am Main 110 Teilnehmende aus der weltweiten Wikipedia-Community und aus Wikimedia-Organisationen zusammen. Die Veranstaltung wurde gemeinsam von Wikimedia Deutschland und der Wikimedia Foundation organisiert. Auch externe Expert*innen von Organisationen wie Reddit, Creative Commons, Britannica oder Signal brachten ihre Perspektiven ein und diskutierten über gemeinsame Herausforderungen.

Drei Leitfragen für die Wikipedia der Zukunft

Auf der Veranstaltung galt es zunächst, die globalen Trends besser zu verstehen, die das Internet prägen. Deshalb gab es an jedem der drei Tagen inspirierende Impulse von externen Expert*innen aus Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft. Die daraus resultierenden Denkanstöße mündeten in intensive Diskussionen, die auf den Erfahrungen der Wikimedia- Ehrenamtlichen und Organisationen aufbauten. Am Ende standen mehr als 80 Ideen im Raum. Über zwanzig davon wurden zu konkreten Projekten bzw. Experimenten weiterentwickelt, die verbindlich umgesetzt werden sollen.

Die Programmschwerpunkte orientierten sich an drei Leitfragen:

  1. Wie wird KI menschengemachte Inhalte beeinflussen?
  2. Wie werden Menschen in Zukunft Informationen konsumieren? ?
  3. Was erwarten Beitragende vom Internet – und wie werden sich diese Erwartungen verändern?
Person steht vor einer Wand mit vielen großen Notizzetteln
Der Moderator Matt Thompson stellt einige der rund 80 Ideen vor, die von den Teilnehmenden entwickelt und im Rahmen eines Gallery Walks visualisiert wurden.

Wie wird KI menschengemachte Inhalte beeinflussen?

Der erste Programmschwerpunkt widmete sich einer zentralen Herausforderung: Wie stellen wir sicher, dass von Menschen geschaffenes Wissen in einer zunehmend von generativen KI geprägten Umgebung sichtbar, vertrauenswürdig und relevant bleibt?

Im Fokus der Teilnehmenden standen dabei vor allem Large Language Models – also große Sprachmodelle, die Texte generieren können – sowie die Chatbots, über die diese Modelle für Nutzer*innen niedrigschwellig zugänglich sind. Eine wichtige Erkenntnis zog sich durch die Diskussionen: Ein von KI dominiertes Wissensökosystem ist kein unausweichliches Schicksal, dem wir uns fügen müssen. Die Zukunft des Freien Wissens im Netz hängt von den Entscheidungen ab, die die Communitys und Wikimedia heute treffen.

Ich habe (heute) bereits dreimal von den Auswirkungen von KI gehört, aber noch nichts über die Auswirkungen von Wikis. Ich halte es für sehr wichtig, den Spieß umzudrehen. Uns wird ständig gesagt, dass wir von der KI beeinflusst werden – was in gewisser Weise auch stimmt. Aber wir können ebenso Einfluss auf das entstehende KI-Ökosystem nehmen.
Alek Tarkowski Director of Strategy bei Open Future

KI bringt ohne Zweifel Herausforderungen für die Wikimedia-Ehrenamtlichen und Projekte mit sich. Gleichzeitig eröffnet sie Chancen, die Mission zu stärken – vorausgesetzt, sie wird verantwortungsvoll und im Einklang mit unseren Werten eingesetzt. Diskutiert wurde in diesem Kontext unter anderem, wie KI-Chatbots – zum Beispiel in Kooperation mit Unternehmen – so gestaltet werden können, dass sie nicht nur Wikipedia-Inhalte nutzen, sondern auch etwas an das Projekt zurückgeben.

Ebenso ging es um KI-gestützte Werkzeuge, die die Arbeitsbelastung von Ehrenamtlichen reduzieren können. Solche Tools könnten auch die Begleitung und Einarbeitung neuer Autor*innen unterstützen – etwa durch konstruktives Feedback bei überarbeitungsbedürftigen Beiträgen. Das würde nicht nur entlasten, sondern zugleich dazu beitragen, neuen Autor*innen ein Gefühl des Willkommenseins zu vermitteln.

Im Mittelpunkt stand dabei nie die Idee, menschliche Beitragende durch Maschinen zu ersetzen, sondern sie sinnvoll zu unterstützen. Deutlich wurde auch: Ethische, gemeinwohlorientierte Experimente mit KI sind ausschlaggebend, wenn die Wikimedia-Bewegung technologische Entwicklungen aktiv mitgestalten will. Genau für diese Art von Experimenten wurden beim Futures Lab zahlreiche Ideen entwickelt.

Wie werden Menschen in Zukunft Informationen konsumieren?

