Archiv für die ‘Kultur’ Kategorie



„Wikipedia ein Gesicht geben“ – GLAM-Aktivisten trafen sich im Allgäu

Wikipedianer auf Exkursion im Kirchenarchiv Kaufbeuren. Foto: Benutzerin:Elya, CC-BY-SA 3.0

“Eine Gruppe, die so fachkundig ist und gleichzeitig so viel Spaß hat!” begeistert sich die Kirchenarchivarin Kaufbeurens.
Ein Lob, das den Wikipedianern galt, die sich – ausgerüstet mit Fotoapparat und Notizblock – interessiert die Exponate des Archivs zeigen ließen.

Letztes Wochenende reisten 17 kulturbegeisterte Wikipedianer ins beschauliche Kaufbeuren. Zum ersten Mal kamen damit “GLAM-Aktivisten” aus dem gesamten Bundesgebiet und Österreich für drei Tage zusammen, um sich über die vielfältigen Aktivitäten der deutschsprachigen Wikipedia-Community und Wikimedia Deutschland im kulturellen Sektor auszutauschen.
Entsprechend dicht gepackt war das Programm.

GLAM – wofür steht das gleich nochmal?

Unter dem Begriff GLAM (engl. Akronym für galleries, libraries, archives, museums) wird international der breite Bereich aller Aktivitäten von Wikipedia-Communities und Wikimedia bezüglich Kulturgütern und Kultureinrichtungen zusammengefasst. Weil sich das nicht unbedingt von selbst erschließt, drehte sich die Diskussion auch um ein besonders wichtiges Thema: Wie können die Kommunikation und der Informationsfluss über die Kulturaktivitäten von Wikimedia einerseits in den Communities, andererseits in der medialen Öffentlichkeit verbessert werden, und wie können vor allem noch mehr Mitglieder aus der Community für GLAM-Projekte gewonnen werden? Weiterlesen »

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Citizen Science oder der Versuch dies zu übersetzen

Die Leibniz-Gemeinschaft (vollständigWissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz e. V.) ist ein Zusammenschluss deutscher Forschungsinstitute unterschiedlicher Fachrichtungen. Schreibt die Wikipedia. Letzten Donnerstag und Freitag fand das Kick-Off zum Forschungsverbund Science 2.0 der Leibniz Gemeinschaft in Hamburg statt. Der Forschungsverbund, zu dem Wikimedia Deutschland (WMDE) auf Initiative von Dr. Daniel Mietchen eingeladen wurde, fokussiert die Fragestellung, wie Web 2.0 Konzepte in wissenschaftlichen Forschungs- und Publikationsprozesse integriert werden. 26 Forschungsprojekte stellten sich an zwei Tagen vor. Dr. Nils Weichert, Bereichsleiter für WMDE Bildung und Wissen, Dr. Daniel Mietchen, Wikimedian, und ich als  Kuratorin für Kulturpartnerschaften loteten in vielen dieser Projektrunden mögliche Anknüpfungspunkte für eine Zusammenarbeit aus. Zwei Projekte, die ich besonders spannend fand: Das Projekt des ZEW Mannheim widmet sich der Fragestellung „Ökonomie- und Sozialwissenschaften in der Wikipedia“. Es untersucht zehntausende von Artikeln über ihre Entstehung, Vernetzung und Dynamik und wie stark Ökonome und Sozialwissenschaftler der Leibnizinstitute selbst als aktive Editoren in der Wikipedia agieren. Das Projekt Scholarlib der GESIS Sozialwissenschaftler will ganz bewusst Bedingungen schaffen, um Soziale Netzwerke mit wissenschaftlichen Inhalten aus Fachportalen stärker  zu verschränken. Hier könnten Wikimediaprojekte auf beiden Seiten eine Rolle einnehmen, sowohl als soziales Netzwerk als auch als Wissensportal. Alle Projekte hier aufzuzählen, würde den Rahmen sprengen. Lizensierungsfragen gehörten zu den wiederkehrende Fragen. Oft fiel der Begriff Citizen Science. Ist Wikipedia Citizen-Science per se? Warum greifen Übersetzungen wie Bürger-Forschung oder Zivil-Wissenschaft nicht, was wäre die adäquatere Übersetzung? Ist die Wikipedia ein wissenschaftliches Publikationsmedium? Und wer zitiert wann in seinen wissenschaftlichen Arbeiten die Wikipedia?

Warum sind diese Fragen wichtig für uns? In der Zusammenarbeit mit dem Forschungsverbund Science 2.0 können wir viele nach wie vor  bestehende Fehleinschätzungen der Wikimedia-Projekte korrigieren, wir können werben für einen freien Zugang und die offene Weiternutzung der Ergebnisse aus den Forschungsprojekten des Verbundes, aber  auch generell für eine Open Access Policy mit einer dezidierten freien Weiternutzung der Forschungseinrichtungen  werben. Und wie die obigen Fragen zeigen, können wir in der Auseinandersetzung auch lernen, uns aus anderen Perspektiven zu sehen und unsere Projekte fortzuentwickeln. Wir haben in Hamburg vereinbart, dass wir  einen Kooperationsvertrag anstreben. Kernstück soll ein Wikipedian in Residence als zentraler Vermittler zwischen den Forschungsinstituten und Kultureinrichtungen der Leibniz Gemeinschaft und den Wikipedia-Communities sein.

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Nach der Residence durch die Republik

Nach der stressigen Zeit als Resident hatte ich auf ein wenig Ruhe gehofft, doch so funktioniert Wikipedia bekanntlich ja nicht. Nach der Rückkehr aus Istanbul ging es relativ schnell mit den nächsten Terminen weiter. Vielfach ergeben sie sich mittlerweile aus der Tätigkeit als „WiR“, resultieren aber auch noch von der Tagung „Wikipedia trifft Altertum“ oder von anderen Kontakten.

