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Community building in Barcelona

Am vorletzten Wochenende konnte ich mit Unterstützung von Wikimedia Deutschland einer Einladung zum Free Culture Forum und der angeschlossenen Veranstaltung Building Digital Commons (für Twitter zu Dimmons gekürzt) folgen.
Das Forum bot namhafte Sprecher wie Richard Stallman und John Perry Barlow auf, Dimmons beeindruckte durch lebhafte Diskussionen mit und um Communitys in der realen und der virtuellen Welt.

Wikimedia, Creative Commons, Mozilla, Platoniq und viele andere kamen zusammen, um über Möglichkeiten der Bindung an Communitys, Motivation und Wertschätzung zu diskutieren. Die Mischung machts und eins wurde schnell deutlich: Wikipedia ist nicht das einzige Online-Projekt, dass sich nicht auf dem Erreichten ausruhen kann sondern dafür Sorge tragen muss, dass neuen Teilnehmern der Einstieg ermöglicht wird, ohne dadurch die Erfahrenen zu verlieren.

Mehrere Arbeitsgruppen beschäftigten sich mit Themen der Partizipation. Ich war Facilitator in der etwa zwölf Kopf starken Gruppe, die sich mit dem Thema neuer Mitmacher auseinandersetzte. Hier fanden sich nicht nur Wikipedianer, sondern auch Vertreter von Mozilla, Creative Commons und der Open Knowledge Foundation, was der Diskussion deutlich mehr Raum für unterschiedliche Erfahrungen und Wahrnehmungen ließ als erwartet. Die Zusammenarbeit war sehr engagiert und führte zu folgenden Empfehlungen:

  • Treffen im Real Life organisieren und fördern
  • Kurze Einführungstexte bereitstellen, die den Einstieg ermöglichen, sich aber auf’s Wesentliche beschränken
  • Neue spannende und überraschende Stories finden, die das Projekt und die Idee dahinter erklären
  • Beim Begrüßen und beim Begleiten unterschiedlich vorgehen, je nach Wunsch des Benutzers. Es gibt nicht den einen Weg, der für alle neuen Benutzer gleich gut ist.
  • Mehr Austausch zwischen verschiedenen Communities

Einer der eher ungewöhnlichen Aspekte der Veranstaltung war, dass aus den Ergebnissen der Arbeitsgruppen direkt ein Maßnahmenplan für die katalanische Wikipedia entwickelt wurde, um zu prüfen, ob Auswirkungen auf die Community sichtbar werden. Darunter sind

  • Ein Vergleich der Zugriffszahlen von Artikeln in der katalanischen, spanischen und englischen Version, um Leserpräferenzen zu erkennen und daraus Verbesserungsvorschläge für die Artikel abzuleiten
  • Eine Tabelle, in der unterschiedliche Beteiligungsmöglichkeiten und konkrete Vorschläge dargestellt werden. Sie soll neben der reinen Artikelarbeit auch Übersetzungen, sprachliche Verbesserungen, Bebilderungen und vieles mehr umfassen. Ziel ist Einsteigern eine Art Wegweiser in die Hand zu geben, aus dem sie sich das für sie passende raussuchen können und wissen, dass dort ihre Hilfe benötigt wird.
  • Neuen Benutzern in Abhängigkeit ihrer Aktivität ermutigende und positive Nachrichten zukommen lassen. Zum Beispiel für Benutzer, die sich angemeldet aber noch keinen Edit gemacht haben, oder für Benutzer, deren letzter Edit mehr als vier Wochen zurückliegt.

Ich bin gespannt auf die Ergebnisse. Wer mehr zur Veranstaltung erfahren will, kann das Wiki besuchen, in dem derzeit die Ergebnisse aufbereitet werden.

