In den sogenannten Redaktionen der deutschen Wikipedia treffen sich die ehrenamtlich Aktiven der Wikipedia eines bestimmten Fachbereichs. Die älteste Redaktion der deutschen Wikipedia ist die Redaktion Biologie, die aus dem Portal Lebewesen hervorging. Sie betreut Artikel zu biologischen Themen, zu Tieren, Pflanzen und anderen Lebewesen, in der Wikipedia.

Die Redaktion Biologie war stets eine der aktivsten Redaktionen der Wikipedia und hat in vielerlei Hinsicht Akzente gesetzt, die weit über das Thema Biologie hinaus bis heute das Erscheinungsbild der deutschen Wikipedia prägten. Ihr Einfluss hat erheblich dazu beigetragen, dass die Wikipedia heute im deutschsprachigen Raum als Qualitätsmedium wahrgenommen wird.

Im Kurier, dem internen Mitteilungsblatt der Wikipedia, veröffentlichte Achim Raschka einen Rückblick auf die letzten 10 Jahre seit Gründung des Portals Lebewesen. Wir freuen uns, den Text redaktionell leicht bearbeitet auch im Wikimedia-Blog veröffentlichen zu können:

Am 1. Januar feierte das Portal:Lebewesen der Wikipedia und damit auch die Wikipedia:Redaktion Biologie ihr 10-jähriges Bestehen  – 10 Jahre, in denen in diesem Bereich sehr viel passiert ist. Am 1. Januar 2004 wurde das Portal Lebewesen und damit wohl auch der Kern der konzentrierten gemeinsamen Arbeit der Wikipedianer, die sich im Bereich der Lebewesen tummeln, aufgebaut. Seitdem hat sich die Redaktion entwickelt, immer mal wieder neue Impulse gesetzt und auch bekommen – vor allem jedoch stetig weitergearbeitet. Mittlerweile betreuen wir einen Artikelbestand von etwa 40.000 Artikeln zu Lebewesen (so viele Artikel gab es damals in der gesamten deutschsprachigen Wikipedia) + einer nicht gezählten Anzahl von Artikeln aus allen möglichen Bereichen der Biologie.

Bradypus. Foto: Stefan Laube (Tauchgurke), gemeinfrei

Das Portal Lebewesen war dabei immer der Kern der Redaktion, die ihren Fokus auch heute noch vor allem der Biodiversität widmet – und hier auch noch lang nicht fertig ist. Schaut man sich allerdings die ältesten Versionen des damals leberwurstpinken Portals an, kann man sich vorstellen, wie grundlegend die Arbeiten damals noch waren – unter den neuen Artikeln am 3. Januar 2004 finden sich beispielsweise Neuanlagen zu den Krokodilen und den Ammoniten, aber auch zum Bacillus anthracis, während unter den noch ungeschriebenen Artikeln noch zahlreiche weitere Großgruppen stehen. Bei den Pflanzen war zum damaligen Zeitpunkt vor allem das „Projekt Lilien“ konzentriert aktiv, bei den Tieren wurden erstmal querbeet Grundlagen gelegt und Artikel zu Mikroorganismen oder Pilzen wurden nur sporadisch eingestreut.

Grundlagenarbeit

Die Krainer Lilie aus der Tscheppaschlucht. Foto: Kurt Kulac, CC-BY-SA 2.5

Doch im Portal ging es von Beginn an nicht nur um Artikelzählereien, vielmehr wurde das Portal Lebewesen sehr schnell zum Kristallisationspunkt der gemeinsamen Arbeit an den Lebewesenartikeln. Die „Lebewesenikis“ trafen sich virtuell auf der Diskussionsseite, um Grundlagen zur Arbeit in ihrem Bereich zu erarbeiten – so entledigte man sich sehr rasch der Relevanzfrage für Arten, indem man einfach von Beginn an alle Arten von Lebewesen als relevant erklärte (nach dem Wikipedia-Artikel zur Artenvielfalt etwa 2 Millionen beschriebene heute lebende Arten, hinzu kommen ungezählte ausgestorbene) und stattdessen ein paar grundsätzliche Richtlinien für die Mindestqualität aufstellte. Um diese zu realisieren, wurde eine portaleigene Qualitätssicherung eingerichtet. Für die Neuen Artikel gibt es ein System der Eingangskontrolle und seit einigen Jahren wird die Qualitätssicherung aktiv durch botgenerierte Wartungslisten unterstützt. Das Portal:Biologie entwickelte sich als Parallelprojekt für Grundlagenartikel – und blieb bis heute leider eher ein Anhängsel.

