Geschrieben von Barbara Fischer



Und zum Jahresende noch ein paar neue Dateien auf Commons

Gestern las ich in einer Zeitung, es sei vielen Menschen ein Kreuz, sich schon wieder an eine neue Jahreszahl gewöhnen zu müssen. Und bevor man sich unter dieses Joch beugt, wählen vielleicht daher viele einen Blick zurück. Gemeinsam haben wir in der Zusammenarbeit mit den Kultur- und Gedächtnisinstitutionen einiges in 2013 geschafft. Im internationalen Diskurs werden diese Institutionen unter dem Akronym GLAM (Galleries, Libraries, Archives and  Museums) zusammengefasst. Die vielen 2013-Projekte der Freiwilligen und von Wikimedia Deutschland wurden in diesem Blog beschrieben. Unter der Kategorie „Kultur“ , findet man alle Beiträge . Hier will ich nur auf die Punkte eingehen, die auch im kommenden Jahr noch Bedeutung haben werden. Zum Beispiel wurde im Frühjahr in Kooperation mit dem Deutschen Archäologischen Institut, dem Wikiprojekt:Römischer Limes und Wikimedia Deutschland (WMDE) eine Limeskarte, die Geodaten, Zeitpunkte und Wikipedia-Arikel in verschiedenen Sprachen zur  Grenze des römischen Reiches mit einander vernetzt, erstellt. Aber noch konnte sie nicht in die Wikipedia integriert werden. Die Integration von interaktiven Karten und Apps in die Wikipedia wird auch in 2014 ein Thema bleiben.

On Tour von Braunschweig nach Görlitz

Eine Programmlinie, die ebenfalls in das kommende Jahr weiterführt, ist  „GLAM on Tour“. Klar inspiriert durch die Limeskarte kam es im Sommer zur Zusammenarbeit mit dem Braunschweigischen Landesmuseum (BLM) für die Ausstellung „Die Römer kommen“.   Ohne das Engagement der  Wikipedianer vor Ort wäre aber jede Inspiration eine Träumerei geblieben. So gibt es hunderte neue Fotos und etliche neue Artikel. Besonders erfreulich, die Auszeichnung des Artikels zur Schlacht am Harzhorn, um die die Ausstellung kreist, zum Wikipedia-Artikel des Tages am 30. September. Derzeit laufen die Gespräche für eine erneute Kooperation zur Ausstellung „1914“ im BLM. Auch die Ergebnisse der lokalen Wikipedianer in der Lausitz im Zuge der zweiten „GLAM on Tour“ Station in Görlitz können sich sehen lassen. Wir waren zu Gast bei der Oberlausitzische Bibliothek der Wissenschaften (OLB). Die OLB unterstützt auch das Folgeprojekt zu den Umgebindehäusern, das im nächsten Jahr im Dreiländereck Polen, Tschechien und Deutschland stattfinden soll. 2014 wollen wir mindestens drei weitere „GLAM on Tour“ Stationen organisieren. Der Auswahlprozess läuft. Durch die „Kulturinitiative“ im Herbst haben sich sehr viele spannende Kontakte von WMDE-Fördermitgliedern zu GLAM-Einrichtungen aufgetan. Vorschläge sind weiterhin willkommen.

An Bord eines Tankers

Das Format „Wikipedian in Residence“ kam 2013 nur einmal zum Tragen. In Zusammenarbeit mit dem Zweiten Deutschen Fernsehen gelang es erstmals im öffentlich rechtlichen Rundfunk, Mediendateien unter eine Freie Lizenz zu stellen. Es waren vorwiegend Infografiken, die im Zuge des online ZDF-Faktenchecks ausgearbeitet wurden. Mag das manch einem als dürftig erscheinen, so ist damit jedoch ein Präzedenzfall geschaffen worden, der in der Diskussion um die freie Nachnutzbarkeit von Staatlichen Werken nicht zu unterschätzen ist. Wir sind gespannt, ob der schwerfällige Tanker  ZDF zu den Europawahlen 2014 den Faktencheck wieder reaktivieren wird. 2014 sind mögliche  „Wikipedians in Residence“ auf den auf der WMDE-Mitgliederversammlung beschlossenen neuen Fonds zur Förderung des Freien Wissens angewiesen. Personen und Institutionen können dort  Projekte zur Förderung vorschlagen. Die Auswahl der Förderprojekte obliegt der Community. Der Fonds verfüg über 250.000 €.Die  Seite wird zur Zeit überarbeitet.

Über die verschiedenen Formen der Zusammenarbeit von GLAMs und WMDE wurde auch auf der Konferenz „Zugang gestalten“ Ende November gesprochen. Über 200 Vertreter des GLAM-Bereiches trafen in Berlin zusammen und diskutierten ihre digitale Agenda mit Vertretern der Politik, des Justizwesens und der Zivilgesellschaft. WMDE war einer von siebenVeranstaltern. Die Diskussion wird 2014 fortgesetzt.

Die Junge Union Niedersachsen als Wegbereiterin der Piraten. Schon 1978 nutzte sie gemeinfreie Werke – hier von Peter Paul Rubens das Historienbild „Raub der Töchter Leukippos“ – für ihre Werbung. Es sei dahin gestellt, ob viele Frauen sich aufgrund dieses Plakates für die Junge Union bzw. CDU erwärmen konnten. Die Niedersächsin Frau von der Leyen entschloss sich bekanntermaßen erst 12 Jahre später zur Mitgliedschaft. Credit: By CDU [CC-BY-SA-3.0-de (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)], via Wikimedia Commons

… und noch ein paar neue Dateien

Aber eigentlich ist heute ja noch Weihnachten und daher nun zum Schluss noch eine frohe Botschaft. Lang angekündigt haben wir endlich die von der Konrad Adenauer Stiftung bereitgestellten mehrere Tausend Wahlplakate und ähnliches Material in Wikimedia Commons hochladen können. Wie so oft war mit der freien Lizenzierung nur die Möglichkeit geschaffen worden, die Medien über Wikimedia Commons zu erschließen. Aber das eigentliche Hochladen ist entweder mühevolle Handarbeit oder erfordert eine Programmiertätigkeit- beides kostet Zeit. Die Plakate sind eine Quelle der Zeitgeschichte und damit natürlich für viele Wikipedia-Autoren spannend. Doch die CC-BY-SA-Lizenz erlaubt noch mehr: die Freie Nachnutzung und selbst die Bearbeitung, solange nur der Urheber genannt bleibt. Welche kreativen Köpfe sich von dem Material ansprechen lassen werden?

 

In diesem Sinne Euch und Ihnen allen einen guten Rutsch ins neue Jahr.

 

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (6 Bewertungen, Durchschnitt: 4,33 von 5)
Loading...

