Posts Tagged ‘Inhaltsbefreiung’



Niemand hat die Absicht, einen Selbstläufer zu entwickeln: PSI-Hearing in Luxemburg

Am 26. Juni 2013 wurde die Richtlinie 2003/98/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 17. November 2003 über die Weiterverarbeitung von Informationen des öffentlichen Sektors (Freunde sagen dazu PSI-Richtlinie) geändert. Die neue Richtlinie muss spätestens bis Juli 2015 in nationales Recht der EU-Mitgliedsstaaten überführt werden. Ziel dieser Richtlinie ist es, die Informationen des Öffentlichen Sektors weiterverwendbar zu machen – sowohl für gewerbliche als auch für nichtgewerbliche Zwecke. Mit den Änderungen der Richtlinie im Jahr 2013 gibt es nun auch spezielle Vorgaben zur Wahl offener, maschinenlesbarer Formate und die Verwendung von Portalen für die proaktive Bereitstellung dieser Informationen.

Am 25. November fand in Luxemburg eine Anhörung der Europäischen Kommission zu einigen Fragen der Umsetzung dieser Richtlinie statt, an der Dimitar Dimitrov, Wikimedias Mann in Brüssel, und Mathias Schindler von Wikimedia Deutschland teilgenommen haben. Zeitgleich endete eine Konsultation der Kommission, in der um Stellungnahmen durch die Öffentlichkeit gebeten wurde, insbesondere was die Verwendung von Standardlizenzen (z.B. Creative Commons) betraf. Die Ergebnisse dieser Konsultation sind noch nicht veröffentlicht, es wurden auf dem Hearing in Luxemburg einzelne Vorabergebnisse herumgereicht.

Die Umsetzung der Richtlinie in nationales Recht ist eine Chance für die freie Nachnutzbarkeit staatlicher Werke, denn die PSI-Richtlinie definiert nur die Mindestanforderungen. Jeder Nationalstaat kann anwendungsfreundlichere Regelungen schaffen, die über die Anforderungen der Richtlinie hinausgehen. Zweitens gibt es einige Begriffe in der Richtlinie, die erst noch mit Leben gefüllt werden müssen: Was genau sind offene Formate, ab wann genau ist ein Format maschinenlesbar (und ja, Artikel 2 Absatz 6 und 7 helfen nur bedingt bei der Begriffsklärung). Nach Artikel 6 PSI-Richtlinie sind die zulässigen Gebühren auf die durch die Reproduktion, Bereitstellung und Weiterverbreitung verursachten Grenzkosten beschränkt. Nahezu alle Experten gehen davon aus, dass diese Formulierung in der Praxis bei einer Internetbereitstellung dazu führen wird, dass Gebühren insgesamt unzulässig sind oder sie so gering sein werden, dass es betriebswirtschaftlich unsinnig wäre, sie einzufordern.

Eine Besonderheit sind Einrichtungen des kulturellen Sektors, die von der Grenzkostenrechnung ausgenommen sind, aber immerhin ihre Kostenrechnung offenlegen müssen, nach der sie die Nachnutzung erlauben. Auch hier gibt es noch keine Einigung bei der Frage, wie eine solche transparente, objektive und nachprüfbare Kostenrechnung aussehen mag. Auf der Anhörung erhielten wir die Gelegenheit, im Rahmen einer „Intervention“ auf die derzeitge Kostensituation und die derzeitigen verschwindend geringen Einnahmen bei der Nachnutzung staatlicher Werke hinzuwiesen. Dies ist insbesondere deshalb relevant, weil Artikel 6 Absatz 2 a öffentliche Stellen privilegiert, zu deren Auftrag das Erzielen von Einnahmen gehört. Unseren Zahlen nach ist so etwas in Deutschland flächendeckend nicht der Fall.

Wikimedia Deutschland wird diesen Konsultationsprozess und die Umsetzung der PSI-Richtlinie in nationales Recht aktiv begleiten. Wir sehen hier große Chancen für die Verbesserung der Gesamtsituation: Staatliche Werke sollen frei nachnutzbar werden, die PSI-Richtlinie kann dazu einen wichtigen Beitrag liefern.

 

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Können Sie das bitte einmal für mich öffnen?