 Treffen, Literaturstipendium, Bestimmungshilfe, …

Wanderung der Lebewesenikis durch die Elbmarschen: Foto: Mirko Thiessen CC-BY-SA 2.5

Bereits 2006 gab es zum ersten Mal ein Treffen der Biologen in Wien, 2007 setzte sich die Serie auf Helgoland fort und bis heute sind die jährlichen persönlichen Treffen ein regelmäßiges Highlight im Jahreskalender der Redaktion. Neben den unvermeidlichen Diskussionen zur Entwicklung des Bereichs der Biologie und der Wikipedia schlechthin, gehören grundsätzlich Exkursionen zu biologisch interessanten Orten mit langen Wanderungen zum Programm. Im Nachgang eines dieser Treffen entstand 2007 der Vorläufer des heutigen Wikipedia:Literaturstipendiums und zugleich der Wikipedia:Bibliotheksrecherche aus privater Initiative, damals bekannt als „Die lange Anna“. Seit 2011 verfügen wir über ein Fotomikroskop, finanziert und angeschafft als Technikunterstützung von Wikimedia Deutschland. Weitere Initiativen entwickelten sich zur vielgenutzten Bestimmungshilfe für Fotos von Lebewesen oder zum (aktuell wieder laufenden) Wikipedia:Artikelmarathon.. Selbstredend sind die Lebewesenautoren regelmässige Kunden der Kartenwerkstatt, um die Artikel mit Verbreitungskarten auszustatten, und regelmässige und erfolgreiche Teilnehmer des Schreibwettbewerbs.

Quo vadis?

Wer bin ich? – Bestimmungshilfen in der Wikipedia. Foto: Richard Bartz, Munich aka Makro Freak CC-BY-SA 2.5

Kein Rückblick ohne einen Ausblick – so schauen wir auch hier nach vorn auf mindestens weitere 10 Jahre. In der näheren Zukunft werden sich die Mitarbeiter der Redaktion vor allem mit den neueren Errungenschaften der Wikiwelt beschäftigen müssen – so stellt sich ganz aktuell die Frage, wie Wikidata unsere Artikel verändern wird und wie dies auf einem möglichst hohen qualitativen Niveau geschehen kann. Während einzelne Lebewesenikis dies derzeit eher noch kritisch beobachten (u.a. der Autor dieser Zeilen), sind andere bereits hochaktiv in Wikidata unterwegs und es entstehen bereits erste Ideen für zukünftige datenbankgenerierte Abfragen beispielsweise zu Länderfaunen und -floren. Auch die botgenerierten Artikel werden uns beschäftigen – allerdings ist in der deutschsprachigen Wikipedia nicht geplant, dem schwedischen Beispiel der hunderttausendfachen Botanlage von Lebewesenartikeln zu folgen; vielmehr gehen Überlegungen in die Richtung, wie man Bots zur Pflege des Bestandes und auch zur Unterstützung der Autoren einsetzen kann. Mediendateien werden ein weiterer Schwerpunkt der Zukunft sein – angefangen von Bildern der beschriebenen Lebewesen, die in den überwiegenden Fällen fehlen, über Videoaufnahmen, Tonmaterial und Kartenmaterial. Und inhaltlich werden wir uns natürlich um die noch fehlenden zwei Millionen sowie natürlich auch um die bereits bestehenden 40.000 Lebewesenartikel kümmern – Arbeit genug für Generationen von Lebewesenikis. Als Autor dieser Zeilen bedanke ich mich bei allen, die die letzten 10 Jahre aktiv gestaltet und begleitet haben (auf Namen verzichte ich in diesem Artikel bewusst) und freue mich auf die nächsten 10 Jahre der Zusammenarbeit.