Der zweite Schwerpunkt widmete sich den Nutzenden: den Leser*innen und Menschen, die Inhalte aus den Wiki-Projekten weiterverwerten. Auf Grundlage der Einblicke der Panelist*innen, die aus den Bereichen Medien und digitale Kommunikation kommen, wurde diskutiert, wie Wikimedia in einem zunehmend fragmentierten Informationsökosystem neue Zielgruppen erreichen kann.

Wie können wir Menschen dort ansprechen, wo sie sich heute im Netz aufhalten? Wie sichtbar sind Wikipedia und Wikimedia als Marken in digitalen Räumen, die insbesondere von jüngeren Generationen genutzt werden? Und wie kann die Benutzeroberfläche der Wikimedia-Projekte noch ansprechender, intuitiver und vielleicht auch spielerischer gestaltet werden?

Diskutiert wurden in diesem Zusammenhang die Entwicklung von Initiativen zur stärkeren Markenwahrnehmung sowie neue, stärker an Leser*innen orientierte Funktionen und Produkte. Ziel war es, die Nutzung von Wikimedia nicht nur weiterhin verlässlich, sondern zugleich einladender und mit klarem Mehrwert zu gestalten. All diese Überlegungen verfolgen ein gemeinsames Ziel: Freies Wissen auch künftig dort präsent zu halten, wo Menschen nach Informationen suchen.

Was erwarten Beitragende vom Internet?

Der dritte Schwerpunkt stellte die Beitragenden in den Mittelpunkt – also die ehrenamtliche Community unserer Projekte. Im Fokus stand die Frage, was Menschen heute motiviert, online beizutragen, und wie sich diese Motivation verändert. Auf vielen digitalen Plattformen erwarten Beitragende neue Nutzererfahrungen, vielfältigere Kooperationsmöglichkeiten und eine stärkere Anerkennung ihrer Arbeit. Beiträge sollen leicht umsetzbar und zugleich sichtbar wirksam sein.

Auch hier ist für Wikimedia und die Community das Experimentieren unverzichtbar. Könnte KI-gestütztes Feedback dazu beitragen, neue Autor*innen zu halten und die Qualität ihrer ersten Bearbeitungen zu verbessern? Können Werkzeuge repetitive Aufgaben reduzieren und mehr Raum für die eigentliche inhaltliche Zusammenarbeit schaffen? Und wie können wir mit Geschichten über Wikimedia noch mehr Menschen begeistern, ihr Wissen in unseren Projekten zu teilen?

Notizzettel mit Text: "When we are able to provide recognition beyond our platforms and invest in high value social projects our relevance and our importance will increase exponentially."
Eine der 80 Ideen, die beim Futures Lab entwickelt wurde und viel Zustimmung erhielt (siehe die viele Punkten auf dem Post-it)
Wenn Sie einem 10-Jährigen jedes Jahr 15 neue Themen beibringen müssten, wie würden Sie das tun? In welcher Form würden Sie ihm diese Themen vermitteln? […] Der Grund, warum ich mich immer wieder auf jüngere Menschen beziehe, ist, dass dies die eigentliche Herausforderung ist. […] Wenn sie (die jungen Menschen) in Zukunft die Mehrheit der Internetnutzenden stellen, wird die Welt eine ganz andere sein. Deshalb müssen wir uns Gedanken über sie machen – über den Weg, den sie einschlagen, und über den Weg, den sie einschlagen sollten.
Udbhav Tiwari VP Strategy and Global Affairs bei Signal

Ein Startschuss für Experimente – nicht für fertige Lösungen

Während des  Futures Lab wurde eines immer wieder betont: Relevanz entsteht nicht von selbst. Sie erfordert eine ständige Entwicklung und neue, mutige Experimente. Dabei geht es nicht nur um technologische Innovationen – ebenso wichtig sind Ansätze, die kulturelle und soziale Fragen einbeziehen. Denn nachhaltiger Wandel gelingt nur, wenn Technik, Kultur und Gemeinschaft zusammengedacht werden.

Ein Beispiel dafür ist das Experiment „Early Adopter Wikis“. Hier melden sich ausgewählte Wikis freiwillig, um neue Funktionen frühzeitig zu testen – etwa über A/B-Tests. So können Innovationen unter realen Bedingungen erprobt und schneller weiterentwickelt werden.

Ein Mann steht mit einem Mikrofon vor einem großen Bildschirm. Darauf steht die Überschrift: "Hypotheses themes".
Der Moderator Matt Thompson präsentiert eine Auswahl von Themen, die in den Breakout-Sessions besprochen wurden.

Mit dem Abschluss des Futures Lab beginnt für die Teilnehmenden die eigentliche Arbeit: Die Verantwortlichen der Experimente treiben nun die Umsetzung ihrer Ideen voran. In den kommenden Monaten werden weitere Austauschformate folgen, um den Dialog fortzuführen und die entstandene Dynamik aufrechtzuerhalten.

