Es berichtet die Wikipedia-Autorin Poupou l’quourouce. Sie ist eine von 20 Ehrenamtlichen, die Wikimedia Deutschland mit einem Reisestipendium für die Wikimania unterstützt.Sie berichtete bereits von Tag 1.


Tag 2 der Wikimania beginne ich mit einem kurzen Abstecher in die National Gallery of Art auf der National Mall. Eine Stunde in diesem riesigen Museum bringt mir einen oberflächlichen Eindruck von vielleicht 10% der ausgestellten Kunstwerke. Ich bin sehr beeindruckt.

Zurück im Marvin-Center der George Washington University lasse ich mich beim Mittagessen von Richard Jensen (user:Rjensen) in ein Gespräch über Rechtsgeschichte und über den großen Raum, den Militärgeschichte jeder Art in der en:WP und der de:WP einnehmen, verwickeln. Darüber engeht mir, dass die Mittagspause heute nicht um 13 Uhr sondern schon um 12 Uhr begonnen hat und ich verpasse leider die Session zu Artikeln zu aktuellen Themen und zu New-User-Coaching.

Dafür habe ich dann jede Menge Zeit, die nächste Speeddating-Session am Stand von Wikimedia Deutschland zu beobachten. Mit etwas kürzeren Slots und besserer Beschilderung sind diese Kurztreffen, bei denen man Mitarbeiter und Präsidiumsmitglieder von WMDE für ein paar Minuten 1:1 sprechen kann, heute sehr beliebt und kommen offensichtlich gut an. Das ist ein Format, das vielleicht auch bei anderen Veranstaltungen gut funktionieren würde und das ich mir merken werde.

Einem Vortrag zu französischen Minderheitensprachen kann ich dann leider nur wenig abgewinnen, irgendwie kommt nicht so recht rüber, was eigentlich das Problem ist und was die Referentin dem Publikum mitgeben möchte. Dafür ist der anschließende Vortrag von Richard Jensen (mein Mittagspausengesprächpartner) zum „War of 1812“ richtig gut. An diesem Krieg, der in Europa im allgemeinen Bewusstsein keine Rolle spielt, kann man schön zeigen, wie die unterschiedliche Erinnerungskultur und Interpretation verschiedener Nationen (hier Kanadier, US-Amerikaner und Ureinwohner Amerikas) in der englischen Wikipedia (by the way:hier spricht KEIN Mensch von der englisch-sprachigen Wikipedia) kollidieren können. In dieser Session ist der Frauenanteil bei knapp 50% – und zu meiner Überraschung ist dies tatsächlich die erste Session, an der ich teilnehme, bei der eine Frau eine Frage stellt, noch dazu richtet sich diese Frage tatsächlich nach der Women’s History im Kontext von 1812. Interessanterweise ist das Problem hier aus Sicht der Artikelautoren, dass sich die Geschichtsschreibung, die sich mit der Rolle von Frauen in Kriegen befasst, vor allem auf den Zweiten Weltkrieg konzentriert. Hier bildet Wikipedia also den Gender Gap der historischen Wissenschaften selbst unmittelbar ab und es gibt, wenn man sich nicht Original Research zuwenden möchte, wenig Möglichkeiten, daran etwas zu änderen.

Von 1812 gehe ich direkt weiter zum Topic Table von WMDE zum Gender Gap. Dieser ist angekündigt als „Discussing ground-breaking projects and topics in a cosy atmosphere with a cup of coffee“. Hm. Es wäre gelogen den Tisch auf der Terasse mit ein paar Gartenstühlen als cosy zu bezeichnen. Die gound-breaking projects mögen diskutiert worden sein, als ich noch nach dem auf die Terasse verlegten Veranstaltungsort suchte. Trotzdem ein nettes, wenn auch insgesamt leider doch etwas belangloses Treffen, an dessen nachhaltiger Wirkung ich zweifle. Positiv aber, dass von den 10 Teilnehmern dieses Tischgesprächs immerhin 4 männlich waren, und viele, wenn auch vielleicht etwas freischwebende, Vorschläge gemacht wurden. Ideen die hier aufkamen, waren z.B. ein Banner im Stile des Fundraiserbanners, auf dem Jimbo darauf aufmerksam macht, dass von den Autoren der 4mio Artikeln der enWP nur 10% Frauen sind, vebunden mit dem Appell an Frauen, sich anzumelden und mitzumachen. Dies würde bestimmt eine Menge Aufmerksamkeit auf dieses Thema lenken.

Eine andere Idee kreiste darum, welche positiven Aspekte jede und jeder daraus ziehen kann, Wikipedia zu bearbeiten und wie man diese positiven Aspekte stärker vermitteln kann, z.B. welche Fähigkeiten man erwerben und verbessern kann oder dass Schreiben ein kreativer und befriedigender Prozess ist. Davon abgeleitet überlegten wir, ob es Kurse oder Workshops geben sollte, in denen man ein Zertifikat o.ä. erwirbt, dass im Lebenslauf verwendet werden kann – auch das könnte ein Anreiz sein, sich erstmals zu beteiligen (für Frauen, aber natürlich genauso auch für alle neuen Autoren).

Eine Idee, die ich persönlich besonders reizvoll finde, und von der ich hoffe, dass sie sich vielleicht irgendwie realisieren lässt, war eine Art Artikelmarathon, bei denen als „Belohnung“ für jeden neuen Artikel eine Spende an eine gemeinnützige Organisation gezahlt wird, die Ziele verfolgt, die besonders Frauen betreffen oder interessieren. (In ähnlicher Form finden z.B. gesponserte Stadtläufe statt, bei denen ein Sponsor für jeden gelaufenen Kilometer eine Spende an eine gemeinnützige Organisation zur Bekämpfung von Brustkrebs bezahlt).

Noch ein Aspekt, der mir neu war: eine Teilnehmerin vertrat die These, dass Frauen von Wikipedia einen schlechten Eindruck haben, weil ihnen ständig von den Lehrern ihrer Kinder gesagt wird, dass Wikipedia schlecht und „böse“ ist und man das nicht verwenden soll.

Dann kreisten wir eine Weile um das teahouse – allerdings fehlten uns dazu ein wenig die eigene Anschauung und echte Fakten. Eine Empfehlung von Julia Kloppenburg hierzu ist dieses Video:

Wikipeda Academy – The Visual Experience: Gender and Ways of Seeing Wikimedia. Keynote by Sarah Stierch from Wikimedia Deutschland on Vimeo.

mit der Keynote von Sarah Stierch auf der Wikimedia Academy, in der es u.a. um das teahouse ging.

Fazit: eine Menge neue Ideen werden hier geboren und ich hoffe, es findet sich jemand der sie adoptiert!