re·shape Festival
Wessen Wissen zählt? Ein Festival zum Zusammenbringen, Diskutieren und Feiern marginalisierten Wissens
Christopher Schwarzkopf
29. Oktober 2026
Wer etwas im Internet nachschlagen will, stößt früher oder später auf Wikipedia, entweder direkt oder über Suchmaschinen und KI-Anwendungen. Die größte freie Wissenssammlung der Welt bietet mit über 67 Millionen Artikeln einen umfangreichen Überblick über unzählige Themen. Doch es gibt noch Lücken: Manche Perspektiven und Erfahrungen sind bislang weniger sichtbar, etwa die Erinnerungen von Gastarbeiter*innenfamilien, die Geschichte des Widerstands gegen Rassismus oder das Wissen indigener Communitys. Vieles davon wurde bisher kaum in Büchern oder Archiven festgehalten und ist deshalb auch in Wikipedia noch nicht ausreichend vertreten.
Marginalisiertes Wissen ist das Wissen von Menschen und Gruppen, die gesellschaftlich an den Rand gedrängt werden, etwa weil sie Rassismus erfahren. Mit dem Programm re·shape hat Wikimedia Deutschland drei Jahre lang Menschen unterstützt, genau dieses Wissen selbst sichtbar zu machen.
Drei Jahre re·shape – 30 Projekte für marginalisiertes Wissen
2023 hat Wikimedia Deutschland gemeinsam mit den neuen deutschen organisationen das Förderprogramm re·shape ins Leben gerufen. Es hat Menschen und Communitys, die Rassismus erfahren, mit Stipendien, Workshops und Beratungsangeboten dabei unterstützt, ihr Wissen selbstbestimmt zu dokumentieren und frei zugänglich zu machen. Die Geförderten haben gelernt, wie freie Lizenzen funktionieren, wie man Wissen verantwortungsvoll veröffentlicht und in der Wikipedia mitschreibt.
In drei Jahren sind 30 Projekte entstanden, so vielfältig wie die Menschen dahinter: Podcasts, Filme, Archive, Audiowalks, Zines und Ausstellungen, etwa zur Geschichte der Gastarbeiter*innen, zur Verfolgung von Sinti*zze und Rom*nja oder zu kolonialer Vergangenheit. Jetzt endet das Programm in der bisherigen Form. Auf dem Festival „Wessen Wissen zählt?“, gestaltet von und mit den Geförderten, können Interessierte den Projekten und Geförderten begegnen, sich austauschen und vernetzen. Wer nicht vorbeikommen kann, findet die Ergebnisse aller Projekte hier.
Was sichtbar ist, wird angreifbar
Wikipedia wird täglich millionenfach aufgerufen. Darüber hinaus zeigen Suchmaschinen Wikipedia-Inhalte oft direkt in ihren Ergebnissen an. Journalist*innen, Bildungsinstitutionen, Medien und Forschung greifen darauf zurück. Auch KI-Anwendungen wie ChatGPT lernen mit Texten aus der Wikipedia und nutzen sie gezielt, um Fragen zu beantworten.
Wenn bestimmte Perspektiven in der Wikipedia fehlen, fehlen sie deshalb an vielen Stellen zugleich. Dies beeinflusst maßgeblich, welche Perspektiven und Interessen gesellschaftlich anerkannt und welche als weniger wichtig oder irrelevant angesehen oder schlichtweg übersehen werden.
Wenn marginalisiertes Wissen mehr Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit etwa in der Wikipedia erhält, wird es auch mehr in Schulen, anderen Bildungsangeboten und den Medien berücksichtigt. Das ist wünschenswert. Gleichzeitig lässt sich nach einer Veröffentlichung kaum noch kontrollieren, wer diese Informationen nutzt und wofür. Was frei zugänglich ist, steht auch Sicherheitsbehörden, Gerichten, rechten Bewegungen und den großen Technologieunternehmen offen. Es kann dazu genutzt werden, Menschen und Bewegungen zu kriminalisieren, oder als Grundlage für Gerichtsentscheidungen dienen.