Academia Baltica

Als erstes war ich Mitte Dezember zu einer Tagung der Academia Baltica eingeladen. Vertreter der Akademie wurden gerade durch die Berichterstattung zum „Wikipedian in Residence“ auf mich aufmerksam und so fuhr ich nach Plön in Schleswig-Holstein. Dort wurde diskutiert, wie man das anstehende „Ostseeprojekt“ präsentieren sollte. Eine der Möglichkeiten, über die nachgedacht wird, ist dies im Rahmen der Wikipedia zu tun. Somit stellte ich Wikipedia  vor und gab ihnen einen Blick hinter die Kulissen, vor allem mit einem Schwerpunkt auf der internen Qualitätssicherung. Die, wie hinterher zurecht angemerkt wurde, weniger eine Qualitätssicherung denn eine Abfolge von Rettungsaktionen ist. Für Wikipedia wäre die Einbindung der Ergebnisse des Ostseeprojektes sicher äußerst positiv, der qualitative Gewinn wäre ohne Zweifel immens. Und auch das Ostseeprojekt würde durch die vielen zuarbeitenden Hände und beispielsweise auch die internen Verlinkungen dabei gewinnen.

Auch andere Formen der Darstellung wurden gezeigt, etwa das „Virtual Shtetl„, das „Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa“  und nicht zuletzt optisch sehr beeindruckend das „Institut für Raumdarstellung„. Der international besetzte Workshop fand in einem vergleichsweise kleinen Rahmen statt, der zu einer aktiven Diskussion einlud, an der auch ein Fachfremder wie ich folgen und teilnehmen konnte. Interessant ist sicher auch für die Wikimedia-Projekte, dass die Zeit nicht stehen bleibt und die veraltete Infrastruktur im Projekt leider langsam zu einem großen Hemmschuh der Entwicklung wird. Andere Projekte sind schon sehr viel weiter, fairerweise muß man aber auch sagen, dass diese meist einen weitaus kleineren inhaltlichen Fokus haben. Mit Entwicklungen wie Wikidata und dem für die Jahresmitte angekündigten „What-you-see-is-what-you-get-Editor“ schafft Wikipedia aber hoffentlich wieder einen großen Sprung nach vorn.

Mainz und Wiesbaden

Marcus Cyron, CC-BY-SA 3.0

Danach folgte erst wieder im Januar der nächste Termin. Bei meinen ersten Veranstaltungen als Resident habe ich mehrfach Patrick Schollmeyer, den Kurator der Kunstsammlung der Universität Mainz getroffen, der mich zu einer Lehrveranstaltung einlud, in der ich einmal mehr die Wikipedia, dieses Mal mit einem Schwerpunkt auf der Archäologie und Kunstgeschichte, vorstellte. In der Veranstaltung sollte auf die Möglichkeiten der „Neuen Medien“ in den angesprochenen Disziplinen eingegangen werden. Dabei mussten zwei Aspekte besonders deutlich heraus gestellt werden: Wikipedia ist weder ein Ort um reich und berühmt zu werden, andererseits ist es ein Ort, an dem man einer sehr großen Leserschaft wichtige Themen näher bringen kann. Ein glücklicher Zufall war, dass am Abend dieses Tages die Antikensammlung der Universität wieder eröffnet wurde und ich an der Veranstaltung teilnehmen konnte. Besonders freute mich, dass ich auf diesem Wege einmal Elke Böhr kennenlernen durfte, die mit ihren Forschungen zur attischen Vasenmalerei und insbesondere zum Schaukel-Maler bekannt wurde.

Kleines Schmankerl am Rand: Im ganzen Gebäude der Universität hingen Aushänge mit einem Hinweis auf ein Rededuell zwischen Studenten und Professoren, bei dem es darum ging, ob Wikipedia Weltkulturerbe werden solle. Wie das ausging kann man im Wikipedia-Kurier nachlesen.

Kurzfristig ergab sich Tags darauf noch ein weiterer Termin mit Reinhard Dietrich, Referatsleiter Denkmalschutz, Kulturgutschutz, UNESCO-Welterbe und Rechtsangelegenheiten im Kulturbereich im Hessischen Ministerium für Wissenschaft. Reinhard Dietrich, selbst aktiver Wikipedianer, wollte ursprünglich zu „Wikipedia trifft Archäologie“ nach Berlin kommen, doch wurde die Veranstaltung bekanntlicherweise inhaltlich etwas verändert und um mehrere Wochen verschoben. Somit sprachen wir etwa über die für Herbst angedachte, bis dann neu konzipierte Veranstaltung „Wikipedia trifft Archäologie“, aber auch über die Strukturen in der Wikipedia und Aktionen wie „Wiki Loves Monuments“ und die Grenzen, die selbst er als Referatsleiter hier hat. Eigentlicher Entscheidungsträger ist nämlich das Landesdenkmalamt, das jedoch – und das zum Teil aus nachvollziehbaren Gründen – etwa mit ihren Daten nicht immer so offen umgeht, wie sich die Wikimedia-Comunity das wünschen würde. Dennoch ist es sicher für Wikipedia alles andere als schädlich einen Mitarbeiter und Freund in einer solchen Position zu wissen.

HTW Berlin

Letzte Woche folgte auf Einladung von Dorothee Haffner an der HTW Berlin die nächste Einführungsveranstaltung in die Wikipedia. Die Verbindung zu Frau Haffner entstand schon im Mai 2012 bei der MAI-Tagung (MAI = Museums and the Internet) in Leipzig. Zwischen 20 und 30 Studenten der Museumskunde und ich hatten drei Stunden Zeit für einen Blick „hinter die Kulissen“ der Wikipedia und zudem auch eine praktische Einführung. Spätestens bei solchen Veranstaltungen merkt man, dass das Leben als Neuwikipedianer heute doch nicht mehr so leicht ist wie 2005 als ich begann. Dennoch kamen wir vergleichsweise rasch vorwärts und ich denke und hoffe, dass bei vielen der Studenten die Grundlage gelegt wurde, zumindest theoretisch in der Wikipedia aktiv sein zu können. Fast obligatorisch war in der Diskussion die Auseinandersetzung mit den internen Relevanzkriterien. Manchmal ist es wirklich schwer zu erklären, warum nicht jede Garagenband einen Wikipedia-Artikel bekommen kann. Alles in allem war es aus meiner Sicht eine äußerst erfreuliche und ergiebige Veranstaltung.