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Archäologie und Politik – und ein bischen Wikipedia

Und da dachte ich im September, ich hätte alle wichtigen Veranstaltungen des Jahres hinter mir. Aber wie schon im September verschaffte mir erneut die Gerda Henkel Stiftung einen “Außeneinsatz”. Ich war eingeladen zur “Gerda Henkel Vorlesung”, die mit Hermann Parzinger der wohl hochrangigste deutsche Kulturbeamte hielt. Thema war “Archäologie und Politik. Eine Wissenschaft und ihr Weg zum kulturpolitischen ‘Global Player’”. Hier sprach der vormalige Präsident des Deutschen Archäologischen Instituts und heutiger Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz nicht zuletzt auch aus eigener Erfahrung von den politischen Dimensionen der Archäologie in Vergangenheit, Gegenwart und ein wenig auch der Zukunft.

Wie so oft bei derartigen Veranstaltungen war der Vortrag zwar sehr interessant und gerade auch für mich von großem Interesse, doch noch Interessanter waren die vielen Gespräche rund um die Veranstaltung. Vor allem unterhielten ich und Lyzzy, die mich begleitete, mit Vertretern der Stiftung. Für L.I.S.A. – Das Wissenschaftsportal der Gerda Henkel Stiftung wird Lyzzy beispielsweise demnächst als Interviewpartner zur Verfügung stehen. Insgesamt wurde einmal mehr deutlich, daß die Mitarbeiter der Stiftung ehrliches Interesse an der Wikipedia und ihren Mitarbeitern haben. Vielleicht erwächst daraus ja noch die eine oder andere Zusammenarbeit.

Ein persönlicher Höhepunkt war für mich natürlich das Gespräch mit Uwe Walter, der in seinem Blog Antike und Abendland vor Wikipedia trifft Altertum einen sehr wohlwollenden Beitrag verfasst hatte. Sehr spannend waren seine Sichtweisen zum Paradigmenwechsel in seinem Fach, das nach seiner Meinung schon zu starken Veränderungen geführt hat. Und das durchaus nicht zum Schlechtesten.

Am folgenden Tag nutzte ich die Gelegenheiten, die sich mir boten. Zunächst besuchte ich in Bonn das Ägyptische Museum der Universität Bonn sowie das Akademische Kunstmuseum, die Antikensammlung der Universität Bonn. Am Abend folgte die Teilnahme am Kölner Stammtisch, meinem immer noch liebsten Stammtisch im Wikimedia-Universum. Neben dem Treffen mit vielen lieben alten Bekannten konnte ich auch endlich die Legende, das “Phantom” ;) Tsor kennen lernen. Der Sonnabend brachte noch eine Arbeitssession bei Elya und Raymond, bei der wir das weitere Vorgehen bei den GLAM-Projekten in der deutschsprachigen Wikipedia besprachen. Abschluss meiner “Dienstreise” war der Besuch des Museum August Kestner in Hannover, das praktischerweise an meinem Rückweg lag. Dort war der vorletzte Tag der Sonderausstellung Lost! Die Ägypten-Sammlung und ihre (Kriegs-)Verluste, die ich mir nicht entgehen lassen wollte, immerhin konnte ich den Kurator Christian E. Loeben bei “Wikipedia trifft Altertum” kennen lernen.

Ich bin immer wieder erstaunt, wieviel Dinge man in so wenig Zeit tun kann.

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GLAM in der Wikipedia

Irgendwie begann es im Herbst 2007 mit der Zusammenarbeit von Wikimedia Deutschland mit dem Bundesarchiv. Die Zusammenarbeit zwischen Institutionen und Wikipedia beziehungsweise den Mitarbeitern der Wikipedia wurde auf eine neue Ebene gehoben. und das Schöne – dabei profitierte nicht nur die Wikipedia. Weitere Projekte folgten, so mit der Deutschen Fotothek oder dem Tropenmuseum Amsterdam. In anderen Ländern ging man andere Wege. So wurde im Juni 2010 der Australier Liam Wyatt “Wikipedian in Residence”, also wikipedianischer Mitarbeiter des British Museum in London. Seitdem konnten diverse weitere Projekte durchgeführt werden, insbesondere sind sicher Zusammenarbeiten mit dem Château de Versailles, der British Library, dem Israel Museum, Jerusalem, dem Museum of Modern Art oder der Smithsonian Institution zu nennen. Mittlerweile wurden Projekte unter dem Label “GLAM” auf drei Kontinenten durchgeführt. GLAM steht dabei für “Galleries”, “Libraries”, “Archives” und “Museums”.