Deutschland soll digitales Kulturland werden*

Als wäre es so geplant gewesen. Pünktlich zum Beginn der Konferenz “Zugang gestalten”  morgen in Berlin, verabschieden die Regierungsparteien ihren Koalitionsvertrag und bekennen sich darin zur unbedingten Digitalisierung des Kulturellen Erbes, um es für die kommenden Generationen zu sichern: Deutschland soll digitales Kulturland werden  (dort S. 138ff). Was heißt das konkret für die Museen, Bilbliotheken und Archive? Was bedeutet das für Wikipedia und die anderen Wikimedia-Projekte? Wird künftig das gesamte kulturelle Erbe frei zugänglich sein?

Zugang ist nicht gleich Zugang

Morgen startet unter der Leitung von Paul Klimpel die Konferenz „Zugang gestalten“ im Jüdischen Museum in Berlin: #ke13.

Seit Monatsbeginn stehen auf  Wikimedia Commons 19 Mio. Dateien zur Verfügung. Diese Zahl übertrumpfte vor einigen Tagen das europäische Kulturportal EUROPEANA mit 30 Mio. Einträgen.  Es gibt da allerdings einen wesentlichen Unterschied: Die Dateien auf Wikimedia Commons sind dank einer konsequenten Lizenzpolitik frei zugänglich und nachnutzbar. Auf Wikimedia Commons werden überwiegend CC-BY und CC-BY-SA-Lizenzen verwendet. Sie gehören zu den nach OSI bzw. OKD zugelassenen freien Lizenzen. Jede Wikimedia-Commons-Datei, ob Foto-, Audio- und Videodatei oder ganze Schriftsätze können so in Büchern, Blogs oder anderen Publikationen wie auch der Wikipedia weiterverwandt werden, ohne dass der Benutzer sich die Genehmigung beim Urheber erst umständlich einholen muss. Wissen kann sich so viel rascher verbreiten. Deshalb tun wir es ja auch.

Ins Netz gegangen, aber noch nicht nass

Davon sind viele Kultur- und Gedächtnisinstitutionen (Kurzfom GLAM für Galleries, Liberaries, Archives and Museums) in Deutschland noch weit entfernt. Zwar hat die Digitalisierung der Bestände schon in vielen Häusern begonnen oder ist sogar schon im Wesentlichen abgeschlossen, aber jetzt stellt sich die Frage, wie mit den digitalisierten Werken umgegangen werden soll. Natürlich möchte man mit seinen Beständen an die Öffentlichkeit, aber gleichzeitig will man auch nicht die Kontrolle über sie verlieren. Wenn Interesse an den Beständen besteht, bedeutet das nicht auch, dass man mit ihnen Geld verdienen kann? Seit Jahrhunderten sammeln, forschen, bewahren und vermitteln die GLAM-Institutionen ihren Besuchern unser kulturelles Erbe. Haben wir als Besucher nicht oft den Eindruck, wenig mehr als gelitten zu sein? Dabei sind es unsere Steuermittel, die die Arbeit der Kultureinrichtungen erst ermöglichen. Jetzt könnten die Museen die Richtung umkehren. Das Museum kann zu jedem von uns nach Hause kommen: individuell, nach Bedarf und als Angebot mitzugestalten, quasi auf Besuch beim Besucher. Unser Beitrag auf der Konferenz ist eine Einladung: Kommt mit Euren Schätzen zu uns.

Nicht in Berlin und trotzdem live dabei

Die Konferenz wird live mitgeschnitten und übertragen. Der Link zum Livestream wird morgen auf der Startseite der Konferenz aktiviert sein. Unser “fliegender” Reporter Mathias Schindler (@presroi) kommentiert live auf dem Wikimedia Deutschland Blog das Geschehen. Unter dem Hashtag #ke13 kann man auf Twitter der Konferenz folgen. Wir wünschen allen analogen und digitalen Teilnehmern viel Spaß auf der Konferenz.

*Abgewandeltes Zitat aus dem Koalitionsvertrag (S.136)

 

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (3 Bewertungen, Durchschnitt: 5,00 von 5)
Loading...

Unter den Augen der Wissenschaft

 Eindrücke vom Symposium “Research on Wikipedia”

 

Meerschweinchen gehen vermutlich nicht sehr oft auf Reisen. Mäusen aus Versuchslaboren ist das Reisen vermutlich untersagt. Nicht so Wikipedianern. Daher fuhr der Wikipedianer Daniel Mietchen auf das internationale Symposium “Research on Wikipedia”, Forschung über Wikipedia, am 8. und 9. November in Mannheim. Mit von der Partie waren Angelika Mühlbauer und ich, beide Mitarbeiter bei Wikimedia Deutschland e.V. In 8 Stunden netto an zwei Tagen hörten wir 13 Vorträge von Ökonomen, Computerlinguisten, Informatikern, Psychologen, Kommunikationswissenschaftlern und Soziologen über ihre Forschungen am “Corpus” der Wikipedia. Benjamin Mako Hills renommierte Forschung zur Wikipedia als massensoziologisches Phänomen, war mein persönliches Highlight des Symposiums. Seine Lektüreempfehlung für die kommenden langen Winterabende nehme ich gern auf.

Hoffentlich ein glückliches Meerschwein und kein Versuchstier.
Bild von Skyenimals (Own work) [CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

Ein Beispiel für die Vorträge

Im Rahmen dieses Blogbeitrages kann ich nicht auf Details eingehen. Exemplarisch für die Art der Fragestellungen aus denen die Wikipedia und ihre Editoren untersucht werden sei hier die Untersuchung von Marit Hinnosaar genannt. Sie forscht über Machtstrukturen in den Wikipedia-Communitys. Grundlage für ihre Untersuchung ist die Verweildauer von Fehlern in unterschiedlichen Sprachversionen der Wikipedia. Diese unterscheidet sie nach west- und osteuropäischen Kulturen. In der Wikipedia sind alle gleich. Nur die Adminstratoren (Admins) sind etwas gleicher. Haben sie also mehr Macht? Und bedeutet ihre Macht auch ein mehr an Autorität? Gibt es kulturelle Unterschiede bei der Beseitigung von Fehlern, die Admins machen?  Leider sind die Ergebnisse zu diesen spannenden Fragen noch nicht veröffentlicht und daher kann ich sie hier auch nicht mit Euch teilen. Generell übrigens ein Thema auf dem Symposium, dass trotz des Fakts, dass die Forscher es durchaus zu schätzen wissen, dass ihnen alle Daten der Wikipedia zur freien Nachnutzung zu Verfügung stehen – “Big Data for free!” – leider nicht dazu führt, dass die Forschungsergebnisse frei zugänglich wären, noch weniger natürlich aktuelle Forschungsstände. Es herrschen eben noch andere Konventionen in der Community der Forscher. An dieser Stelle kann ich aber vielleicht soviel verraten, in den Sprachversionen der osteuropäischen Länder genießt ein Admin, nach Hinnosaar, mehr Respekt als in Westeuropa, seine Beiträge werden daher seltener korrigiert. Denn wie könnte er irren, wo er doch so mächtig ist?