Die Open Knowledge Foundation hat in den letzten Monaten den IST-Zustand von 70 Ländern zur Freigabe bestimmter (open data-fähiger) Daten aus 10 Kategorien überprüft und das Ergebnis der Recherche heute veröffentlicht. Die Ergebnisse des Open Data Index sind sehenswert: Kein Land hat die maximal möglichen 1000 Punkte erreicht, das Vereinigte Königreich ist mit 940 Punkten Spitzenreiter, gefolgt von den Vereinigten Staaten, Dänemark, Norwegen, Niederlande und Finnland. Deutschland landet unter anderem deshalb mit 410 Punkten im Mittelfeld, weil am Ende der Liste auch eine Reihe von Freigabeverweigereren ihren Platz finden: Volle Punktzahl gibt es für die Bundesrepublik nur in der Kategorie Wahlergebnisse (zumindest auf Wahlkreisebene ist ein entsprechender Datensatz mit den vorläufigen Ergebnissen auf dem Verwaltungsdatenportal govdata.de aus der Verantwortung des Bundesinnenministeriums auch in der Tag am Tag nach der Wahl eingepflegt worden).

Die Methodik des Open Data Index ist sehr anschaulich umgesetzt und inhaltlich überzeugend: Es werden beispielhaft 10 Datensätze definiert, die aufgrund ihrer Beschaffenheit im Grunde für jedes Land vorliegen müssten, zum Beispiel Postleitzahlen, Firmenregister, Wahlergebnisse, Ausgaben der Verwaltung oder Fahrpläne des öffentlichen Personenverkehrs. Für jeden dieser Datensätze wird abgefragt, ob er

  • überhaupt existiert (5 Punkte)
  • in digitaler Form vorliegt (5 Punkte)
  • öffentlich zugänglich ist (5 Punkte)
  • kostenfrei erhältlich ist (15 Punkte)
  • online gestellt wurde (5 Punkte)
  • maschinenlesbar ist (15 Punkte)
  • als „Ganzes“ herunterladbar ist (10 Punkte)
  • nachnutzbar nach den Kriterien der Open Definition ist (30 Punkte)
  • aktuell ist (10 Punkte)

Auf den länderspezifischen Seiten ist jeweils das Ergebnis einer Recherche nach diesen Daten vermerkt, die Punkte gibt es jeweils, wenn die Frage mit ja beantwortet wurde. Nein oder Unklarheit führt dazu, dass keine Punkte vergeben werden. Damit leistet der Index weit mehr, als einzelne Länder gegeneinander zu vergleichen, er ermöglicht die Suche nach systematischen Problem in der Umsetzung einer hoffentlich vorhandenen nationalen Open Data-Strategie. Von 10 Datensätzen ist nur einer in Deutschland unter Nutzungsbedingungen veröffentlicht, die für Open Data geeignet sind.  Theoretisch könnte ein Land weiterhin mit 700 Punkten in das Spitzenfeld vordringen, wenn er überall Bestleistungen erbrächte und sich nur der Verwendung freier Lizenzen verweigerte.

Gerade das Recht zur Nachnutzung – und das versucht die Gewichtung mit 30 Punkten auch abzubilden – ist die konstituierende Eigenschaft von Open Data, es sind keine weiteren Genehmigungen mehr nötig, um etwas mit diesen Daten anfangen zu können.

Als föderaler Staat wird die Wirklichkeit in Deutschland durch einen weltweiten Index nur bedingt abgebildet, wenn der Blick auf der nationalen Ebene verharrt. So gibt es inzwischen maschinenlesbare und nachnutzbare Fahrpläne einzelner Verkehrsverbünde oder frei nachnutzbare Geodaten auf Landesebene. Es wäre daher denkbar und wünschenswert, diesen Index noch deutschlandspezifisch für die 16 Bundesländer zu wiederholen (Freiwillige vor? Freiwillige vor!)

Was kann man nun mit diesen Ergebnissen machen?

Ganz konkret: Man kann damit zur Deutschen Bahn gehen und konkret um die Freigabe von Fahrplänen unter freien Lizenzen anfragen. Oder beim Bundesjustizministerium bezüglich des Bundesrechts. Und der Deutschen Post nach Postleitzahlen.

Ebenfalls wichtig: Im Gespräch mit Ministerien und Parteien die Notwendigkeit einer Open Data-Gesetzgebung erörtern und auf sich bietende Gelegenheiten hinweisen, beispielsweise die Umsetzung der PSI-Richtlinie in nationales Recht.

Dies ist eine Aufgabe, bei der wir Eure Hilfe benötigen.

