Geschrieben von Anja Ebersbach



Thank You for the Music!

Seit vorgestern verfügt die Wikipedia über eine kleine feine technische Lösung, genannt „Scores“, die eine weitere Dimension des freien Wissens (besser) zugänglich macht: die Musik.

Beispiele findet Ihr auf Mark Hershbergers und meiner Benutzerseite.

Die Vorgehensweise selbst ist recht simpel: im Wiki-Code werden in speziellen Tags die Noten alphanumerisch eingetragen und in der Artikelansicht als Noten ausgegeben. Wenn gewünscht auch mit einem rudimentären Player und der Ausgabe in Midi. (Weitere technische Details findet Ihr im Blogbeitrag vom letzten Juli.)

Das internationale Notationssystem Lilypond, das der Erweiterung „Scores“ zugrunde liegt, übersetzt natürlich auch Stücke, die die Komplexität von „Alle meine Entchen“ deutlich übersteigen.  Allerdings nur zu dem Preis eines – zumindest für das menschliche Auge – äußerst unübersichtlichen LaTeX-artigen Kauderwelschs, der eingegeben und gepflegt werden will. Also zunächst mal nichts für Weicheier. ;-)

Doch zum Glück hat sich Lilypond schon vielfach andernorts bewährt und Helferlein hervorgebracht, die an dieser Stelle greifen. Hier findet man einige komfortable Editoren, die bei der Erstellung von Lilypond unterstützen.

Spannender als all diese technischen Fragestellungen finde ich allerdings die vielen neuen Themen, Möglichkeiten, Praktiken aber auch Probleme aka Herausforderungen, die die Erweiterung mit sich bringen wird. Vom Urheberrecht über Eigenkompositionen bis hin zu Edit-Wars um die richtige Fassung etc. etc.

Schaumamal… wie man hier in Regensburg so schön sagt.

PS: Noch ein kleiner Tipp: wer “richtiges” Notenmaterial zum Ausprobieren sucht, wird sicherlich beim Projekt Mutopia – quasi einer kleinen musikalischen Schwester der Wikipedia – fündig.

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Nachlese: Workshop mit Sarah Stierch in Berlin

Letzten Mittwoch fand in der Geschäftsstelle der Wikimedia Deutschland ein Workshop zum Thema „Gender Gap“ statt. Für mich persönlich war der Termin schwierig:  ein abendliches vierstündiges Seminar auf Englisch, mitten in der Woche, im 500 km entfernten Berlin zum äußerst komplexen und umstrittenen Thema des Gender Gaps in der Wikipedia. Meine Erwartungen hatte ich daher nicht besonders hoch gehängt. Doch ich sollte eines Besseren belehrt werden.

Die TeilnehmerInnen des Workshops setzten sich aus interessierten Community-Mitgliedern, MitarbeiterInnen der Geschäftsstelle, Präsidiumsmitgliederinnen und Sarah Stierch,Community Fellow der Wikimedia Foundation , zusammen. Alles in allem ca. fünfzehn Leute, die zugegebenermaßen mit fortschreitendem Abend weniger wurden, was aber der produktiven Stimmung des Workshops keinen Abbruch tat. Darüber hinaus unterstützte uns eine überaus kompetente Moderatorin, Anna Weber, die uns immer wieder „einfing“ und zum Thema zurückbrachte, nämlich der Frage, wie man mehr Wikipedia-Autorinnen gewinnen und halten kann.

Workshop in Berlin / Christoph Jackel cc-by-sa 3.0

Dazu wurden in einem Brainstorming zunächst mögliche Gründe für das Fernbleiben von Autorinnen gesammelt. Wie so häufig sind die an dieser Stelle genannten Probleme eine Mischung aus sozialen, kulturellen und technischen Hindernissen, die unterschiedliche Lösungsansätze erfordern. Manche Punkte ließen uns aufgrund ihrer Komplexität auch ein wenig hilflos zurück. Oder weiß jemand, wie man das Selbstwertgefühl von Frauen, das aufgrund ihrer Erziehung und Umgebung in bestimmten Bereichen über Jahre gering gehalten wurde, über Nacht steigern kann???