Im DACH-Raum, Deutschland, Österreich und der Schweiz, hinken wir der internationalen Entwicklung mittlerweile etwas hinterher. Um diesem Umstand etwas aktiver entgegen zu treten, gibt es seit gestern in der deutschsprachigen Wikipedia ein GLAM-Projekt, das neben den Vereinen Wikimedia Deutschland, Wikimedia Österreich und Wikimedia CH als zentraler Anlaufpunkt sowohl für Interessierte in den Projekten wie auch für Interessierte aus Museen, Archiven und so weiter dienen soll. Packen wir es zusammen an!

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Zwischen Korrespondenz und Selbstverständnis

Der Tagungsort für den diesjährigen Herbstworkshop des Support-Teams  vom 21. bis zum 23. Oktober 2011 war das Internationale Friedensdorf in Oberhausen. 20 Teilnehmer des deutschsprachigen Support-Teams fanden sich dort am Freitag Abend ein.

Thema im Rahmen dieses Treffens war am Samstag Vormittag ein Korrespondenztraining, das zum Ziel hatte, das Kommunikationsverhalten der OTRS-Mitarbeiter zu verbessern. Anhand von Beispielen analysierte die Expertin für schriftliche Kommunikation in Unternehmen, Gisa Schuh aus Köln, das Korrespondenzverhalten der Support-Team-Mitarbeiter. Es galt, die Korrespondenz mit den sogenannten Kunden (so werden diejenigen genannt, die sich per Mail an das Support-Team wenden) von Floskeln zu befreien, Eskalationen in kritischen Fällen rechtzeitig zu verhindern und die Antwortmails besser zu strukturieren.

Am Nachmittag stand eine Führung durch das Friedensdorf auf dem Programm. Eine Mitarbeiterin der Einrichtung erklärte ausführlich, wie das Friedensdorf arbeitet. Im Laufe der Führung bekamen die Workshopteilnehmer auch spielende Kinder aus Kriegs- und Krisengebieten der Welt zu Gesicht, die durch schwerste Verletzungen gezeichnet waren. Das Friedensdorf ermöglicht durch Kriegseinwirkung und andere Gewalt verletzten Kinder aus vorwiegend armen Verhältnissen eine medizinische Behandlung in Deutschland, die in den jeweiligen Heimatländern nicht möglich oder bezahlbar ist. Nach diesen durchaus schockierenden Eindrücken wandten sich die Teilnehmer den nächsten Programmpunkten zu.

Für die Neulinge im Team gab es einen Abriss der Geschichte des Support-Teams, eine Einführung in die technische Seite der verwendeten OTRS-Software, sowie Anleitungen zur Bearbeitung von Freigaben. Am Abend fand dann ein gemeinsames Abendessen mit Vertretern des Duisburger Wikipedia-Stammtisches in einem nahegelegenen Restaurant statt. Der Sonntag wurde durch einen Vortrag über das Recht am eigenen Bild eröffnet. Anhand mehrerer Fotos von Politikern, Teilnehmern von Veranstaltungen wie dem Christopher Street Day, Prominenten und berufsgerecht bekleideten Models erörterten die Teilnehmer die Aspekte der Fälle, die ein ausdrückliches Einverständnis der dargestellten Personen erfordert und welche Fälle beispielsweise unter die Panoramafreiheit oder Beiwerk fallen und eine Einverständnis nicht brauchen.

