Deutsche Digitale Bibliothek – vom Stand der Debatte [update]

Gestern Abend fand in Berlin ein „Parlamentarischer Abend“ zum Thema Deutsche Digitale Bibliothek (DDB) statt, veranstaltet in den Räumen der DDB-Geschäftsstelle. Wir hatten davon sehr kurzfristig erfahren und waren daher der DDB dankbar für die Gelegenheit, noch an dieser Veranstaltung teilnehmen zu können. Hier ein Überblick über den Stand der Debatte aus Wikimedia-Sicht:

Wenn man die DDB erklären will, hilft vielleicht ein Blick in die kanonisierte Geschichte: Vor einigen Jahren startete das Projekt Europeana, das von der Europäischen Kommission initiiert wurde, nachdem dort die Befürchtung erwachsen war, Europäisches Kulturgut werde im Internet unterepräsentiert sein. Einen Beitrag zu dieser Befürchtung leistete das damals noch junge Projekt „Google Print“ (heute Google Book Search).

Das Ziel von Europeana ist es nach eigenem Bekunden, ein zentrales Einstiegsportal für die im Internet bereitgestellten kulturellen Objekte von Museen, Bibliotheken, Archiven und sonstigen Einrichtungen zu betrieben. Durch die gegenseitige Verknüpfung von Objekten soll ein Besucher bequem Zusammenhänge zwischen Objekten erkennen, auch wenn beispielsweise ein Buch in einer spanischen Bibliothek liegt und die dazugehörige Verfilmung von einem französischen Archiv angeboten wird. Europeana ist dabei keine rein technsiche Unternehmung, es gilt vielmehr Zusammenarbeit zwischen europäischen Einrichtungen zu fördern, rechtliche Hürden zu nehmen und ein finanziell tragfähiges Konzept zu entwickeln, den Betrieb und Ausbau einer solchen Seite auf Dauer sicherzustellen. Es ist – und das ist für das spätere Verständnis sehr wichtig – nicht primäre Aufgabe von Europeana, für die eigentliche Digitalisierung von Kulturgut selbst zu sorgen. Um Europeana herum gruppiert sind eine Reihe von (meist EU-)Projekten, die sich um spezielle Aspekte des Aufbaus eines solchen Portals kümmern, beispielsweise EuropeanaLocal, EuropeanaConnect, EuropeanaTravel oder ARROW. Es ist in den letzten Jahren schwer, ein europäisches Projekt im Bereich Kultur und Internet zu finden, das nicht in der ein oder anderen Weise finanziell, organisatorisch oder thematisch mit Europeana verbunden ist.

Damit Europeana nicht mit gefühlt 150.000 Kultureinrichtungen in Europa einzeln über die Bereitstellung von (Meta-)Daten verhandeln muss, gibt es zum einen ein einheitliches Vertragswerk, das nach einigen Iterationen nun mittels „Europeana Data Exchange Agreement“ im Bereich der Bereitstellung von Objektbeschreibungen (Metadaten im weiteren Sinne) sich auf den Lizenzwaiver Creative Commons Zero (CC0) festgelegt hat. Dies war ein weiter Weg und wir haben jetzt als Wikimedia auch mit dem DEA eine solide Grundlage, mit Europeana auf der Ebene von Objektdaten zusammenzuarbeiten. Der zweite Vereinfachungsschritt ist die Nutzung von Aggregatoren, die entweder auf nationaler Ebene oder über Sektoren des Kulturbereichs hinweg (z.B. ein Europäisches Filmportal) arbeiten. Diese Aggregatoren übernehmen die sehr kleinteilige Arbeit, mit den kulturellen Einrichtungen über die Lieferung von Daten, das Hosting von Digitalisaten und die Klärung urheberrechtlicher Fragen zu arbeiten.

Seit dem Start von Europeana sind deutsche Einrichtungen dort eher unterrepräsentiert, dies wurde auch so schon regelmäßig festgestellt und um Abhilfe gebeten. Wie diese Abhilfe aussehen kann, beantwortet das Unterfangen „Deutsche Digitale Bibliothek“, das schon im Untertitel als Deutscher Beitrag zu Europeana Mittel aus dem Konjunkturpaket II erhalten hat.