Sarah zeigte uns dann ihr eigenes, konkret „machbares“ Projekt: das Teahouse – eine Art Mentorenprogramm innerhalb der englischen Wikipedia, wo neue AutorInnen willkommen geheißen und mit ihren typischen Anfängerproblemen nicht alleine gelassen werden.

Danach ging es ans „Eingemachte“: wir sammelten alle möglichen Ideen zur Lösung des Gender Gaps und das waren eine ganze Menge! Anna dampfte diese kontinuierlich auf die Punkte zusammen, die uns am wichtigsten erschienen und eine Art Konsens darstellten. Am Ende blieben folgende Ideen auf der Stellwand stehen:

  • Direkte Ansprache:  Da sich viele Frauen scheuen, von sich aus die Initiative zu ergreifen und in der Wikipedia zu schreiben, sollte versucht werden Frauen direkt einzuladen. Und zwar speziell zu Themen, auf die sich diese spezialisiert haben und die in der Wikipedia fehlen. Das würde sowohl ein profundes Wissen bezüglich der Defizite in der Wikipedia als auch bezüglich der Arbeitsbereiche der jeweiligen Frauen erfordern, könnte aber extrem effektiv sein. Zudem sollten den Frauen verschiedene Wege von Engagement innerhalb der Wikipedia aufgezeigt werden.
  • Attraktivität und Nutzerfreundlichkeit der Software: Warum sind Frauen in Facebook aktiv, jedoch nicht im selben Maße in der Wikipedia? Das etwas altmodische Design und fehlende kommunikative Funktionen, die mittlerweile zu jeder modernen Webanwendung  gehören, lassen den Schluss zu, dass für viele die Wikipedia einfach nicht „sexy“  genug ist. Dies zu ändern wurde jedoch von fast allen als Mammutaufgabe identifiziert, die nicht auf die Schnelle gelöst werden kann.
  • Mehr Wertschätzung: Nicht nur weiblichen Autoren fehlt manchmal die positive Rückmeldung zu ihrem Engagement in der Wikipedia. Diese könnte z. B. durch die Vergabe von Preisen (weibliches Äquivalent zum Zedler-Preis), durch  Gamification-Elemente, individuelle „Editkonten“ oder ein simples „Danke sagen“ verkörpert werden.
  • Soziale Treffpunkte organisieren: Wer steckt hinter der Wikipedia? Es gibt keine bessere Möglichkeit, MitstreiterInnen zu finden und das Gefühl von Gemeinschaft zu erleben als auf „Real Life“-Treffen, Partys und anderen Orten des persönlicher Austauschs.
  • Steigerung der Sichtbarkeit/Verbreitung des Themas: Man kann nicht wirklich behaupten, dass das Thema des Gender Gaps momentan totgeschwiegen wird. Doch hat man ständig das Gefühl, dass sich die laufenden Diskussionen im Kreis drehen. Es fehlen hilfreiche Fakten zum Thema und auch qualitative Studien, warum Frauen schreiben, was ihre männlichen Co-Autoren dazu sagen, sind rar. Ziel ist es daher, einen nachhaltigen Erkenntnisprozess mit „Fortschittsbalken“ anzustoßen.
  • Interne Argumentation stärken:  Häufig gibt es die berechtigte interne Diskussion, warum es eigentlich angebracht ist, Ressourcen in die Steigerung des Frauenanteils zu stecken. Die verschiedenen Standpunkte sollten daher auf einer rationalen Basis einander nähergebracht und Verständnis für dieses Projekt generiert werden.
  • Entwicklung von Transwiki-Beziehungen: Da Frauen gerne im Team arbeiten, sollten interkulturelle Wikipedia-Freundschaften gefördert werden, in denen Erfahrungen, Tipps und Tricks ausgetauscht werden und an den jeweiligen Übersetzungen gearbeitet werden können.