Unsere Beiträge

Daniel, Angelika und ich waren eingeladen worden, um unsere Sicht zu Forschung über Wikipedia darzustellen. Daniel hatte eine Synopsis in der Wikipedia zusammengestellt. Angelika berichtete von ihrer Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern im EU-Projekt RENDER, das gerade zu Ende gegangen ist. Ich stellte eine Wunschliste von Fragen vor, die uns im Team von Wikimedia Deutschland beschäftigen. Gemeinsam haben wir dafür gedankt, dass in Mannheim auch die Guinea pigs, die beliebten Versuchstiere im angelsächsischen Raum, zu Wort kommen durften und angemahnt, dass Wissen durch das Teilen sich vermehrt. Bitte verwenden Sie Freie Lizenzen!

 

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (8 Bewertungen, Durchschnitt: 4,88 von 5)
Loading...

Görlitzer Schätze hinter dicken Mauern

Ein Gastbeitrag von Conrad Nutschan

Der historische Lesesaal der Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften
Foto: Ralf Roletschek, CC-BY-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0), via Wikimedia Commons

Anfang November 2013 trafen sich Mitarbeiter der Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften (OLB) und 19 Wikipedianer der deutsch- und sorbischsprachigen Wikipedia, Wikisourcler und Wikidatisten sowie Aktive von Wikimedia Commons in der östlichsten Stadt Deutschlands. Die dort befindliche Bibliothek ist heute Teil der Görlitzer Sammlungen für Geschichte und Kultur (GöSam). Gegründet wurde sie im 18. Jahrhundert als Arbeitsbibliothek der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften mit einem ganz ähnlichen Anliegen wie die Wikimedia-Projekte heute: Die Förderung der Ideen der Aufklärung und Verbreitung von Wissen.

Anlass für die Veranstaltung war ein zu Beginn des Jahres 2012 eingestellter Artikel der OLB über sich selbst. Die daraus folgende fruchtbare Interaktion zwischen Wikipedianern und den Mitarbeitern der Bibliothek führte dazu, dass sich der Artikel immer weiter entsprechend unseren Anforderungen an einen geeigneten Wikipedia-Eintrag veränderte. Die Mitarbeiter der Bibliothek betrachteten begeistert die Entwicklung des Enzyklopädieeintrags; sie ließen sich nicht abschrecken, sondern gewöhnten sich daran, dass sich der eigene Text zu etwas Neuem entwickelte und nahmen weiter aktiv an dieser Wandlung teil.

Einige der späteren Organisatoren der Veranstaltung in Görlitz nahmen Kontakt mit der Bibliothek auf und nach weiteren Gesprächen auf den Stammtischen entwickelte sich die Idee, mit Unterstützung von Wikimedia Deutschland die zweite „GLAM on Tour“-Station in der Bibliothek in Görlitz durchzuführen, um weitere Möglichkeiten der Zusammenarbeit auszuloten. Die OLB war hierbei außerordentlich aufgeschlossen und ging auf die Wünsche der Wikipedianer und Wikisourcler mit der nötigen Geduld ein.

Angeregte Arbeitsatmosphäre im Lesesaal der OLBFoto: Katja Ullrich (WMDE), CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0), via Wikimedia Commons

Im Rahmen eines etwas straffen Zeitplans bot sich am Wochenende des 1. und 2. November 2013 dazu die wunderbare Möglichkeit. Teilnehmer aus verschiedenen Teilen der Oberlausitz und auch aus ferneren Regionen reisten an, um sich zu den Projekten, in denen sie aktiv sind, auszutauschen. Dabei entstanden auch einige Inhalte in Form von Bildern und Texten in gemeinsamer Arbeit.

Die aus dem Wochenende entstandenen Pläne sind umfangreich. Neben der Aufarbeitung und Verfügbarmachung des durch die Schreibwerkstatt entstandenen Materials gab es mehrere Gespräche für mögliche Projekte zur Erstellung von freien Inhalten und zur Gewinnung neuer Autoren für die Wikimedia-Projekte.

So wurde beispielsweise mit einem Mitglied des Sächsischen Vereins für Volksbauweise e. V. über die gemeinsame, langfristige Erstellung einer Liste und letztlich einer Karte aller Umgebindehäuser im Dreiländereck beraten (hierbei muss auf Grund der Fülle von 19.000 Einzeldatensätzen Wikidata eingesetzt werden). Des Weiteren erhält die Bibliothek in Görlitz wichtige technische Unterstützung für die Aktualisierung des verwendeten MediaWikis zu biographischen Daten von Persönlichkeiten der Oberlausitz.

Verbesserungswürdig war die Vorbereitung der Internetanbindung. Gerade im Rahmen des Projekts GLAM on Tour, wo die Teilnehmer eigene Computer verwenden dürfen, nimmt die Einrichtung der Internetverbindung zu viel Zeit in Anspruch. Hierfür sollte Wikimedia Deutschland einen Koffer mit standortunabhängiger, erprobter Funktechnik dabei haben, um Sicherheit bzw. eine Rückfallebene zu schaffen. Durch den Einsatz eines WikiSpot und die Unterstützung des C3 aus Dresden war es in Görlitz jedoch möglich, die hiesige Technik zu erweitern und nach einiger Einfahrzeit ein stabiles Netz bereitzustellen. Bei der Planung müssen gerade die wikipedistischen Organisatoren darauf achten, dass es nicht zu einer personellen Überladung kommt. Der gute Wille führte hier zu recht engen Verhältnissen im Lesesaal, der für 12 Personen ausgelegt war. Der mangelnde Platz wurde allerdings durch Gemütlichkeit ausgeglichen, was aber leider die Arbeitsfähigkeit einschränkte.

Der Buchscanner der OLB sorgte für große BegeisterungFoto: Conny, CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0), via Wikimedia Commons

Zu den Höhepunkten der Tage zählten die Stadtführung, die den Teilnehmern nicht nur jede Menge interessante Informationen zur Geschichte der Stadt Görlitz bot, sondern auch Zugang zu teilweise privaten Wohnhäusern, da der Stadtführer, Herr Frank Vater, die Eigentümer persönlich kannte. Solche Einblicke hat man nicht alle Tage! Ebenfalls für große Begeisterung sorgte die freie Nutzung des Großscanners, sodass Material als zukünftige Arbeitsgrundlage geschaffen werden konnte. Für diejenigen Teilnehmer, die gern wiederkehren möchten, finanzierte Wikimedia Deutschland außerdem eine Jahresmitgliedschaft bei der OLB.