Ein leicht kontrovers diskutiertes Thema war danach das Selbstverständnis des Support-Teams und seiner sogenannten Agents, in dem die Teilnehmer unterschiedliche Auffassungen über das Zugehörigkeitsgefühl, entweder mehr zur Wikipediacommunity oder mehr zur Foundation, äußerten. Das Treffen endete mit einem Ausblick auf die nächsten geplanten Aktivitäten, darunter zwei Workshops im nächsten Jahr und Verbesserungen bei der Einarbeitung neuer Teammitglieder und das alles, wie auch vor einem Jahr in Berlin, in einer ausgesprochen freundlichen Atmosphäre.

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Wiki Loves Monuments Köln

Mit freundlicher Genehmigung von Superbass

Der WLM-Stand vor dem Stadtmuseum Köln. Foto: Raimond Spekking/cc-by-sa-3.0
Der WLM-Stand vor dem Stadtmuseum Köln. Foto: Raimond Spekking/cc-by-sa-3.0

Seit 9.00 Uhr heute morgen werkeln wir unter dem Flügelauto von HA Schult vor dem Kölnischen Stadtmuseum an WLM Köln. Die Sonne scheint, herrliches Fotowetter, nur unser Standplatz ist bislang etwas schattig geblieben.

Schon 30 Minuten vor dem offiziellen Start erschienen die ersten Fotografen in ziemlich professioneller Aufmachung. Da lief unser improvisiertes WLan noch gar nicht, mit dessen Hilfe wir den Drucker von mehreren Laptops ansteuern, um die Teilnehmer mit Denkmallisten und Karten auszustatten. Im Laufe des Vormittages kamen rund 50 Leute, von GPS-bewehrten Profis mit Stativhalter am Fahrrad bis zu Familienausflügen mit Kompaktkameras. Einige wurden von wartenden Journalisten abgefangen und bei ihrer Fototour begleitet (u.A. zu hören bei WDR5 Scala, das Kulturmagazin, morgen: 12:00 Uhr).

Die Teilnehmerschaft ist erfreulich bunt hinsichtlich Alter und Geschlecht – verglichen mit der üblichen Wikipedia-Autorenschaft kommen vor allem viele Frauen. Alle werden mit Listen aus der rund 9.600 Denkmäler aus den Stadtteilen, Stiften, Broschüren, Sponsorengutscheinen, Fahrkarten, Brezeln und Produkten eines lokalen Colaherstellers versorgt. Neben WLM kommen wir auch über die Lokalpolitik, die Wikipedia und Bildspenden im Allgemeinen ins Gespräch.

Am frühen Nachmittag wird es etwas leerer am Stand und es gibt Zeit, diese Zeilen zu schreiben und mal die Beobachtungsliste durchzugehen. Ups, da kommt schon wieder einer, ich muss hin… –Superbass 14:45, 25. Sep. 2011 (CEST)

Quelle: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Wikipedia:Wiki_loves_monuments_2011/Erfahrungen&oldid=94038876

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Die Sache mit der Deutungshoheit

Heute ging die für mich wohl letzte größere Veranstaltung des Jahres zu Ende. Nach Wikipedia trifft Altertum im Juni in Göttingen, der Ständigen Ägyptologenkonferenz im Juli in Leipzig, der Wikimania im August in Haifa und der WikiConvention letztes Wochenende in Nürnberg nun am 14. und 15. September .hist 2011 – Geschichte im digitalen Wandel an der Berliner Humboldt-Universität.