Als wir am Ende vor den Ergebnissen unserer Arbeit standen, war das geplante Ende des Workshops schon weit überschritten, so dass wir leider keine Zeit mehr hatten, konkrete Projektpläne zu machen. Doch das werden wir als nächstes in Angriff nehmen. :-)

Fazit: Es waren die richtigen Leute zur richtigen Zeit am richtigen Platz. Die Atmosphäre war unglaublich konstruktiv und trotz der relativ kurzen Zeit, die uns gegeben war, sind wir ein ganzes Stück weitergekommen. Ich hoffe, dass wir dieses Niveau auch in Zukunft halten können.

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Musiknoten in den Wikimedia-Projekten: Coming soon!

Bug #189 vom August 2004 – hier wurde das erste Mal der Wunsch einer Musiknotation in der Wikipedia an die Technik herangetragen. Seitdem hat sich eine ellenlange Diskussion um das Projekt entsponnen, die notwendigen Funktionen sind für die AutorInnen jedoch immernoch nicht verfügbar. Und das war auch der Grund, warum Markus Glaser und ich auf der Wikimania das Thema in einem Talk noch einmal angestoßen haben. Denn genau genommen stehen (fast) alle Erweiterungen zur Verfügung und müßten „nur noch“ auf den Wikimedia-Plattformen implementiert werden.
Warum sind die zusätzlichen Erweiterungen in der Wikipedia eigentlich wünschenswert? Nun, bisher werden Noten nur in Form von Bildern in die Wikiartikel eingebettet (siehe z.B. Arpeggio). Die Musik muss also zunächst einmal eingescannt oder in einem externen Editor gesetzt, ein passendes Imageformat erzeugt und in den Artikel eingebunden werden. Und das Prozedere wiederholt sich bei jeder Änderung des Notenbildes, entspricht also nicht wirklich dem“ wiki way“. Zudem enthält das eingebettete Bild zwar viele Informationen, diese können jedoch nicht z. B. durch die Erzeugung eines Soundfiles weiterverarbeitet oder anderweitig ausgewertet werden.
Die Implementierung der entsprechenden Extensions könnte die genannten Mankos überwinden: im Editiermodus wird die Notenfolge auf der Basis eines Notationssystems in Textform eingegeben (siehe Screenshot I) und nach dem Abspeichern wird die Melodie entsprechend angezeigt (siehe Screenshot II). Wenn gewünscht, können die Noten im MIDI-Format ausgegeben und damit angehört werden.

Screenshot I: Musikmarkup im Editiermodus

Screenshot II: Ansicht nach dem Speichern

 

 

 

 

 

 

 

 

Für diesen Vorgang braucht man drei zusätzliche Komponenten:

  • Lilypond, ein bekanntes und sehr mächtiges Notationssystem auf Open Source Basis,
  • Score, eine Mediawiki-Erweiterung, die von GrafZahl geschrieben wurde und
  • OggHandler, eine MediaWiki-Erweiterung, die von Score erzeugte Audiodateien abspielen kann.

Der Code der Programme wurde bereits überprüft und es wurden kleinere Änderungen vorgeschlagen. Auf der Wikimania konnten wir im Gespräch mit den technischen Verantwortlichen herausfinden, dass die Empfehlungen demnächst umgesetzt werden sollen und damit mit einer baldigen Freigabe der Erweiterungen gerechnet werden kann. Da dies allerdings schon häufiger angekündigt worden ist, werden wir auf alle Fälle in ein paar Tagen noch einmal nachbohren… ;-)

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WikiGénero in Buenos Aires (Argentinien)

„Einen Sohn zeugen, einen Baum pflanzen und in der Wikipedia schreiben.“

So fasste eine Teilnehmerin des WikiWomenCamps die erstrebenswerten Ziele im Leben einer Frau zusammen. Während sich über die ersten Punkt durchaus streiten lässt, waren sich alle Anwesenden einig, dass das bekannte argentinische Sprichwort mit der kleinen Änderung (der dritte Punkt lautet eigentlich „ein Buch schreiben“) viel besser passt.

