Geschrieben von Maria Schiewe



Hört, hört: Die DZB spricht unsere Artikel des Tages ein

Heute veröffentlichten wir die Pressemitteilung „Wikipedia als Hörgenuss“ zur Bereitstellung gesprochener Versionen aller Artikel des Tages im Oktober. Ergänzend dazu möchte ich euch in diesem Blogbeitrag zeigen, wie das Projekt zustande kam. Es ist ein kleiner Blick hinter die Kulissen aus meiner Sicht als Vorstandsmitglied.

Die Anzahl gesprochener Artikel zu erhöhen, ist ein explizites Ziel des Kompass 2020. 2009 schwebten Tim und mir noch Radiostationen als Partner vor. Dann aber griff unser Fundraiser Till, nur wenige Wochen nach seinem Arbeitsbeginn bei Wikimedia Deutschland, das Thema Ende April 2010 unter dem Codenamen „Wikipedia auch mal hören“ auf. Till hat Erfahrungen im Bereich Barrierefreiheit gesammelt, als er seinen Zivildienst in der Blindenanstalt in Hannover leistete. Ich arbeite seit vier Jahren, zuerst als Forscher und jetzt als Berater, für Barrierefreiheit. Es war daher kein Zufall, dass wir uns sofort darauf einigten, als Kooperationspartner nur Organisationen aus diesem Bereich zu betrachten. Schnell fiel die Wahl auf die Deutsche Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig (DZB). Durch ihre Größe und langjährige Erfahrung in der Produktion von Hörbüchern schien sie uns ideal. (Übrigens versteht die DZB unter Hörbüchern nicht gekürzte Hörbuchausgaben, wie sie auf dem Massenmarkt zu finden sind, sondern originalgetreu eingesprochene Ausgaben. Die Kunden wollen genau das hören, was man sonst selbst lesen würde.)

Durch meinen Arbeitgeber bestand bereits persönlicher Kontakt zum Leiter der DZB, Thomas Kahlisch. Das ist nicht überraschend, denn die „Szene“ der Blinden und Sehbehinderten ist überschaubar, auf themenspezifischen Veranstaltungen trifft man stets die „üblichen Verdächtigen“. Diese Verbindung machte ich mir zunutze und lies mich über E-Mail kurz vorstellen. Telefonisch gab ich Herrn Kahlisch wenige Tage später einen Überblick über unseren Plan, mehr Artikel einsprechen zu lassen. Er war sofort von der Idee begeistert und schlug ein persönliches Treffen in Leipzig vor. Das war Anfang Mai. Trotz der vollen Terminkalender von DZB- und Wikimedia-Mitarbeitern schaufelten wir einen Termin für den 11. Juni frei.

Till und Daniel vertraten unseren Verein und ich fuhr als Kontaktinitiator ebenfalls nach Leipzig. Wir wurden mit reichlich belegten Brötchen und viel Enthusiasmus begrüßt – selbstverständlich in der umgekehrten Reihenfolge. In dem Gespräch mit Herrn Kahlisch und drei seiner Mitarbeiter konnten wir viele Fragen klären, aber auch viele aufwerfen. Die Finanzierung war natürlich ein Thema, aber auch schon die inhaltliche Umsetzung und der zeitliche Rahmen. Die DZB-Mitarbeiter waren sofort in ihrem Element. Sie schlugen bspw. Workshops für Sprecher vor, noch bevor wir dies tun konnten, und sie demonstrierten uns die Funktionsweise eines Daisy-Hörbuchs. (Das ist ein nach Gliederung – Kapitel, Überschriften, Absätze, Seiten etc. – navigierbares Hörbuch.) Bereits bei diesem ersten Treffen einigten wir uns darauf, ein Pilotprojekt als Auftakt für eine langfristige Zusammenarbeit zu starten. Anlässlich der Woche des Sehens und des internationalen Tag des weißen Stockes sollten einige Artikel des Tages eingesprochen werden. Mit einem derartigen Testlauf können bspw. technische Probleme schnell erkannt und gelöst werden. Aber auch die Akzeptanz des Angebots durch die Leser und anschließenden Hörer lässt sich damit auswerten.

Nach dem Treffen lag die weitere Koordination des Projekts allein in den professionellen Händen der Geschäftsstelle, allen voran in Catrins. An mich als Vorstandsmitglied gingen noch einige Fragen und Bitten um Kommentare. Schon bald wurden Engagierte des Projekts Gesprochene Wikipedia in die Planung und Vorbereitung einbezogen. Die DZB bereitete sich intern ebenso vor. Die Ergebnisse unserer aller Zusammenarbeit werdet ihr nun bald hören. Seit Anfang September nimmt die DZB die Artikel des Tages für den gesamten Oktober mit professionellen Sprechern auf. Es war daher wichtig, dass die Liste der Artikel für diesen Monat etwas im Voraus feststand.

Den Wunsch, diese Aktion auf alle exzellenten und lesenswerten Artikel auszudehnen, haben schon jetzt einige geäußert. Diesen Wunsch teile ich, und er ist nicht unrealistisch. Gespannt müssen wir die Ergebnisse des Pilotprojekts abwarten und uns anschließend Gedanken über die Finanzierung machen. Ich bin überzeugt, dass gesprochene Artikel allen Lesern von Wikipedia einen tollen Mehrwert bieten und wir das Projekt deshalb weiterführen müssen.

Genießt ab 1. Oktober aber zunächst 31 neue eingesprochene Artikel. Ich danke der DZB und den Mitarbeitern unsere Geschäftsstelle für diese wunderbare Kooperation.