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Der Himmel über Berlin…. ist seit heute frei

Zwei Ereignisse sind heute für Berlin von Relevanz: Der 60. Geburtstag des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit und das Inkrafftreten der neuen Preise und Bezugsbedingungen für die amtlichen Karten und weiteren Produkte der Geoinformation. Das erste Ereignis erhält die ihm gebührende allgemeine Aufmerksamkeit, wir wollen nun dazu beitragen, Letzteres ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen.

Die Änderung ist eine kleine Revolution: Seit dem 1. Oktober 2013 ist die Nutzung der Geodaten und Geodatendienste des Landes Berlin sowohl für kommerzielle wie nichtkommerzielle kostenfrei möglich. Die (Meta-)Daten dürfen  insbesondere vervielfältigt, ausgedruckt, präsentiert, bearbeitet sowie an Dritte übermittelt, mit eigenen Daten und Daten Anderer zusammengeführt, zu selbständigen Datensätzen verbunden, in interne und externe Geschäftsprozesse und Anwendungen in öffentlichen und nicht öffentlichen elektronischen Netzwerken eingebunden werden. Dies alles mit Quellenvermerkspflicht.

Berlin (Symbolbild), Ausschnitt aus dem FIS-Broker, Geoportal Berlin / Kartenanzeige Digitale farbige Orthofotos 2011 (DOP20RGB) http://fbinter.stadt-berlin.de/fb/

 

Quelle dieses Wandels ist das Amtsblatt Berlins, Nr. 42 vom 20. September 2013 auf Seite 1977. Eine Open-Data-Version dieses Amtsblattes gibt es ironischerweise unseres Wissens noch nicht, dafür eine zeitlich begrenzt verfügbare Version bei einem Verlag.

Damit ist Berlin im Wortsinne über Nacht zu einem der Spitzenreiter bei der Bereitstellung von Open Data aus dem Geoinformationsbereich geworden. Dies vielleicht auch deshalb, weil es sonst noch größtenteils zappenduster aussieht und gerade bei Geodaten die Bereitschaft zur Freigabe bei der Landesverwaltung erschütternd schwach ist. Begründet wird dies gerne mit der finanziellen Situation, den Einnahmen aus Geodatenlizenzierung und drohenden finanziellen Ausfällen bei einer Freigabe.

Wie gut, dass man diese Einnahmen auch erfragen kann. So geschehen im April 2012 durch den Abgeordneten Dr. Simon Weiß mittels Kleiner Anfrage Drucksache 17/10461. So wissen wir, dass im Jahr 2010 das Land Berlin aus der entgeltlichen Bereitstellung von Geobasisdaten ca 1.072.000 Euro und im Jahr 2011 ca. 1.056.000 Euro erwirtschaftet hat. In der Antwort des Senats wird nicht im Detail ausgeführt, dass ein nicht unerheblicher Teil dieser Einnahmen aus den Lizenzzahlungen von Firmen stammt, die im Eigentum der Öffentlichen Hand sind. Der Fachausdruck hierfür lautet „Linke Tasche, Rechte Tasche“.

Wikimedia Deutschland applaudiert dem Land Berlin zur neuen Freigabepolitik von Geodaten und hofft auf viele Nachahmer, die wahlweise dem Preispolitikmodell des Landes Berlin folgen, dem Modell des Bundes über Änderung des Geodatenzugangsgesetzes oder dem Hamburger Modell einer allgemeinen Freigabeklausel im Transparenzgesetz (§10 Abs 3.). Alle diese Wege haben ihren eigenen Charme und sind grundsätzlich miteinander kompatibel.

Bonuspunkte hätte es für die Landesvermessung für zwei Aspekte gegeben:

  1. Die Daten sind dauerhaft kostenfrei nachnutzbar, allerdings derzeit ohne die Verwendung von Standardlizenzen. Dies schafft Heterogenität und zwingt einen Nachnutzer mit Geodaten aus vielen Ländern, immer wieder wesengleiche aber im Detail unterschiedliche Nutzungsbedingungen zu lesen und zu kombinieren. Das ist kein Drama und es wird mit Sicherheit Lösungen geben, die solche Lizenzen miteinander kombiniert bequem nachnutzbar machen.
  2. Viele der seit heute frei nutzbaren Daten sind derzeit noch nicht im Netz verfügbar oder wenn, nur über Kartenserver und nicht als Komplettpaket zum Download. Obwohl wir schon von diesem Freigabetermin wussten und entsprechende Bitten zur Abgabe auf einem Datenträger formuliert hatten, steht die eigentliche Bereitstellung dieser Daten noch aus. Wer wie wir so lange auf eine Freigabe gewartet hat, der hält auch noch ein paar zusätzliche Wochen aus.