Dieses inoffizielle Motto wurde auch von der Konferenz WikiGénero übernommen, die unmittelbar an das WikiWomenCamp anschloss und nur ein paar Straßen weiter in einem Kulturzentrum in Buenos Aires stattfand.

Wikimedia Argentinien hatte dazu eingeladen, sich einen Tag lang Zeit zu nehmen, um sich anhand diverser Vorträge und Diskussionen mit dem Gender Gap in der Wikipedia auseinanderzusetzen. Dazu wurden Forscher, Akademiker und Aktivisten von

Anuradha Uduwage stellt Studie vor

Gender Organisationen eingeladen, um Einblicke in ihre Arbeit zu geben. Das Programm gestaltete sich folgendermaßen:

  •  Anuradha Uduwage(Group Lens Team, Universität von Minnessota): Die Studie des Lens Teams war durchaus interessant und brachte neben bekannten Fakten auch einige neue Aspekte auf. Jedoch ist die Datenbasis durchaus umstritten und die Gruppe bringt nur wenige Informationen über die Gründe ans Tageslicht, warum es bei der Wikipedia so wenige Frauen gibt. Außerdem wurde von außen die Kritik geäußert, dass sich nur Männer in der Forschungsgruppe befinden.

Diana Maffia bei ihrem Vortrag

  • Diana Maffía (eine vor allem im spanisch-sprachigen Raum bekannte Feminismusphilosophin) gab in ihrer Lesung einen Einblick in die Diskussion, warum Frauen in der Vergangenheit und immer noch an der Produktion von Wissen nicht beteiligt sind. Dabei war das Thema der Sprache eine ihrer Hauptkategorien. Sie zog einen Argumentationszirkel, der sich von der Festsetzung der Weltsprache Englisch (anstatt von Spanisch) über mangelnde Bildungsprogramme bis hin zur Wikipedia zog.
  •  Lila Pagola und Beatrice Busaniche (Wikimedia Argentinien) berichteten von der Situation der argentinischen Wikipedia-Autorinnen und merkten an, dass das argentinische Chapter den höchsten Frauenanteil im Präsidium hat.
  •  Anne Goldenberg und Christina Ludost (Moderatorinnen des WikiWomenCamp) präsentierten stellvertretend die Ergebnisse des WikiWomenCamp, das vor dem WikiGenero in Buenos Aires stattfand.

Sue Gardner während ihrer Präsentation

  •  Sue Gardener (Executive Director der Wikimedia Foundation) stellte zunächst noch einmal die aktuellen Daten aus den Wikipedia-Studien dar und erläuterte die Problematik des Frauenmangels aus der Sicht der Foundation.  Ihrer Meinung nach könnten neue Autorinnen hauptsächlich über unmittelbare, informelle Netzwerke gewonnen werden.
  • Paola Raffetta (Wikipedia-Autorin) sprach über die Bewusstmachung von sozialisierten Geschlechterrollen und die Perspektiven von Transgender in der Wikipedia. Denn in der Wikipedia werden Gay und Transgender Themen kontroverser diskutiert, weil sie auch in der Gesellschaft weniger akzeptiert sind.
  •  Irene Ocampo stellte das Projekt RIMA vor (http://www.rimaweb.com.ar/). Es handelt sich dabei um eine Mailingliste, die den Austausch von Informationen zwischen argentinischen und lateinamerikanischen Journalistinnen, Feministinnen, Frauenbewegungen, Forscherinnen, Studentinnen und Aktivistinnen fördern soll.
  •  Anabella Bendetti (UNESCO) sprach unter anderem diese zwei Punkte an: zum einen sollen auch vermehrt Ältere in die Wikipedia miteinbezogen werden, und zum anderen, dass Menschenrechtsorganisationen in der Wikipedia prüfen und editieren sollten.