Wo Communitys Repressionen erleben, wird Sichtbarkeit so selbst zur Herausforderung. Die Kuratorin der Festivalausstellung, Océane Vé-Réveillac, sagt dazu: „Gerade in Zeiten des Rechtsrucks ist ein Festival, das fragt, ‚Wessen Wissen zählt‘, enorm wichtig.“ Marginalisiertes Wissen sei besonders fragil und werde als Erstes zum Schweigen gebracht, weil es Probleme und Ungerechtigkeiten sichtbar mache, aber eben auch Alternativen zeige: Wege des Heilens, des Feierns und des Widerstands.
Warum dieses Festival?
Mit dem Festival bekommen die Projekte aus drei Jahren re·shape eine Bühne. Im Fokus steht die Frage: Wie lässt sich marginalisiertes Wissen bewahren und sichtbar machen, ohne die Menschen zu gefährden, von denen es stammt?
Das Festival soll Menschen zusammenbringen, die sonst selten aufeinandertreffen: marginalisierte Communitys, Kulturschaffende, Wissens-Aktivist*innen und die Wikipedia-Community. Wer bisher noch nie mit der Wikipedia zu tun hatte, kann einen Einstieg finden und erleben, dass das eigene Wissen dort dringend gebraucht wird.
Was vor Ort passiert
Herzstück des Festivals ist die Ausstellung „Narrative im Wandel“. Sie zeigt eine Auswahl aus drei Jahren re·shape und fragt: Welche Geschichten prägen unsere Wahrnehmung der Welt, welche werden erzählt und welche verdrängt? Océane Vé-Réveillac hat sie gemeinsam mit den Geförderten kuratiert.
Narrative sind nichts Festgeschriebenes. Sie verändern sich, sobald Menschen mitreden, die in den dominanten Erzählungen sonst nicht vorkommen.“Océane Vé-Réveillac
Weil viele Projekte schwere Themen behandeln, kam ein neutraler Ausstellungsraum für das Kurationsteam nicht infrage: „Wir wollten einen Ort, der sich wie ein Zuhause anfühlt, an dem Besucher*innen es sich gemütlich machen können“, sagt Vé-Réveillac. An verschiedenen Stationen können Besucher*innen Geschichten an Hörstationen lauschen, Videos anschauen und Texte lesen, und es sich dabei auf dem Sofa oder sogar im Bett bequem machen.
Denn das Wissen aus den Projekten steckt nicht nur in Texten und Bildern, sondern auch in Stimmen, Klängen und Musik. Marginalisiertes Wissen, so Vé-Réveillac, passe oft nicht in die Formate, die als Wissensproduktion anerkannt sind. „Die Projekte, die während der Förderjahre entstanden sind, zeigen, dass Wissen ganz anders entstehen und weitergegeben werden kann“, so die Kuratorin.
Panels, Party, Workshops
Eröffnet wird das Festival am Freitagabend mit dem Panel „Wer erzählt unsere Geschichten? Über Sichtbarkeit, Sicherheit und Deutungshoheit“ mit Aurora Rodonò (Stadtmuseum Berlin), Eda Öztürk (MIKRASS) und Fatima Sidibe, moderiert von Elona Beqiraj. Am Samstag folgen Dokumentarfilme, weitere Panels, Workshops und kreative Angebote zum Mitmachen und zum Abschluss eine Party mit DJ DumTak.
Wer Lust hat, eigenes Wissen in die Wikipedia einzubringen, bekommt im Workshop „Wikipedia – So kannst du mitmachen!“ mit Benutzerin:Memoryschaum vom Wiki Riot Squad einen begleiteten Einstieg – ganz ohne Vorkenntnisse.
Anmeldung
Wer Lust hat, beim re·shape-Festival dabei zu sein, findet das vollständige Programm sowie die Möglichkeit zur Anmeldung auf dieser Veranstaltungsseite.