Herzlichen Glückwunsch und Danke an alle innerhalb und außerhalb der Verwaltung, die durch ihre Arbeit diese Freigabe ermöglicht haben, insbesondere auch der Open Knowledge Foundation und den Freunden von Open Data im Abgeordnetenhaus und im Berliner Senat.

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#ZDFcheck – ZDF meets Wikimedia

Die #ZDFcheck-Redaktion bei der Arbeit (Foto: Kristina Hofmann, CC-BY)

Seit Mai 2013 läuft das Projekt #ZDFcheck, in dem das ZDF auf http://zdfcheck.de mit Unterstützung von Wikimedia Deutschland im Vorfeld der Bundestagswahl Statements von Politikern prüft. Als Wikipedian in Residence betreue ich diese Zusammenarbeit und Freiwillige aus Wikimedia-Projekten, die gerne mitchecken möchten. Letzten Freitag fand eine Veranstaltung statt, die den übrigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des ZDF-Hauptstadtstudios in Berlin Wikipedia und die Hintergründe etwas näher bringen sollte.

Einen GLAMourösen Touch hatte die „interaktive Präsentation“ schon, zu der die #ZDFcheck-Redaktionschefin Sonja Schünemann im Namen der Redaktion und im Namen von Wikimedia Deutschland alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des ZDF-Hauptstadtstudios eingeladen hatte. Daran hatte wohl nicht allein der Prosecco Schuld.

Circa 15 Gäste fanden in der Redaktion des #ZDFcheck in der 7. Etage ein, die nach anfänglichem Kennenlernen unseren Erläuterungen zum Projekt und zu den Hintergründen der Wikipedia gebannt lauschten und kritische, interessierte Rückfragen stellten. Häufig ergab sich so aus einer einzelnen Rückfrage eine ganze Diskussion, etwa über die Eingangskontrolle, die Möglichkeit zur politischen Manipulation von Artikeln und – gerade für die Journalistinnen und Journalisten des ZDF natürlich interessant – die Nutzbarkeit von Wikipedia als Rechercheinstrument. Das Thema „freie Lizenzen“ war den meisten Teilnehmenden kein absolutes Neuland mehr, obwohl sich auch einiges Staunen über die Möglichkeiten des Creative-Commons-Lizenzbaukastens in seiner ganzen Pracht auftat.

Erfreut waren wir darüber, dass auch die Wikipedia-Schwesterprojekte, insbesondere Wikimedia Commons, auf Interesse stießen und teilweise bereits bekannt waren. Nach dem Präsentationsteil bildeten sich noch mehrere Grüppchen, die, teils in der Abendsonne auf der Dachterrasse, teils an Laptops verteilt in der Redaktion selbst, verschiedene Themen noch einmal nachrecherchierten und Detailfragen klärten.

Besonders spannend fand ich ein Projekt zur Erstellung eines abteilungsinternen Wikis, in dem die internen Arbeitsabläufe so zugänglich gemacht werden sollen, dass sie von überall aufgerufen und bei Fehlern direkt von allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern angepasst werden können – ganz im Wiki-Stil also.

Im Nachgang haben wir viel positive Rückmeldung erhalten und man darf gespannt sein, welche weiteren Aktivitäten sich aus diesem Anstoß ergeben haben.

Bisher sind im Rahmen des Projekts gut 30 Grafiken unter der Freien Lizenz CC-BY entstanden, die von Netzneutralität bis Photovoltaik unterschiedlichste Themen behandeln. Sie können nun in die Wikipedia eingebunden oder anderweitig nachgenutzt werden. Wer Lust hat, sich als Helferin oder Helfer am Check zu beteiligen, kann sich gern über tim-moritz.hector@wikimedia.de an mich wenden – den Ablauf des #ZDFchecks zeigt auch das folgende Video:

 

Der Ablauf des #ZDFcheck – ein Zwischenbericht. Video: ZDF, CC-BY.