Überlegungen

Was bleibt nach diesen Terminen, die in ihrer Ähnlichkeit doch alle unterschiedlich waren? Wikipedia „sickert“ immer mehr und immer direkter in die verschiedenen Institutionen. Selbst wenn man Wikipedia nicht mag, kommt man mittlerweile schwerlich an ihr vorbei, ja selbst ein Engagement erscheint immer öfter als sinnvoll und wünschenswert. Vielfach weiß man aber noch nicht, wie das am besten geht. Hier müssen wir ansetzen. Ein für mich immer wieder interessanter Fakt: Die Kritik aus „der Wissenschaft“ erfolgt häufig nicht zuletzt deshalb, weil man an Wikipedia den Anspruch stellt, den man auch an Fachlexika stellt, quasi das unterstellt, was Wikipedia ja immer verneint zu sein: zitierfähige Sekundärliteratur. Manchmal sind wir dem näher als wir es selbst glauben. Der Respekt für Wikipedia und die bisherige Leistung ist mittlerweile so groß, dass daraus auch Ansprüche an das Projekt erwachsen, die für die Autoren eigentlich bislang fremd waren. Wir sind schlicht so gut, dass die Ansprüche und Maßstäbe, die an uns angelegt werden, mittlerweile auch sehr hoch sind.

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Kulturaffin und weitgereist: Lilli Iliev verstärkt Bereich Politik & Gesellschaft

Lilli Iliev, Bild: Katja Ullrich, CC-BY-SA 3.0

Wir freuen uns sehr, Lilli Iliev als neue Mitarbeiterin bei Wikimedia Deutschland e.V. zu begrüßen. Um unsere Kooperationen im kulturellen Sektor und den Kontakt zum Politikbetrieb weiter auszubauen, wird Lilli zukünftig als Projektassistentin den Bereich Politik & Gesellschaft unterstützen. Zusammen mit Barbara Fischer wird sie die GLAM-Aktivitäten betreuen und sich etwa durch Recherchen und redaktionelle Tätigkeiten beim Ausbau der politischen Kontakte im Inlands- und EU-Kontext beteiligen.

Lilli ist Absolventin der Studiengänge Kulturwissenschaften und Literatur-Ästhetik-Philosophie. Sechs Jahre lang arbeitete sie als persönliche Assistentin der Vorsitzenden des Kulturausschusses im Berliner Abgeordnetenhaus.

Zuletzt war sie bei irights.lab Kultur an der Organisation der Konferenz „Zugang gestalten! Mehr Verantwortung für das kulturelle Erbe“ beteiligt, die im Oktober 2012 in Kooperation u.a. mit Wikimedia Deutschland e.V. stattfand. Durch ihre langjährige Tätigkeit im kulturpolitischen Bereich sowie durch verschiedene Praktika, etwa im Goethe-Institut Sofia und in der Kulturabteilung der Deutschen Botschaft in Moskau, hat Lilli einen guten Überblick über die Breite der Kulturlandschaft und kennt die Arbeitsweisen unterschiedlicher Kulturinstitutionen. Über deren Perspektive auf die Free-Culture-Bewegung sagt sie:

Die Skepsis vieler etablierter Kulturinstitutionen gegenüber einer digitalen Öffnung ist häufig  größer als die Wahrnehmung der sich bietenden Chancen, die sich durch sie auch für die Attraktivität und Zukunftsfähigkeit des eigenen Hauses bieten.

Wer mit Lilli direkt in Kontakt treten möchte, kann dies lilli.iliev@wikimedia.de tun.

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Die beiden letzten Monate als Resident

Seit meinem letzten Beitrag sind nun doch zwei statt des geplanten nur einen Monat vergangen. Schuld war ganz simpel die Zeit. Aber ich denke, der folgende Bericht zeigt das letztlich auch recht gut:

Zuletzt berichtete ich vom Limes-Workshop. Von diesem kehrte ich nicht gleich aus dem Odenwald ins heimische Berlin zurück, sondern hatte ein paar Tage später eine Einladung zur EXAR-Tagung, dem Jahrestreffen der Experimantal-Archäologen. Die beiden dazwischen liegenden Tage überbrückte ich in Würzburg, wo ich mir einmal mit etwas mehr Ruhe als beim ersten Mal. Bei der EXAR-Tagung schließlich, die in Windisch bei Brugg im Kanton Aargau in der Schweiz durchgeführt wurde, sollte ich etwas über die Möglichkeiten der Experimentalarchäologie in der Wikipedia sagen. Um hier kurz zusammen zu fassen, was ich dort konstatieren musste: die Möglichkeiten sind immens, da es in dem Bereich bislang kaum Vorzeigbares in angemessenem Umfang gibt.

Fidiou 1 - Sitz der Abteilung Athen des DAI - Marcus Cyron cc-by-sa-3.0
Fidiou 1 - Sitz der Abteilung Athen des DAI - Marcus Cyron cc-by-sa-3.0

Der Oktober fand seinen Höhepunkt in einer Dienstreise an die Außenstelle Athen des DAI. Ich wurde ungemein freundlich aufgenommen und war auch mehrere Tage im Haus in der Fidiou 1 untergebracht. Ein Haus, das kein geringerer als Heinrich Schliemann nach Plänen Ernst Zillers und Wilhelm Dörpfelds erbauen ließ. Und noch vieles in diesem Haus atmete die Ideen, die diese drei Männer verfolgten. Dank Nils Hellner, dem Referenten für Bauforschung der Abteilung, erhielt ich auch einige Einblicke in dieses Thema. Zudem bekam ich eine kompetente Führung über den Kerameikos und besuchte das Archäologische Nationalmuseum, das Neue Akropolis-Museum, das Kerameikos-Museum und das Kykladenmuseum. Dabei entstand eine vierstellige Zahl an Bildern für Wikimedia. Meine Präsentation der Wikipedia war wie auch alle weiteren recht gut besucht und es entspann sich eine Diskussion im Anschluss.