Weitere, teilweise recht spezielle Informationen können der Dokumentation entnommen werden. Sie befindet sich derzeit noch im Wachstum. Die entstandene Projektseite soll Ort für weitere Kooperationen in der Oberlausitz mit interessierten Institutionen werden. Einzelne Wikipedianer freuen sich schon sehr auf neue Möglichkeiten zur gegenseitigen Unterstützung. Fragen dazu beantwortet Wikimedia Deutschland jederzeit gern.

Die Dokumentation der Zusammenarbeit im Rahmen des Projektes kann in der Wikipedia eingesehen werden.

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (9 Bewertungen, Durchschnitt: 4,56 von 5)
Loading...

Zwei Buchstaben können enttäuschend sein

Eindrücke von der Tagung der FG Dokumentation des DMB in Berlin 14. bis 16. Oktober 2013.

Die letzten beiden Tage war ich auf der Tagung der Fachgruppe Dokumentation den Deutschen Museumsbundes. In den meisten Vorträgen ging es daher um die Dokumentation der Sammlungsbestände in Datenbanken, die Maschinenlesbarkeit und Exportfähigkeit der Metadaten, ihrer Präsentation auf der hauseigenen Website, die Bebilderung der Datenbank, den Einsatz von 3 D Technologie. Ich sah mikroskopische Aufnahmen von Plankton, hörte knarzende MP 3 Files von längst verschollenen geglaubten Tango-Aufnahmen und erfuhr die Faszination, die von sepiafarbenen Fotos aus Afrika ausgehen kann.

Ein Hagel von Abkürzungen prasselte über die Leinwand: AAT, MINT, LIDO, xTree, FLA. Fremd klingender Gebrauch von Ausdrücken wie „kontrolliertes Vokabular“, „Triple set“. Es ist offenbar eine ganz eigene Welt, die der Dokumentation. Die Dokumentaristen beugen sich längst nicht mehr über verstaubte Karteikarten und hocken nicht mehr in den unbedeutenden Räumen des Museums. Sie sind Türöffner geworden. Sie sind öffnen mit den Informationstechnologien das Museum für die Zusammenarbeit mit großen Datenportalen wie die Deutsche Digitale Bibliothek oder dem europäischen Pendant EUROPEANA und holen über die Webpräsenz ihrer Häuser oft eben so viele Besucher, wie die Ausstellungen mit den Vitrinen und Schautafeln.

Das Technikmuseum in Wien baut eine vollständig neue Datenbank für ihre Sammlungen auf, die in zwei Jahren jedem Besucher der Online-Datenbank eine umfassende Suche von Objekten mit vielen nur denkbaren Querverweisen und umfassenden Erklärungstexten bieten soll. Gibt man den Begriff „Dampflokomotive“ ein, wird man neben einer Galerie mit Abbildungen von Lokomotiven des Museums auch verwandte Schlagworte angezeigt bekommen. Man kann mehr über den Konstrukteur eine bestimmten Lok erfahren und mit ein paar weiteren Klicks welche anderen Objekte dieses Ingenieurs im Museum aufbewahrt werden. Wie schnell wird man sich da nicht gern in den Welten des Museums verlieren, fast ein wenig wie in der Wikipedia, in der man ja auch so schnell von dem einen Begriff zum nächsten Thema kommt. Das im DDR Jargon so genannte „Komplexmuseum“ Bitterfeld entpuppt sich dank einer umfassenden digitalen Datenbank, die online verfügbar ist, zu einem wahren Hort unglaublicher Schätze. Hier lagert zum Beispiel der vergessene Tango  in Form einer Schelllackplatte aus den Beständen einer Gaststätte der Nachbarschaft. Für analog arbeitende Fotografen ist das Museum ein Mekka, Bitterfeld war der Standort von Agfa und ORWO, der Nachlass dieser untergegangenen Riesen lagert im Kreismuseum. Seit der Einrichtung des digitalen Museums, hat das Museum nicht nur seine Besucherzahlen steigern können, sondern Betrachter des Museums haben mit ihrem Spezialwissen den Kuratoren des Museums geholfen, die Bedeutung einzelner Objekte erst richtig einzuschätzen und Fehler zu korrigieren. Das Berliner Museum für Naturkunde erstellt gerade einen umfassenden Katalog für Planktonarten der Meere. Plankton sind zentrale Informanten des Klimawandels und Indikatoren für Erdöl. Sollte jemand die Nützlichkeit dieses Unterfangens in Frage stellen. Es ist ein Mammutprojekt, denn die kleinen Wesen haben nicht nur kaum zählbare Arten, sondern werden auch mit einer noch größeren Vielfalt von Namen belegt. Wissenschaftler aller Welt können sich an der Taxonomie beteiligen. Das Ethnologische Museum in Berlin lädt ihre Online-Besucher mit einer App ein, eine Sammlung früher Fotographien aus Afrika zu verschlagworten, weil sie allein diese Arbeit gar nicht schaffen würden. Ja, das Internet bietet so viele neue Möglichkeiten!

Da geht doch noch ‚was. Bitte zahlen Sie noch einmal für das digitale Kulturgut, sollten Sie eine Abbildung des Kulturgutes in Ihren Blog oder für die Illustration eines Wikipedia Artikels verwenden wollen. Dieses norwegische Mautschild ist jedoch frei.. By Peter J. Acklam converted the original EPS file to PDF with Ghostscript and the PDF file to SVG with Inkscape. [Public domain], via Wikimedia Commons

Wir Kulturliebhaber und Steuerzahler sind natürlich begeistert von all den vielen bunten Bildern, die uns die Museologen zeigen: Doch bitte die Hände auf dem Rücken! All diese schönen Bilder können nicht weiter verwendet werden. Bitt‘ schön, nur für den Nicht kommerziellen Gebrauch. NC – ein enttäuschendes Stoppschild für das Wikimedia-Movement.

 

 

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (3 Bewertungen, Durchschnitt: 5,00 von 5)
Loading...

Es ist ein langer Weg

Über die erste Open GLAM Konferenz in Warschau.