 

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Die Datenwüste und das Wasser (update 13. Juni)

Michel Vorsprach; Deich in Lostau Lizenz: Creative Commons cc-by-sa 2.0

Tagelange Regenfälle haben seit Mai in Mitteleuropa zu schweren Hochwassern geführt. Während sich Bürger in süddeutschen Ländern schon an die Aufräumarbeiten wagen können, bereiten sich ihre Nachbarn in Niedersachsen auf das Eintreffen der Flutwelle vor. An einigen Orten wurden die höchsten Pegelstände seit Aufzeichnungsbeginn gemessen, nach Behördenangaben verloren bis heute mindestens 21 Menschen ihr Leben, die Zahl der von Evakuierungen betroffenen Menschen ist um ein Vielfaches höher. Zu den Schäden in Milliardenhöhe kommen zusätzliche Kosten für den Bau neuer Deichanlagen, die in Zukunft für Schutz vor dem Wasser bieten sollen.

Zusätzlich zu den vielen Helfern von Feuerwehr, THW, DLRG und Bundeswehr arbeiten Behörden des Bundes und der Länder daran, Hilfe für Betroffene zu organisieren. Ein wichtiger Baustein ist die Beschaffung, Pflege und Verteilung von Informationen zur aktuellen Situation. Für Bürgerinnen stehen Hochwasserportale bereit, die Pegelstände zusammenfassen und auf Länderportale verweisen. Wie die eigentlichen Daten bereitgestellt werden, ist je nach Bundesland höchst unterschiedlich, in den meisten Fällen ist der gedachte Anwendungsfall nur das Ansehen, nicht das Weiternutzen der Daten. Eine für Betroffene besonders interessante Seite ist das Zentrum für Satellitengestützte Kriseninformation, das vom vom Deutschen Fernerkundungsdatenzentrums des DLR betrieben wird. Auf den Seiten des ZKI werden tagesaktuell Karten mit Hochwassersituationen betroffener Regionen bereitgestellt. Ein Download der Daten in geringer und mittlerer Auflösung ist erlaubt, die höchste Auflösung ist derzeit für Bürgerinnen nicht verfügbar.

Da die für die Kartenerstellung verwendeten Geodaten nicht ausschliesslich Geodaten des Bundes sind, findet die noch relativ junge Geodatennutzungsverordnung keine Anwendung, die die kostenlose Freigabe von Geodaten des Bundes an jedermann für beliebige – auch kommerzielle – Zwecke vorsieht.  Michel Vorsprach machte uns heute auf einen Emailwechsel zwischen ihm und dem Bundesinnenministerium aufmerksam, in dem er die Freigabe dieses hochauflösenden Kartenmaterials für seine Heimatregion anfragte. Die Antwort des Innenministeriums ist für einen von der Flut betroffenen Bürger nicht erbaulich:

Sofern Sie darüber hinausgehend einen Bedarf an einem ZKI-Produkt in einer höheren Auflösung, wie sie z.B. den Einsatz- und Krisenstäbe oder Hilfsorganisationen vor Ort bereitgestellt werden, begründen können, weise ich vorsorglich darauf hin, dass das BMI nach § 63 Abs. 3 der Bundeshaushaltsordnung (BHO) dazu verpflichtet ist, Vermögensgegenstände nur zu ihrem vollen Wert zu veräußern. Dazu gehören auch die Dateien (Karten). Wir gehen dabei von einem Wert pro Kartenprodukt von ca. 800 Euro aus.

Wikimedia Deutschland hat mit Michel Vorsprach, dem DLR (das wir als sehr offen gegenüber Freien Lizenzen erleben konnten) und dem Referat O 7 des Bundesinnenministeriums Kontakt aufgenommen. Wir setzen uns für die Bereitstellung von verfügbarem Kartenmaterial für jedermann ein. Dazu gehört kurzfristig das Kartenmaterial für jedermann wenigstens zur Ansicht und mittelfristig unter Verwendung Freier Lizenzen, auch in Vektorformaten und als Rohdaten zur Weiternutzung. Die Rechnung des BMI halten wir für wenig plausibel und haben unsere Gründe dargelegt, warum es bereits auf heutiger Rechtsgrundlage möglich ist, Michel Vorsprach die gewünschte Karte zu einem deutlich niedrigeren Betrag als 800 Euro zu übermitteln; auch eine kostenfreie Abgabe halten wir für rechtlich möglich.

Nach unserer Auffassung gibt es keinen Bedarf nach Spezialvorschriften, die situativ den Datenbedarf stillen, wie beispielsweise ein Hochwasserinformationsweiterverarbeitungsgesetz oder eine Open Data-Verordnung spezifisch für den Katastrophenschutz. Die Weiterentwicklung von Informationsfreiheitsgesetzen (auf europäischer Ebene: Die Direktive über Public Sector Information) und eine Reform des Urheberrechts an staatlichen Werken würde helfen, rechtliche Hürden bei der Weitergabe von allen relevanten Behördendaten zu reduzieren. Im Falle der Geodaten ist das DLR zwar formal ein eingetragener Verein, seine Mittel kommen jedoch überwiegend aus dem Bundeshaushalt und die Arbeit des DLR bei der Erforschung des Alls und der Erde wurden bereits von den Steuerzahlern einmal finanziert.

