Geschrieben von Barbara Fischer



Open Knowledge in Action: Es gibt noch viel zu tun …

GLAMbora report aus Helsinki: Man trifft sich in einem gepflegten Konferenzraum. Das Ambiente ist deutlich angenehmer gestylt als an vergleichbaren Orten in Berlin oder Dornbirn. Helsinki feiert seinen 200. Geburtstag und sich als Welthauptstadt des Designs. Davon profitierten die Besucher des Welt ersten Open Knowledge Festivals. Etwa dreißig Teilnehmer trafen sich zum Teilevent „Building Cultural Commons“ zu Gast bei der finnischen Stiftung Sitra . Neben finnischen Open-Access-Aktivisten und Vertretern von Kultureinrichtungen (nachfolgend GLAMs nach dem englischen Akronym für Galeries, Libraries, Archives and Museums) waren US-amerikanische und europäische Open-Data-Akteure da. Präsentationen wurden gezeigt, ein Etherpad zusammengeschrieben und eifrig diskutiert. Aber was bleibt?

Paul Keller von Kennisland machte in seinem Vortrag deutlich, wie schwierig die Zusammenarbeit mit GLAMs bis heute ist. Das zentrale Problem ist die oft schwierige Rechtslage. Wir alle sprechen mit den Kultureinrichtungen über die digitale Öffnung, aber sie sind nur selten tatsächlich die Lizenzeigentümer der Kulturschätze, die sie horten. Und selbst, wenn sie die Sachwalter von gemeinfreien Erbstücken sind, dann fällt es ihnen sehr schwer, auf ihre bisherige Souveränität als Doyen zu verzichten. Viele möchten die Kontrolle über die Interpretation und Verfügung ungern mit dem „Unbekannten“ im Netz teilen. Trotz der Fortschritte, die erzielt wurden, bleibe noch viel zu tun, klagt Keller. Sein Credo von mehr Austausch über Fallbeispiele und mehr konzertierte Lobbyarbeit die Lizenzrechtsfragen betreffend zog sich wie ein roter Faden durch die kommenden Sessions.

Auch Harry Verwayen von Europeana schilderte anhand des bald schon sprichwörtlichen Beispiels des inzwischen gelben Milchmädchens von Vermeer zwar die guten Fortschritte beim freien Zugang zu den Metadaten der GLAMs. Wissenschaftler und Laien können so schneller die Orte finden, an denen die Quellen gelagert werden, nach denen sie suchen. Nur müssten jetzt die nächsten Schritte unternommen werden, um diese Veröffentlichung für alle stärker nutzbar zu machen. Wie Keller sah auch er Wikipedia und ihre Schwesterprojekte als ein Vorbild, dessen Potenziale aber noch auszuweiten seien.

Auch die nachfolgenden Beiträge zeigten: Wir, die Open-Data-Akteure, müssen stärker und kontinuierlicher zusammenarbeiten, wenn wir tatsächlich das kulturelle Erbe in das digitale Zeitalter mitnehmen wollen. Dafür brauchen wir noch mehr Vermittler, die verständnisvoll zwischen beiden Welten– der der GLAMs und der der Netzaktivisten – vermitteln. Wir brauchen mehr Ideen und Geschäftsmodelle, die das digitalisierte Kulturerbe lebendig werden lassen. Ein Beispiel ist die Verlinkung von Metadaten der Deutschen Nationalbibliothek über die Personennamensdatei zu Wikipedia-Artikeln. Ein anderes die App eines Reiseführer-Verlages, die dem User denkmalgeschützte Bauwerke in seinem Umfeld anzeigt, diese mit ggf. vorhandenem Wikipedia-Artikel verlinkt und gleichzeitig den User einlädt, sein Foto des Denkmals auf Wikimedia Commons hochzuladen. Zur Entwicklung solcher und ähnlicher kreativer Geschäftsmodelle müssen Entwickler und Kultureinrichtungen aber enger vernetzt werden. Wir könnten als gemeinnützige Organisationen mit Brücken in die Freiwilligenarbeit diesen Dialog befördern. Und Michael Edson von der US-Smithsonian Institution forderte die Kultureinrichtungen auf, die dafür nötigen Ressourcen durch Umschichtung freizumachen. Die Organisatoren des Festivals für den GLAM-Bereich, Sam Leon und Joris Pekel von der Open Knowledge Foundation, haben es dankenswerter Weise übernommen, alle engagierten Mitstreiter u.a. zu nachfolgenden Arbeitskreisen einzuladen:

* Lobbyarbeit für Urheberrechtsliberalisierung und Verwaiste Werke

* Dokumentation der Fallbeispiele

* Verbesserte Erforschung der Bedarfe der GLAM (Screening)

* Ideen für Veranstaltungsformate für mehr Vernetzung

Wer weiß, vielleicht machen wir zusammen in Brüssel eine WG auf und nennen sie Commune ouverte 3.0. Dort feiern wir mit den Kulturleuten GLAMouröse Liberationparties. So machen es doch die Wirtschaftslobbyisten! Wäre nicht das schlechteste Ergebnis einer ganztägigen Session im regnerischen Helsinki.

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Als GLAM-Frau auf der WikiCon

Vom 31.8. bis zum 2.9. empfängt die WikiConvention 2012 die ehrenamtlichen Helfer der Wikipedia und ihrer Schwesterprojekte in Dornbirn. Wikimedia Deutschland ist mit einem Team ebenfalls vor Ort. Hier im Blog blicken wir zurück auf die Veranstaltungstage.

 

WikiCon ist so wieder eine Gelegenheit, wo ich mir wünsche, dass ich eine Art Oktopus sein könnte. Nur hätte ich nicht acht Arme, sondern acht Köpfe, um all die Infos aufzunehmen, die Anregungen zu verarbeiten, die mir geschenkt werden, und schließlich auch wieder Inputs zu geben. Ich bin hier in der Funktion als Kuratorin für Kulturpartnerschaften im Auftrag von Wikimedia Deutschland.

„Paid Editing“ (bezahlte Wikipedia-Bearbeitungen), eine Open Space-Session am Samstag Morgen, zeigt mir wie wichtig es ist, dass Diskussionen über unsere Haltung als Verein und Community sowohl breit geführt, aber schließlich auch dokumentiert werden. Denn als GLAM-Kuratorin möchte ich im Dialog mit den Institutionen eine klare Linie zu der Thematik präsentieren können.

Mir schien es zwei wesentliche Positionen zu geben: an dem einen Ende „Grundsätzlich werden Wikipedia Autoren, die Artikel gegen Bezahlung schreiben, gesperrt.“ und am anderen „So lange es sich um keinen PR Text handelt, ist doch alles gut“. Aus meiner persönlichen Erfahrung im Dialog mit Kultureinrichtungen kommt vielleicht neu hinzu, dass wir auf Grund der gewachsenen gesellschaftlichen Relevanz der Wikipedia insgesamt eine Verantwortung haben für die Güte der Artikel, und es daher freizügiger erlauben sollten, dass Betroffenen möglich ist, schlechte oder unausgewogene Artikel selbst ausgleichen zu können. Denn diese Arbeit kann nicht dem einzelnen freiwilligen Autor auferlegt werden.

Science in GLAM, eine Session mit Dr. Mietchen, entführte höchst motivierend in das spannende Aktionsfeld der Zusammenarbeit zwischen naturwissenschaftlichen Einrichtungen und Wikimedia. Hier bekam man so viele Anregungen dafür, was man noch machen kann, – von wegen „low hanging fruits“ – Blumenartikel fehlen für das QR-Code-Projekt im Botanischen Garten in Graz. Einrichtungen öffnen sich für Wikipedianer und bezahlen sie, siehe oben, um ihre Sammlung zu digitalisieren. Wäre das nicht etwas, was man selbst mal versuchen könnte, mit dem Museum oder der Forschungseinrichtung in meiner Nähe?

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Auch im Stadtmuseum jetzt ein Wikipedian in Residence

Gastbeitrag von Kilian Kluge
Seit dem 16. Juli bin ich für knapp drei Monate als Wikipedian in Residence bei der Stiftung Stadtmuseum Berlin aktiv. Einige werden mich durch Wiki Loves Monuments oder als Referent im Bereich Bildung & Wissen kennen, den anderen möchte ich mich kurz vorstellen: Ich bin seit 2003 (Be)nutzer der Wikipedia, im „echten Leben“ Student und Wahlberliner. Ich freue mich, mein Engagement für Freies Wissen in den kommenden Monaten in einem professionellen Umfeld fortsetzen zu können.