Das Wikimedia Futures Lab war selbst ein Experiment – und es hat gezeigt, dass Wikipedianer*innen aus aller Welt bereit sind, nicht nur auf Veränderungen zu reagieren, sondern die Zukunft des Ökosystems Freien Wissens aktiv mitzugestalten. Wikipedia ist kein Relikt aus den Anfangstagen des Internets, sondern ein lebendiges Projekt – getragen von Menschen, denen Freies Wissen am Herzen liegt.

Kommentare

  1. Willi Peikert
    6. März 2026 um 12:23 Uhr

    Moin, ist es richtig, dass KI - wie von mir - in erster Linie aus Wissensdatenbank eingesetzt wird? Wikipedia ist eine Wissensdatenbank. Warum wird sie nicht selbst zur KI? Dann würden aber die einzelnen Beiträge der Autoren in der KI untergehen bzw. nur noch mit angezeigt werden, weil die KI dann auf eine größere Basis - mit auch Wikipedia - gestellt werden müsste. In vielen KIs werden inzwischen Fußnoten angezeigt, die die dargestellten Informationen verifizieren. Ist es möglich, die KI-Hersteller zu veranlassen, Wikipedia-Artikel öfter in diesen Fußnoten zu zitieren, um so die Sichtbarkeit erheblich zu verbessern?

  2. Marcus Cyron
    6. März 2026 um 01:27 Uhr

    Es hätte eine Möglichkeit gegeben. Wenn die WMF spätestens vor 15 Jahren begonnen hätte kontinuiertlich Geld, richtig Geld, in die Hand zu nehmen und in die Entwicklung der Wikimedia-Projekte zu stecken. Aber nein, in Frisco musste man am Selbsterhalt, Machterhalt und der Communityquälerei (UCoC und all solcher Mumpitz) werkeln. Ewig schon hinkten Wikipedia und die Schwesterprojekte technisch viele, viele, sehr viele Jahre hinterher. Jetzt ist das nicht mehr aufholbar. Die Texte wäre da gewesen (Wikipedia, Wikisource, Wikibooks, Wikiquote), die Daten (Wikidata war ja für kurze Zeit mal fast modern, aber selbst das hat kaum 5 Jahre gehalten, bevor das ganze implodiert ist, was absehbar war, Wiktionary) und die Mediendateien Commons). Alles zusammen hätte zu einem multimedialen Gesamtwerk verknüft werden müssen. Dazu hätte man auch in die Entwicklung von Suchmaschinen und KI (als Supporthilfe, nicht als Autorenersatz) investieren müssen. Dass das nicht in den USA gegangen wäre, bei den Kosten, ist klar. Aber man wollte ja nichts aus der Hand geben und schon gar keine lokalen Communities und Chapter stärkern, sondern nur Wahlvieh im "Global South" schaffen. Jetzt haben wir den Salat. Aber hey! Immer schön weiter einreden, dass man das alles fixt. Ja, ne, is klar. Wikipedia ist etwas, was nicht hätte scheitern dürfen. Aber Engstirnigkeit, Selbstüberschätzung, Selbstüberhöhung und Ignoranz haben das alles versaut. Machen wir uns nichts vor. Mittlerweile wird nur noch darüber gestritten, wer die Urne mit der Asche auf den Kaminsims bekommt. Am Wikipedia-Wesen sollte die Welt genesen. Aber am Ende war man so planlos wie Bush Jr. in Bezug auf die Zukunft Afghanistans.

    1. Nicole Ebber
      6. März 2026 um 12:29 Uhr

      Danke, dass du deine Perspektive teilst, Marcus. Uns ist bewusst, dass es innerhalb der Community unterschiedliche Einschätzungen zur technischen Entwicklung und zu Entscheidungen der vergangenen Jahre gibt. Gerade deshalb haben wir auf der Konferenz verschiedene Stimmen zusammengebracht und gemeinsam über Schritte für die Zukunft der Wikimedia-Projekte nachgedacht. Dabei spielten sowohl technische Weiterentwicklungen als auch die Zusammenarbeit mit der Community und den Affiliates eine Rolle. Wir freuen uns wie immer über konstruktive Anregungen, die in die weiteren Diskussionen einfließen können. Ciao.

  3. Tina
    5. März 2026 um 17:31 Uhr

    Sehr interessant, vielen Dank für den Artikel! Wie sieht es mit der Zielgruppe Kinder aus? Gab es auch hier Ideen, wie die Wikipedia Schulkinder zwischen 6 und 14 Jahren und damit etwa 10 Prozent der Bevölkerung mit freiem Wissen versorgt? Klar, es gibt die Angebote Klexikon.de und das inklusivere MiniKlexikon.de. Aber wie können Wikimedia und Wikipedia ihre Power für diese jungen Leute einsetzen, die am stärksten auf verlässliches Wissen abseits von KI-Chatbots angewiesen und wahrscheinlich am neugierigsten sind :-)

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