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Barrierefreiheit international

Barrierefreiheit ist wie Usability eine internationale Angelegenheit. Daher nutzte ich die Chance, letzte Woche an der Entwicklerkonferenz teilzunehmen und das Thema ordentlich zu bewerben.

Erklärung von WAI-ARIA auf dem Flipchart; Foto: Raimond Spekking/cc-by-sa-3.0

Am Donnerstag Vormittag stellten Neil und Guillaume, Mitarbeiter der Usability-Initiative, den Prototypen für das Hochladen von Bildern vor. Frank warb um technische Mitarbeit. Während beide Vorträge nur je 15 Minuten dauerten, hatte ich mir eine halbe Stunde ergaunert. Die nutze ich, um WAI-ARIA vorzustellen, eine semantische Erweiterung für HTML. (Die Folien zu dem Vortrag findet ihr auf Meta.) WAI-ARIA allein macht unsere Projekte nicht barrierefrei, ganz klar, aber es ist ein wichtiger Schritt. Die Entwickler und Oberflächengestalter brauchen ein Verständnis von Barrierefreiheit, um sie vorab berücksichtigen zu können. Nichts ist dafür besser geeignet, als mit behinderten Nutzern zusammen zu arbeiten – oder wenigstens ihre Hilfsmittel in Aktion zu erleben. Daher bot ich spontan eine Demonstration für den Nachmittag an.

Screenreader und Braillezeile im Einsatz; Foto: Raimond Spekking/cc-by-sa-3.0

Prophylaktisch hatte ich eine Braillezeile mitgenommen, die reichlich fasziniert, wenn man sie das erste Mal berührt. Ich erklärte die Arbeitsweise von Blinden und die Funktionsweise der sogenannten Screenreader. Diese sammeln und bereiten Informationen auf und geben sie dann über die Sprachausgabe oder die Braillezeile aus. Erik Möller, stellvertretender Direktor der Wikimedia Foundation (WMF), war sehr interessiert und wir diskutierten eine Weile intensiv. Ich hoffe, ihn überzeugt zu haben, dass die Usability-Initiative unbedingt behinderte Nutzern einbeziehen muss. Ich konnte außerdem mit den Mitarbeitern der Usability-Initiative reden, zu denen vorher nur Kontakt per E-Mail bestand. Sie alle empfanden das Thema als wichtig und waren gewillt, Ratschlägen zu folgen.

Soweit der offizielle Teil. Die Konferenz bot mir Gelegenheit ungeplant zwei Leute zu treffen: Danny B. und Samuel Klein. Danny ist freiberuflicher Berater für Barrierefreiheit und für das Thema in der tschechischen Wikipedia aktiv. Leider schlafen auch dort lokale Initiativen nach einer Weile ein, weil es schlicht an Mitstreitern fehlt. (In unserem BIENE-Projekt ist es ebenfalls sehr ruhig.) Samuel, in Wikimedia-Projekten unter dem Kürzel SJ bekannt, gehört dem Stiftungsrat der WMF an und hat großes Interesse an Barrierefreiheit. Als Dreigespann verfassten wir einen Schlachtplan: Barrierefreiheit mit einem internationalen Team in der WMF verankern. Wir werden dazu das Usability-Wiki nutzen und diverse Seiten mit Vorschlägen erstellen. Dort soll außerdem die Arbeit von Interessierten gebündelt werden, um eine höhere Schlagkraft und Nachhaltigkeit zu erzielen.

Usability wurde erst mit dem Zuschuss der Stanton Foundation ein eigenes, wichtiges Thema. Ich hoffe nicht, dass dies für Barrierefreiheit ebenso gilt. Ich lade jeden Interessierten ein, sich zu engagieren: entweder lokal in unserem Planungsteam für Usability & Technik, innerhalb der einzelnen Projekte oder international im Usability-Wiki (dortige Anlaufstelle).

Nachtrag: Neil hat einen eineinhalb-minütigen Videoschnippsel online gestellt, auf dem die Braillezeile in Aktion zu sehen ist.

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Wikimedia: Jederzeit spielend leicht

»Es ist so dunkel, ich hör dich nicht.« Mein erstes Aufeinandertreffen mit Gehörlosen brachte mich zum Schmunzeln, aber auch zum Nachdenken. Gegen welche Barrieren Blinde ankämpfen, damit hatte ich mich schon länger beschäftigt. Aber welche Schwierigkeiten Menschen mit Lernbehinderung oder mit motorischen Einschränkungen haben, wusste ich nicht. Das Gehörlose eine eigene Kultur haben, war mir unbekannt. Eines fasziniert mich dabei immer wieder: Wie das Internet von allen Menschen genutzt werden kann, um selbstbestimmt am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Um einzukaufen, zu plaudern, zu lernen. Selbstbestimmt tätig werden zu können, ist für Menschen mit Behinderungen wichtig.

Der unkomplizierte Zugang zu Informationen ist für uns alle essentiell und sorgt für eine schnelle Entwicklung unserer Gesellschaft. Wie schön, den exzellenten Artikel zum Kinderlied Drei Chinesen mit dem Kontrabass in Sekundenschnelle abrufen zu können, ohne erst eine Enzyklopädie in der Bibliothek ausleihen zu müssen. Noch erfreuter ist darüber meine blinde Freundin, die sich das Einscannen des Textes aus dem Buch sparen kann und keine sehende Hilfe benötigt. Enttäuscht ist dagegen mein gehörloser Bekannter, weil er kein Gebärdensprachvideo zu dem Artikel anschauen kann.

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