Veranstaltungssaal des Wikigénero

Etwa 40 Besucher folgten der eintägigen Konferenz. Es gab eine Übersetzerin, die je nach Vortrag von Englisch auf Spanisch bzw. umgekehrt übersetzte.  Leider waren viele  Vorträge für nicht spanisch Sprechende trotzdem nur schwer zu verstehen. Die Themen waren zwar durchaus interessant, jedoch litt das Verständnis der Zuhörenden stark unter mangelnder visueller Unterstützung und teils verzögerten Übersetzungen bzw. Rauschen in den Übersetzungskopfhörern.
Es blieb der Eindruck, dass das Thema Feminismus in der Wikipedia sich auf den unterschiedlichsten Ebenen abspielt, die alle das Überdenken bislang üblicher Prozedere sowie neue Lösungsansätze erfordern. Angefangen von fehlenden Editorinnen, über Chaptermitglieder bis hin zu Inhalten, sind auf den unterschiedlichen Ebenen Verbesserungen erwünscht. Dies zeigt umso mehr, dass es einer kontinuierlichen Anlaufstelle für derlei Diskussionen bedarf. Das WikiWomenCamp scheint dafür in Zukunft gut geeignet, da sich Betroffene selbst engagieren und um Veränderungen bemühen. Ein Tag Konferenz, der mit Vorträgen gefüllt ist, mag zwar als Zusatz und für die Öffentlichkeitsarbeit wichtig sein, sollte jedoch keinesfalls in dieser Form für sich alleine stehen.

Bericht von Nathalie Köpff

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WikiWomenCamp 2012, Buenos Aires (Argentinien)

Es ist der Morgen des 23. Mai 2012. Anja Ebersbach und ich (Nathalie Köpff) betreten wie die Tage zuvor den Frühstücksraum des Hotel BAUEN in Buenos Aires, in dem wir untergebracht sind. Doch etwas ist an diesem Morgen anders: uns schallt ein lautes Lachen entgegen. Und schon entdecken wir dieVerursacher der Lachsalven: es ist der muntereDamentisch in der Ecke. Wir wissen, dort sind wir richtig, steuern in die Richtung und machen die ersten Bekanntschaften mit den Frauen des WikiWomenCamps.

Willkommensposter

WikiWomenCamp? Richtig, ein dreitägiges Camp nur für Frauen der Wikipedia/Wikimedia, in dem sie sich unter ihresgleichen über Themen und Probleme rund um den GenderGap der Wikipedia austauschen können. Initiiert wurde die Frauenkonferenz, die 2012 das erste Mal stattfand, von Laura Hale aus Australien. Als Gastgeberin hat sich dann allerdings Argentinien zur Verfügung gestellt, u.a. wegen der leichter zu bekommenden Visa. Schon aus diesem Aspekt lässt sich herauslesen, dass es sich um eine kunterbunte Truppe vom gesamten Globus handelt, die hier zusammen gekommen ist.

19 (zeitweise 23) Frauen aus elf Ländernund verschiedenen Generationen, sie alle verbindet eine Leidenschaft:  Wikipedia. Nicht alle sind aktive Editorinnen, doch alle sind in irgendeiner Form in die Projekte der Wikimedia involviert. Das machte das Camp zu einem Ort des Austauschs über die unterschiedlichsten Themen, Kulturen und Projekte.
Um die Konferenz nicht unnötig steif zu machen wurde von Anne Goldenberg, die das Camp begleitete, die Form des „Open Space“ gewählt. Das heißt, Themen werden von den Teilnehmerinnen am ersten Tag in Form von Sessions vorgeschlagen. Diese werden dann in eine Art Terminkalender eingetragen.