Dank einer Einladung der Gerda Henkel Stiftung konnte ich als Vertreter der Wikipedia an der Veranstaltung teilnehmen – an dieser Stelle noch einmal ein herzliches Dankeschön nach Düsseldorf. Die Stiftung war über ihr Webportal L.I.S.A. gemeinsam mit Clio online, H-Soz-u-Kult und dem Institut für Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universität Organisator und Ausrichter der zum dritten mal durchgeführten Tagung, an der mehr als 100 Personen, meist Historiker, teilnahmen. Das Programm war im doppelten Wortsinne gemischt. Auffällig war die starke Technik-Lastigkeit, die man bei einer derartigen Veranstaltung nicht wirklich erwartet hätte. Das machte das Folgen, insbesondere bei den sogenannten Werkstattberichten, für Technikmuffel wie mich nicht immer leicht. Neben der Begrüßung, der Keynote von Stefan Münker zum Thema “Jenseits der Technik. Zum Status quo des digitalen Wandels” waren die beiden Podiumsdiskussionen am Ende der beiden Tage die zentralen Anlaufpunkte für alle Teilnehmer. Sonst war die Tagung in vier Sektionen unterteilt, zu denen jeweils parallel auch Werkstattberichte veranstaltet wurden. Ich möchte das hier nicht alles im einzelnen wieder geben, weiter oben ist das Tagungsprogramm verlinkt. Interessant waren für mich vor allem die Informationen zu den realen Projekten. Ich möchte hier ein paar zumindest einmal nennen:

* www.digiberichte.de – eine digitalisierte Edition von Reiseberichten aus dem Spätmittelalter und der Frühen Neuzeit

* der Professorenkatalog der Universität Leipzig

* Repositoriums für biografische Daten historischer Personen des 19. Jahrhunderts – eine Datenbank zur Sammlung und Strukturierung von Personen des 19. Jahrhunderts

* Deutsches Textarchiv Digitalisierung eines disziplinübergreifenden Kernbestandes deutschsprachiger Texte aus der Zeit von ca. 1650 bis 1900 nach den Erstausgaben

Weil mich die Praxis naturgegeben mehr interessiert, war ich zumeist in den Werkstattgesprächen. Einzig im vierten und letzten Block war ich in den Vorträgen. Thema war “Grenzverschiebungen zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit” – und immer wieder schwang Wikipedia mindestens unterschwellig mit, sind wir doch wohl das Paradebeispiel für diese Verschiebung. Zunächst sprach Michail Hengstenberg über das Spiegel-Projekt einestages.de. Interessant hier, daß auch der Spiegel unter dem Problem leidet, das auch die Wikipedia hat: zu wenige Autoren. Die Mär von der Weisheit der Vielen und dem Crowdsourcing funktioniert einfach nicht so, wie man es beim Erfolg etwa von Projekten wie Wikipedia zunächst glauben mag. Danach sprach Jürgen Danyel vom Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam über deren Projekt Dokupedia-Zeitgeschichte. Was mir bei ihm besonders in Erinnerung blieb war das Bedauern, daß man zu Beginn in Abgrenzung von Projekten wie Wikipedia zu restriktiv war – und das nun auch nicht mehr beheben kann. Dennoch ist es ein sehr erfolgreiches Projekt.

Dritter Beitrag und der dramatische Höhepunkt war der Beitrag von Maren Lorenz von der Uni Hamburg. Lorenz Vortrag war von einer großen kulturpessimistischen Grundhaltung geprägt. Sie bemängelte den Kontrollverlust der Historiker über die Geschichte, also den Verlust der Deutungshoheit über die Geschichte, weil im Internet diverse Laien ihr Un- und Halbwissen verbreiten. Das kann funktionieren, doch meist funktioniert es ihrer Meinung nach nicht. Angefangen bei der “technischen” Beherrschung der Materie über die häufige Anonymität der Autoren bis hin zur emotionalen Bewertung. Neben der allgegenwärtigen Wikipedia war etwa die Khan Academy das beredte Beispiel für diesen Kontrollverlust. Ein letztlich kompletter Laie, der emotional, vereinfachend und mit antiquierten Mitteln (etwa Frontalunterricht) Wissen vermitteln möchte – und damit einen gewissen Erfolg hat. Ihm wird immerhin zugute gehalten, daß man bei ihm immerhin weiß, wer hinter allem steckt. Dazu kamen auch generelle Problemschilderungen, etwa die aus vielen Gründen fehlende Zeit oder der Legitimationsdruck, der auf Geistes- und Kulturwissenschaften lastet.