Mit vier Häusern und geschätzt 4,5 Millionen Sammlungsobjekten ist die Stiftung Stadtmuseum Berlin ein wahrer Hort des Wissens. Besonders die Depots, die in der denkmalgeschützten Poelzig-Halle in Spandau-Hakenfelde untergebracht sind, bergen viele Schätze aus der Geschichte der Stadt Berlin – naturgemäß jedoch hinter verschlossenen Türen. Da liegt die Idee nahe, einen möglichst großen Teil der Sammlungen über die Wikimedia-Projekte der Öffentlichkeit zumindest virtuell zugänglich zu machen.

Meine Aufgabe in den kommenden Monaten ist es, diesen Prozess anzustoßen und zu begleiten. Gemeinsam mit der Stiftung suche ich nach Möglichkeiten. Inhalte und Material in die Wikipedia und das Medienarchiv Wikimedia Commons einzustellen. In den nächsten Wochen werde ich die Mitarbeiter schulen, so dass sie selbst als Autoren zur Wikipedia beitragen können. Gleichzeitig soll selbstverständlich auch die Community mit einbezogen werden, hier konnte ich bereits einzelne Benutzer und Redaktionen gezielt ansprechen und bin gespannt, mit welchen Wünschen und Anfragen die Wikipedianer in den nächsten Monaten auf mich zukommen.Vielleicht bietet es sich an, den Berliner Stammtisch mit einer besonderen Führung der Museumsleitung im Märkischen Museum auszurichten.

Alle Aktivitäten werden auf der Projektseite in der Wikipedia dokumentiert, Fragen und Anregungen sind dort auf der Diskussionsseite herzlich willkommen. Hier im Blog werde ich etwa einmal im Monat berichten, der nächste Beitrag ist für Mitte August geplant.

Kooperation mit dem Stadtmuseum auf Dauer

Der Einsatz eines Wikipedian in Residence soll eine vertiefte Zusammenarbeit zwischen einer Kultureinrichtung und den verschiedenen Projekte der Wikimedia auf den Weg bringen. Im Berliner Stadtmuseum planen wir eine dauerhafte Anlaufstelle für Wikipedianer, die Material für ihre Artikel aus dem Stadtmuseum benötigen. Zudem verknüpft sich auch hier der so genannte GLAM Bereich mit Bildung und Wissen über zwei Schulprojekte im Stadtmuseum. Eine schöne Gelegenheit das Berliner Stadtmuseum aus der Perspektive der Wikipedia kennenzulernen, wird die Lange Nacht der Museen am 25. August sein. Im Ephraim Palais präsentiert sich die Wikipedia den nächtlichen Museumsbesuchern mit einem Stand in der BerlinMacher Ausstellung. Vielleicht ein Anreiz noch schnell den einen oder anderen Artikel in der Wikipedia auszubauen.

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On the GLAMside of Wikimania

Das war also meine erste Wikimania! Drei, eigentlich vier Tage Konferenz, die beständig zwischen Klassentreffen und konzentriertem „business case“ changierte. Eigentlich begann es schon auf dem Flughafen in der Schlange vor der Einwanderungskontrolle. In der Warteschlange mischten sich Reisende aus der ganzen Welt. Jeder Flug trug neue Wikipedianer nach Washington, die sich über die Sperrbänder hinweg herzlich grüßten. Später im Hotel lernte man schnell, einander an den Laneyards und T-Shirts zu erkennen. Schon hilfreich, wenn man sich vielleicht noch etwas verloren zwischen Jetlag, Hitze und Straßennamen wie K-Street NW fühlt. Mich verschlug es gleich am ersten Abend mit Tim auf ein Openstreetmap Treffen in einer Bar. Beim Türsteher musste ich schmeichelhafterweise nachweisen, dass ich über 21 bin und stieg die schmale Treppe in den ersten Stock eines nach Hardrock riechenden Pubs hoch. Oben die bizarre Szenerie einer konzentriert lauschenden dicht an dicht stehende Menge, selbst der Barman flüsterte nur. An den Wänden vier Monitore mit drei unterschiedlichen lautlos laufenden Programmen, der vierte diente der jeweiligen Präsentation. Die Vortragenden sprachen zu uns 50 bis 70 Menschen in dem kleinen Raum ohne Mikro. Doch das machte nichts, denn alle verstanden, worum es ging und beklatschten die Ergebnisse. Dann war der letzte Vortrag vorbei und sofort schwoll der Barlärm an zu einer ohrenbetäubenden Lautstärke aus Gelächter, Musik, Bierbestellungen und Gesprächen in allen Sprachen der Welt. Zu müde vom Flug flüchtete ich bald.