Agenda des WikiWomenCamps 2012

Die vorschlagende Person „hält“ die Session und die restlichen Teilnehmenden können sich aussuchen, an welchen, teilweise parallel stattfindenden,  Sessions sie sich beteiligen wollen. Wobei auch die Beteiligung beim Open Space durchaus sehr offen ist. Die Session kann jederzeit gewechselt werden, und jede Teilnehmerin entscheidet für sich wann sie was zu welchem Thema beitragen kann.
Protokoll und Ergebnisse der einzelnen Sessions des WikiWomenCamps wurden sowohl auf Papier als auch im Wiki festgehalten.Diese Konferenzform lässt sehr viel Flexibilität zu, läuft aber bei zu lockerer Leitung immer wieder Gefahr die Zielorientierung zu verlieren.

Sessions, die die Frauen durchgeführt hatten, befassten sich u.a. mit Erfahrungen von „Dem Umgang mit Beschimpfungen und Schikane in der Wikipedia“, der Aufgabe auch ältere (Frauen) an die Wikipedia heranzuführen, dem Einfluss der Wikipedia auf die Gesellschaft und allem voran natürlich mit der Frage warum so wenige Frauen in der Wikipedia schreiben bzw. wie man sie motivieren könnte. Insgesamt wurden während der drei Tage 16 Sessions abgehalten.

Es stellte sich heraus, dass Gründe zu suchen, weshalb Frauen sich weniger in der Wikipedia beteiligen als Männer, in unterschiedlichen Ecken zu suchen sind: angefangen von der Sozialisation, über die Software bis hin zu Kommunikation und Atmosphäre in der Wikipedia speziell.

Projektansätze zur Verbesserung wurden ebenfalls diskutiert, so zum Beispiel ein Kursangebot das speziell Frauen ansprechen soll und auf deren Bedürfnisse ausgerichtet ist. Aber auch die Idee eine ältere Generation von Frauen anzusprechen. Die Hürde besteht hier oft in mangelnder technischer Kenntnis oder auch geringem Selbstvertrauen. Eine Idee hier ist „Generationspaare“ zu bilden. Das heißt Studentinnen und Studenten  mit Zugang zu wissenschaftlichen Quellen erarbeiten zusammen mit dem Wissen und der Erfahrung von Älteren neue Artikel. Susana aus Argentinien hat sich bereits solchen Projekten gewidmet.

Eine der 16 abgehaltenen Sessions

Angesprochen wurden auch Probleme der Alphabetisierung bzw. Schwierigkeiten einen Wikipediaartikel zu schreiben, wenn man zwar das nötige Wissen jedoch nicht die dazugehörigen „Writing-Skills“ hat. Auch der Unterschied zwischen oralen und literalen Kulturen ist ein Thema, vor allem auch in Südafrika und Indien. Hier war eine erste Idee, dass die Integration von Multimedia-Elementen wie Video und Audio eine Überwindung dieser Barrieredarstellen könnten.

Eine relativ schnell umsetzbare Hilfe bezüglich des Umgangs mit Beleidigungen und dergleichen, erschien die Idee einer Beschwerdeanlaufstelle. Das heißt, Wikipedianer und Wikipedianerinnen könnten sich an einer zentralen Anlaufstelle beschweren bzw. über ihre Erfahrung berichten, und über eine Art Ticketsystem würden sich dann die dafür verantwortlichen Ansprechpartnerinnen oder Ansprechpartner mit den zugetragenen Fällen auseinandersetzen.

Siska von Wikimedia Indonesien sprach des Weiteren  von ihrem in Indonesien initiierten erfolgreichen Projekt, in dem sie Schreib-Wettkämpfe an Universitäten veranstaltet. Die Wirkung ist zwar zunächst nur temporär jedoch steigen die Artikelzahlen und von jeder Gruppe bleiben im Schnitt ein bis zwei treue Wikipedianer und Wikipedianerinnen übrig.