Wer sich in die politische Dimension von Europeana und der DDB einarbeiten will, sollte sich ein verlängertes Wochenende freinehmen und mit folgenden Dokumenten des Bundestages anfangen:

Wikimedia Deutschland begrüßt das Projekt Deutsche Digitale Bibliothek insbesondere aus der Hoffnung heraus, dass mit der Übernahme von mühsam mit Europeana entwickelten Standards und Lizenzmodellen für uns eine Zusammenarbeit mit den jeweiligen kulturellen Einrichtungen einfacher wird. Wir haben darum schon sehr früh – woimmer möglich – Feedback gegeben, angefangen im Januar 2010 mit der Zusammenfassung der Anforderungsanalyse zur DDB, die durch das Fraunhofer IAIS in St. Augustin erstellt worden war.

Anfang 2011 haben wir der bundeseigenen „Partnerschaften Deutschland AG“ für „Experteninterviews“ zur Verfügung gestanden, die im Auftrage des Beauftragen Verwertungskonzepte für die DDB-Daten im Kontext von „Public Private Partnerships“ entwickelt und Anfang 2012 ein entsprechendes Papier mit allerlei Dingen, die man machen könnte, vorgelegt hat.

Ab Mitte 2011 lag unser Augenmerk auf der Weiterentwicklung der Entwürfe des DDB-Kooperationsvertrag, der die Rechte und Pflichten zwischen kulturellen Einrichtungen und DDB regeln wird. Unsere Hoffnung war von Anfang an, dass der DDB-Kooperationsvertrag im Geist des Europeana-Lizenzwerks arbeiten wird und darum die der DDB bereitgestellten Metadaten sowohl für Europeana las auch für Dritte – z.B. Wikimedia – nutzbar sind. Nach unserem aktuellen Kenntnisstand ist die Situation derzeit eher mau: Der DDB bereitgestellte Metadaten werden nicht in Europeana nutzbar sein, dies wird in DDB-Publikationen auch so bestätigt.

Auf dem Metadatenworkshop am letzten Freitag in Berlin habe ich darum in meinen Folien auch DDB als unser Sorgenkind bezeichnet, insbesondere weil derzeit nahezu jede andere Einrichtung ihre Metadaten bereits unter CC0 veröffentlich hat oder sich auf der Zielgeraden für eine solche Freigabe sieht.

Der Parlamentarische Abend selbst bestand aus einer von einem Moderator des Deutschlandradios geleiteten Fragerunde mit einer Runde der Spitzen aller für die DDB relevanten Gruppen, dem Vorstand der DDB, dem DDB-Kompetenznetzwerk, einem Vertreter des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und des technischen Dienstleisters für den Betrieb der DDB. Ebenfalls mit auf dem Podium war der künftige Geschäftsführer des DDB-Servicezentrums, der derzeit noch [update: ich wurde nach dem Blogposting darauf hingewiesen, dass die vom Moderator verkündete Personalie nicht zutreffend ist. Danke für den Hinweis!] die Bildagentur der Stiftung Preußischer Kulturbesitz leitet. Probleme der DDB waren hier weniger Thema als zweigeteiltes Erwartungsmanagement: Die ferne Zukunft wird großartig sein, die nahe Zukunft wird aus optimistischen Vorschlägen bestehen, wie die ferne Zukunft aussehen könnte.

Nach der Übergabe der DDB-Software an den technischen Betreiber FIZ Karlsruhe sieht der aktuelle Plan vor, 2012 in einen Betatest, bzw. eine Pilotphase einzusteigen. FIZ ist derzeit mit Lasttests beauftragt, die sicherstellen sollen, dass die DDB nicht in die Knie geht, wenn einmal die Login-Schranken auf http://beta.deutsche-digitale-bibliothek.de fallen. Im derzeitigen nicht-öffentlichen Piloten sind nach Darstellung auf dem Parlamentarischen Abend derzeit 6 Millionen Objekte von 30 Kultureinrichtungen eingespielt. Gleichzeitig schreibt die DDB deutschlandweit Kultureinrichtungen an mit der Bitte, sich auf dem DDB-Portal zu registrieren und Basisdaten zu hinterlegen. Von 10.000 angeschriebenen Einrichtungen haben innerhalb von 6 Monaten bereits 1.500 davon sich gemeldet und zumindest ein Lebenszeichen hinterlassen. Die Einräumung von Nutzungsrechten oder gar das Einstellen von (Meta-)Daten in die DDB ist damit meines Wissens noch nicht verbunden.