In Deutschland zurück nahm ich aufgrund einer Einladung am Berliner Herbsttreffen zur Museumsdokumentation teil, wo ich das Residence-Projekt vorstellte. In der Woche darauf stellte ich es erneut vor, nun auf der Tagung Zugang gestaltenim Jüdischen Museum Berlin. Dieser Beitrag in einem vorgegebenen Format, bei dem man für 20 Bilder jeweils 20 Sekunden Zeit zum Erklären hatte, war der Fokus auf der Zusammenarbeit mit dem DAI.

Hapy, Gott des Nils, Vatikanische Museen, römisch - Marcus Cyron cc-by-sa-3.0
Hapy, Gott des Nils, Vatikanische Museen, römisch - Marcus Cyron cc-by-sa-3.0

Der letzte Monat brachte Reisen nach Rom und Madrid. Leider war hier in bedien Fällen eine Unterbringung im Gästebereich der DAI-Aussenstellen nicht möglich. Die wohl lebhafteste Diskussion überhaupt löste meine Vorstellung der Wikipedia in Rom aus. Besonders erfreulich war es, dass hier weniger mit mir diskutiert wurde, als sogar unter den Wissenschaftlern über das Für und Wieder eines Engagements in der Wikipedia. Wobei es von keiner Seite grundsätzliche Ablehnung gab, wie mir erschien, nur die Art und die Zielsetzung wurden diskutiert. Um einen Diskussionspunkt einmal zu nennen: soll man Studenten einen sehr guten, einfach zugänglichen Artikel präsentieren, und diesen damit die weitere Recherche abnehmen? Daneben war ich in den Vatikanischen Museen und auf dem Protestantischen Friedhof von Rom. Ein geplantes Treffen mit der italienischen Community scheiterte leider an der unterschiedlichen Auslegung des Kalenders. Auch in Rom entstanden wieder weit über 1000 Bilder.

In Madrid wurde ich von meinem Freund Michael Kunst erstklassig betreut. Im Ergebnis war Madrid vielleicht die ergiebigste meiner Reisen. Auch wenn Thomas Schattner, der zweite Direktor der Abteilung, etwas irritiert war, dass einfach so ein Artikel zu seiner Person in der Wikipedia verfasst werden konnte (und mit mir noch dazu auf den Urheber des Artikels traf), waren die Mitarbeiter doch sehr aufgeschlossen auch in der Wikipedia als Abteilung aktiv zu werden. Das betrifft nicht nur den Artikel zur Abteilung selbst, der bislang noch fehlt, sondern auch zu verschiedenen Ausgrabungen der Abteilung. Hierzu wird überlegt, die ohnehin zu schreibenden Artikel für die Jahresberichte in abgewandelter Form ein zweites Mal zu verwenden. In meinen Augen eine sehr gute Idee! Leider war das Fotografieren bei meinem doch recht kurzen Aufenthalt in der recht kalten spanischen Hauptstadt beim Besuch des Prado nicht erlaubt. Abschließender Höhepunkt war das Treffen mit einem Vertreter der spanischen Comunity. Eigentlich war es noch geplant, die Direktoren des DAI auf ihrer jährlichen Direktorenkonferenz analog zu Projekten wie dem Landtagsprojekt zu fotografieren, was allerdings kurzfristig an der Zeitknappheit der Archäologen scheiterte.

Blick aus meinem Fenster in Istanbul - Marcus Cyron, cc-by-sa-3.0
Blick aus meinem Fenster in Istanbul - Marcus Cyron, cc-by-sa-3.0

Obwohl eigentlich Ende November meine Tätigkeit offiziell beendet war, kam Anfang Dezember noch eine Fahrt nach Istanbul, die sich zuvor nicht realisieren ließ. Am Bosporus hatte ich wieder das Glück beim DAI, in diesem Falle dem Wolfgang Müller-Wiener-Kolleg untergebracht zu werden. Beim Gebäude handelte es sich um die ehemalige deutsche Botschaft, heute teilen sich das DAI und das Generalkonsulat das Gebäude mit einem fantastischen Blick auf den Bosporus. Dementsprechend kam man auch nur mit einem Besucherausweis problemlos am Pförtner vorbei. Die Aufnahme war einmal mehr äußerst freundlich, mit Jürgen Seeher und seiner Frau Ayşe Baykal-Seeher hatte ich einmal mehr äußerst nette und kompetente Ansprechpartner. Nach meinem „Blick hinter die Kulissen der Wikipedia“ kam es wegen der schon recht fortgeschrittenen Zeit zu einer relativ kurzen Diskussion. Der Direktor der Abteilung, Felix Pierson, drückte neben seinem Lob für Wikipedia auch die Sorge aus, dass es durch diese mittlerweile übermächtig erscheinende Plattform Meinungspluralität immer schwerer hätte. Zudem war er besorgt, dass in der Zukunft Fachenzyklopädien einen schweren Stand haben könnten. Zumindest beim letzten Punkt wagte ich Widerspruch. Insgesamt muss ich gestehen, sind mir kritische Stimmen durchaus sehr lieb, da das bedeutet, dass sich Jemand mit der Thematik auseinander gesetzt hat. Kritik kam natürlich während meines halben Jahres als Resident immer wieder auf – ebenso wie auch Zuspruch. Für mich ein Zeichen, dass es auch in Zukunft mehr als nur eine Meinung geben wird. Und auch wer weiß, wie sehr manchmal hinter den Kulissen der Wikipedia um diese Dinge gerungen wird, wird mir hoffentlich zustimmen. Höhepunkt meines Nebenprogrammes war der Besuch des Archäologischen Museums – und hier entstanden wieder hunderte von Bildern – und einer Ausstellung zur Geschichte der Ausgrabungen in Hattuša. Aber auch sonst war diese wuselige Stadt sehr angenehm zu erleben, nur die Kälte und der Regen waren der Stimmung leicht abträglich. Ein weiterer Höhepunkt wurde am 6. Dezember das Winckelmannsfest. Dabei handelte es sich um den Höhepunkt im Institutsjahr, bei dem dem Mitbegründer der Archäologie als Wissenschaft, Johann Joachim Winckelmann, gedacht wird. Neben einem Festvortrag von Joseph Maran zu den Ausgrabungen in Tiryns, der sehr informativ und interessant, aber auch recht lang war, wurden drei türkische Archäologen zu korrespondierenden Mitgliedern des DAI ernannt. Sehr schön war auch die Bekanntschaft mit zwei Byzantinisten, die ich in Istanbul gemacht habe.