Eng und beschwerlich ist der Weg. Hier der Abwasserkanalnachbau im Museum zum Aufstand in Warschau. By Julia Sielicka-Jastrzębska (Julia Sielicka-Jastrzębska) [CC-BY-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0)], via Wikimedia Commons

Wikimedia Polska hatte gemeinsam mit verschiedenen Partnern Kultureinrichtungen aus ganz Polen eingeladen, sich gemeinsam der Frage zu stellen: Wie weit sind wir auf dem Weg zu einem offenen und freien Museum gekommen? Im Saal circa 50 bis 60 meist junge Kulturmenschen aus den unterschiedlichsten Zusammenhängen. Von einer universitären Literatur- und Kulturzeitschrift, die jüngst auch eine Online-Ausgabe gelauncht hat, einer NGO, die sich für die verbesserte Zugänglichkeit von staatlichen Werken in Polen engagiert, einem Archiv für Videoart, über eine Sammlung zeitgenössischer Kunst einer Bank bis hin zu ganz „normalen“ Museen wie dem Jüdischen Museum in Warschau oder dem Regionalmuseum aus dem schlesischen Bytom – das Spektrum war sehr vielseitig. Die diskutierten Präsentationen ergänzten Vorträge aus der Perspektive der Wikimedia-Bewegung in Polen, Schweden, Bulgarien, Deutschland sowie der Europeana. Aber so unterschiedlich die Perspektiven der Vortragenden und des Publikums im Einzelnen waren, mir blieb vor allem dieser Eindruck haften: Es ist noch ein langer Weg bis man tatsächlich von frei zugänglichen GLAM-Einrichtungen sprechen kann. Vielen ist schon der Schritt, die eigene Sammlung online zu präsentieren, damit man sie sich dort anschauen kann, ein zu gewagter. Und nach diesem ersten Schritt stellt sich rasch die Frage nach der Art der Lizenzierung. Das Videoart-Archiv glaubt, die Interessen seiner Künstler am besten durch eine restriktive Interpretation des Urheberrechtes zu vertreten. Die Banker hingegen, haben die Erfahrung gemacht, dass die Künstler, deren Werke sie für die Ausstattung ihrer Bankzentrale erworben haben, ein starkes Interesse an einer Verbreitung ihrer Werke haben. Sie haben daher nach entsprechender Beratung einer Creative Commons Lizenz zugestimmt, jedoch nur für den nicht kommerziellen Gebrauch. Das Bytomer Museum wiederum profitiert auch im wirtschaftlichen Sinne durch die Nutzung der sehr offenen CC BY – Lizenz, nach der jeder das Werk frei weiter nutzen kann auch für kommerzielle Zwecke und es verändern darf so lange er nur den Urheber nennt. Seit der Publikation ihrer Produktionen unter dieser Freien Lizenz und deren damit möglichen Online-Verbreitung ist die Anzahl der Buchungen der kostenpflichtigen Kursprogramme des Museums erheblich gestiegen. Dies stockt den knappen Etat des Museums merklich auf. In Summa: Man probiert sich und die neuen Medien aus. Das zog sich wie ein roter Faden durch die Präsentationen und Diskussionen.

Der Warschauer Kulturpalast By Marcin Białek (Own work) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC-BY-SA-3.0-2.5-2.0-1.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

Zwei Warschauer Museen gelang es mir in den Konferenzpausen zu besuchen. So unterschiedlich ihre Thematik war, so sehr knüpften doch auch sie an den roten Faden der Tagung an. Das Chopin Museum, standesgemäß untergebracht in einem Barockpalais, überwältigt den Besucher durch den inszenierten Einsatz aller nur denkbaren Multimedia-Anwendungen. In verwirrender Vielfalt tönte rechts eine Mazurka, blinkte links eine Videoinstallation und hustete unvermutet neben meinem Ohr jemand aus dem Lautsprecher. Letzteres eine Reminiszenz an Chopins Tuberkulose,wie mich der nette Museumswächter beruhigte.  Im Werbefilm schaut das Ganze noch beeindruckend aus, am Ende musste ich jedoch bei Wikipedia nachschlagen, wann Chopin gestorben ist. Auch das Museum zum Aufstand der Warschauer im Zweiten Weltkrieg 1944, nicht zu verwechseln mit dem Aufstand im Warschauer Ghetto 1943, präsentierte sich als eine mediale Leistungsshow. In einem ehemaligen Straßenbahndepot ein paar Bushaltestellen vom Kulturpalast im Zentrum entfernt taucht das bunt gemischte Publikum ein in die Inszenierung einer heldenhaften Schlacht. Kulissen des alten Warschau, Filmaufnahmen von Exekutionen neben Zeitzeugeninterviews, Fliegermotorenlärm, Schüsse und marschierende Stiefel auf dem Pflaster, über das der Besucher selber läuft. Waffen possierlich in weißen Schaukästen sauber wie Schmetterlinge einer naturkundlichen Sammlung aufgereiht und dunkel daneben ein Nachbau der Abwasserkanäle, durch die die Widerständler flüchteten. Kaum Text, im Vordergrund steht das emotionale Erleben. Kinder hasten von einer Installation zu nächsten, Männer streichen ehrfürchtig über dicke Bunkerwände, Touristen knipsen sich neben abgeplatzten Straßenschildern, alte Damen mühen sich die steilen Treppen in der Kino-Arena hoch und dort sitzen sie schließlich alle und schauen den Film auf der Großleinwand. Der Aufstand präsentiert sich in grobkörnigen schwarzweiß Filmaufnahmen als ein heiteres Abenteuer für Helden. Eine Besucherumfrage hat ergeben, dass viele nach dem Museumsbesuch glaubten, die polnischen Kämpfer hätten gesiegt. Der Erzählung zum Trotz war das Gegenteil der Fall. Die deutsche Wehrmacht hat Warschau nach der Niederschlagung des Aufstandes brutal zerstört.

Gerade der Besuch des letzten Museums hat mich sehr nachdenklich werden lassen. Ein Museum hat hier abstrakt gesprochen Daten zusammengetragen und sie durch ihre Inszenierung zu einer Aussage verdichtet. Wären wir als „User“ freier und mündiger, wenn wir freien Zugang zu eben diesen „Daten“ hätten und sie selbst zusammenstellen, gruppieren und mit unseren jeweils eigenen Fragen konfrontieren könnten? Verkürzt, versetzt uns der freie Zugang zu den Daten allein in die Lage sie zu interpretieren? Welche Aufgabe käme dem Museum in dieser Konstellation noch zu? Unter anderem dieser Frage werden wir Ende November in Berlin nachgehen. Auf der Tagung „Zugang gestalten“ werden ca. 200 Vertreter aus Kultur, Politik und Wirtschaft die Diskussion der polnischen Kollegen fortführen.

 

Fotodokumentation der Konferenz

Weiterer Blogbeitrag in English :)

 

 

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (4 Bewertungen, Durchschnitt: 5,00 von 5)
Loading...