Weiterführende Links:

[update 13. Juni 2013: Michel Vorsprach schreibt in einem Blog, dass das Bundesinnenministerium ihm kostenfrei eine hochaufgelöstde Version der ZKI-Karte seiner Region zugeschickt hat]

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14 Tage #ZDFcheck – ein Zwischenbericht

Wie zuletzt an dieser Stelle berichtet, ist vor zwei Wochen der ZDF-Faktencheck (#ZDFcheck) angelaufen. Im Rahmen dieses Projektes arbeiten eine Redaktion im ZDF-Hauptstadtstudio, Phoenix und Wikimedia gemeinsam an einem Faktencheck im Vorfeld der Bundestagswahl, in dem Politikeraussagen geprüft werden. Seit 13. Mai sitze ich nun als Wikipedian in Residence im Hauptstadtstudio des ZDF in Berlin in der ZDFcheck-Redaktion und betreue die Zusammenarbeit mit Wikimedia Deutschland e. V.. Alle sind herzlich dazu eingeladen mit zu recherchieren und die Arbeit zu kommentieren und sich so zu beteiligen. Insbesondere freuen wir uns auf Hinweise von Wikipedianern, anderen Wikimedianern und der übrigen Netz-Community.

Im Laufe der letzten beiden Wochen haben wir rund 135 Hinweise von zahlreichen Freiwilligen erhalten, davon waren bereits vier Wikipedianer. Die Testphase des Formats, in der wir unsere Arbeitsweise geklärt haben, ist jetzt abgeschlossen. Fünf Thesen konnten wir bereits durch den Check schicken. Dabei gehen wir in mehreren Schritten vor: Zunächst definieren wir, was wir genau checken, um die Aussage dann nach und nach in ihre Einzelteile zu zerlegen. Diese prüfen wir dann auf ihren Wahrheitsgehalt.

Dr. Eckart Gaddum, ZDF-Hauptredaktionsleiter Neue Medien, fasst die Woche auf heute.de zusammen. Auch der NDR und die RheinZeitung berichten über das Format. Das politische Umfeld hat bereits sensibel auf das neue Format reagiert. Ein vollständiges Medienecho und weitere Informationen findet sich im FAQ in der Wikipedia und im Pressespiegel von Wikimedia.

Beispiel für eine Infografik, hier: Kinder in Kindertagesbetreuung

Eine Besonderheit des Checks ist, dass nicht nur die Möglichkeit zum Mitmachen besteht, sondern, dass alle erstellten Infomaterialien (Texte, Bilder und Videos) unter einer Freien Lizenz stehen. Dazu verwenden wir die Lizenz CC-BY. Gemeinsam mit der Grafikerin des ZDF und der Beratung von Wikipedianern erarbeiten wir so auch gezielt Material, das in der Wikipedia noch fehlt.

Die Kommentare von Wikipedianern und anderen Ehrenamtlichen aus den Wikimedia-Projekten, die die Software dezent hervorhebt, beobachtet die Redaktion mit besonderem Interesse, da wir von dieser Gruppe sehr hochwertige Beiträge erwarten. Bei Rückfragen oder Recherecheanfragen stehe ich besonders dieser Gruppe auf meiner Benutzerseite jederzeit zur Verfügung.

Die erste Runde von Materialien, fünf Infografiken, die im Bereich deutscher Innenpolitik verwendet werden können, wurde am Freitag auf Commons transferiert. Sie stehen unter einer Freien Lizenz und können jetzt weiter kategorisiert und eingebunden werden. Mithilfe dabei ist gern gesehen, auch hier stehe ich für Fragen gern zur Verfügung!

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Latet enim veritas, sed nihil pretiosius veritate #ZDFcheck

Die Wahrheit ist verborgen, aber nichts ist schöner denn die Wahrheit. Hinter uns liegt eine aufregende Woche der re:publica in Berlin samt einstündiger Paneldiskussion zum Projekt ZDFCheck (wir berichteten darüber). Die re:publica-Veranstalter haben in Windeseile den Mitschnitt dieser Diskussion auf Youtube und unter die Lizenz Creative Commons CC BY-SA 3.0 gestellt, von dort erfolgte dann auch der Upload auf Wikimedia Commons.