Vom Oktober bis in den November hinein gab es den Schreibcontest zum Antiken Olympia, bei dem die Teilnehmer motiviert werden sollten, zu einem der wichtigsten Projekte das DAI zu schreiben. Nach etwas schleppendem Beginn haben sich dann doch eine Hand voll Autoren beteiligt und sich zwei einen harten Kampf um die Spitze geliefert. Vor allem dank diesen Beiden kann man den Wettbewerb als für ein solchen Nischenthema durchaus achtbaren Erfolg bezeichnen.

Was bleibt nach sechs Monaten? Viel hat gut funktioniert, anderes weniger gut. Nicht alle Ziele konnten erreicht werden, dafür haben sich zum Teil andere Dinge ergeben, die zunächst gar nicht eingeplant waren. In der Öffentlichkeit wurde das Projekt mit Interesse aufgenommen. Vor allem in Berlin konnten leider nicht so viele DAI-Mitarbeiter erreicht werden, wie eigentlich erhofft, was verschiedene Gründe hatte. Aber hier kann man ja auch in Zukunft eng zusammen arbeiten. Überhaupt ist die Zusammenarbeit ja auch für eine längere Zukunft angelegt. Und ganz vorbei ist es sowieso noch nicht, denn im Februar wird es noch einen hoffentlich krönenden Abschluss mit „Wikipedia trifft Archäologie“ geben. Viel Zeit habe ich zuletzt natürlich auch in die Vorbereitung dieser Veranstaltung gesteckt. Die „Befreiung von Inhalten“ (diese Formulierung stößt nicht immer auf Gegenliebe bei Wissenschaftlern!) war problematisch, da etwa viele Fotos des DAI unter nicht bekannten Lizenzen stehen. Im Einzelfall war das DAI bislang immer sehr kooperativ und wird das sicher auch in Zukunft sein, doch wird man mittelfristig wohl so etwas wie eine größere Bilderspenden nicht erwarten können. Auch ein signifikant vermehrtes Auftreten von DAI-Mitarbeitern unter den „Wikipedia-Archäologen“ ist eher nicht zu erwarten, denn wie ich bei jeder Diskussion zu meinen Vorträgen hören musste, ist Zeit eine äußerst knappe Ressource. Dennoch denke ich, dass allein das Wissen um die Sorgen und Nöte, um die Vorgänge in und hinter der Wikipedia, um Struktur und Autorenschaft wird etwas bringen. Unterstützung kann ja auf viele Arten erfolgen.

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Klicken oder scannen? – QRpedia im Hamburg Museum

Muss man nicht scannen, kann man klicken. Dieser QR-Code führt zur QRpedia-Projektseite in der Wikipedia. (via Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Zwischen dem Museum für Hamburgische Geschichte/Hamburg Museum und Wikipedia-Autoren besteht seit Längerem eine Kooperation. Der ehrenamtliche Helfer Peter Weis berichtete bereits mit einem Gastbeitrag in diesem Blog darüber. Ziel der Arbeit ist es, die ausgestellten und gesammelten Exponate des Museums auf Wikipedia und Wikimedia Commons digital zugänglich zu machen. Seit dem 1. November sind Ausstellungsstücke des Museums mit Plaketten versehen, die per scannbarem QR-Code direkt auf passende Wikipedia-Artikel verweisen.

Was einfach klingt, ist das Ergebnis vieler Vorbereitungen. Die Ehrenamtlichen haben Wikipedia-Artikel geschrieben, in verschiedene Sprachen übersetzt und unter anderem Bildmaterial in die Artikel eingebunden. Konkret handelt es sich um die Ausstellung „Taktgeber Hafen“ und um eine Besonderheit des Museums: Bei der Errichtung des Museums Anfang des 20. Jahrhunderts wurden zahlreiche Bauteile des historischen Hamburger Stadtbildes in die Fassade integriert. Zu einer Reihe der Gebäude wurden nun nicht nur Wikipedia-Artikel verfasst, sondern auch Karten erstellt, die den ursprünglichen Standort in der Stadt angeben.

All diese Information sind für Besucher der Ausstellungen nun verfügbar, wenn sie beispielsweise mit ihrem Smartphone die Infoplaketten der Exponate auslesen. Sie werden automatisch auf den Wikipedia-Artikel in der voreingestellten Sprache des Geräts weitergeleitet.

Hier rechts gibt es übrigens den QR-Code zur Projektseite in der Wikipedia. Um dorthin zu gelangen, muss hier aber niemand ein mobiles Endgerät zücken, ein Klick darauf genügt auch. Das ist das Interessante. So ein QR-Code mag im Vergleich zu schönen Blogbildern recht schmucklos wirken, aber wer am Rechner sitzt, ist eben auch nicht im Museum. Schneller vor Ort gezielt auf Wikipedia zugreifen als mit QRpedia?

Gibts nicht. Schlicht und praktisch.

Neben der bereits gestarteten Aktion lädt das Museum für Hamburgische Geschichte/Hamburg Museums am 22. November Pressevertreter zu einem Rundgang. Die Mitteilung und Einladung ist auf unserer Vereinswebseite unter Pressemitteilungen zu finden.

Wir wünschen viel Erfolg!

 

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Zugang gestalten heißt miteinander reden

Berlin, 24. Oktober 2012. Die Dokumentation der Restauration der Vasari Kuppel in Florenz ist verloren. Die mit öffentlichen Mitteln bezahlten tausende Fotos in hoher Auflösung und erstaunlicher Detailschärfe sind samt der sie erschließende Datenbank dem Orkus des Vergessens anheimgegeben. Die Zugänge zu den Daten sind mit der Insolvenz der mit der Dokumentation beauftragten Firma unwiederbringlich verloren gegangen. So dramatisch startete das Plädoyer des Wissenshistorikers Jürgen Renn für den freien Zugang zum Wissen auf der Berliner Konferenz “Zugang gestalten – Mehr Verantwortung für das kulturelle Erbe.”