„My beautiful life thanks to PLV“ bei 91 Dezibel

Auf der diesjährigen Wikimania in Hongkong war die Zukunft der Wikipedia eines der großen Themen. Unter dem Titel “Imagine the Wikipedia in 2022” luden Dirk Franke und die Autorin die anwesenden Zukunftsforscher unter den Wikipedianern ein zu visionieren.

Rote Plüschsitze, goldene Tressen, Marmor und auf Hochglanz lackiertes Holz. Wir befinden uns im kühlen Jockey Auditorium der Politechnischen Universität in Hongkong. So scheint es. In Wirklichkeit ist dies die geheime Starbahn der Wikimania Zeitmaschine. Denn 10 Sekunden nach Beginn des Countdown landen geschätzt 200 Menschen im Jahr 2022.

Drei dominante Trends prägen die Online Welt: Personalisierung, Vernetzung und Visualisierung. Dabei steht Personalisierung für die tatsächliche oder scheinbare am User orientierte Ausrichtung aller IT gestützten Dienstleistungen und Produkte. Vernetzung umfasst nicht nur Personen und Institutionen, sondern auch in exponentieller Weise die Vernetzung mit dem Internet der Dinge. Ob Auto oder Fernseher, alle Dinge um uns interagieren mit uns. Sie senden Informationen, die wiederum unmittelbar auf unsere Umgebung zurückwirken. Schließlich wird das unbedingte Visualisierungsdiktat dazuführen, dass die Wikipedia in 10 Jahren 70% Bildanteil zu 30% Textanteil aufweisen und die Fähigkeit sich auf Texte einzulassen, die zwei Tweetlängen überschreiten, gegen Null tendieren wird.

(read more)

P für Personalisierung. Als einer der großen Online-trends.

Die Vision des Organisationssoziologen Benjamin Mako Hill

Das große Online Projekt in 2022 ist die NEWPEDIA. Nachdem in der Wikipedia ein siebenstufigen Wizard eingeführt wurde, dem jeder folgen muss, bevor er/sie  einen Artikel editieren darf, starteten ein paar Open Knowledge Fans ein neues Projekt: die NEWpedia. Hier kann jeder beitragen in der Art, wie er will. Die Wikipedia ist in die Bedeutungslosigkeit abgesunken und alle nutzen nur noch NEWpedia. Etwaige Parallelen zur Nupedia sind ganz zufällig.

(read more)

The Wikipedia Ltd. nach Christophe Henner

Als Reaktion auf sinkenden Spendeneinnahmen in Folge der steigenden Lebensmittelpreise nach den Turbulenzen auf den Finanzmärkten und Mißernten im Zuge der globalen Klimaveränderung beschloss die Wikimedia Foundation sich in ein kommerzielles Unternehmen umzuwandeln und verkaufte Werbeflächen in der Wikipedia. Dies war erst der Anfang des erfolgreichsten Medienunternehmens des vergangen Jahrzehnts. Im Jahr 2022 zahlt man nicht nur dafür, die Wikipedia werbefrei zu lesen, man zahlt auch dafür in der Wikipedia editieren zu dürfen, man zahlt für die Nutzung der Wikipedia und natürlich sind die Möglichkeiten der Werbung viel ausgefeilter als einfache Clips am Rande der Artikel. Der Börsengang steht unmittelbar bevor.

“Back to the Roots and have fun” meint Melissa Parisi

Die Wikipedia ist zu ihren Anfängen zurückgekehrt. Jeder kann einfach sich auf das Editieren konzentrieren, die Edit-Wars haben aufgehört und man hat einfach wieder Spaß daran in der Wikipedia mitzuarbeiten.

L für Linking up, der 2. große Online Trend. Hier dargestellt durch eine Kunstinstallation im Stromnetz von San Franzisko.

Alle Museen sind wikifiziert orakelt Glambora

GLAM Institutionen im Jahr 2022 begrüßen längst keine Besucher mehr, sondern interagieren mit Usern über die präsentierten Inhalte. Die gesellschaftliche Relevanz des kulturellen Erbes definiert sich nahezu ausschließlich über die Publikumsinteressen. Sinneserfahrungen, emotionale Narrative und Authenzitität sind zentrale Motive für einen Ausstellungsbesuch. Raumerfahrung und Kontextualisierung sind die entscheidenden Kriterien zum Erleben der Sammlungen vor Ort. Unterstützen lässt sich der emanzipierte User hierin durch einerseits seine sozialen Netzwerke, die ihm / ihr Orientierung im enormen Kultur- und Informationsangebot versprechen, andererseits durch Wissensaggregatoren wie die Wikipedia, die ihn / sie über geeignete Schnittstellen auf seine /ihre Bedarfe zugeschnittene Hintergrundinformation zum Objekt bieten. Im Netz stellt er / sie ganz individuell digitale Inhalte zusammen und generiert daraus neue Interpretationsansätze. Die Mitarbeiter der GLAM-Einrichtungen diskutieren in den jeweiligen Foren diese Interpretationen mit den Usern. Forschung im akademischen Sinne stellt nur einen Bruchteil der Arbeit dar, das Befüllen der Wikipedia Plattformen ist in das Zentrum gerückt. Entscheidend für die Wikipedia war es, dass interaktive Anwendungen sich einfach in die Wikipedia integrieren ließen.

Die Wikipedia wandert in den Untergrund glaubt Dirk Franke

In zehn Jahren editiert nur noch eine Elite tatsächlich in der Wikipedia. An der quirligen Oberfläche buhlen unzählige Apps ( ) und APIs um die Gunst des Lesers. Sie alle speisen sich aus der Wikipedia. Zum Beispiel: Bots lesen Artikelinhalte aus und lesen sie vor, wenn man etwa vor einem Denkmal steht. Den meisten Anwendern ist gar nicht bewusst, dass sie die Wikipedia-Inhalte nutzen und die meisten Wikipedia-Autoren sind darüber auch nicht unglücklich. So können sie ungestört von den immer wilderen und schrilleren Inhalten ihren Mikrokosmos der komplexen Regularien der Wikipedia pflegen. Es ist nur eine kleine Schar von Savants, die so zusagen im Keller des Wissens die Wikipedia in Reinkultur fortführen.

Stimmen aus dem Auditorium

Aus Indien: Es gibt nur noch eine Wikipedia und ein Übersetzungsprogramm für alle Sprachen dieser Welt.

Aus Hongkong: Wiki wird zum allumfassenden Lebensstil. Selbst das reale Leben ist wikifiziert.

Aus Südafrika: Der Regionalität des Wissens wird mehr Rechnung getragen und aus der Gegenwart fallendes Wissen wird multimedial in der Wikipedia konserviert.

Aus Deutschland: Wikipedia wird es zwar noch geben, aber der Bildungsaspekt wird sehr viel wichtiger sein als heute.