Ab heute ist der zdfcheck.zdf.de mit einem ersten Faktencheck-Angebot online und die Einladung an die Netz-Community zur Beteilung an der Recherche steht.

Ebenfalls heute beginnt der „Wikipedian in Residence“ seine Arbeit im Rahmen des Online-Angebots des ZDF. Nach dem Abschluss der Bewerbergespräche freuen wir uns, Tim Moritz Hector vorstellen zu dürfen. Tim ist Student der Politologie und Kommunikationswissenschaft in Münster und seit 2007 Wikipedianer, von 2008 bis 2012 als Admin. Seit 2012 ist er außerdem für das Referentennetzwerk tätig.

Presseschau:

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Was Wikipedianer besonders gut können

„Wir werden als Bundesrepublik Deutschland keine Waffen liefern“, versicherte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) Katars Ministerpräsidenten Scheich Hamad bin Jassim bin Jabor al Thani in Berlin. So stand es am 16.4. im Berliner Tagesspiegel.

Wie wäre es, wenn wir Leser, mündige Bürger und Wähler, die Möglichkeit bekämen, solche Aussagen auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen?

http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Mainzelm%C3%A4nnchen_walking_act.jpg

Mainzelmännchen
Foto: Johann H. Addicks, CC-by-sa-nd/3.0

Stimmt diese Aussage von Merkel, und wenn ja unter welchen Prämissen? Seit einigen Wochen unterstützt Wikimedia Deutschland das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) bei der Erstellung einer Plattform, auf der solche Aussagen gecheckt werden können.

Wer kennt das nicht: In einer Talkshow behauptet ein Politiker wortgewaltig, die Welt sei „rosa“ und die Aussage bleibt unwidersprochen. Im Gegenteil, sie entwickelt ein Eigenleben und scheint mit jedem Tag, der vergeht, wahrhaftiger zu werden. Im Zeitalter des medienkompetenten Netzbürgers ein Ärgernis. Das ZDF richtet daher gemeinsam mit dem Nachrichtensender Phoenix einen Online-Faktencheck zur Bundestagswahl ein und alle Wikipedianer sind eingeladen, Aussagen zum Faktencheck vorzuschlagen, sowie selbstmitzuhelfen, die Richtigkeit der Fakten zu überprüfen. Gerade weil Wikipedianer ihre Aussagen stets neutral und belegt machen, bürgt ihre Arbeitsweise für eine hohe Qualität. Das können gerade Wikipedianer besonders gut.
Deshalb möchte das ZDF in dem geplanten Online Faktencheck, der auf der re:publica am 6.5. in Berlin öffentlich unter dem Label #ZDFcheck vorgestellt wird, gern mit der Wikipedia-Community zusammenarbeiten. Die im Rahmen des Faktenchecks erarbeiteten Mediendateien, wie Infografiken, Bilder und kleine Filmbeiträge, stehen unter einer Freien Lizenz der Nachnutzung offen. Ein erster Meilenstein in der Zusammenarbeit mit einem öffentlich-rechtlichen Sender. Diese Zusammenarbeit soll durch einen so genannten „Wikipedian in Residence“ koordiniert werden. Ihre oder seine Aufgabe wird es sein, aktiv die Community anzusprechen. Die Ausschreibung ist seit heute online.
Nach einer Pilotphase im Frühsommer startet das Projekt in der heißen Phase des Bundestagswahlkampfes ab August richtig durch. Geplant ist, dass alle Arbeitsschritte des Faktenchecks live mitverfolgt und mitgestaltet werden können. Die Moderation und Redaktion obliegt dem ZDF Redaktionsteam. Die Ergebnisse der #ZDFcheck werden crossmedial aufbereitet und finden Eingang in die verschiedenen ZDF-Sendungen. Zum ersten Mal würde damit das Wikipedia Arbeitsprinzip in einem gänzlich anderen Rahmen unter Beweis gestellt werden. Aus meiner Sicht auch eine Wertschätzung des digitalen Ehrenamtes im Spektrum der Wikipedia.
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Staatliche Werke, eine neue Baustelle des Urheberrechts