Pavel Richter in “Freies Wissen in der Zukunft” auf der Konferenz Zugang gestalten:

  • „Es ist unser aller kulturelles Erbe
  • Wir sind (aktive) Nutzer, nicht Betrachter
  • Es sind viele Kontexte möglich
  • Ich weiß auch etwas”

Zwei Tage lang tagten ca. 200 Vertreter verschiedenster Kultureinrichtungen aus ganz Deutschland im Glashof des Jüdischen Museums in Berlin zum Thema “Das kulturelle Erbe digitalisiert nutzbar machen”. Die eben von Wikimedia vorgelegte Broschüre selben Titels fand bei dieser Gelegenheit erste willige Abnehmer. Den meisten der anwesenden Galeristen, Bibliothekare, Archivare und Museumsdirektoren (kurz im englischen Akronym GLAM) ging es offenkundig um das Wie, statt nur um das Ob.

Das Cover der neuen Wikimedia Broschüre für GLAMs (Albrecht Dürer: Adam and Eve, 1504, Engraving. Bild von Max Lisewski, CC-BY-SA 3.0 (Als Bearbeitung der Version von Scewing, gemeinfrei)) 

 


Natürlich erleben nach wie vor viele die geltenden Bestimmungsgeflechte im Urheberrecht als verunsichernd und hemmend, aber gleichzeitig zeigten die positiven Reaktionen auf die vorgestellten Praxisbeispiele die große Bereitschaft sich auf das Abenteuer “Freies Wissen” einzulassen. Der Publikumspreis für das beste Praxisprojekt ging mit knapper Mehrheit an das Filmprojekt “First we take Berlin”, gefolgt von “The Mobile Museum”, und Europeana 1914 – 1918. Letzteres lädt Menschen in ganz Europa ein, ihre eigenen Familienerinnerungen zum Ersten Weltkrieg der Allgemeinheit digital zugänglich zu machen.

Wikimedia Deutschland war eigentlich nur Mitveranstalter, dennoch Wikipedia und andere Wikimedia Projekte waren nicht nur bei den Wikimedianern Pavel Richter, Vorstand WMDE, Marcus Cyron, Wikipedian in Residence am Deutschen Archäologischen Institut, Lennart Guldbrandsson, Wikipedian in Residence an der schwedischen Nationalamt für Kulturelles Erbe, im Fokus ihres Vorträge. Sie dienten auch vielen anderen Referenten als Beleg für gelungene Umwandlung von digitalisierten Daten zu Information und der aktiven Weiternutzung.

Kathrin Passig in “Alles Crowd alles gut?”auf der Konferenz “Zugang gestalten”:


“Fast die Hälfte der deutschen Museen arbeitet mit Ehrenamtlichen zusammen, insgesamt waren das im Jahr 2003 über 30.000 Menschen. Was ist daran jetzt neu? Neu ist, dass digitale Werkzeuge diese Zusammenarbeit vereinfachen können und vor allem dabei helfen, viel größere und auch überregionale Helfergruppen als bisher zu erschließen. Das ermöglicht eine flexiblere Zeiteinteilung für diese Freiwilligen, man kann sich also öfter mal eine halbe Stunde nach Feierabend beteiligen anstatt einmal die Woche vier Stunden. Das macht die Mitarbeit auch für Leute attraktiv, die keine Rentner sind.

Und neu ist auch, dass dadurch erstmals sichtbar wird, wie groß eigentlich die Menge an Zeit ist, die Menschen bereitwillig zu Projekten beisteuern, für die sie nicht bezahlt werden. Clay Shirky hat 2010 geschätzt, dass in der Wikipedia 100 Millionen Stunden stecken.”


Neben der Wikipedia natürlich auch Wiki Loves Monuments. In diesem Jahr mit dem Guiness World Record ausgezeichnet und das Vorjahresergebnis mit  weltweit 366.110 Fotos von denkmalgeschützten Bauten wiederum toppend. Alles kreative Frucht von Laien und Enthusiasten schwärmte Andreas Lehne vom Bundesdenkmalamt Österreich.  Joseph Pugh, Referent vom britischen Nationalarchiv, beigeisterte das GLAM-Publikum im Glashof für die Idee doch offen und neugierig zu schauen, was passiert, wenn “others play with my toys”. Es ist faszinierend wie zum Beispiel aus alten Logbucheinträgen perspektivisch Hochrechnungsmodelle für Klimaentwicklungsvoraussagen erwachsen können. “When we start talking – and I mean real talking – than people start asking [and that is when] we will find out, that them out there in the internet is just an awful lot of us.”, resümierte Pugh.

Die anschließende vom Podium ins Publikum überleitende Abschlussdiskussion und der rege Austausch in den Konferenzpausen machte es deutlich: Jetzt geht es um konkrete Umsetzung. Okay, vielleicht erst mit gemeinfreien Objekten und vielleicht nicht alle Daten auf einmal, aber es geht um das gemeinsame Machen. Die Konferenz endete mit dem dringenden Appell an die Politik, dass die Verantwortung für das kulturelle Erbe eben auch bedeutet, die Finanzierung ihrer Digitalisierung sicherzustellen, um so das kulturelle Erbe als einen lebendigen Wert zu erhalten.

In den folgenden Wochen und Monaten werden wir hier und auf der GLAM-Seite über die konkreten Projekte berichten.