Aus Niederlanden: Wikipedia findet Eingang in die Grundschulen. Das Problem der nur kurzzeitig relevanten Artikel, die nicht aktualisiert werden, wird gelöst sein.

Aus Hongkong: Durch exzessives Crowd Sourcing werden alle verfügbaren Daten in die Wikipedia integriert und über entsprechende Schnittstellen so aufgearbeitet, dass ich mich über jedes Ding oder Thema meiner Wahl auf dem Niveau informieren kann, wie ich es in diesem Augenblick wünsche.

Aus den USA: Das Vorbild der Wikipedia als riesiges globales Projekt der Zusammenarbeit strahlt auf andere gesellschaftliche Bereiche aus.

Aus Deutschland: In der Zukunft werden nicht aktualisierte Artikel automatisch gelöscht.

Aus Argentinien: In zehn Jahren gibt es entweder eine chinesische Wikipedia oder gar keine mehr.

Aus Südafrika: Die Wikimedia Foundation muss gegebenenfalls in eine Region umziehen, wo Pressefreiheit wirklich garantiert wird.

Aus unbekannt: In der Zukunft können wir auch das verborgene Wissen auf den Diskussionsseiten für die Wikipedia nutzen.

V für Visualisierung. Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte, sprach Napoleon. Der 3. der Online Trends.

Jetzt kam der Applausometer zum Einsatz. Zwei Tendenzen standen zur Wahl.

Option A: Die Wikipedia bewahrt ihre Qualität und ihre Grundsätze.

Option B: Die Wikipedia öffnet sich. Sie wird bunt, multimedial und schließt interaktive Anwendung ein.

Ein Brausen, Trampeln, Klatschen und Johlen ließ den Staub der Ehrwürdigkeit des Jokey Auditoriums im Saal tanzen und dann stand das Ergebnis fest. 91 Dezibel wurden für die Option B gemessen. Das war doppelt so laut wie für Option A. Eine Mehrheit der Zukunftsforscher im Saal sieht die Zukunft der Wikipedia demnach in der Öffnung.

Und wie sehen Sie die Zukunft der Wikipedia? Schreiben Sie uns Ihren Kommentar oder nehmen Sie teil an der Umfrage “Predict Wikipedia’s future”.

Bildnachweise:

Bild 1: Katja Ullrich via Wikimedia Commons CC BY SA
Bild 2 Katja Ullrich vie Wikimedia Commons CC BY SA
Bild 3 Napoleon traversing the Alpes. Painting by J.L. David, Schloss 
Charlottenburg Berlin via Wikimedia Commons CC BY SA

 

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (5 Bewertungen, Durchschnitt: 3,40 von 5)
Loading...

GLAM in Hongkong

Hongkong beherbergt die diesjährige Wikimania. In diesem Beitrag geht es um GLAM bzw. Kultureinrichtungen vor Ort.

Hongkong ist die schnellste Stadt der Welt, so sagt man. Hongkong hat eine hohe Luftfeuchtigkeit und Hongkong hat trotz seiner kleinen Fläche eine recht bewegte Geschichte. Vier Faktoren, die selten förderlich für die Entwicklung einer lebendigen GLAM Landschaft sind. GLAM steht auch in Hongkong für Galleries, Liberaries, Archives und Museums. Aber ich war selten in Museen, die von einem derart lebhaften Publikum besucht wurden.

 

Besucher aller Altersstufen interessieren sich für die Mitmach-Experimente im Museum der Wissenschaften in Hongkong.

 

Aber spannender fand ich als GLAM-Kuratorin die GLAM Session auf der diesjährigen Wikisym in Hongkong. Tatsächlich waren sowohl private als auch staatliche GLAM Institutionen da. Allgemein zeigte man sich interessiert, hielt sich jedoch mit konkreten Zusagen eher zurück. Ein wichtiger Aspekt sind natürlich auch hier Freie Lizenzen. Entscheidender waren die Fragen nach dem Aufbau von sinnvollen Metadatenstandards. Hier scheint man in der glücklichen Situation zu sein, dass man nicht verschiedene existierende Systeme harmonisieren muss, sondern die Chance hat, gleich von Anfang an einen gemeinsamen Standard zu entwickeln. Eine Herausforderung wird es sein, Wikipedianer aus Hongkong mit den GLAM Institutionen zusammenzubringen.

Auf der Wikisym traf ich Magdalene Lee. Sie arbeitet für die Terese Coleman Fine Arts Ltd. Diese kommerzielle Galerie hat angefangen, ihre wertvollen textilen Sammlungsstücke überwiegend aus der Qing Dynastie (1616 – 1911) zu dokumentieren. Interessanter Weise kommen die meisten Stücke nicht aus dem chinesischen Mutterland, wie man in Hongkong sagt, sondern aus USA und Europa. Herrlich farbig bestickte Mäntel von konfuzianischen Beamten des kaiserlichen Hofes, Satteldecken aus Tibet oder kaiserlich gelbe Thronpolster gelangten quasi als Souvenirs aus dem alten China in den Westen.

„Drachengewand“ eines kaiserlichen Beamten, blaues Atlasgewebe, bestickt mit Atlasstich, Knötchenstich und Anlegetechnik in Seide, „Pferdehuf-Manschetten“ und Verschluss mit Brokatborte; China, Qing-Zeit; spätes 19. Jh.; Museum für Angewandte Kunst Frankfurt am Main, Inv. Nr. 14629 (Schenkung Hermann Reich). Ein sehr ähnliches Drachengewand befindet sich auch in der Coleman Sammlung in Hongkong.

Heute, Generationen später, stehen diese „Mitbringsel“ auf Auktionen zum Verkauf und gelangen durch die Terese Coleman Ltd zurück nach China. Jedoch nicht für immer, denn die Galerie lebt vom Handel. Daher ist es besonders wichtig die gefährdeten Stücke zu dokumentieren, bevor sie wieder in privaten Besitz übergehen. Die sehr hochauflösenden und auch künstlerischen Aspekten genügenden Fotos werden bisher sehr aufwändig gedruckt oder für die Herstellung der Verkaufskataloge verwandt. Aber Magdalene würde gern eine frei zugängliche Datenbank aufbauen um damit das kulturelle Erbe tatsächlich zugänglich zu machen. Magdalene kam gleich auf die Wikimania, um sich weitere Informationen zu holen und um lokale Wikipedianer kennenzulernen, mit denen sie zusammenarbeiten kann. Die ersten Begegnungen haben bereits stattgefunden.

Die letzte chinesische Kaiserin Empress Dowager Cixi ( – ), 1890. Ein Gruß aus der Vergangenheit.