Bei der Suche nach Lösungen wurde aber auch deutlich, dass sich viele Bereiche überschneiden und potentielle Maßnahmeneiner kulturellen Abwägung bedürfen.  Laura Hale fasste die Diskussion mit der sinnvollen Forderung zusammen: „If women have a real, life-worthy, time-lasting motivation to edit, then finding time, confidence and technical skills become secondary (and solvable) issues.”

Interessant war auch zu beobachten, dass sich die besprochenen Themen z.B.  der Punkt, dass Frauen auf Grund der Verantwortung für Familie und Kindern weniger Zeit haben um in der Wikipedia zu arbeiten, sich  auch im „realen“ Camp widerspiegelten. So konnten nicht alle Teilnehmerinnen über die komplette Zeit anwesend sein, weil sie sich daheim um Familie und Kinder kümmern mussten.

Was die generelle Arbeitsatmosphäre des Camps angeht, so führten lediglich laute, aufgeregte Diskussionen bei brisanten Themen, manchmal zu der mütterlichen Ermahnung, man möge sich doch bitte erst ausreden lassen. Auch die schlechte Akustik in den sehr hellhörigen Räumen, erschwerte zeitweise das konzentrierte Arbeiten. Eine teilweise fehlende Visualisierung der Ergebnisse ist mangelndem Material und in einigen Fällen zu wenig Moderation der Gruppe geschuldet. Allerdings wurde im Wiki versucht die Sessions (unter der entsprechenden Session-Seite verlinkt in der Agenda) zu protokollieren.

Teilnehmerinnen beim Twittern

Dass alle Redebeiträge für nicht englischsprechende stets auf Spanisch übersetzt wurden, verlangsamte zwar die Diskussionen, ermöglichte es aber gerade den zwei argentinischen Seniorinnen ihre wertvollen Erfahrungen mit der Gruppe zu teilen.

Insgesamt lässt sich festhalten, dass die Ansammlung an Frauen mit sehr unterschiedlichen Charakteren, Alter und Kulturen sehr bereichernd war. Es herrschte eine gute und vor allem offene Atmosphäre, in der es sich sehr gut zusammenarbeiten ließ und man viel über die Kulturen anderer Länder und von persönlichen Erfahrungen lernen konnte.

Am Schluss war man sich einig, dass das WikiWomenCamp unbedingt fortgesetzt werden müsse. Als nächstes Gastgeberland hat sich Australienbeworben. Für die Planung des kommenden Camps wurden bereits erste Anforderungen formuliert und festgesetzt, dass dafür die Plattform “Wikichix” für die Kommunikation wiederbelebt werden soll.  Was die Zielsetzung angeht so steht die Schaffung eines Ortes im Vordergrund, an dem die Möglichkeit für Frauen besteht sich völlig frei und ungezwungen über jegliche Themen äußern zu können, Kontakte zu knüpfen, Projekte zu starten. Zudem wurde betont, dass die Unterstützung von gleichgesinnten Frauen zu lernenvon unschätzbarem Wert ist.

Teilnehmerinnen des WikiWomenCamps 2012

 

Deshalb an dieser Stelle vielen Dank an die Organisatorinnen, die finanzielle Unterstützung vor allem durch Wikimedia Deutschland, Wikimedia Australien und Wikimedia Österreich und natürlich an alle Teilnehmenden. Wir freuen uns beim nächsten Camp wieder mit einem lauten Lachen im Frühstücksraum begrüßt zu werden!

Bericht von: Nathalie Köpff

 

Weitere Informationen, wie z.B. die Zusammenfassungen der Sessions, befinden sich im Metawiki.

Weitere Berichte:

Fotos und einige Videos finden sich auf WikimediaCommons unter „WikiWomenCamp“. Ein Video mit Eindrücken und Interviews wird zeitnah zur Verfügung gestellt.

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