 

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Vom Ob zum Wie: Konferenz zum kulturellen Erbe

Dach des Glashofs des Jüdischen Museums in Berlin, Autor: Kemmi.1, CC-BY-SA 3.0

Kultureinrichtungen sind derzeit nicht zu beneiden. Neben das Kerngeschäft – die Bestandspflege des kulturellen Erbes – tritt die Herausforderung, schnellstmöglich den Anschluss an veränderte Rezeptionsgewohnheiten und Nutzerbedürfnisse im digitalen Zeitalter zu finden. Zentrale Fragen, die im Wikimedia-Kontext oft schon nicht mehr gestellt werden, treiben sie deshalb verstärkt um: Wie schaffen wir möglichst niedrigschwellige Zugänge? Heißt “freier Zugang” automatisch auch “kostenloser Zugang”? Wie gestalten wir den Austausch zwischen Experten und Ehrenamtlichen, die das Interesse an Vermittlungsarbeit eint? Es geht also, mit anderen Worten, um das Selbstverständnis von Gedächtnisinstitutionen.

Dabei hat das Open-Access-Paradigma auch dort längst Einzug gehalten. Den meisten Beteiligten ist die legitimatorische Kraft des Rufs nach Öffnung durchaus bewusst: Das in den Kultureinrichtungen geschaffene Wissen ist vielfach bereits mit Steuermitteln finanziert worden. Eine Öffnung der Inhalte folgt jedoch nicht dem Gebot einer vermeintlichen “Kostenloskultur”, sondern ist geradezu die Basis für die gemeinschaftliche Aneignung und das Fortleben des kulturellen Erbes. Diese Einsicht mag zwar vielerorts schon Konsens sein, aber die Umsetzung hakt gewaltig, weil oft genug die Ressourcen nicht ausreichen, um Digitalisierungsprojekte zu stemmen oder neue Wege z.B. in der Lizenzierung von Bildmaterial einzuleiten.

Häufig unterscheiden Museen und Archive, ob Bestände für wissenschaftliche bzw. private Zwecke genutzt werden oder ob eine kommerzielle Verwertung angestrebt wird. Doch wo beginnt eine „kommerzielle Nutzung“? Welche Businessmodelle wurden und werden mit der Nutzung des kulturellen Erbes verbunden? Warum genügt eine Lizenz, die nur nicht-kommerzielle Nutzung zulässt, für eine Aufnahme von Inhalten in die Wikipedia nicht? Wie ist das Einstellen von „privaten“ Fotos in soziale Netzwerke zu beurteilen? Wie verträgt sich die Einschränkung auf nicht-kommerzielle Nutzung überhaupt mit dem Grundsatz des offenen Wissens?

Diese und andere Fragen wird am kommenden Montag und Dienstag die internationale Konferenz „Zugang gestalten! – Mehr Verantwortung für das kulturelle Erbe“ im Glashof des Jüdischen Museums Berlin behandeln. Zwei Tage lang werden Fachleute aus Kultur, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Politik aktuelle Fragen des Zugangs zum kulturellen Erbe im Informationszeitalter erörtern. Rund 250 Teilnehmer haben sich bereits zu der Konferenz angemeldet.

Wikimedia Deutschland ist Mitveranstalter, u.a. werden Vorstand Pavel Richter sowie die beiden aktuellen Wikipedians-in-Residence Marcus Cyron (Deutsches Archäologisches Institut) und Lennart Guldbrandsson (Schwedische Nationalbehörde für Kulturelles Erbe) Inputs liefern. Zur bunten Partnerphalanx gesellen sich die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, das Internet & Gesellschaft Collaboratory, das iRightsLab sowie die Open Knowledge Foundation.

Das gegenwärtige Dilemma für die Institutionen kann man vielleicht so beschreiben: Einerseits wird von ihnen gefordert, ihre Arbeit auch durch die Verwertung der von ihnen verwahrten Kulturgüter zu finanzieren. Auf der anderen Seite erwartet man, dass sie ihrem Bildungsauftrag nachkommen und einen möglichst unbeschränkten Zugang gewähren. Dazu treten rechtliche Unsicherheiten, wie etwa die Behandlung verwaister Werke. Konferenzleiter Paul Klimpel dazu: “Im Alltag von Museen, Archiven und anderen Gedächtnisinstitutionen wird häufig bereits auf die Nutzung von Werken verzichtet, wenn die Recherche der Rechteinhaber zwar möglich wäre, aber befürchtet wird, dies sei mit größerem Aufwand verbunden.”

Die zweitägige Konferenz versteht sich als Follow-up einer Veranstaltung, bei der Wikimedia Deutschland ebenfalls beteiligt war. Im Rahmen von „Ins Netz gegangen“ kamen im November 2011 Vertreter vieler deutschsprachiger Kultureinrichtungen in der Kinemathek zusammen und warfen ein Licht auf die Möglichkeiten, mit Hilfe des Internets kulturelles Erbe sicht- und verfügbar zu machen. Auf Youtube und der Konferenzwebseite sind die Videoaufzeichnungen dieser Konferenz immer noch abrufbar.

Alle Interessierten an der Konferenz “Zugang gestalten!” sind herzlich willkommen und können sich in einem dafür bereitgestellten Formular registrieren. Update: Alternativ dazu ist der Live-Stream auf der Veranstaltungswebsite bzw. hier abrufbar.]

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Wie im Mittelalter

Wer meinte, so ein „Wikipedian in Residence“ würde seine Zeit an einem Ort verbringen und „residieren“ muss sich spätestens nach dem September getäuscht sehen. Selten war ich so viel unterwegs wie in dem Monat und fühlte mich wie ein mittelalterlicher König ohne Land, der von einer Burg zur nächsten unterwegs war. Kaum vom der WikiCon in Dornbirn zurück (siehe Bericht des Vormonats), begannen die Vorbereitungen für weitere Dienstreisen und natürlich auch andere Projekte.

Zunächst hielt ich einen Tag nach der Rückkehr beim DAI meinen ersten praktischen Einführungsworkshop. Mit drei Mitarbeitern widmete ich mich den ersten Schritten. Eine Woche später waren es dann schon vier. Nachdem ich beim ersten Mal noch einen eher unsinnigen Text während des Workshops mit den Teilnehmern verfasst hatte, dachte ich mir, dass ich das gestandenen Wissenschaftlern eigentlich nicht zumuten kann und schrieb einen eigenen kleinen Text. Diesen sollten sich die Teilnehmer kopieren und schnell gerieten wir in die Fallstricke der Wikipedia-Bürokratie. Denn schnell waren sie wieder als Urheberrechtsverletzungen gelöscht. Es dauerte einige Zeit, bis endlich auch der Letzte Wikipedianer von der Richtigkeit der Vorgänge überzeugt war. Als Außenwirkung war es natürlich weniger optimal.