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (7 Bewertungen, Durchschnitt: 4,14 von 5)
Loading...

Erkenntnis kommt durch Teilen.

Druckfrisch liegt sie vor mir auf dem Tisch: die neue, verbesserte Auflage der so genannten GLAM-Broschüre, eine Handreichung für Kultureinrichtungen und Gedächtnisinstitutionen im deutschsprachigen Raum zu den Potenzialen der Zusammenarbeit mit Wikimedia-Projekten. Auf dem Cover –  jetzt in einer höheren Auflösung – teilt Eva mit Adam die Frucht der Erkenntnis. Das ist die zentrale Botschaft der Broschüre: Erkenntnis kommt durch teilen. Gerade weil Albrecht Dürers Werk seit Jahrhunderten gemeinfrei ist, konnten wir das Motiv variieren und für unser Cover neu interpretieren. Der im Hintergrund durchschimmernde Wikipedia-Ball schlägt den Bogen von Adam und Eva zu uns in die Gegenwart.

Wir möchten Kulturinstitutionen ermuntern, und hier besonders diejenigen, die unter dem englischen Akronym GLAM für Galleries, Libraries, Archives und Museums zusammengefasst werden, sich aktiver in die Wikimedia-Projekte einzubringen. In fünf kurzen Kapiteln beleuchten wir verschiedene Aspekte. Besonderen Wert haben wir auf die Darstellung der unterschiedlichen Formen der Zusammenarbeit gelegt. Angefangen von einer einfachen Beratung, wie man Inhalte durch Freie Lizenzen im Netz sicht- und nutzbarer machen kann, über die Herausforderung, wie man sich als Institution regelkonform und konstruktiv in die Wikipedia einbringt, bis hin zu den Möglichkeiten der Zusammenarbeit im Real-Life-Modus, wo Menschen in Fotoexkursionen oder Schreibwerkstätten einander begegnen. Wohlgemerkt immer vorausgesetzt, dass es gelingt, für die Gemeinschaft der Wikipedianer und Wikimedianer attraktive Angebote zu machen. Dafür haben wir den Text der Vorjahresauflage, die unter großem zeitlichen Druck für die Veranstaltung „Zugang gestalten!“ entstand, vollständig neu geschrieben. Inhalte wurden gestrafft und stringenter in der Argumentation dargestellt. Beibehalten haben wir das durch viele Fotos und ein luftiges Layout aufgelockerte Design. Den Abschluss bildet ein kurzer Selbsttest zum Ankreuzen: „Wie halten Sie es mit der Wikipedia?“ Die Broschüre ist eine Einladung an Mitarbeiter und vor allem Führungskräfte in den GLAM Institutionen, mit uns direkt Kontakt aufzunehmen. Alles weitere erwächst dann im gegenseitigen Dialog.

Die Broschüre ist ab sofort  als PDF verfügbar. Gern schicken wir sie aber auch postalisch. Alle Bestandteile der Broschüre stehen unter der Lizenz CC-BY-SA 3.0. Der Text der Broschüre kann in der Wikipedia weitergeführt werden.

Sie erreichen uns telefonisch unter 030 219 158 26 – 44, per email unter kultur@wikimedia.de oder hinterlassen Sie einen Kommentar. Wir kommen gern mit Ihnen ins Gespräch.

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (4 Bewertungen, Durchschnitt: 4,75 von 5)
Loading...

Was Wikipedianer besonders gut können

„Wir werden als Bundesrepublik Deutschland keine Waffen liefern“, versicherte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) Katars Ministerpräsidenten Scheich Hamad bin Jassim bin Jabor al Thani in Berlin. So stand es am 16.4. im Berliner Tagesspiegel.

Wie wäre es, wenn wir Leser, mündige Bürger und Wähler, die Möglichkeit bekämen, solche Aussagen auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen?

http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Mainzelm%C3%A4nnchen_walking_act.jpg

Mainzelmännchen
Foto: Johann H. Addicks, CC-by-sa-nd/3.0

Stimmt diese Aussage von Merkel, und wenn ja unter welchen Prämissen? Seit einigen Wochen unterstützt Wikimedia Deutschland das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) bei der Erstellung einer Plattform, auf der solche Aussagen gecheckt werden können.

Wer kennt das nicht: In einer Talkshow behauptet ein Politiker wortgewaltig, die Welt sei „rosa“ und die Aussage bleibt unwidersprochen. Im Gegenteil, sie entwickelt ein Eigenleben und scheint mit jedem Tag, der vergeht, wahrhaftiger zu werden. Im Zeitalter des medienkompetenten Netzbürgers ein Ärgernis. Das ZDF richtet daher gemeinsam mit dem Nachrichtensender Phoenix einen Online-Faktencheck zur Bundestagswahl ein und alle Wikipedianer sind eingeladen, Aussagen zum Faktencheck vorzuschlagen, sowie selbstmitzuhelfen, die Richtigkeit der Fakten zu überprüfen. Gerade weil Wikipedianer ihre Aussagen stets neutral und belegt machen, bürgt ihre Arbeitsweise für eine hohe Qualität. Das können gerade Wikipedianer besonders gut.
Deshalb möchte das ZDF in dem geplanten Online Faktencheck, der auf der re:publica am 6.5. in Berlin öffentlich unter dem Label #ZDFcheck vorgestellt wird, gern mit der Wikipedia-Community zusammenarbeiten. Die im Rahmen des Faktenchecks erarbeiteten Mediendateien, wie Infografiken, Bilder und kleine Filmbeiträge, stehen unter einer Freien Lizenz der Nachnutzung offen. Ein erster Meilenstein in der Zusammenarbeit mit einem öffentlich-rechtlichen Sender. Diese Zusammenarbeit soll durch einen so genannten „Wikipedian in Residence“ koordiniert werden. Ihre oder seine Aufgabe wird es sein, aktiv die Community anzusprechen. Die Ausschreibung ist seit heute online.
Nach einer Pilotphase im Frühsommer startet das Projekt in der heißen Phase des Bundestagswahlkampfes ab August richtig durch. Geplant ist, dass alle Arbeitsschritte des Faktenchecks live mitverfolgt und mitgestaltet werden können. Die Moderation und Redaktion obliegt dem ZDF Redaktionsteam. Die Ergebnisse der #ZDFcheck werden crossmedial aufbereitet und finden Eingang in die verschiedenen ZDF-Sendungen. Zum ersten Mal würde damit das Wikipedia Arbeitsprinzip in einem gänzlich anderen Rahmen unter Beweis gestellt werden. Aus meiner Sicht auch eine Wertschätzung des digitalen Ehrenamtes im Spektrum der Wikipedia.
1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (18 Bewertungen, Durchschnitt: 3,50 von 5)
Loading...