Frau Lorenz legte ihren Beitrag durchaus so an, daß sie nicht nur Zustimmung bekommen konnte, kokettierte auch ein wenig damit, den Advocatus diabloli zu geben. Was natürlich nicht bedeutete, daß sie in vielem nicht auch zumindest in Teilen recht hatte. Dennoch mußte ich hinterher ein wenig zur Gegenrede ansetzen. Angefangen damit, daß die Wikipedia-Autoren durchaus zu einem nicht geringen Teil vom Fach sind. Dummerweise ist Lorenz Frühneuzeithistorikerin – hier findet sie wirklich nicht all zu viel Gutes in der Wikipedia. Dieser Bereich ist ein echtes Sorgenkind. Doch wenn der stete Zeitdruck beschrieben wird, sollte es die Fachwissenschaftler doch freuen, wenn ihnen die Arbeit abgenommen wird. Wie kann man darauf kommen, daß ihnen die Deutungshoheit genommen wird? Sicher nicht in der Wikipedia. Dort wird doch gerade darauf wert gelegt, nicht eigene Forschungen, sondern die der Fachwissenschaftler zu verarbeiten. Ganz im Gegenteil – gerade wir in der Wikipedia stehen an der vordersten Front und müssen uns der Heimatforscher und Umdeuter erwehren. Die Fachwissenschaft verweigert sich diesen Diskussionen fast immer. Man möge Henriette doch einmal zur Chronologiekritik befragen, zu Heribert Illig und dem Erfundenen Mittelalter. Wir erwarten sicher keine Dankbarkeit – aber etwas mehr Respekt dürfte es manchmal schon sein. Hinzu kommt ja auch die Frage: mit welchem Recht beklagt Lorenz den Kontrollverlust der Wissenschaftler? Es ist eben jener Elfenbeinturm, in dem die deutsche Wissenschaft nahezu fachübergreifend seit dem 19. Jahrhundert fest sitzt. Ein Wissenschaftler der ein Buch für Nichtfachwissenschaftler schreibt wird um es überspitzt zu sagen kaum noch ernst genommen. Man kann auch fragen: hatte denn jemals die Geschichtswissenschaft die Deutungshoheit? In der Diskussion wurde das letztlich verneint und viele Beispiele ins Feld geführt die zeigten, daß es diese nie wirklich gab. Auch etwa Elmar Mittler sah weitaus größere Chancen als Risiken und bekam für seinen Wortbeitrag wohl den meisten Applaus. Was mich zudem etwas gestört hat war die unterschwellige Botschaft, daß man als Fachwissenschaftler keine Zeit für die Vermittlung an Laien hat – aber andere Personen sollen das dennoch nicht übernehmen.

Frau Lorenz, sollten sie das lesen – wir müssen uns unbedingt einmal in größerer Runde zusammen setzen. Nachdem Wikipedia das Altertum traf, warum nicht auch einmal die Geschichtswissenschaft? Letztlich wollen wir, so glaube ich, doch Dasselbe. Und können sicher von einander profitieren. Und miteinander reden ist vielleicht besser als übereinander. Es würde mich traurig machen, wenn sie weiter diesen pessimistischen Standpunkt vertreten.

Daneben waren die Gespräche am Rande sehr interessant und wichtig. Einerseits mit den Vertretern der Gerda Henkel Stiftung, andererseits aber nicht zuletzt mit Studenten. Hier vor allem mit Mitarbeitern von Skriptum, denen verständlicherweise diese Diskussion nicht besonders gefallen hatte. Skriptum veröffentlicht übrigens unter einer Creative-Commons-Lizenz. Auch sonst werden viele der Projekte unter Open Access, Open Source, Open Content oder Open Data-Bedingungen veröffentlicht. Neben Media Wiki waren das wohl die häufigsten Worte aus dem Wikipedia-Umfeld, die bei der Tagung gefallen waren. Und bei einigen Projekten sollten wir mal überlegen, ob eine engere Zusammenarbeit nicht möglich und sogar sinnvoll wäre.

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