Hinter uns liegt eine ereignisreiche Woche zum Thema Open Data und der neuen vom Bundesinnenministerium entwickelten Standardlizenz für freigegebene Regierungsdaten. Vor uns liegt ein ganzes Jahr an Arbeit zu der Frage, wie mehr staatliche Werke als bisher durch die Gesellschaft nachnutzbar gemacht werden können. Wikimedia Deutschland wird dazu einen Regelungsvorschlag machen, unsere Mitgliederversammlung hat dazu entsprechende Ziele beschlossen, drei Projekte dazu laufen bereits. In einem dafür gestarteten Themenblog (http://urheberrecht.wikimedia.de) werden wir 2013 kontinuierlich über unsere Arbeit berichten und um Mithilfe bitten. Ein erster Aufschlag ist heute im Blog online gegangen, warum wir insbesondere den §5 Urheberrechtsgesetz für reformbedürftig halten und wie dies mit anderen wichtigen Vorhaben (bereits genannt: Open Data und dazu noch Informationsfreiheits-/Transparenzgesetze) zusammenhängt. Um freundliche Beachtung von Lasst uns über Staatliche Werke reden wird gebeten.

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Citizen Science oder der Versuch dies zu übersetzen

Die Leibniz-Gemeinschaft (vollständigWissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz e. V.) ist ein Zusammenschluss deutscher Forschungsinstitute unterschiedlicher Fachrichtungen. Schreibt die Wikipedia. Letzten Donnerstag und Freitag fand das Kick-Off zum Forschungsverbund Science 2.0 der Leibniz Gemeinschaft in Hamburg statt. Der Forschungsverbund, zu dem Wikimedia Deutschland (WMDE) auf Initiative von Dr. Daniel Mietchen eingeladen wurde, fokussiert die Fragestellung, wie Web 2.0 Konzepte in wissenschaftlichen Forschungs- und Publikationsprozesse integriert werden. 26 Forschungsprojekte stellten sich an zwei Tagen vor. Dr. Nils Weichert, Bereichsleiter für WMDE Bildung und Wissen, Dr. Daniel Mietchen, Wikimedian, und ich als  Kuratorin für Kulturpartnerschaften loteten in vielen dieser Projektrunden mögliche Anknüpfungspunkte für eine Zusammenarbeit aus. Zwei Projekte, die ich besonders spannend fand: Das Projekt des ZEW Mannheim widmet sich der Fragestellung „Ökonomie- und Sozialwissenschaften in der Wikipedia“. Es untersucht zehntausende von Artikeln über ihre Entstehung, Vernetzung und Dynamik und wie stark Ökonome und Sozialwissenschaftler der Leibnizinstitute selbst als aktive Editoren in der Wikipedia agieren. Das Projekt Scholarlib der GESIS Sozialwissenschaftler will ganz bewusst Bedingungen schaffen, um Soziale Netzwerke mit wissenschaftlichen Inhalten aus Fachportalen stärker  zu verschränken. Hier könnten Wikimediaprojekte auf beiden Seiten eine Rolle einnehmen, sowohl als soziales Netzwerk als auch als Wissensportal. Alle Projekte hier aufzuzählen, würde den Rahmen sprengen. Lizensierungsfragen gehörten zu den wiederkehrende Fragen. Oft fiel der Begriff Citizen Science. Ist Wikipedia Citizen-Science per se? Warum greifen Übersetzungen wie Bürger-Forschung oder Zivil-Wissenschaft nicht, was wäre die adäquatere Übersetzung? Ist die Wikipedia ein wissenschaftliches Publikationsmedium? Und wer zitiert wann in seinen wissenschaftlichen Arbeiten die Wikipedia?

Warum sind diese Fragen wichtig für uns? In der Zusammenarbeit mit dem Forschungsverbund Science 2.0 können wir viele nach wie vor  bestehende Fehleinschätzungen der Wikimedia-Projekte korrigieren, wir können werben für einen freien Zugang und die offene Weiternutzung der Ergebnisse aus den Forschungsprojekten des Verbundes, aber  auch generell für eine Open Access Policy mit einer dezidierten freien Weiternutzung der Forschungseinrichtungen  werben. Und wie die obigen Fragen zeigen, können wir in der Auseinandersetzung auch lernen, uns aus anderen Perspektiven zu sehen und unsere Projekte fortzuentwickeln. Wir haben in Hamburg vereinbart, dass wir  einen Kooperationsvertrag anstreben. Kernstück soll ein Wikipedian in Residence als zentraler Vermittler zwischen den Forschungsinstituten und Kultureinrichtungen der Leibniz Gemeinschaft und den Wikipedia-Communities sein.

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