Zusammen mit der Einladung hatte die DDB-Geschäftsstelle auf die Möglichkeit hingewiesen, nach der Podiumsrunde Fragen im Hintergrund einer Kleinen Anfrage im Bundestag zu stellen.hatte die DDB-Geschäftsstelle eine Kopie einer noch dampfend frisichen Kleinen Anfrage der Bundestagsfraktion Die Linke beigelegt,  [update: In meiner Inbox waren zwei Dokumente zusammengewachsen, die nicht zusammen gehören], die den aktuellen Stand der DDB auf 42 Fragen abklopft. Eine Antwort auf diese Fragen kann man für Mitte Mai erwarten, da bei umfangreichen Kleinen Anfragen eine Verlängerung der ansonsten 14-tägigen Antwortfrist nicht unüblich ist. Die entsprechende Drucksache 17/9430 ist leider noch nicht online verfügbar und sollte in den kommenten Tagen zumindest als elektronische Vorabfassung im Parlamentsdokumentationssystem auf der Bundestagshomepage erscheinen.

Wie geht es weiter? Es ist nicht so, dass es einen Mangel an Stakeholdern gibt, die alle mit unterschiedlichen und teilweise konkurrierenden Wünschen an die DDB herantreten und es ist nicht so, dass wir die ersten sind, die eine CC0-Freigabe aller DDB-Metadaten inklusive eigener Anreicherungen vorschlagen.

Ernüchterung gibt es bei einem für Europeana, DDB und den gesamten Kultursektor überlebenswichtigen Thema, den Verwaisten Werken. Der Buschfunk trommelt hier, dass es seitens der Bundesrepublik keine Regelung zu Verwaisten Werken im Rahmen des Dritten Korbs geben wird, auch die das Grußwort haltende CDU-Abgeordnete Monika Grütters verstärkte in ihren Bemerkungen zu Verwaisten Werken diesen Eindruck. Es wird also auf den Fortschritt einer entsprechenden robusten Mandatierung durch die EU ankommen (zu der wir als Wikimedia Deutschland bereits Stellung bezogen haben).

Von Grütters gab es in Richtung DDB eine klare Ansage: Wenn die DDB nicht über den wissenschaftlichen Betrieb hinaus genutzt wird, hat sie ihr Ziel verfehlt. Dies deckt sich mit der Ansage von Hermann Parzinger, dem Sprecher des Vorstandes des DDB-Kompetenznetzwerks, der für mehr Zeit bis zum Start des DDB-Piloten warb; die Enttäuschung des Benutzers dürfe nicht allzu groß werden.

Wir sehen hier eine gewisse Lücke zwischen der Zielformulierung, zentrales Kulturportal in und für Deutschland zu werden und dem auf dem Podium in Streiflichtern präsentierten Ist-Stand. In diese Lücke fände ein (bei dem Titel sind wir flexibel) „Masterplan Digitalisierung und digitalisierungsfreundliches Rechtsordnung“ Platz, der sich auch um den Knochenjob der eigentlichen Arbeit kümmert, Kulturgut zu scannen, zu verfilmen und wo nötig, auch so weit wie möglich zu restaurieren. Bis dahin arbeiten wir gerne daran mit, die noch unentschiedenen Grundlagen für die DDB zukunftsfähig zu gestalten.

tl;dr: Die Deutsche Digitale Bibliothek benötigt ein solides Vertragswerk, das ihr die Nutzung der (Meta-)daten und Digitalisate und die Weitergabe an Europeana und an Dritte ermöglicht. Alles andere folgt daraus.

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Dieser Eintrag wurde geschrieben von am Freitag, April 27th, 2012 um 11:43 Uhr und ist zu finden unter Kultur, Politik. Sie können diesen Beitrag mit RSS 2.0 Feed abonnieren. Sowohl Kommentare als auch Pings sind derzeit geschlossen.
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ein Kommentar to “Deutsche Digitale Bibliothek – vom Stand der Debatte [update]”

  1. Dennis Fuchs sagt:

    Sehr geehrter Herr Schindler,

    über Ihr Erscheinen habe ich mich gestern sehr gefreut, insbesondere da wir den Open GLAM Workshop am vergangenen Freitag terminlich leider nicht mehr ermöglichen konnten. Ich hoffe, unseren Kontakt zukünftig intensivieren zu können und lade Sie überdies jederzeit zu einem Austausch ein.

    Mit freundlichen Grüßen,
    Im Auftrag
    Dennis Fuchs

    Geschäftsstelle Deutsche Digitale Bibliothek
    http://www.deutsche-digitale-bibliothek.de

    Stiftung Preußischer Kulturbesitz
    Von-der-Heydt-Str. 16-18
    10785 Berlin

    Fon: +49 30 266-41 1431
    Fax: +49 30 266-31 1430
    d.fuchs@hv.spk-berlin.de
    http://www.preussischer-kulturbesitz.de

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