Aber dieses Meeting war typisch für die ganze Wikimania. Der Wechsel zwischen aufmerksamen Vorträgen und hektisch herzlichen Pausen wurde für mich zum Puls der Veranstaltung. Dank der „Feuertaufe“ mit Speeddating am ersten Tag, kam ich rasch in meine Rolle als GLAM Kuratorin für Wikimedia Deutschland. Aus den vielen Gesprächen und Sessions, die in dichter Folge die Tage zu einem Filz aus Eindrücken und Ideen verwoben, ragen drei hervor, die ich gern gemeinsam mit Wikipedianern aus Deutschland umsetzen möchte:

– Im Austausch mit dem schwedischen Chapter (Link zu der Broschüre) und den Schweizern die Entwicklung eines qualitativen Fragebogens zu den Erwartungen, Wünschen und Befürchtungen der Kultureinrichtungen in der digitalisierten Öffnung ihrer Inhalte.

– Die Ergebnisse der Auswertung des Fragebogens fließen ein in eine gemeinsam mit dem schweizerischen, österreichischen und holländischen Chapter geplante Infobroschüre für Kultureinrichtungen. Geplant ist ein vorbereitendes Arbeitstreffen auf der WikiCon Ende August in Dornbirn.

– Zwei simultan stattfindende Edit-a-Thons gemeinsam mit dem englischen Chapter in Coventry und Dresden. Beide Städte waren im zweiten Weltkrieg schwer zerstört worden, sind heute aber Partnerstädte. Eine beherzte Initiative von Rock drum.

Wendet Euch mit Ideen, Fragen und Anregungen gern an mich.

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Wikipedia trifft Archäologie

Berlin: Der erste offizielle Wikipedian in Residence im noblen Deutschen Archäologischen Institut


Als vor zwei Jahren in London Liam Wyatt als erster Wikipedian in Residence als humane Schnittstelle zwischen der Welt der Wissenschaften  und der nicht weniger anspruchsvollen Welt der Wikipedia vermittelte war nicht absehbar, dass es so bald schon gelingen würde am rennomierten Deutschen Archäologischen Institut  (DAI) den ersten Wikipedian in Residence in Deutschland zu installieren. Marcus Cyron wird in den nächsten sechs Monaten als Botschafter von Berlin Dahlem aus in die über die ganze Welt verteilten Grabungsstätten  und zurück in die bald 200-jährige Forschungsgeschichte des Instituts wirken und dabei möglichst viele Wikipedianer und Mitarbeiter des DAI miteinander an den virtuellen Schreibtisch bringen. Geplant sind gemeinsame Workshops und Führungen, aber auch Studienreisen zu den näher gelegenen Grabungsorten. Ich freue mich schon auf Marcus Berichte hier im Blog.

Nach der Kooperation mit der Open Knowledge Foundation, in der Daniel Mietchen als Resident wirkt, und der jetzt beginnenden am DAI startet im Juli die dreimonatige Kooperation mit der Stiftung Berliner Stadtmuseum im Rahmen der Ausstellung BERLINmacher. Hier kann man sich noch bis zum 15. Juni auf die Position des Wikipedian in Resident bewerben.

Unser Ziel ist es, durch die Residents wie auch Veranstaltungen wie „Wikipedia trifft Altertum“ gemeinsam mit aktiven Wikipedianern allgemein die Zusammenarbeit zwischen Wikimedia-Projekten und wissenschaftlichen sowie kulturellen Einrichtungen zu fördern. Wissensvermittlung ist jenen wie auch uns ein gemeinsames Anliegen. Zu Teil blicken die Einrichtungen auf eine sehr lange Tradition der Wissensvermittlung und Bewahrung zurück. Der Austausch über deren Methoden und Medien und denen, derer wir uns in der Wikipedia und den anderen Wikimedia Projekten bedienen können, kann für beide Seiten nur fruchtbar sein. Gleichzeitig wollen wir gewissermaßen vor Ort natürlich für die Befreiung des Wissens werben. Wer die öffentliche Diskussion zum Urheberrecht in den Medien verfolgt, kann sich vorstellen, dass zu unseren Aufgaben viel Aufklärungs- und Beziehungsarbeit im besten Sinne gehört. In diesem Sinne stehen wir erst am Anfang einer spannenden Entwicklung und ich freue mich, wenn wir uns gemeinsam auf die Erforschung der Möglichkeiten machen.

Detailliertere Informationen zum Wikipedian in Residence im DAI sind unserer Pressemitteilung  zu entnehmen.

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