Jonathan Groß / CC-BY-SA-3.0
Jonathan Groß / CC-BY-SA-3.0

Sicher ein Höhepunkt wurde der Limeskarten-Workshop in der Geschäftsstelle von Wikimedia Deutschland, über den Hartmann Linge schon im Wikipedia-Kurier berichtet hatte (rechte Spalte). Um einmal Bedeutung und Dimension des Projektes noch einmal klar zu machen: Das DAI war mit fünf Personen vertreten, WMDE mit drei ebenso die Community mit drei. Im weiteren Verlauf des Monats ging es auf „große Reise“. Zunächst nach München, wo ich bei der Kommission für Alte Geschichte und Epigraphik des DAI und eine Woche später in Bonn bei der Kommission für Archäologie Außereuropäischer Kulturen (hier fehlt sogar noch der Wikipedia-Artikel!) einführende Vorträge hielt. An den Bonner Vortrag schloss sich wenige Tage später der Limes-Workshop an (auch dazu Detaillierter der Link zum Kurier-Bericht von Hartmann Linge und meinen hier im Blog). Damit war die Reise noch nicht beendet – aber das ist schon ein neuer Monat und das Weitere kommt im nächsten Bericht. Auch der Oktober ist voller Termine und Aktionen, ich werde mich über Langeweile wahrlich nicht beschweren können!

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Am Limes mit Hund

Auch wenn es schon wieder fast eine Woche her ist, ein Nachbericht zum 4. Limes-Workshop, der 2012 im Odenwald statt fand.

Die ersten Teilnehmer trafen am 27. Oktober in Hesselbach ei, wo der „harte Kern“ der Teilnehmer für die nächsten Tage in einer Pension untergebracht war. Am Morgen des folgenden Tages ging es schließlich los. Nur wenige Meter entfernt fanden sich die letzten Spuren des Kastells Hesselbach, es folgten das Kleinkastell Seitzenbuche, das Kleinkastell Zwing und das Kastell Würzberg sowie mehrere Wachtürme. Mittags hielt einer der Mitstreiter einen Vortrag zum Limes in den römischen Quellen.

Der zweite Tag begann mit einem Gang durch Hesselbach – es ist immer praktisch wenn man Jemanden kennt, der Jemanden kennt, der den Schlüssel zur barocken Dorfkirche hat. Es ist überraschend, wie viele Denkmale ein Dorf von 180 Einwohnern hat. Interessant auch für die Nichthessen war, die Apfelernte für den Äppelwoi zu beobachten. Mittags gab es wieder einen Vortrag, dieses Mal in Vielbrunn von zwei Veteranen des Heimat- und Geschichtsvereins Lützelbach. Nach dem Mittag folgte vor allem für die „Provinzialrömer“ unter den Teilnehmern mit dem nach neuesten Erkenntnissen restaurierten Limeswachturm Wp 10/15 einer der Höhepunkte. Den Rest des Tages einschließlich des Abends verbrachte die Gesellschaft, mittlerweile sogar zum Teil mit familiärem Anhang, in der Römischen Villa Haselburg. Nach der kompetenten Führung durch den Vorsitzenden des Trägervereines wurde gegrillt, gespeist und geredet.

Der dritte Tag war Osterburken vorbehalten. Am Vormittag schauten sich die Teilnehmer das Teilrekonstruierte Kastell Osterburkenan, Nachmittags das Römermuseum Osterburken.

Soweit die kalten Fakten. Sie können allerdings nicht den Spaß aufzeigen, den die Teilnehmer wohl durchweg hatten. Neben dem schon erwähnten harten Kern von Teilnehmern vor allem aber nicht nur aus der Wikipedia stießen immer wieder andere Teilnehmer für kürzere oder auch längere Zeit hinzu. Das waren zum Teil Wikipedianer, zum Teil Archäologen aber auch Mitarbeiter der örtlichen Touristikinformation, Heimatforscher und Journalisten. Und wie der grandiose Organisator Hartmann Linge richtig anmerkte: alle trugen auf ihre Weise zum Gelingen der Veranstaltung bei, die in einem überaus konstruktiven Umfeld statt fand. Nicht umsonst haben die Mitarbeiter in der Wikipedia mit ihren mittlerweile mehr als 300 Artikeln zu römischen Limeskastellen eine Artikel-Perlenkette geschaffen. Dafür auch noch einmal an dieser Stelle einen großen Dank an den harten Kern der „Limes-Autoren“. Ihr seid Klasse! Und auch außerhalb der Wikipedia wurden die Leistungen schon wahr genommen. Derzeit wird in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Archäologischen Institut an einer virtuellen Karte des gesamten Römischen Limes gearbeitet. Auch das war natürlich Thema der Tagung.

In diesem Sinne noch einmal einen großen Dank an alle Teilnehmer, an den Organisator und Reiseführer Hartmann Linge, Haselburg-Müller für die Führung und die Organisation auf der Haselburg (und natürlich auch die eingesprungenen Führungen zwischendurch), an die Referenten und die örtlichen Helfer. Dank auch an Wikimedia Deutschland für die unkomplizierte und schnelle Unterstützung. Ohne diese Hilfe wären Veranstaltungen dieser Art mittlerweile nicht mehr vorstellbar und in diesem Sinne auch dank an die Spender, die es möglich machen, daß wir am Ende noch bessere Artikel schaffen können und bessere Bilder machen können. Auf Commons liegen mittlerweile auch schon knapp 750 Bilder vom Treffen.

Achja – und der Hund? Hartmanns Neufundländer-Teenager Angelo (ANGELINO!!!) war so etwas wie ein Maskottchen, der uns immer begleitete, ob zum Jagen von Mäusen in Gastwirtschaften oder zum Anpinkeln von Obstsäcken. Beides tat im übrigen er allein ;).

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